Arbeitskampf an der Freien Universität

„Wie in einem Krimi“

Über den Arbeits­kampf der Beschäf­tigten im Bota­ni­schen Garten ist jetzt ein Buch erschienen. Die Geschichte dient gut als Fall­bei­spiel, sagt Betriebsrat Lukas Schmolzi.

Das Buch zum Arbeits­kampf
Buch: Jana Seppelt, Reinhold Niemerg u. a. (Hg.): „Der Auf­stand der Töchter, Bota­ni­scher Garten Berlin. Gemeinsam staatlich orga­ni­sierte prekäre Beschäf­tigung über­winden“, VSA-Verlag, 2018, 16 Euro
Inhalt: Im Buch wird beschrieben, wie es den aus­ge­glie­derten und von Lohn­dumping geplagten Beschäf­tigten des Bota­ni­schen Gartens gelungen ist, sich in den öffent­lichen Dienst zurück­zu­kämpfen.
Vor­stellung: Am 27. Juni wird das Buch um 19 Uhr in der Medi­en­ga­lerie des Hauses der Buch­drucker in der Duden­straße 10 in Schö­neberg vor­ge­stellt.


taz: Herr Schmolzi, wie kam es über­haupt zu der Idee, ein Buch über Ihren Arbeits­kampf zu machen?

Lukas Schmolzi: Benedikt Hopmann und Reinhold Niemerg, die Rechts­an­wälte, die auch den Betriebsrat am Bota­ni­schen Garten ver­treten haben, brachten uns auf die Idee. Da die Ereig­nisse bei uns einem Krimi ähnelten, haben wir uns schnell über­zeugen lassen. Die Tat­sache, dass die Beschäf­tigten an einem Buch arbeiten, machte auch Druck. Wir hatten ja während des Arbeits­kampfes schon mit dem Schreiben begonnen, sodass sich das her­um­gespro- chen hatte. Wäre ich Arbeit­geber und würde erfahren, dass die Beleg­schaft ein Buch über mich schreibt, würde ich zu- sehen, dass es wenigstens ein Happy End hat, und so war es dann ja auch.

Was machte Ihren Arbeits­kampf so besonders, dass er für ein Buch taugt?

Erfahrene Gewerk­schaf­te­rInnen sagten uns, dass ihnen bisher kein Fall bekannt sei, in dem sich Beschäf­tigte durch einen Arbeits­kampf zurück in den öffent­lichen Dienst gekämpft haben. Unsere Geschichte dient auch gut als Fall­bei­spiel, da unsere Struk­turen im Ver­gleich zu anderen Unter­nehmen über- schaubar und gut auf den eigenen Betrieb über­tragbar sind.

Ihr Kon­trahent im Arbeits­kampf war die Leitung der Freien Uni­ver­sität Berlin (FU). Gab es Unter­stützung von Stu­die­renden?

Im Verlauf des Arbeits­kampfes haben wir nach und nach rea­li­siert, dass nicht nur die FU, sondern ein großer Teil der Ver­ant­wortung für das Lohn­dumping der Senat trug, weil er die Mittel für den Bota­ni­schen Garten dras­tisch gekürzt hatte. Der Senat war es am Ende auch, der auf­grund unseres aus­dau­ernden Pro­tests durch eine höhere Aus­fi­nan­zierung des Gartens das Lohn­dumping beendete. Die Stu­die­renden der FU waren stark in unseren Arbeits­kampf ein­ge­bunden. Bis heute gibt es Freund­schaften und gegen­seitige Unter­stützung.

In dem Buch wird auch selbst­kri­tisch erwähnt, dass es nicht gelungen ist, die Aus­glie­derung der Rei­ni­gungs­kräfte im Bota­ni­schen Garten zu ver­hindern. Wie sind deren aktuelle Arbeits­be­din­gungen und das Ver­hältnis zu anderen Kol­le­gInnen?

Unsere Rei­ni­gungs­kräfte arbeiten heute als Gar­ten­ar­bei­te­rInnen und blühen in diesem Beruf im wahrsten Sinne des Wortes auf. Schlechter sieht es für die Beschäf­tigten von Gegen­bauer aus, die jetzt die Rei­ni­gungs­ar­beiten durch­führen. Sie sind von der betrieb­lichen Gemein­schaft weit­gehend iso­liert. Sie können weder an Per­so­nal­ver­samm­lungen teil­nehmen oder sich an die zustän­digen Per­so­nalräte wenden. Sie pro­fi­tieren auch nicht von dem Tarif­vertrag der Länder (TV-L). Auch die haus­eigene Tisch­lerei und die Schmuck­gärten sind bis heute aus­ge­gliedert. Wir arbeiten daran, dass diese Dinge noch in Ordnung gebracht werden.

Der Titel „Der Auf­stand der Töchter“ bezieht sich auf die Aus­glie­derung des Bota­ni­schen Gartens in eine Toch­ter­ge­sell­schaft durch die FU. Wäre nicht auch die Rolle der Frauen im Arbeits­kampf inter­essant?

Die Frauen hatten in unserem Arbeits­kampf eine her­aus­ra­gende Rolle. Das kommt im Buch stark zum Aus­druck. Unsere Kol­le­ginnen waren ja durch das Out­sourcing der Rei­nigung besonders betroffen und am stärksten unter Druck. Aber auch die Töchter unseres Betriebs­grup­pen­vor­sit­zenden haben sich in den Arbeits­kampf ein­ge­schaltet und für das Buch ein lesens­wertes Interview gegeben.


Sie wurden von vielen anderen prekär Beschäf­tigten in Ver­ant­wortung des Ber­liner Senats unter­stützt. Sind Sie noch aktiv und haben Sie Tipps für die Kol­le­gInnen?

Ja, wir haben uns in der Ver­gan­genheit in die Arbeits­kämpfe der stu­den­ti­schen Beschäf­tigten, der Charité Facility Management und der Vivantes Service GmbH ein­ge­bracht. Das wird auch so bleiben, bis unsere Mit­strei­te­rInnen ihre Ziele erreicht haben. Ich kann prekär Beschäf­tigten von lan­des­ei­genen Betrieben nur emp­fehlen, den „Gewerk­schaft­lichen Akti­ons­aus­schuss“ zu besuchen. Dort gibt es eine fach­be­reichs­über­grei­fende Zusam­men­arbeit, die schon in meh­reren Betrieben zum Erfolg führte.

Lukas Schmolzi
ist beim Tech­ni­ker­service des Bota­ni­schen Gartens beschäftigt. Er war Betriebs­rats­vor­sit­zender sowie Mit­glied der Verdi-Tarif­kom­mission.

Interview: Peter Nowak

Erst­ver­öf­fent­li­chungsort:
https://www.taz.de/!5512623/