Die Jungle World sprach mit Alexander Schulte*, einem Mitglied der Redaktion von »Maqui«

Inszenierung versaut

»Es ist sehr nett, dass der Geheim­dienst deutlich macht, welches sub­versive Potential er der Akti­onsform zutraut. Doch zugleich ist es eine Kri­mi­na­li­sierung.«

Im aktu­ellen Jah­res­be­richt des Bun­desamts für Ver­fas­sungs­schutz (BfV) taucht in der Rubrik »Links­ex­tre­mismus« erstmals das soge­nannte Adbusting auf. Die Aktionen hatten im ver­gan­genen Jahr vor dem jährlich in Berlin tagenden Euro­päi­schen Poli­zei­kon­gresses statt­ge­funden. Der Blog »Maqui« (maqui​.blog​sport​.eu) doku­men­tiert und ana­ly­siert Adbusting und andere Formen von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­gue­rilla.

Was ist Adbusting? .….

.…. Adbusting kommt von ad, über­setzt: Werbung, und busting, was so viel bedeutet wie zer­stören, kaputt­machen. Ein Adbusting ist eine über­spitzte Ver­fremdung oder Umdeutung eines Wer­be­plakats. Adbusters gestalten Werbung im öffent­lichen Raum so um, dass deren Sinn die Wer­benden oder das Beworbene bloß­stellt oder kom­men­tiert. Das ist mini­mal­in­va­siver Van­da­lismus, der Werbung zur Kennt­lichkeit ent­stellt.

Welche Adbusting-Aktionen gab es vor dem Euro­päi­schen Poli­zei­kon­gress?
2016 wurden die Besucher des Kon­gresses von ver­meint­lichen Pla­katen der Gewerk­schaft der Polizei (GdP) begrüßt. Diese zeigten knüp­pel­schwin­gende Play­mobil-Cops. Der ver­meint­liche Slogan der Poli­zei­ge­werk­schaft lautete: »Gewalt­täter? Einer muss es ja machen!« 2018 hingen dort umge­bas­telte Wer­be­poster der Ber­liner Polizei. Statt »Für 5 003 Demons­tra­tionen pro Jahr und 1 Mei­nungs­freiheit« lautete der Slogan »Für 5 003 Schlag­stock­ein­sätze und die beste G20-Party«. 2019 hingen selbst­ge­bas­telte Poster mit der Über­schrift »Poli­zei­kon­gress: Ein Treffen zum Auf­rüsten und Abschotten« in den Wer­be­vi­trinen.

Hatten diese oder andere Adbusting-Aktionen poli­zei­liche oder juris­tische Kon­se­quenzen?
Bisher blieben die Poli­zei­kri­tiker immer uner­kannt, obwohl sie genau vor den Wach­mann­schaften am Ort des Kon­gresses die Poster aus­wech­selten. Aber seit 2018 gibt es deutlich mehr Repression. Es gab min­destens zwei Haus­durch­su­chungen wegen Adbusting. In meh­reren Ver­fahren wurden Plakate auf Fin­ger­ab­drücke und DNA-Spuren unter­sucht. Gegen eine Person, von der die Cops glauben, dass sie auf dem Höhe­punkt der Erdoğan-Böh­mermann-Affäre ein »Mimimi«-Poster vor die tür­kische Bot­schaft gehängt habe, hat gerade ein Prozess wegen Sach­be­schä­digung und schweren Dieb­stahls begonnen. 


Wie bewerten Sie, dass die Aktionen nun im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt auf­tauchen? 
Das ist äußerst unter­haltsam. Ein paar Plakate sollen eine Gefahr für den Staat sein? Schön wär’s, wenn es so einfach wäre. Wenn die bewaff­neten Staats­organe die Öffent­lichkeit suchen und dort kri­ti­siert werden, reagieren sie all­er­gisch. Sie mögen es gar nicht, wenn man sie lächerlich macht. Also setzen sie noch einen drauf und listen kri­tische Poster in der­selben Publi­kation wie mor­dende Nazis. Zum Glück dürfte das der Öffent­lichkeit schwer zu ver­mitteln sein.

Sehen Sie darin eher eine Auf­wertung oder eine Kri­mi­na­li­sierung?
Es ist sehr nett, dass der Geheim­dienst deutlich macht, welches sub­versive Potential er der Akti­onsform zutraut. Doch zugleich ist es eine Kri­mi­na­li­sierung. Beim Poli­zei­kon­gress 2018 half nicht einmal ein Sur­vivor-Panzer vor der Kon­gresstür dagegen, dass gleich gegenüber poli­zei­kri­tische Poster hingen. Das versaut die ganze Insze­nierung von staat­licher Hand­lungs­fä­higkeit – und schon landen Adbus­tings auf der »BRD-most-wanted-Liste«.
* Name von der Redaktion geändert.

Erst­ver­öf­fent­li­chungsort:
https://jungle.world/inhalt/2019/41