GEGEN DIE ZERSTÖRUNG VON HERZ UND HIRN

„Arbeits­be­dingte Krank­heiten nehmen zu. Dieser Ent­wicklung sollte Einhalt geboten werden. Dafür möchte ich meine arbeits- und gesund­heits­wis­sen­schaft­liche Kom­petenz ein­setzen.“

Mit diesen Sätzen beschreibt Wolfgang Hien sein lang­jäh­riges Enga­gement für den Gesund­heits­schutz in der Arbeitswelt. Warum das Thema zu seiner Lebens­aufgabe wurde, kann man in einem langen Gespräch erfahren, das Hien mit dem His­to­riker Peter Birke geführt hat. Im VSA-Verlag ist es unter dem Titel…

…„Gegen die Zer­störung von Herz und Hirn“ ver­öf­fent­licht worden. Dort beschreibt Hien, wie ihn seine Erfah­rungen als Aus­zu­bil­dender beim Che­mie­riesen BASF in Lud­wigs­hafen geprägt haben. Daher könnte viel­leicht der Unter­titel des Buches „68 und das Ringen um eine men­schen­würdige Arbeit“ auf den ersten Blick irri­tieren. Schließlich schien er im BASF-Labor weit weg von den Hoch­schulen, in denen Stu­die­rende die Schriften von Marx und Adorno zu lesen begannen. Doch Hien beschreibt, wie sehr ihn und einige BASF-Kolleg*innen der gesell­schaft­liche Auf­bruch Ende der 1960er Jahre beein­flusste. Nach einigen Jahren verließ Hien die Fabrik, holte das Abitur nach und begann ein Studium. Doch auch als Aka­de­miker setzte Hien den Kampf um Gesund­heits­schutz in der Che­mie­in­dustrie fort.

DER MIT­MI­SCHER

Viele Jahre pen­delte er zwi­schen ver­schie­denen Städten hin und her und hielt sich mit schlecht bezahlten aka­de­mi­schen Jobs über Wasser. Wich­tiger war für ihn, bei der Koope­ration zwi­schen Umwelt­in­itia­tiven und kri­ti­schen Gewerk­schaftern, die es in den 1980er Jahren auch in der Che­mie­branche gab, mit­zu­mi­schen. Mit­mi­scher nannte sich eine der Gruppen im Rhein-Main-Gebiet, in der Hien gemeinsam mit spa­ni­schen Che­mie­ar­beitern orga­ni­siert war. Mit­mi­scher nannte sich auch eine Betriebs­zeitung, die in einer Auflage von 10.000 Exem­plaren von Ende der 1970er bis in die 1990er Jahre bei BASF Lud­wigs­hafen ver­teilt wurde. Fast in jeder Nummer wurden die Kolleg*innen über die gif­tigen Sub­stanzen infor­miert, mit denen sie ständig in Berührung kamen. Besonders der gut besuchte Alter­native Gesund­heitstag 1980 in Berlin gab Hien Inspi­ration für sein Enga­gement, Betriebs­ba­sis­gruppen für Gesundheit auf­zu­bauen.

Mit den eso­te­ri­schen Strö­mungen, in die große Teile der Gesund­heits­be­wegung später abdrif­teten, hatte Hien nichts im Sinn. Ihm ging es auch in der Gesund­heits­be­wegung immer darum, den Bedin­gungen in der Arbeitswelt den Kampf anzu­sagen, die die Men­schen krank machen. Zu seinen Kontrahent*innen gehörten dabei oft nicht nur die Indus­trie­ver­bände, sondern auch Betriebsräte und DGB-Gewerkschafter*innen, die auf Sozi­al­part­ner­schaft setzten.

Deshalb war es für viele seiner Freunde eine Über­ra­schung, dass Hien 2003 Referent für Gesund­heits­schutz beim DGB-Vor­stand wurde. Doch schnell geriet er mit seinen Enga­gement für eine Arbeitswelt, in der auch die Lang­samen und chro­nisch Kranken ihren Platz haben sollen, in Kon­flikt mit einer Gewerk­schafts­logik, die Arbeits­plätze vor Gesund­heits­schutz stellt. Im Alter von 57 Jahren kün­digte Hien beim DGB. Seitdem leitet er das For­schungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Bio­graphie in Bremen. Auch dort beschäftigt ihn die Frage, wie die Lohn­arbeit so gestaltet werden kann, dass auch Alte, Kranke und Schwache darin ihren Platz finden. Heute, wo Beschäf­tigte ständig erreichbar und fle­xibel sein sollen, hat diese Fra­ge­stellung nichts von ihrer Dring­lichkeit ver­loren. So ist der Gesprächsband nicht nur eine Reflexion über linke Geschichte, sondern auch ein sehr aktu­elles Buch. Es ist nicht sein Ein­ziges.

GEGEN DIE ZURICHTUNG DER MEN­SCHEN

Im Man­delbaum-Verlag ver­öf­fent­lichte er „Die Arbeit des Körpers“, ein Buch, das sich der Frage widmet, wie die Indus­tria­li­sierung den mensch­lichen Körper zurichtet. Dabei ver­wendet er Zeug­nisse aus der Arbeiter*innenkultur. Den Ver­hei­ßungen einer schönen, neuen Arbeitswelt, im Zeit­alter von Com­puter und Internet, setzt Hien den ernüch­ternden Befund ent­gegen: „Letztlich wird der gesund­heit­liche Ver­schleiß durch neue Arbeits­formen nicht abge­schafft. Die Körper von Aber­mil­lionen Textilarbeiter*innen oder Stahlarbeiter*innen werden, wie eh und je, drang­sa­liert, wie die Körper von Mil­lionen, viel­leicht auch schon Aber­mil­lionen, von digi­talen Crowdworker*innen, die neben ihrer Fami­li­en­arbeit noch nachts am Com­puter sitzen, kaum schlafen und für ein paar Cent ihre Gesundheit rui­nieren.“

Wolfgang Hien / Peter Birke,
Gegen die Zer­störung von Herz und Hirn
»68« und das Ringen um men­schen­würdige Arbeit,
VSA-Verlag, Hamburg 2018, 256 Seiten, 22.80 €, ISBN 978–3-89965–829-3

Wolfgang Hien,
Die Arbeit des Körpers
von der Hoch­in­dus­tria­li­sierung in Deutschland und Öster­reich bis zur neo­li­be­ralen Gegenwart,
Man­delbaum Verlag, Wien 2018, 25.00 €, 344 Seiten, ISBN 978385476–677-3

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