Trennung nach Religionen?

Für Hagen Berndt ist der Glaube von Flüchtlingen nicht die Ursache von Gewalt in Heimen

Hagen Berndt ist als Kon­flikt­be­rater beim Forum Ziviler Frie­dens­dienst e.V. tätig und Mit­ver­fasser einer Stel­lung­nahme, die sich gegen die Trennung von Geflüch­teten nach Religion und Ethnie wendet. Mit ihm sprach für »nd« Peter Nowak.

In der Nacht zu Dienstag kam es in einer Ber­liner Flücht­lings­un­ter­kunft zu einer Schlä­gerei unter Schutz­su­chenden – eine von meh­reren in den ver­gan­genen Wochen. Oft werden reli­giöse Strei­tig­keiten als Aus­löser aus­ge­macht. Worin sehen Sie die Ursachen?
Kon­flikte sind Teil allen mensch­lichen Zusam­men­lebens. Gewalt tritt jedoch dann auf, wenn die Betei­ligten keine andere Mög­lichkeit sehen, ihre Inter­essen zu wahren oder ihre Bedürf­nisse zu befrie­digen. Dass sich Kon­flikte in Flücht­lings­un­ter­künften immer wieder gewaltsam ent­laden, ist einer extremen Stress­si­tuation geschuldet. Die Flücht­linge haben vor oder während der Flucht dra­ma­tische Erleb­nisse erfahren. Starke emo­tionale Ange­spanntheit ist ver­bunden mit großen Hoff­nungen auf ein neues Leben. Sie leben dann auf engem Raum mit vielen Men­schen. Es herrscht Kon­kurrenz um Raum und Ruhe, Essen, Kleidung, Chancen und Per­spek­tiven. Rück­zugs­mög­lich­keiten und sinn­ge­bende Beschäf­tigung fehlen. Der Auf­enthalt in Deutschland ist nicht gesi­chert, viel­leicht droht schon bald die Abschiebung und erneute Lebens­gefahr.

Warum lehnen Sie die von manchen Poli­tikern gefor­derte Trennung der Flücht­linge nach ihrer Religion ab?
Die Kon­flikte ver­laufen gar nicht entlang reli­giöser Trenn­linien. Doch Kon­flik­t­ak­teure ziehen gerne reli­giöse, eth­nische oder andere Zuge­hö­rig­keiten heran, um Selbst- und Feind­bilder auf­zu­bauen und eigenes Handeln zu recht­fer­tigen, um eigene Inter­essen durch­zu­setzen. Diese Kon­flikt­me­cha­nismen können aber nicht durch getrennte Unter­bringung durch­brochen werden. Vielmehr würden die fal­schen Argu­mente dadurch erst akzep­tiert. Ich lehne die getrennte Unter­bringung auch deshalb ent­schieden ab, weil eine Dif­fe­ren­zierung, um scheinbar mit­ein­ander »har­mo­ni­sie­rende« Gruppen zu erzeugen, unmöglich ist und nicht zum Frieden bei­trägt. Sie würde den Boden für neue Res­sen­ti­ments bereiten, für das Gefühl der eigenen Benach­tei­ligung bzw. der Bevor­zugung anderer.

Wieso?
Getrennte Unter­künfte würden Debatten zwi­schen den Kom­munen und in der ein­hei­mi­schen Bevöl­kerung pro­vo­zieren, wer nun welche »nette« oder »pro­ble­ma­tische« Flücht­lings­gruppe zuge­teilt bekommt. Sie würde außerdem die Bot­schaft ver­mitteln, dass ein fried­liches Zusam­men­leben nicht möglich ist und dass Religion und Ethnie das Problem sind. Diese Bot­schaften sind falsch und hoch gefährlich. Es ist wis­sen­schaftlich längst widerlegt, dass Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keiten die Ursache von Kon­flikten wären. Es ist pro­ble­ma­tisch, dieses Vor­urteil nunmehr von poli­ti­scher Seite zu bestä­tigen.

Wäre es nicht für einen von Isla­misten ver­folgten Geflüch­teten ein Schutz, wenn er nicht wieder mit Isla­misten in einer Unter­kunft zusammen leben muss?
Diese Frage legt nahe, dass alle Muslime Isla­misten wären. Isla­mismus ist eine poli­tische Ideo­logie, die sich der Religion bedient, um Macht aus­zuüben. Gerade viele mus­li­mische Flücht­linge zum Bei­spiel aus Syrien und Irak fliehen auch vor der Gewalt der Isla­misten. Eine nach Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rigkeit getrennte Unter­bringung nähme die Bedürf­nisse vieler Flücht­linge nicht ernst, sich von Ideo­logien abzu­grenzen, die in ihrer Her­kunfts­region zu Ver­treibung und Krieg führen. Sie würde diese Men­schen mit dem Segen unseres Staates erst den Isla­misten aus­liefern.

Welche Lösung schlagen Sie zur Bei­legung der Kon­flikte vor?
Es muss einer Lager­at­mo­sphäre von Flücht­lings­un­ter­künften ent­ge­gen­ge­wirkt werden. Es gilt, ruhige Rück­zugs­räume und Orte der Begegnung bereit­zu­stellen, geflüch­teten Men­schen ein Min­destmaß an Selbst­be­stimmung zu ermög­lichen und per­sön­liche Bezie­hungen zur ein­hei­mi­schen Bevöl­kerung zu erleichtern. Maß­nahmen der Psy­cho­lo­gi­schen Ersten Hilfe, um die Betrof­fenen emo­tional zu stärken, ein beson­derer Schutz für Kinder und allein­ste­hende Frauen sowie die ver­bind­liche Ein­führung von Min­dest­stan­dards zur Prä­vention sexua­li­sierter Gewalt wären not­wendig. Die Kom­pe­tenzen von Haupt- und Ehren­amt­lichen zur gewalt­freien Kon­flikt­be­ar­beitung müssen ent­wi­ckelt werden. Par­allel zur Sorge für die Flücht­linge müssen die Bemü­hungen zur Inte­gration sozial benach­tei­ligter Men­schen generell ver­stärkt werden, um deutlich zu machen, dass die Inte­gration der Flücht­linge nicht auf Kosten der Schwachen in unserer Gesell­schaft geschieht.

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Peter Nowak