Vollzeitaktivistin Cécile Lecomte wehrt sich vor Gericht gegen erneute Kriminalisierung ihres Anti-Atom-Protestes

Widerstand im Rollstuhl und am Kletterseil

Cécile Lecomte, geboren 1981 in Frank­reich, wurde mit spek­ta­ku­lären Klet­ter­ak­tionen gegen Atom­müll­trans­porte als »Eich­hörnchen« bekannt. Wegen einer Erkrankung sitzt sie häufig im Roll­stuhl. Auf einer Demo soll sie durch Anziehen von dessen Bremse Wider­stand gegen Poli­zei­beamte geleistet haben. Peter Nowak sprach mit ihr über ihr Enga­gement und den bevor­ste­henden Prozess.

An diesem Mittwoch wird vor dem Amts­ge­richt Lingen Ihr Wider­spruch gegen einen Straf­befehl ver­handelt. Worum geht es?

.…. Um eine Pro­test­aktion vor der Brenn­ele­men­te­fabrik Lingen vor einem Jahr. Von hier wird die ganze Welt mit ato­marem Brenn­stoff ver­sorgt – trotz des 2011 von der Bun­des­re­gierung ver­kün­deten Atom­aus­stiegs. Die Staats­an­walt­schaft wirft mir vor, in einer Fuß­gän­gerzone vor einem Poli­zei­fahrzeug mit ange­zo­gener Roll­stuhl­bremse gestanden zu haben, als eine Demons­trantin fest­ge­nommen wurde. Ich wurde mit meinem Roll­stuhl zur Seite getragen. Dieser Sach­verhalt soll Wider­stand gegen Voll­stre­ckungs­beamte gewesen sein. Eine Roll­stuhl­bremse ist in Lingen gefähr­licher als ein Brand in der Uranfabrik, der Anlass für die Demo war.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sie vor Gericht stehen. Wie oft wurden Sie schon ver­klagt?

Wenn man poli­tisch aktiv ist, muss man sich oft gegen Vor­würfe wehren, die es ohne poli­ti­schen Hin­ter­grund gar nicht gäbe. Wie oft ich schon vor Gericht gestanden habe, kann ich nicht genau sagen. Aber ich habe viel Erfahrung. Viel Erfahrung habe ich auch mit rechts­wid­rigen Fest­nahmen und Über­wa­chungs­maß­nahmen. Dagegen habe ich immer wieder erfolg­reich geklagt, manchmal bin ich bis zum Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gegangen.

Sie haben mehrfach Rechts­ge­schichte geschrieben …

Ich beschäftige mich viel mit dem Grund­recht auf Ver­samm­lungs­freiheit, und zwar in der dritten Dimension. Die Polizei unter­bindet gern das ver­tikale Demons­trieren, zum Bei­spiel auf Bäumen oder Brücken, mit einem »Kommen Sie da runter« und Hand­greif­lich­keiten. Dabei gibt es dafür keine Rechts­grundlage. Eine Demons­tration muss nicht in Kubik­metern ange­meldet werden! Ich habe Gerichts­ent­schei­dungen erstritten, wonach »Typen­freiheit« besteht. Das Demons­trieren in Klet­ter­seilen über einer Bahn­anlage ist keine Straftat, auch wenn ein Atom­transport deshalb für Stunden zum Stehen kommt. Klettern ist eine effektive Mög­lichkeit, Wider­stand zu leisten.

Sie sind durch Ihre Klet­ter­ak­tionen gegen Atom­müll­trans­porte bun­desweit bekannt geworden. Wie kam es, dass Sie Ihren Leh­re­rin­nen­beruf auf­ge­geben haben und Voll­zeit­ak­ti­vistin wurden?

Mein poli­ti­sches Enga­gement war mit dem Beruf irgendwann nicht mehr ver­einbar. Als ich noch Leh­rerin war, wurde ich Wochen vor einem Cas­tor­transport von der Polizei heimlich über­wacht. Das war illegal, wie auf meine Klage hin später fest­ge­stellt wurde. Aber eine solche Gerichts­ent­scheidung hilft nicht, wenn sie zwei Jahre später kommt.

Ich musste mich immer wieder gegenüber der Schul­leitung für meine Aktionen recht­fer­tigen. Da habe ich mich schließlich für die poli­tische Freiheit ent­schieden. Hinzu kam, dass es ein schwie­riges Unter­fangen war zu erklären, warum man sich in seiner Freizeit an einer Baum­be­setzung betei­ligen kann und zugleich ab und zu wegen einer rheu­ma­ti­schen Erkrankung krank­ge­schrieben ist.

Sie gehen sehr offen mit ihrer Erkrankung um. Wie sind die Reak­tionen darauf in Ihrem poli­ti­schen Umfeld?

Ich leide an rheu­ma­toider Arthritis mit schwerem Verlauf. Ich denke, dass Behin­derung kein Tabu­thema sein darf. Ich ver­lange Inklusion, auch in poli­ti­schen Bewe­gungen. Das ist gar nicht einfach zu ver­mitteln, dass man bei direkten Aktionen dabei sein will. Teilhabe scheitert oft schon an nicht bar­rie­re­freien Treff­punkten. Aber Stück für Stück gibt es ein Umdenken und den Willen, bei Unter­neh­mungen Teilhabe zu ermög­lichen. Bei den Aktionen von »Ende Gelände« gegen Koh­le­ta­gebaue habe ich den inklu­siven »bunten Finger« mit­or­ga­ni­siert und saß dann mit meinem Roll­stuhl auf den Schienen.

Sie haben einen Wagen­platz, auf dem Sie längere Zeit lebten, ver­lassen, als sich Mitbewohner*innen nicht aus­rei­chend nach rechts abgrenzten. Denken Sie, dass es auch in alter­na­tiven Kreisen einen Rechtsruck gibt?

Ja. Eine klare Abgrenzung nach rechts ist not­wendig, auch wenn man denken könnte, das Projekt, an dem man beteiligt ist, sei per se links wie bei­spiels­weise ein Wagen­platz. Dort fing es mit Eso­terik und Ver­schwö­rungs­theorie an, ich habe das zunächst nicht ernst genommen. Stück für Stück sind dann aber Men­schen nach rechts abge­driftet.

Sie geben Ihre poli­ti­schen Erfah­rungen aktiv weiter. Wie sind Ihre Kon­takte zu Jugend­be­we­gungen wie Fridays for Future?

Ich begegne jungen Men­schen vor allem, wenn ich Vor­träge halte. Die junge Generation hat die Anti­atom­pro­teste der ver­gan­genen Jahr­zehnte nicht mit­erlebt. Ich finde es wichtig, Erfahrung und Wissen an sie wei­ter­zu­geben und freue mich, wenn das Angebot ange­nommen wird.