Wiederentdeckung eines Aufständischen


AUF­GE­SCHRIEBEN Der Novem­ber­re­vo­lu­tionär Richard Müller war lange ver­gessen – bis ein junger His­to­riker seine Bio­grafie ver­fasste. Jetzt wurde auch Müllers »Geschichte der Novem­ber­re­vo­lution« neu auf­gelegt

Dass Geschichte von den Siegern geschrieben wird, diese These lässt sich an der Rezeption der Novem­ber­re­vo­lution in Deutschland besonders gut nach­weisen. Während der rechte Sozi­al­de­mokrat Friedrich Ebert, der die Revo­lution nach eigenen Bekunden hasste wie die Sünde, in allen Schul­bü­chern steht, ist Richard Müller ver­gessen. Dabei gehörte der Ber­liner Metall­ar­beiter als Vor­sit­zender der Revo­lu­tio­nären Obleute 1918 zu den zen­tralen Prot­ago­nisten der Revo­lution. Für kurze Zeit war er als Vor­sit­zender des Rats der Volks­be­auf­tragten sogar nominell Staats­ober­haupt im nach­re­vo­lu­tio­nären Deutschland. Doch selbst ein aus­ge­wie­sener Kenner der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung wie der Mar­burger Poli­tologe Wolfgang Abendroth schrieb über Müller in den 70er Jahren: »Dann ver­lieren sich seine Spuren in der Geschichte.«

Der junge Ber­liner His­to­riker Ralf Hoff­rogge hat sich dennoch auf die geschicht­liche Spu­ren­suche begeben und ist fündig geworden: 2008 hat er eine Bio­grafie des ver­ges­senen Gewerk­schafters her­aus­ge­geben: »Richard Müller – der Mann hinter der Novem­ber­re­vo­lution«.

Mit Tele­fon­bü­chern auf dem Fuß­boden

Er habe sich für seine Abschluss­arbeit an der Freien Uni­ver­sität bewusst für Müller ent­schieden, weil es zu ihm kei­nerlei For­schungs­er­geb­nisse gab, erklärt Hoff­rogge. Seine Recherche erwies sich anfangs als recht mühsam: »Zeit­weise habe ich auf dem Fuß­boden des Archivs gesessen und Tele­fon­bücher aus den 1920ern nach dem Namen ‚Müller‘ durch­sucht«, beschreibt der Geschichts­wis­sen­schaftler die Mühen der For­schung. Aus Tauf- und Han­dels­re­gis­ter­ein­trägen sowie Zei­tungs­mel­dungen gelang es ihm schließlich, Müllers Bio­grafie weit­gehend zu rekon­stru­ieren. Das Ergebnis stieß nicht nur bei His­to­ri­ke­rInnen, sondern auch bei Ber­liner Gewerk­schaf­te­rInnen auf Interesse. Dort inter­es­sierte man sich vor allem für Müllers Räte­kon­zepte und seine Ansätze einer basis­ori­en­tierten Gewerk­schafts­po­litik. Und von dort kam auch der Anstoß, Müllers »Geschichte der Novem­ber­re­vo­lution«, die Mitte der 1920er Jahre zum ersten Mal erschien, im Ber­liner Verlag »Die Buch­ma­cherei« neu her­aus­zu­geben. Als Müller das drei­bändige Werk ver­fasste, spielte er in der Politik bereits keine Rolle mehr. Nachdem er – nach kurzer Mit­glied­schaft – wegen eines Streits über die poli­tische Ori­en­tierung aus der KPD aus­ge­schlossen wurde und der Aufbau einer neuen linken Gewerk­schaft gescheitert war, hatte er sich aus der Öffent­lichkeit zurück­ge­zogen.

»Die Zeit­zeu­gen­be­richte Richard Müllers kamen der dama­ligen Rea­lität deutlich näher als die recht ein­sei­tigen und mit Mythen, Legenden und Tabus behaf­teten Geschichts­be­trach­tungen vieler sozi­al­de­mo­kra­ti­scher und kom­mu­nis­ti­scher His­to­ri­ke­rInnen«, begründet Ver­lags­mit­ar­beiter Jochen Gester den Reprint, von dem seit Dezember 2011 bereits mehr als 500 Exem­plare ver­kauft worden sind.

Ralf Hoff­rogge hat jetzt angeregt, eine Straße in Berlin nach Richard Müller zu benennen. Von der Politik ist der Vor­schlag bisher noch nicht auf­ge­griffen worden. PETER NOWAK

Richard Müller: »Eine Geschichte der Novem­ber­re­vo­lution«. Neu­ausgabe der Bände »Vom Kai­ser­reich zur Republik«, »Die Novem­ber­re­vo­lution«, »Der Bür­ger­krieg in Deutschland«. Verlag Die Buch­ma­cherei, Berlin 2011, 756 Seiten

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Peter Nowak