Das Schicksal einer jüdischen Kreuzberger Familie

EIN INTER­VIEWBAND MIT DER LEBENS­GE­SCHICHTE DER SCHWESTERN HILDE UND ROSE BERGER

Die Inschrift auf dem Stol­per­stein vor dem Haus­eingang der Mari­an­nen­straße 34 in Kreuzberg ist stark abge­nutzt. Erinnert wird an Nathan Berger, der in dem Haus eine Schnei­derei betrieb und dort mit seiner Familie wohnte. Die Nazis ver­trieben die Bergers 1939 nach Polen. Nathan Berger, seine Frau Sara, Tochter Regine und Sohn Hans wurden von den Nazis ermordet. Nur die Töchter Hilde und Rose über­lebten das NS-Régime und emi­grierten nach 1945 in die USA.

Nun hat der Gie­ßener Psy­cho­sozial-Verlag einen Inter­viewband mit der Lebens­ge­schichte der mitt­ler­weile ver­stor­benen Hilde und Rose Berger ver­öf­fent­licht. Der Band enthält mehrere Inter­views, die die Geschwister zwi­schen 1978 und 1997 in den USA gaben, sowie einen von Hilde Berger 1980 ver­fassten Bericht über ihr Leben in Berlin.

Schon früh befanden sich die Geschwister in Oppo­sition zum streng reli­giösen Vater und zum deutsch­na­tio­nalen Klima an ihrer Schule. Zunächst enga­gierten sie sich in einer zio­nis­ti­schen Jugend­or­ga­ni­sation. Dann wurden Rose, Hilde und Hans Mit­glieder der Kom­mu­nis­ti­schen Jugend­or­ga­ni­sation, gerieten aber in Oppo­sition zu deren auto­ri­tären Orga­ni­sa­ti­ons­struk­turen.

Nach ihrem Aus­schluss aus der KP-Jugend enga­gierten sich die drei Geschwister mit Freun­dInnen in einer trotz­kis­ti­schen Orga­ni­sation und bauten nach 1933 deren illegale Orga­ni­sa­ti­ons­struk­turen in Berlin auf. Hans Berger wurde 1936 ver­haftet und nach der Ver­büßung seiner sechs­jäh­rigen Haft­strafe in Auschwitz ermordet. Regina Berger konnte nach Frank­reich fliehen und über­lebte die deutsche Besatzung in der Ille­ga­lität.

Ihre Schwester musste im KZ Plaszow als Schreib­kraft Oskar Schindlers berühmt gewordene Liste abtippen und konnte sich und einigen Freun­dInnen das Leben retten. Als die Rote Armee näher rückte, bekam sie eine Unter­haltung von SS-Männern mit, nach der die dort auf­ge­lis­teten Gefan­genen in den tsche­cho­slo­wa­ki­schen Ort Brünnlitz gebracht werden sollten. »Mir wurde klar, dass dieser Brünnlitz-Transport bessere Über­le­bens­chancen hatte als die anderen Trans­porte. Deshalb trug ich mich und einige Freunde auf diese Trans­port­liste ein«, erinnert sich Hilde Berger.

Peter Nowak

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ba&dig=2013%2F10%2F07%2Fa0106&cHash=5904737e0b6609528808d5d913a5e24f


»Ich schrieb mich selbst auf Schindlers Liste. Die Geschichte von Hilde und Rose Berger«. Psychosozial-Verlag, 223 Seiten, 19,90 Euro

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