Annne Reiches persönliche Spurensuche

Ein Leben nach den Barrikaden

„Doch ich will diesen Weg zu Ende geh‘n
und ich weiß, wir werden die Sonne seh‘n!
Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten.“

Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten“ ist eines der per­sön­lichsten Lieder von Rio Reiser, dem Sänger der anar­chis­ti­schen West­ber­liner Rockband Ton Steine Scherben. Die Strophe könnte das Motto von Anne Reiches Bio­graphie sein,…

…die sie unter dem Titel „Auf der Spur“ in der Edition Cimarron ver­öf­fentlich hat. Es ist ein trau­riges und zu- gleich kämp­fe­ri­sches Buch, so wie die Songs von Rio und den Scherben oft traurig und gerade deshalb extrem kraftvoll sind. Reiche war jah­relang eine enge Freundin von Rio Reiser. Nach seinem Tod hatte sie jeden Lebensmut ver­loren. Doch wie so oft im Leben stand sie wieder auf und kämpfte mit viel Trauer und Kraft weiter. Anne Reiche hat ein Buch geschrieben, das die Bio­graphie einer mili­tanten Linken erzählt, das berührt, gerade weil es so ehrlich ist, weil es Trauer und Nie­der­lagen nicht ver­schweigt. Reiche schreibt, wie sie in den späten 1960er Jahren ihr Studium zu Gunsten des Enga­ge­ments in der radi­kalen Linken aufgab. Sie hatte Freund*innen, die zum Blues gehörten – der radi­kalen West­ber­liner Linken, die tau­sende Anhänger*innen umfasste. Der Staat rüstete auf, bald waren enge Freund*innen tot, Reiche musste ihre erste Gefäng­nis­strafe absitzen und wollte sich danach zurück­ziehen. Ein Kron­zeuge beschul­digte sie jedoch, an einem Bankraub beteiligt gewesen zu sein, was ihr eine lang­jährige Haft­strafe ein­brachte. Im Gefängnis schloss sie sich der RAF an, weil sie ohne kol­lektive Struktur im Knast nicht leben wollte. Reiche beschreibt, wie sie als Teil des Gefan­ge­nen­kol­lektivs an einem mehr­wö­chigen Hun­ger­streik teilnahm und welche Qualen sie während der Zwangs­er­nährung durch­stehen musste. Man kann viel von den blei­ernen Jahren im Gefängnis lesen, wo die Gefan­genen weg­ge­sperrt vom Rest der Gesell­schaft ihre Zeit ver­brachten. Anne Reiche bat ihren berühmten Bruder Reimut um Unter­stützung, der sowohl in der APO als auch in der linken Wis­sen­schaft einen guten Namen hatte. Doch Reimut Reiche wollte sei- ner Schwester nicht helfen. Für Anne wieder so ein Moment, wo die Nacht am Tiefsten war. Nach ihrer Frei­lassung im Januar 1982, nach zehn Jahren Knast, ver­zwei­felte Reiche fast daran, dass sie die Erfah­rungen aus dem Iso­la­ti­ons­trakt kaum ver­mitteln konnte. Doch sie lernte neue Genoss*innen kennen, zog in die besetzten Häuser in der Ham­burger Hafen­straße und stürzte sich in poli­tische Akti­vi­täten, die dann in die Bari­ka­dentage 1988 mün­deten, als Tau­sende Aktivist*innen aus ganz West­europa die Häuser vor einer Räumung ver­tei­digen wollten. In letzter Minute kam es dort zu einer Einigung. Die Räumung wurde abge­blasen und im Gegenzug die Bar­ri­kaden abgebaut.Auch ein großer Teil der Radi­kalen war erleichtert, dass die Kämpfe aus­ge­blieben sind. Doch für Anne Reiche war der Kom­promiss eine Nie­derlage. Sie gehörte zu einer Gruppe von radi­kalen Linken, die es auf einen Ent­schei­dungs­kampf ankommen lassen wollten. Reiche befürchtete, dass eine lega­li­sierte Hafen­straße ein Ort der Befriedung werden könnte. Nachdem die Bar­ri­kaden abgebaut wurden und viele Linke die ver­hin­derte Räumung fei­erten, hatte Anne Reiche andere Gefühle: „Wir lebten und wir hatten die Häuser. Aber wir waren nicht mehr die­selben. […] Zu Dis­kus­sionen außerhalb bin ich kaum noch gegangen. Was hätte ich auch sagen sollen? Dass ich uns scheiße fand, große Töne spucken und dann kneifen?“ Doch wieder rap­pelte sie sich auf und ent­deckte, dass es auch ein Leben nach den Bar­ri­kaden gibt. Sie stu­dierte Archi­tektur und wollte am Hafenrand Häuser errichten, in denen die Men­schen gerne wohnen. Erneut holte sie sich Narben, dieses Mal auch von zuvor engen Genoss*innen, die nun als Mit­glieder der Genos­sen­schaft Hafen­straße ihre kleine Macht nutzten. „Die Dis­kus­sionen waren emo­ti­ons­ge­laden, die Vor­würfe gingen bis zum Verrat“, gibt Reiche Ein­blicke in die inner­linken Aus­ein­an­der­set­zungen. Als dann kurz nach Rio Reiser auch noch ihr Bruder Jochen starb, der trotz poli­ti­scher Dif­fe­renzen immer auf ihrer Seite gestanden hatte, zog sich Anne Reiche für längere Zeit aus Deutschland zurück. Doch das letzte Kapitel endet mit dem Zitat eines jungen Mannes, der nach den G20-Pro­testen 2017 Hamburg in Unter­su­chungshaft kam: „Die Freude der per­sön­lichen Erfahrung des Zusam­men­kommens so vieler Men­schen jeden Alters und aus aller Welt, die sich nicht der totalen Logik des Geldes und der kapi­ta­lis­ti­schen Welt unter­worfen haben, kann keine Form der Gefan­ge­nen­schaft bezwingen.“

Peter Nowak

Anne Reiche: Auf der Spur, Edition Cimarron, Brüssel 2018, 274 Seiten, 15 Euro, ISBN 978–90-824465–2-s

Erst­ver­öf­fent­li­chungsort:
https://www.graswurzel.net/gwr/category/ausgaben/437-maerz-2019/ Dieser Artikel erschien zuerst in der gras­wur­zel­re­vo­lution 437 vom März 2019