Ein Gespräch mit Helmut Dahmer über den Attentäter von Halle

»Nach Corona ist vor Corona«

Helmut Dahmer stu­dierte Lite­ra­tur­wis­sen­schaft, Phi­lo­sophie und Sozio­logie an Uni­ver­si­täten in Bonn, Göt­tingen und Frankfurt am Main und war Mit­glied des Sozia­lis­ti­schen Deut­schen Stu­den­ten­bunds (SDS). In den sech­ziger Jahren stu­dierte er bei Theodor W. Adorno und Max Hork­heimer. Nach seiner Pro­motion lehrte er als Pro­fessor für Sozio­logie an der Tech­ni­schen Uni­ver­sität Darm­stadt. Seit seiner Pen­sio­nierung 2002 lebt er als freier Publizist in Wien. Kürzlich ver­öf­fent­lichte er das Buch »Anti­se­mi­tismus, Xeno­phobie und pathi­sches Ver­gessen.

Anti­se­mi­tismus, Xeno­phobie und das Schweigen der Mehrheit: In der Pan­demie wird die Illusion von Gemein­schaft­lichkeit beschworen. Dahinter ver­bergen sich Auto­ri­ta­rismus und alte deutsche Res­sen­ti­ments, sagt der Soziologe Helmut Dahmer. Ein Gespräch über »pathi­sches Ver­gessen«, den Groll der Abge­hängten und das Attentat in Halle.…

.Am 9. Oktober ver­gan­genen Jahres ver­suchte ein Neonazi, die Syn­agoge von Halle zu stürmen. Als das misslang, ermordete er eine Pas­santin und den Kunden eines Döne­r­im­bisses. Der Prozess soll in Kürze beginnen. Wie bewerten Sie den Anschlag?

ieder­auf­tauchen des ver­drängten »natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unter­grunds« seit den acht­ziger Jahren mit wach­sender Sorge ver­folgt. Die offi­zi­ellen Reak­tionen auf das Attentat in Halle im Oktober 2019 fielen so hilflos aus wie in allen frü­heren Fällen gleicher Art: Über­ra­schung, Staunen, Bestürzung, Trauer und der Ruf nach Stärkung der Exe­ku­tiv­gewalt, gerade so, als handele es sich stets wieder um die »unvor­stellbare«, aller­erste Mord­aktion gegen Juden und »Aus­länder« im Nach­kriegs­deutschland. Nach den 100 Mord­opfern in den neun­ziger Jahren und nach der Mord­serie der NSU-Bande wollte oder konnte keiner den Wald sehen, in dem diese Bäume wuchsen, und niemand nahm hinter den jeweils aktiven »ver­wirrten Ein­zel­tätern« die lange Reihe ihrer Gesin­nungs­ge­nossen wahr.

Welcher Zusam­menhang besteht zwi­schen der kol­lek­tiven Amnesie nach 1945 und dem, was Sie der heu­tigen Generation als »pathi­sches Ver­gessen« ankreiden?

1945 habe ich gesehen, wie die NS-Mord­ge­mein­schaft sich von einem Tag auf den andern schuld­be­wusst und angst­er­füllt ihrer Ver­gan­genheit zu ent­le­digen suchte. Das Projekt, ganz Europa einer deut­schen, »ari­schen« Herr­schaft zu unter­werfen, war gescheitert und hatte unge­heure Lei­chen­berge und Trüm­mer­haufen hin­ter­lassen. Zwölf Jahre der Lebens- und Sozi­al­ge­schichte mussten in einer gewal­tigen kol­lek­tiven Anstrengung aus der Erin­nerung getilgt und fortan dau­erhaft beschwiegen werden. Das war der neue Grund­konsens, und das war, sozi­al­psy­cho­lo­gisch gesehen, auch der Sand, auf dem die beiden deut­schen Teil­staaten errichtet wurden.

Welche Aus­wir­kungen hat dieses Beschweigen auf die heutige Generation?

Der NS-Ver­nich­tungs­krieg und der Holo­caust, das große Ver­gessen und die Straf­lo­sigkeit gehören zu unserem kul­tu­rellen Erbe, das eine Generation der anderen ver­macht. Und die Gewalt, die solche unheil­vollen Tra­di­tionen über die jeweils Lebenden haben, ist umso stärker, je weniger sie sich ihrer bewusst sind. Die faschis­ti­schen Atten­täter sind, wie die Dem­agogen, die ihnen auf die Sprünge helfen, Wie­der­ho­lungs­täter; sie führen ein alt­be­kanntes Stück auf, an das keiner sich mehr erinnern will.

Sie bezeichnen den Anti­se­mi­tismus als eine Son­derform der Xeno­phobie und sprechen eher von »sozialen Vor­ur­teilen« als von Ras­sismus. Wie sehen Sie den Zusam­menhang dieser Begriffe?

In der Sozio­logie ver­steht man unter sozialen Vor­ur­teilen ein Sammel­surium grup­pen­be­zo­gener Ste­reotype, also von fixen Mei­nungen über bekannte oder fiktive Nationen oder Stämme. Auch in dieser Nacht sind alle Katzen grau und vor allem die Raub­katzen unkenntlich. Auf diese, nämlich die destruk­tiven, mör­de­ri­schen Vor­ur­teile, kommt es aber an. Um der Ver­harm­losung ent­ge­gen­zu­wirken, hat Max Hork­heimer das Vor­urteil einen »Schlüssel« genannt, der es ermög­licht, »ein­ge­presste Bosheit los­zu­lassen«. Damit spielte er auf den von Nietzsche geprägten Begriff des Res­sen­ti­ments an.

Warum kann das Res­sen­timent bei den aus­ge­beu­teten Teilen der Bevöl­kerung so leicht ver­fangen?

In den Ernied­rigten und Belei­digten der Klas­sen­ge­sell­schaften staut sich ein unge­heurer Groll an, der nach Abfuhr ver­langt. Dem­agogen nannte Nietzsche »Rich­tungs­än­derer des Res­sen­ti­ments«. Sie sind es, die den Ver­un­si­cherten, Frus­trierten und Abge­hängten ver­raten, wer, und nicht etwa was, an ihrer Misere »schuld« ist, und an wem sie ihr Mütchen kühlen können. »Fremd« waren und ver­fremdet wurden – neben Mus­limen und Zigeunern – im chris­tia­ni­sierten Europa vor allem die jüdi­schen Min­der­heiten. Im heu­tigen Ver­hältnis zu Fremden, Migranten, Asyl­su­chenden ver­schafft sich diese alte Erfahrung uner­kannt Geltung. Nach dem Mord an den euro­päi­schen Juden hat sich das fort­schwe­lende Res­sen­timent der Nach­ge­bo­renen neue Hass­ob­jekte gesucht. War die Judo­phobie der Groß- und Urgroß­eltern verpönt, so blieb den Kin­des­kindern doch die Xeno­phobie als das weniger ver­fäng­liche, all­ge­meinere Ventil. Ras­sismus ist bio­lo­gi­sierte Xeno­phobie. Anti­se­mi­tisch war nicht nur der Atten­täter von Halle, auch die NSU-Täter waren über­zeugte Anti­se­miten. Doch sie brachten keine Juden um, sondern – ersatz­weise – Klein­händler, Kiosk- und Döner­bu­den­be­treiber, die sie wegen ihres Aus­sehens, ihrer Sprache und ihres Metiers als »nicht­deutsch« iden­ti­fi­zierten. Die NSU-Täter nannten ihre Opfer denn auch kur­zerhand »Alis«.

Der rechts­ex­treme Atten­täter wollte offenbar ursprünglich Moscheen angreifen. Erst später soll er seine Pläne laut einem Bericht des Spiegel geändert und die Syn­agoge in Halle als Ziel gewählt haben. Wie passt das für Sie zusammen?

Es zeigt, dass das Res­sen­timent sein Objekt je nach Oppor­tu­nität wechseln kann. So, wie die NSU-Gang auf »eli­mi­na­to­ri­schen Anti­se­mi­tismus« ein­ge­schworen war, aber »anstelle« von Juden »Alis«, »aus­län­disch Aus­se­hende« tötete. So kam der Atten­täter von Halle nach seinem geschei­terten Überfall auf die Syn­agoge zurück auf sein ursprüng­liches Vor­haben, Muslime umzu­bringen. Er »begnügte« sich dann mit der Erschießung eines Gastes in einer Dönerbude.

Rechte Bewe­gungen und Par­teien haben neuen Zulauf – aber distan­zieren sich nicht gerade große Teile des Kapitals von rechten Strö­mungen?

Teile des Kapitals wahrten auch in der Wei­marer Republik Distanz zur NSDAP, andere Teile aber finan­zierten die Hitler-Truppe. Als im Gefolge der großen Krise von 1929 das Par­lament hand­lungs­un­fähig wurde, setzte sich die Tendenz zum starken Staat durch, erst in Gestalt der Prä­si­di­al­ka­bi­nette Brüning, Papen, Schleicher, dann in Gestalt Hitlers, den die bür­ger­lichen Par­teien zum Not­stands­dik­tator machten, weil sie ihm zutrauten, die Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tionen zu zer­trümmern und eine pro­fi­table Kriegs­wirt­schaft auf­zu­ziehen. Gegen­wärtig sehen wir, dass sich – wie in den drei­ßiger Jahren – mehr und mehr par­la­men­ta­rische und schein­par­la­men­ta­rische Régime in auto­ritäre ver­wandeln.

Können die Rechten von der Coro­na­krise pro­fi­tieren?

Auch in der Bekämpfung der Coro­na­pan­demie tritt die Tendenz zu auto­ri­tären Lösungen zutage. Überall schlägt die Stunde der Exe­kutive. Kleine, ad hoc gebildete Stäbe aus Poli­tikern der großen Par­teien ent­scheiden ohne par­la­men­ta­rische Kon­trolle, mit oder ohne Expertise über die Dauer des von ihnen ver­hängten Aus­nah­me­zu­stands, über Restrik­tionen von Grund­rechten und des öffent­lichen Lebens, ja sogar über die Regu­lierung, nämlich das Her­un­ter­fahren und die Wie­der­an­kur­belung der Wirt­schaft. Die par­lamentarische wie die außer­par­la­men­ta­rische Oppo­sition spielen dabei keine Rolle. Und so werden auch die neo­fa­schis­ti­schen Gruppen und Par­teien nicht unmit­telbar von der gegen­wär­tigen Krise pro­fi­tieren. Sie warten auf ihre Stunde.

Werden in der Krise nicht auch wirt­schafts­li­berale Dogmen in Frage gestellt?

Die »schwei­gende« Mehrheit, auf die die anti­fa­schis­tische Min­derheit gestern wie heute baut, lernt, was »die Märkte« alles nicht zustande brachten, etwa ein kri­sen­festes Gesund­heits­system. Sie sieht auch mit Staunen, was jetzt alles an jahr­zehn­telang tabui­sierten Alter­na­tiven möglich und in kurzer Zeit rea­li­sierbar ist: die Ent­pri­va­ti­sierung in Gestalt von Ver­staat­li­chung not­lei­dender Unter­nehmen und die Beschlag­nahmung oder die plan­mäßige Erzeugung feh­lender Pro­dukte. Auch der jähe Wechsel von angeblich alter­na­tiv­loser Spar­po­litik zur Kre­dit­schwemme war beein­dru­ckend. Manche träumen gar, nun stehe die Abschaffung von Kon­kurrenz und Ver­armung national wie inter­na­tional bevor. Das alles zeigt, dass die Pan­demien unserer Tage als Natur­ka­ta­strophen getarnte Sozialkatas­trophen sind.

Halten Sie die Hoffnung auf mehr Soli­da­rität durch die Coro­na­krise für illu­sionär?

Galt bis gestern noch, jedermann solle sich als Ich-AG im Über­le­bens­kampf behaupten, wird plötzlich wieder zu Soli­da­rität auf­ge­rufen. Eine illu­sionäre Gemein­schaft­lichkeit wird beschworen, besungen und beklatscht, um darüber hin­weg­zu­täu­schen, dass die Position in der Ein­kom­mens­py­ramide über Leben und Tod ent­scheidet. Wieder einmal heißt es, alle säßen in einem Boot, nur ist es für die einen das Schlauchboot, für die andern die Hoch­see­jacht, und Ret­tungs­westen sind knapp. Das ist die Nor­ma­lität im Aus­nah­me­zu­stand. Auch für die Zeit danach aber ist nur eines sicher: Nach Corona ist vor Corona. Peter Nowak