Wenn die Eltern im Widerstand waren

Nach­fahren von Gegnern und Opfern der NS-Herr­schaft wollen auch Ver­folgung von Linken in der UdSSR auf­ar­beiten

Mat­thias Wör­sching enga­giert sich seit vielen Jahren gegen die extreme Rechte. Der Ber­liner His­to­riker und Poli­tik­wis­sen­schaftler ist unter anderem in der Pan­kower Orts­gruppe der VVN-BdA (Ver­ei­nigung der Ver­folgten des Naziregimes/​Bund der Antifaschist*innen) aktiv. Dort leitete er in den letzten Monaten ein beson­deres Projekt. In Werk­statt­ge­sprächen trafen sich Kinder, Enkel und Urenkel von Widerstandskämpfer*innen gegen den Natio­nal­so­zia­lismus und Ver­folgten des Nazi­re­gimes.

Am Sonntag trafen sich etwa 60 Nach­kommen der Widerstandskämpfer*innen zur Abschluss­ver­an­staltung der Werk­statt­ge­spräche im Betsaal des ehe­ma­ligen Jüdi­schen Wai­sen­hauses Berlin-Pankow.

Auch Andrée Fischer-Marum gehörte zu den Teilnehmer*innen. Die Nazis ermor­deten ihren Groß­vater im Jahr 1934. Er war viele Jahre Abge­ord­neter des Badi­schen Landtags für die Sozi­al­de­mo­kraten. Die Familie war auf drei Kon­ti­nente zer­streut. Andrée Fischer-Marum lebte in der DDR. Nach 1990 wurde der Kontakt wieder enger.

Heute pflegt Fischer-Marum das Grab ihres Groß­vaters in Karlsruhe. Wich­tiger aber sind ihr die Gespräche in den Schul­klassen. Dort stößt sie häufig auf Kinder aus migran­ti­schen Familien. Auch für die Familie Marum gehörten Flucht und Migration schon seit Genera­tionen zum Leben dazu. Daher hören die Kinder der Geflüch­teten gebannt zu, wenn sie ihre Fami­li­en­ge­schichte erzählt. Auch die Öko­nomin Anne Allex, deren Mutter als KPD-Mit­glied im Wider­stand war, berichtete, wie sich Kinder von Geflüch­teten in Berlin für die Geschichte des Wider­stands inter­es­sieren.

Sie hatte vor einigen Wochen eine Aus­stellung über Ber­liner Firmen, die von jüdi­scher Zwangs­arbeit pro­fi­tierten, in einen Aus­stel­lungsraum im Wedding auf­gebaut, in dem sich migran­tische Jugend­liche zum Unter­richt trafen. »Sie schauten sich die Aus­stel­lungs­tafeln erschrocken an und fragten, ob ihnen in Deutschland auch Zwangs­arbeit drohen könnte«, berichte Allex.

Sabine Reichwein, die Tochter des von den Nazis 1944 hin­ge­rich­teten Reform­päd­agogen Alfred Reichwein, beschrieb, wie sie in ihrer Jugend das Gefühl hatte, ihr Vater habe sie wegen seines poli­ti­schen Enga­ge­ments ver­lassen. Später stu­dierte sie Päd­agogik. Nun sieht sie in ihrem Vater ein Vorbild.

Die Medi­en­wis­sen­schaft­lerin Inge Münz-Koenen ging auf ein auch unter den Widerstandskämpfer*innen gegen den Faschismus besonders schmerz­liches Kapitel ein. Es ging um Tau­sende von Linken aus Deutschland, die in der Sowjet­union Schutz gesucht hatten und Opfer des Großen Terrors seit 1937 geworden waren. In der DDR war das Thema Tabu und auch in der VVN-BdA wurde ihnen vor­ge­worfen, Anti­kom­mu­nismus zu fördern, berichtete Münz-Koenen. Doch sie und ihre Mitstreiter*innen ließen sich nicht beirren. Jetzt planen sie eine Auf­ar­beitung der Ver­fol­gungen von vor allem jüdi­schen Kommunist*innen in den frühen 1950er Jahren in ver­schie­denen ost­eu­ro­päi­schen Staaten.

In der zweiten Gesprächs­runde wurden weitere auch unter NS-Ver­folgten strittige Themen ange­sprochen. Sonja Kosche berichtete über die Kon­ti­nuität der Ver­folgung und Dis­kri­mi­nierung von Sinti und Roma. Der Jurist Kamil Majchrzak berichtete über die beson­deren Pro­bleme als Enkel eines Auschwitz-Bir­kenau-Häft­lings. Der Musiker Andrej Hermlin hielt ein lei­den­schaft­liches Plä­doyer gegen jeden Anti­se­mi­tismus.

Die Ver­an­staltung war der Abschluss der Werk­statt­ge­spräche der Nach­kommen der Wider­stands­kämpfer. Doch für Wör­sching und den Pro­jekt­ko­or­di­nator Marco Pompe ist die Arbeit noch lange nicht zu Ende. Im Dezember soll eine Bro­schüre mit den Berichten der Nach­kommen erscheinen. Viel­leicht findet das Projekt eines Gesprächs­kreises der Nach­fahren der Widerstandskämpfer*innen in anderen Regionen Deutsch­lands Nachahmer*innen. Ange­sichts von AfD-Politiker*innen, die eine erin­ne­rungs­po­li­tische Wende um 180 Grad fordern, wäre das dringend not­wendig.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​1​0​6​5​3​9​.​a​n​t​i​f​a​s​c​h​i​s​m​u​s​-​w​e​n​n​-​d​i​e​-​e​l​t​e​r​n​-​i​m​-​w​i​d​e​r​s​t​a​n​d​-​w​a​r​e​n​.html

Peter Nowak

#unten – Kummerkasten jetzt auch für sozial Diskriminierte?

Die Debatte über Ver­armung und soziale Aus­grenzung, von der nun auch häu­figer Aka­de­miker betroffen sind, ist ein guter Anfang. Die Frage ist, welchen Effekt sie haben wird

Die Debatte über Ver­armung und soziale Aus­grenzung, von der nun auch häu­figer Aka­de­miker betroffen sind, ist ein guter Anfang. Die Frage ist, welchen Effekt sie haben wird

Nach #MeToo und #MeTwo, wo sich von Sexismus und Ras­sismus Betroffene zu Wort mel­deten, hat die links­li­berale Wochen­zeitung Freitag kürzlich mit dem Hashtag #unten ein Forum für soziale Dis­kri­mi­nierung eröffnet [1]. Das aus­ge­rechnet eine Wochen­zeitung, die sich vor allem kul­tu­rellen Melangen widmet, diese Initiative startete, ist nur auf den ersten Blick über­ra­schend.

Schon längst sind auch prekäre Aka­de­miker von sozialer Aus­grenzung und auch von Armut betroffen und das ist auch ein wich­tiger Grund, warum Armut im Spät­ka­pi­ta­lismus in der letzten Zeit zum großen Thema in Medien und Öffent­lichkeit geworden ist. Genau wie hohe Mieten wird die real exis­tie­rende Armut erst dann zum Problem, wenn sie eben nicht nur die trifft, denen in der Öffent­lichkeit dann gern die Schuld für ihre soziale Lage zuge­sprochen wird.

Dann gibt es noch einen bio­gra­phi­schen Grund für die Kam­pagne. Der Jour­nalist Christian Baron [2] hat das Feuil­leton des Neuen Deutschland ver­lassen und in der Wochen­zeitung Freitag einen neuen Arbeits­platz gefunden. Baron hat mit seinen viel­dis­ku­tierten Buch Pöbel, Pro­leten, Para­siten [3] (vgl. Wird die Rechte stark, weil die Linke die Arbeiter ver­achtet? [4]) auch mit bio­gra­phi­schen Zugängen die Armut in Deutschland zum Thema gemacht.

Auch die Sozio­login Britta Stein­wachs, die eben­falls #unten initi­ierte [5], beschäftigt sich seit Jahren damit, wie Armut in Deutschland pro­du­ziert wird und was das bei den Betrof­fenen auslöst [6].

Klas­sen­po­li­tische Dimension von #unten?

Stein­wachs stellte diese Frage am Anfang: »#unten – Warum gibt es noch keine klas­sen­po­li­tische Ergänzung zu #MeToo und #MeTwo?« Die Frage ist einer­seits berechtigt und ande­rer­seits irri­tierend. Es ist natürlich völlig richtig zu fragen, warum die sozialen Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­rungen nicht ebenso Gegen­stand von öffent­lichem Interesse sind wie Ras­sismus- und Sexis­muser­fah­rungen. Die Reak­tionen der Freitag-Lese­rinnen und Leser bestä­tigten die Not­wen­digkeit einer solchen Initiative. Hier nur eine von zahl­reichen Zuschriften an den Freitag.

Sehr geehrte Redaktion des Freitag,
haben Sie vielen Dank für die Artikel. Selbst bin ich von zwei Seiten im Thema. Ich arbeite als Hono­rar­kraft im ambulant betreuten Wohnen und habe mit armen Men­schen zu tun. Ich kenne ziemlich gut, was Christian Baron und Britta Stein­wachs beschreiben. Auch die Scham. Und die Hoff­nungen. Selbst habe ich mit Ende 40 nicht mehr wei­ter­machen können wie bisher. Ich habe Soziale Arbeit stu­diert und bin dabei auch poli­ti­siert worden.

Jetzt habe ich nach zwei Jahren das Bewer­bungen-Schreiben auf­ge­geben. Das wird nichts mehr, ich bin inzwi­schen 57 Jahre alt. Es kostet total viel Kraft, die Ursachen für das Scheitern nicht bei mir zu suchen. Ich erfahre die Abwertung: »Wer arbeiten will, findet Arbeit.« Ich bin über­zeugt, dass ich nicht allein bin mit »meinem« Problem. Nicht im Hil­fe­system. Knapp drüber, und aus Scham bloß nicht rein­rut­schen (und nicht drüber reden).

Leser­brief an den Freitag

Es schrieben auch Men­schen, die durch #unten ihre Scham über­wunden haben und die Briefe oder Mails mit voll­stän­digen Namen zeich­neten, weil ihnen jetzt bewusst geworden hat, dass ihre soziale Situation nicht ihr indi­vi­du­elles Problem ist. Das Problem ist vielmehr ein auf Profit ori­en­tiertes System, dass diese Armut pro­du­ziert. Hier stellt sich dann die Frage, folgt auf #unten eine klas­sen­kämp­fe­rische Initiative oder ist es ein Ersatz dafür?

Da müssen an #unten die gleichen kri­ti­schen Fragen gestellt werden wie an MeToo – »Kum­mer­kasten von Mit­tel­stands­frauen oder neues femi­nis­ti­sches Kampffeld« [7] lautete hier eine Frage. Und MeTwo könnte zu einer Erwei­terung und Stärkung von anti­ras­sis­ti­scher Praxis bei­tragen. #unten könnte der Anfang einer klas­sen­kämp­fe­ri­schen Inter­vention sein.

Dann wären die Erzäh­lungen der Betrof­fenen ein Anfang – ähnlich wie vor mehr als 150 Jahren in der frühen Arbei­ter­be­wegung, als auch Berichte über das elende Leben der Arbeiter den Anstoß zur Orga­ni­sierung gaben, wie Patrick Eiden-Offe in seinem Buch »Die Poesie der Klasse« [8] für die Zeit des Vormärz gut her­aus­ge­ar­beitet hat.

Wie wird mit den Erfah­rungen von Armuts­be­trof­fenen umge­gangen?

Und da sind wir bei der ange­deu­teten Irri­tation, wenn die Sozio­login Britta Stein­wachs von der klas­sen­po­li­ti­schen Dimension von #unten schreibt. Denn die wäre dann ja der nächste Schritt – aber nicht mit #unten iden­tisch. Hier geht es zunächst um das auf­klä­re­rische Benennen der Situation, das Bewusstsein schafft.

Das kann eben darin bestehen, dass man begreift, dass man nicht selbt schuld an der schlechten sozialen Situation ist. Doch damit #unten eine klas­sen­po­li­tische Dimension bekommt, müsste der nächste Schritt erfolgen. Es müsste eine Form der prak­ti­schen Orga­ni­sierung geben und ein Bewusstsein, dass Armut und Reichtum zwei Seiten einer Medaille im Kapi­ta­lismus sind. Bert Brecht hat diesen Zusam­menhang in der ihm eigenen Prä­gnanz so zusam­men­ge­fasst [9]:

Reicher Mann und armer Mann
standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
»Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.

Bert Brecht

Dass sich auch die arme und reiche Frau gegen­über­stehen könnten, braucht wohl keiner wei­teren Erläu­terung. Doch wenn dieser Erkennt­nis­schritt nicht gegangen wird, bleibt es beim Räso­nieren über Armut, das, worauf die Publi­zistin Mely Kiyak mit Recht hinwies [10], so neu nicht ist.

Neu ist aber, dass nicht auf Armuts­kon­fe­renzen oder »Runden Tischen gegen Armut«, sondern auch im Wochen­blatt des linken Bür­gertums über Armut dis­ku­tiert wird. Dafür muss sich der Freitag nicht recht­fer­tigen. Es ist natürlich positiv, wenn eben prekäre Aka­de­miker über Armut reden. Das wäre nur dann zu kri­ti­sieren, wenn sie nur über ihre Arbeit debat­tieren wurden und wenn sie die jahr­zehn­te­lange Arbeit von Armuts­kon­fe­renzen, Runden Tischen der Betrof­fenen etc. einfach igno­riert würden.

Noch ist nicht klar, wie bei in den von #unten ange­sto­ßenen Dis­kus­sionen die jah­re­lange Arbeit dieser Armuts­be­trof­fenen ein­fließt. Noch ist die Kam­pagne zu neu, um da ein klares Urteil zu bilden.

Es fällt aber tat­sächlich auf, dass darauf in den bisher publi­zierten Bei­trägen kaum Bezug genommen wird. Man wird die weitere Debatte beob­achten müssen, um sich ein Urteil bilden zu können. Es gibt aber für die Initia­toren von #unten nicht die Ausrede, die Ergeb­nisse der jah­re­langen Arbeit von Armut Betrof­fener seien kaum bekannt.

Tat­sächlich gab es oft wenig Resonanz auf Pres­se­kon­fe­renzen, wo sie ihre Arbeit und ihre For­de­rungen dar­stellten. Doch es gibt Studien über Armut und ihre Aus­wir­kungen unter Anderem von Anne Allex zu Frauen in Armut und pre­kärer Beschäf­tigung [11]. Das ist nur eins von zahl­reichen Bei­spielen.

Was folgt auf #unten?

Ob #unten also tat­sächlich der Beginn einer neuen klas­sen­kämp­fe­ri­schen Orga­ni­sierung wird oder ein wei­teres Bei­spiel für das »Räso­nieren über Armut« wird sich prak­tisch erweisen.

Doch es zeigte sich bereits, dass solche Initia­tiven bei den Betrof­fenen durchaus auf Resonanz stoßen und auch die Pro­bleme einer Gesell­schaft im Spät­ka­pi­ta­lismus zeigt, in dem die Men­schen oft so von­ein­ander iso­liert sind, dass sie solche Anstöße zur Kom­mu­ni­kation brauchen.

Peter Nowak

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[1] https://​www​.freitag​.de/​a​u​t​o​r​e​n​/​d​e​r​-​f​r​e​i​t​a​g​/​a​r​m​u​t​-​s​p​richt
[2] http://​www​.christian​-baron​.com
[3] https://​www​.eulen​spiegel​.com/​v​e​r​l​a​g​e​/​d​a​s​-​n​e​u​e​-​b​e​r​l​i​n​/​t​i​t​e​l​/​k​e​i​n​-​h​e​r​z​-​f​u​e​r​-​a​r​b​e​i​t​e​r​.html
[4] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​W​i​r​d​-​d​i​e​-​R​e​c​h​t​e​-​s​t​a​r​k​-​w​e​i​l​-​d​i​e​-​L​i​n​k​e​-​d​i​e​-​A​r​b​e​i​t​e​r​-​v​e​r​a​c​h​t​e​t​-​3​4​5​2​4​0​9​.html
[5] https://​www​.freitag​.de/​a​u​t​o​r​e​n​/​d​e​r​-​f​r​e​i​t​a​g​/​s​a​g​-​m​i​r​-​w​o​-​d​u​-​h​e​r​k​ommst
[6] http://​www​.sebastian​-friedrich​.net/​d​a​s​-​m​a​e​r​c​h​e​n​-​v​o​m​-​b​o​e​s​e​n​-​a​r​m​e​n​-​d​i​e​-​s​o​z​i​o​l​o​g​i​n​-​b​r​i​t​t​a​-​s​t​e​i​n​w​a​c​h​s​-​l​u​e​f​t​e​t​-​d​e​n​-​i​d​e​o​l​o​g​i​s​c​h​e​n​-​s​c​h​l​e​i​e​r​-​d​e​s​-​p​r​i​v​a​t​f​e​r​n​s​e​hens/
[7] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​M​e​t​o​o​-​K​u​m​m​e​r​k​a​s​t​e​n​-​v​o​n​-​M​i​t​t​e​l​s​t​a​n​d​s​f​r​a​u​e​n​-​o​d​e​r​-​n​e​u​e​s​-​f​e​m​i​n​i​s​t​i​s​c​h​e​s​-​K​a​m​p​f​f​e​l​d​-​4​1​5​3​1​7​4​.html
[8] https://​www​.matthes​-seitz​-berlin​.de/​b​u​c​h​/​d​i​e​-​p​o​e​s​i​e​-​d​e​r​-​k​l​a​s​s​e​.html
[9] https://​www​.zitate​-online​.de/​s​p​r​u​e​c​h​e​/​k​u​e​n​s​t​l​e​r​-​l​i​t​e​r​a​t​e​n​/​1​8​9​0​0​/​r​e​i​c​h​e​r​-​m​a​n​n​-​u​n​d​-​a​r​m​e​r​-​m​a​n​n​s​t​a​n​d​e​n​-​d​a​-​u​n​d​.html
[10] https://www.zeit.de/kultur/2018–11/armut-unten-hashtag-klassengesellschaft-chancengleichheit
[11] https://​www​.rosalux​.de/​d​o​k​u​m​e​n​t​a​t​i​o​n​/​i​d​/​1​3​7​2​5​/​f​r​a​u​e​n​-​i​n​-​a​r​m​u​t​-​u​n​d​-​p​r​e​k​a​e​r​e​r​-​b​e​s​c​h​a​e​f​t​i​gung/

„Asoziale“ und „Berufsverbrecher“

Die Täter hielten auch nach 1945 über ihre Opfer Gericht

„Der Deutsche Bun­destag soll die von der SS ‚Aso­ziale‘ und ‚Be- rufs­ver­brecher‘ genannten ehe­ma­ligen KZ-Häft­linge als Opfer des Natio­nal­so­zia­lismus aner­kennen“, lautet die For­derung einer Petition für die noch Unter­schriften im Internet gesammelt werden. (1)

Eine Initia­torin ist die His­to­ri­kerin und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lerin Dagmar Lieske. Sie hat in ihrem bereits 2016 im Metro- pol-Verlag erschie­nenen Buch „ Unbe­queme Opfer“ fak­ten­reich das Schicksal von Men­schen unter­sucht, die von den NS- Staats­ap­pa­raten als Berufs­ver­brecher klas­si­fi­ziert in das KZ- Sach­sen­hausen inhaf­tiert waren. Aber das Buch ist mehr als eine Lokal­studie. Lieske hat mit ihrer Arbeit Maß­stäbe gesetzt, wenn es um das Thema „Berufs­ver­brecher“ in Kon­zen­tra­ti­ons­lagern geht.

Legenden und Mythen

Über sie haben sich viele Mythen und Legenden gebildet. Dazu gehört auch die Vor­stellung, die „Berufs­ver­brecher“ hätten in den KZs im Sinne der Macht­haber gewirkt. Das wurde auch von vielen poli­ti­schen Häft­lingen weiter ver­breitet. Es ist gut möglich, dass solche Äuße­rungen eine Mischung aus eigenen Erfah­rungen und Res­sen­ti­ments waren. Lieske geht sehr dif­fe­ren­ziert mit dem Thema um. Sie zeigt auf, dass es „die„Berufsverbrecher“ nicht gab. Im Gegenteil, waren sie wohl die diver­seste Häft­lings­gruppe, weil anders als bei den aus poli­ti­schen oder reli­giösen Gründen Ver­folgten keine ein­heits­stif­tende Ideo­logie vor­handen war. Der Indi­vi­dua­lismus war also bei ihnen besonders aus­ge­prägt. Die Band­breite der von Lieske vor­ge­stellten Per­sonen, die als „Berufs­ver­brecher“ klas­si­fi­ziert ziert wurden, reicht von einem über­zeugten aber in Ungnade gefal­lenen Nazi, über Ärzte, die Abtrei­bungen vor­nahmen, bis zu Männern, die in den soge­nannten Ring­ver­einen auch Kon­takte zur KPD hatten. Daher war auch ihr Ver­halten im KZ sehr unter­schiedlich. Einige kol­la­bo­rierten mit der SS, andere ver­hielten sich soli­da­risch auch gegenüber anderen Häft­lings­gruppen. Etliche hielten sich aus allem raus und ver­suchten nur im KZ zu über­leben, was vielen nicht gelang. Lieske stellt die Ani­mo­si­täten zwi­schen unter­schied­lichen Häft­lings­gruppen in den Kontext der KZ-Bedin­gungen. Dort war es fast über­le­bens­not­wendig, sich um eine enge Gruppe zu scharen und die Kon­takte zu Außen­gruppen mög­lichst redu­ziert zu halten. Auch die „Berufs­ver­brecher“ han­delten so. Lieske liefert Material über negative Äuße­rungen von ihnen über die Gruppe der poli­ti­schen Gefan­genen. Das wird in der auf den Seiten 315 – 316 doku­men­tierten Ausgabe der Publi­kation „Wahrheit
und Recht“ deutlich, die 1946 von einigen ehe­ma­ligen als Berufs­ver­brecher klas­si­fi­zierten Häft­lingen her­aus­ge­geben wurde. „Und hattest Du das Pech Poli­ti­scher gewesen zu sein, dann istes doppelt fatal für Dich, wenn Du nicht früher Mit­glied der KPD gewesen bist, SPD geht zur Not noch, aber die schaut man schon über die Achsel an und ganz ver­loren ist dein Bemühen, wenn Du einer anderen Partei (von der NSDAP redenwir ja sowieso nicht), angehört hast“ (S. 315). Nur wenige Jahre später saßen viele der ehe­ma­ligen kom­mu­nis­ti­schen KZ-Häft­linge in West­deutschland bereits wieder in Gefäng­nissen, ihre Renten als Ver­folgte des NS-Regimes wurden ihnen aberkannt.


„Berufs­ver­brecher“ nach 1945 weiter ver­folgt

Dass soviel über die Ani­mo­si­täten zwi­schen „Berufs­ver­bre­chern“ und Poli­ti­schen in den KZ geredet wird, hat seinen Grund. Dann braucht nicht davon geredet zu werden, wie das Per­sonal, dass im NS die „Berufs­ver­brecher bekämpfte, nach 1945 in der BRD größ­ten­teils weiter bei der Polizei arbei­teten und ganz selbst­be­wusst auf ihre Arbeit zwi­schen 1933 und 1945 ver­weisen konnte. Am Fall des Kri­mi­na­listen Fritz Cor­nelly (S. 337 ff) wird diese Kon­ti­nuität bei Lieske auf­ge­zeigt. Ein solches Per­sonal lehnte schon mal ehe­malige „Berufs­ver­brecher“ als Zeugen in Pro­zessen gegen die KZ-Ver­waltung mit der Begründung ab, sie seien min­der­wertige Cha­raktere und daher für Zeu­gen­aus­sagen nicht geeignet. So konnten die Ver­folger noch mal über ihre Opfer zu Gericht sitzen. Dem­ge­genüber haben auch die poli­ti­schen Häft­linge, die sich in ihren Büchern über ihre KZ-Haft despek­tierlich über die „Berufs­ver­brecher“ äußerten, größ­ten­teils klar gestellt, dass sie genau wie sie zu Unrecht im KZ gesessen hätten. Auch der Gene­ral­bun­des­anwalt Karl S. Bader hat bereits 1946 klar­ge­stellt: „Viele kri­minell vor­be­strafte KZ-Insassen, auch viele Sicher­heits­ver­wahrte, haben (.…) unter den Ver­hält­nissen im KZ genauso gelitten wie die poli­ti­schen Häft­linge. Sie unter­lagen den­selben Lager­ge­setzen, der­selben Preisgabe der Men­schen­würde und Men­schen­ver­achtung, den­selben Schi­kanen, Strafen und – häufig genug – den­selben Todes­formen (S. 264).
Dieser Grundsatz gilt für sämt­liche von den NS-Repres­si­ons­or­ganen Betroffen und er ist, bis heute nicht überall Konsens. Daher ist das Buch von Dagmar Lieske so wichtig und ver­dient viele Lese- rInnen. Und daher sollte die von ihr mit initi­ierte Petition zur Aner­kennung vom im NS als „Aso­ziale oder Berufs­ver­brecher“ Ver­folgte viel Unter­stützung bekommen.
Peter Nowak

Anmerkung:

1) https://www​.change​.org/​p​/​d​e​u​t​s​c​h​e​r​-​b​u​ndes- tag-aner­kennung-von-asozo­zialen-und-berufsver- bre­chern-als-opfer-des-natio­nal­so­zia­lismus

Lese­tipps:

Lieske Dagmar: Unbe­queme Opfer? „Berufs­ver­brecher“ als Häft­linge im KZ Sach­sen­hausen, Metropol Verlag, Berlin 2016, 365 Seiten, ISBN 978–3‑86331–297‑9
Anne Allex (Hg.): ‚Sozi­al­ras­sis­tische Ver­folgung im deut­schen Faschismus, AG Spak Buch, Berlin 2017, 434 Seiten, 28 Euro

oktober 2018/432 gras­wur­zel­re­vo­lution

Peter Nowak

Kein dauerhafter Gedenkort

Die Fon­ta­ne­pro­menade 15 sollte an jüdische Zwangs­ar­beiter erinnern. Ver­hand­lungen sind nun gescheitert

Die Fon­ta­ne­pro­menade 15 in Kreuzberg wird doch kein dau­er­hafter Gedenkort. In dem Gebäude war zwi­schen 1938 und 1945 die „Zen- trale Dienst­stelle für Juden“ des Ber­liner Arbeitsamts unter­ge­bracht. Von dort aus wurden etwa 26.000 Ber­liner Jüdinnen und Juden in Zwangs­arbeit in unter­schied­liche Betrieben genötigt. Die deutsch-israe­lische Jour­na­listin und Holo­caust-Über­le­bende Inge Deutschkron gehört zu den Opfern. In einem offenen Brief an den Ber­liner Kul­tur­senat im Jahr 2016 bezeichnete sie die Fon­ta­ne­pro­menade 15 als Ort, der zum „Aus­gangs­punkt unsäg­lichen Leidens geworden ist“, und for­derte, dass das Gebäude eine Nutzung erfährt, „die seiner his­to­ri­schen Bedeutung gerecht wird“. Diese Hoffnung dürfte sich nicht erfüllen.

Ver­hand­lungen über eine Anmietung von Räumen für einen dau­er­haften Gedenkort waren nicht erfolg­reich, heißt es in einer Pres­se­mit­teilung der Senats­ver­waltung für Kultur von Anfang Mai. Die Flächen seien nicht bar­rie­refrei und es fehle an sani­tären Anlagen. Doch auch wirt­schaft­liche Gründe werden genannt: „Der Eigen­tümer ist nach seiner Bau­in­ves­tition gebunden, die Flächen an einen um- satz­steu­er­pflich­tigen Mieter zu ver­geben, damit scheidet die Topo­graphie des Terrors aus.“

Der Bremer Architekt Marc Brune, der das Gebäude 2015 erwarb, hat sich nun bereit erklärt, die Ein­gangs­halle des Hauses an zwei Tagen im Jahr für die inter­es­sierte Öffent­lichkeit zugänglich zu machen. Das ist nicht einmal genug Zeit, um eine Aus­stellung auf­zu­bauen, kri­ti­siert Anne Allex, die im Verein Gedenkort Fon­ta­ne­pro­menade 15 aktiv ist. Sie hatte seit Juni 2017 ein Gedenk­konzept ent­wi­ckelt und stand mit der Senats­ver­waltung und dem Haus­ei­gen­tümer im Kontakt. Der Ein­richtung als Gedenkort schien nichts mehr im Wege zu stehen. Im Ber­liner Dop­pel­haushalt 2018/19 waren 50.000 Euro für die Ent­wicklung des Gedenk­ortes vor­ge­sehen. „Unser Verein kämpft weiter für die Durch­führung der Bil­dungs­arbeit am authen­ti­schen Ort. Doch von der Senats­ver­waltung fühlen wir uns dabei im Stich gelassen“, betont Allex.

don­nerstag, 24. mai 2018 taz 

Peter Nowak

Wie die Armen und nicht die Armut bekämpft werden

Woh­nungs- und Obdachlose sind den Angriffen besonders aus­ge­liefert

Hilfe für Woh­nungs- und Obdachlose Men­schen ist gerade in der kalten Jah­reszeit dringend not­wendig. Doch nicht überall sind alle Betrof­fenen will­kommen. Der Verein Dres­dener Bürger helfen Dresdner Obdach­losen e.V. hat nicht zufällig gleich zweimal den Namen der Stadt im Ver­eins­namen. In der Satzung heißt es: »Der Verein Dresdner Bürger helfen Dresdner Obdach­losen und Bedürf­tigen e.V. unter­stützt Dresdner Obdachlose und Bedürftige. Wenn Sie unsere Ziele als Mit­glied oder För­der­mit­glied unter­stützen möchten, dann sind Sie herzlich will­kommen.«

Ein Reporter der Zeit wollte vom Ver­eins­gründer wissen, ob auch in Dresden lebende Flücht­linge Unter­stützung bekommen. Der gab darauf keine Antwort. Nach Recherchen der Zeit sind die Gründer des Vereins fest in der rechten Szene und bei Pegida ver­ankert. Es ist nun nicht unge­wöhnlich, dass Rechte die hei­mi­schen Woh­nungs- und Obdach­losen für ihre Pro­pa­ganda ent­decken. Sie werden so gegen Migranten aus­ge­spielt.

Da werden auf rechten Inter­net­seiten schon mal Bilder von bet­telnden Men­schen gepostet und dann gefragt, warum für sie kein Geld da ist, das dann angeblich für die Fremden aus­ge­geben wird. Wie die Rechte erst dann Frau­en­rechte ent­deckten, als es gegen die ara­bi­schen und afri­ka­ni­schen Männer ging und sie sich als Kämpfer gegen den angeblich aus den ara­bi­schen Ländern expor­tierten Anti­se­mi­tismus gerierten, so haben sie die Obdach- und Woh­nungs­losen erst ent­deckt, als sie sie gegen Migranten aus­spielen konnten.

Der Publizist und Autor Lucius Tei­delbaum schätzt, dass das Interesse der Rechten an Woh­nungs- und Obdach­losen bald wieder nach­lässt. Er hat sich mit dem Hass auf Obdach­losen nicht nur in der rechten Szene befasst. »Obdach­lo­senhass und Sozi­al­dar­wi­nismus« lautet der Titel seines Buches zum Thema.

Sozi­al­dar­wi­nismus oder Spielart des Ras­sismus?

Der Begriff Sozi­al­dar­wi­nismus sorgte durchaus für Kon­tro­versen bei einer Ver­an­staltung von Tei­delbaum in Berlin. Anne Allex vom Arbeits­kreis Mar­gi­na­li­sierte gestern und heute lehnt den Begriff Sozi­al­dar­wi­nismus ab. Sie bezeichnet »Frem­den­feind­lichkeit«, »Behin­der­ten­feind­lichkeit« und Anti­se­mi­tismus als Spiel­arten des Ras­sismus.

»Denn die zen­trale Kate­gorie des Ras­sismus heißt ‚Min­der­wer­tigkeit‘, egal ob sie gegen Leute mit anderer Haut­farbe, Religion, Her­kunft oder Arme und Woh­nungslose gerichtet ist«, so Allex. Vor einigen Jahren hat ein anti­ras­sis­ti­sches Bündnis, das sich gegen die Pro­pa­ganda von Thilo Sar­razin wandte, den Begriff Sozi­al­chau­vi­nismus ver­wendet. Er hat den Vorteil, dass er in letzter Instanz die kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­logik in den Fokus der Kritik rückte. In der Selbst­ver­ständ­nis­er­klärung des Bünd­nisses gegen Sozi­al­chau­vi­nismus hieß es:

Mit der glo­balen Krise sind Ras­sismus und Sozi­al­chau­vi­nismus in den poli­ti­schen Alltag zurück­ge­kehrt. Unter Druck geraten vor allem Erwerbslose, prekär Beschäf­tigte und Men­schen, denen eine migran­tische, ins­be­sondere mus­li­mische Iden­tität zuge­schrieben wird. Doch auch der Rest der Gesell­schaft wird auf­ge­mischt. Die Hetze gegen ver­meint­liche »Sozialschmarotzer_​innen« und »Integrationsverweiger_​innen« ebnet den Weg für eine umfas­sende Ver­schärfung kapi­ta­lis­ti­scher Stand­ort­po­litik.

Grün­dungs­statement der Bünd­nisses gegen Ras­sismus und Sozi­al­chau­vi­nismus (BgRS)

»Das war ja nur ein Penner«

Woh­nungs- und Obdachlose sind den Angriffen besonders aus­ge­liefert, weil sie eben keine Tür hinter sich schließen können. Auf dem »Blog für Straße und Leben« Ber­berinfo werden die Angriffe auf diese Men­schen bis zum Mord doku­men­tiert. Dort sind auch die Zahlen der getö­teten Obdach- und Woh­nungs­losen auf­ge­führt.

Einige bun­desweit bekannt gewordene Morde an Obdach­losen, für welche Neo­nazis ver­ant­wortlich sind, werden dort auch auf­ge­führt. Es sei hier nur ein Fall her­aus­ge­griffen, an dem deutlich wird, wie nicht nur die Rechten, sondern auch die viel­zi­tierte Mitte der Gesell­schaft an der Dis­kri­mi­nierung von Woh­nungs- und Obdach­losen beteiligt sind. Es geht um Günther Schwan­necke. Über ihn heißt es im Ber­berinfo:

29.08.1992: Günter Schwan­necke (58), ein zeit­ge­nös­si­scher Kunst­maler, wird am 29. August 1992 von einem Neonazi in Berlin-Char­lot­tenburg erschlagen. Mit einem anderen Woh­nungs­losen, Hagen Knuth, saß er abends auf der Bank eines Spiel­platzes an der Pes­ta­lozzi-/Frit­sche­s­traße. Die beiden Neo­nazis Norman Zühlke und Hendrik Jähn, damals in der rechts­ex­tremen Szene aktiv, kamen hinzu, um eben­falls dort sit­zende Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund ras­sis­tisch zu belei­digen und zu ver­treiben.

Günter Schwan­necke und Hagen Knuth bewiesen Zivil­courage und mischten sich ein. Nachdem die ursprüng­lichen Opfer der beiden Angreifer flüchten konnten, richtete sich ihre Wut gegen die beiden Woh­nungs­losen. Zühlke schlug mit einem Alumium-Base­ball­schläger auf die beiden ein. Hagen K. wurde nach schwerem Hirn­trauma im Kran­kenhaus gerettet, doch Günter Schwan­necke starb am 5. Sep­tember 1992 an den Folgen von Schä­del­bruch und Hirn­blu­tungen. Der Täter, der nach eigener Aussage »seine Aggres­sionen abre­agieren« wollte, wird später wegen Kör­per­ver­letzung mit Todes­folge zu sechs Jahren Haft ver­ur­teilt. Das Land­ge­richt Berlin hob hervor, dass seine ras­sis­tische Gesinnung ursächlich für die Tat gewesen ist. Zühlke sei bei der Urteils­ver­kündung ent­setzt gewesen, seine Skin­head­freunde kom­men­tierten das Urteil aus dem Zuschaue­rIn­nen­be­reich: »Wieso? Der war doch nur ein Penner!««

Ber­berinfo

»Der war ja nur ein Penner!« Diese Denke war auch der Grund, dass der Mann jah­relang ver­gessen war, obwohl er sterben musste, weil er Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund vor Neo­na­zi­an­griffen ver­tei­digte. Als der Geschäftsmann Dominik Brunner viele Jahre später in München an einem Herz­in­farkt starb, nachdem er Jugend­liche vor über­grif­figen migran­ti­schen Männern ver­teidigt hatte, wurde er bun­desweit zum Helden erklärt und war sogar posthum als Träger des Bun­des­ver­dienst­kreuz im Gespräch.

Dass Schwan­necke schließlich doch noch einen Gedenkort auf dem Platz seiner Ermordung erhielt, ist einer zivil­ge­sell­schaft­lichen Initiative zu ver­danken. Die Ber­liner Obdach­lo­sen­hilfe, die explizit Men­schen unab­hängig von ihrer Her­kunft unter­stützt, hatte in Berlin-Moabit Pro­bleme mit Bezirks­po­litik und Anwohnern bekommen, weil sie auf einen zen­tralen Platz kos­tenlos Essen für woh­nungslose Men­schen ver­teilt hatte.

Obdach­lo­sigkeit ist kein Ver­brechen

Die Ber­liner Obdach­lo­sen­hilfe gehörte auch zu den wenigen Gruppen, die Mitte November eine Pro­test­kund­gebung gegen die vom Grünen Bezirks­bür­ger­meister Stephan von Dassel ver­ant­wor­teten Räu­mungen von woh­nungs­losen Men­schen ver­an­stal­teten.

Dabei wird selten erwähnt, dass auch die von der Räu­mungen betrof­fenen Men­schen mit einem Trans­parent pro­tes­tierten. Auf diesem stand: »Obdach­lo­sigkeit ist kein Ver­brechen.« Die Wed­dinger Orts­gruppe der Ber­liner Mie­ter­ge­mein­schaft stellte noch einmal den Zusam­menhang zwi­schen der Politik und der wach­senden Obdach- und Woh­nungs­lo­sigkeit her:

Wer heute zwangs­ge­räumt wird hat kaum Mög­lich­keiten auf­grund von Woh­nungsnot und Mie­ten­wahnsinn eine Aus­weich­wohnung zu finden. Das geschützte Markt­segment – der letzte Anker vor der Straße – liegt brach. Gleich­zeitig erinnern uns die Armen der Öffent­lichkeit daran, dass etwa auf den zahl­reichen Bau­stellen dieser Stadt, Men­schen zu Hun­ger­löhnen schuften müssen oder – wie im Fall der Mall of Shame – gar nicht bezahlt werden. Häufig bleibt den aus­ge­beu­teten Arbeiter*innen nur die Platte oder ein Bett in der Käl­te­not­hilfe.

Wed­dinger Orts­gruppe der Ber­liner Mie­ter­ge­mein­schaft

Wie schnell dann vor allem Lohn­ab­hängige von außerhalb Deutsch­lands zum Opfer werden können, zeigte sich vor wenigen Tagen in Berlin-Fried­richshain. In einem sehr belebten Tunnel starb am 5. Dezember ein Mann aus Polen. Sein Freund hat mit Blumen und Kerzen für eine kurze Zeit einen Gedenkort an der Stelle, an der er in den letzten Monaten lebte und im Ber­liner Winter starb, errichtet und mit einen Infor­ma­ti­ons­blatt auch daran erinnert, wie schnell es gehen kann, in Berlin ganz unten und ganz draußen zu sein.

Der Mann kam aus Polen, arbeitete mehrere Jahre in Berlin als selbst­stän­diger Hand­werker, ver­schuldete sich und dann begann die Spirale von Armut, Verlust der Wohnung und schließlich das Sterben in der Öffent­lichkeit. Als pol­ni­scher Staats­bürger konnte er von den deut­schen Behörden keine Hilfe erwarten. Bei den rechten Ver­einen, die sich plötzlich der Hilfe für Obdachlose ver­schrieben haben, wäre er eben­falls nicht will­kommen gewesen und Orga­ni­sa­tionen wie die Ber­liner Obdach­lo­sen­hilfe, die alle Men­schen ohne Unter­schied unter­stützen, haben nicht genug Kapa­zi­täten, um in ganz Berlin präsent zu sein.

Peter Nowak
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[7] http://​www​.anne​-allex​.de/
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Noch nicht Geschichte

VVN-Kon­ferenz mahnt

In ein­dring­lichen Worten beschwor der 90-jährige Volkmar Har­nisch die Anwe­senden, dem Auf­stieg einer neuen rechts­po­pu­lis­ti­schen Bewegung in Deutschland ent­gegen zu treten. Er war 1944 im Alter von 17 Jahren von den Nazis inhaf­tiert worden. Am Frei­tag­abend eröffnete er in der TU Berlin eine Kon­ferenz der Ver­ei­nigten der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schis­ti­schen (VVN-BdA). Unter dem Titel »Deutschland wieder gut­ge­macht?« befasste sie sich mit dem Wandel der Erin­ne­rungs­po­litik an das NS-Régime. Har­nisch ist einer der wenigen noch lebenden Wider­stands­kämpfe

Wie wird eine Erin­ne­rungs­po­litik ohne die Zeit­zeugen aus­sehen? Das ist eine Frage, die sich auch der Leiter der KZ-Gedenk­stätte Neu­en­gamme Detlef Garbe in seinem Ein­füh­rungs­re­ferat stellte. Er warnte vor einem »Auf­ar­bei­tungs­stolz« deut­scher Poli­tiker, die eine neue Rolle Deutsch­lands in der Welt­po­litik damit begründen, dass das Land sich der NS-Geschichte vor­bildlich gestellt habe. Garbe erin­nerte daran, dass bis in die 1980er Jahre der Kampf um Erin­ne­rungsorte von NS-Terror und Ver­folgung eine Aufgabe zivil­ge­sell­schaft­licher Orga­ni­sa­tionen war und von der Politik oft igno­riert oder gar sabo­tiert wurde. Er betonte, Gedenk­po­litik müsse auch wei­terhin poli­tisch ver­un­si­chern. Wenn die AfD in den Bun­destag ein­ziehe, stünden ihr auch Sitze in Kom­mis­sionen zu, die sich mit Gedenk­po­litik befassen. Zudem beklagte der His­to­riker dar­aufhin, dass der Etat für die Auf­ar­beitung der DDR-Geschichte größer sei als für die Erin­nerung an den NS-Terror. Der Publizist Wolfgang Herzberg wie­derum, der als Kind jüdi­scher Kom­mu­nisten im bri­ti­schen Exil geboren wurde, ver­wahrte sich in einer enga­gierten Rede gegen die Gleich­setzung der DDR mit dem NS-Régime.

In einer von der His­to­ri­kerin Cor­nelia Siebeck mode­rierten Podi­ums­dis­kussion ging es dann um die Frage, wie eine Erin­ne­rungs­po­litik aus­sehen kann, die in die aktuelle Politik kri­tisch inter­ve­nieren will. Nach dem Tod der letzten Zeit­zeugen befürchtet sie eine His­to­ri­sierung des Faschismus. Der Publizist und Jurist Kamil Majchrzak verwies in diesem Kontext auf die Ver­ant­wortung der dritten Generation, der Kinder und Enkel von NS-Opfern und Wider­stands­kämpfern. Dabei griff er eine Dis­kussion auf, die in Israel schon einige Jahre geführt wird. Majchrzaks Groß­vater war NS-Wider­stands­kämpfer und KZ-Häftling. Dessen Erfah­rungen hätten auch ihn geprägt.

Für Anne Allex von der AG »Mar­gi­na­li­sierte gestern und heute« ist Geschichte der Ver­folgung in der NS-Dik­tatur noch längst nicht voll­ständig erforscht. Sie wies dar­aufhin, dass Men­schen, die von den Nazis als »arbeits­scheu« und »asozial« klas­si­fi­ziert wurden, bis heute keine Ent­schä­digung erhalten haben und in den Nach­kriegs­jahren oft weiter ver­folgt wurden. Der Wis­sen­schaftler Stefan Heinz, der in einem For­schungs­projekt der FU Berlin über das Schicksal von Gewerk­schaftern und Gewerk­schaf­te­rinnen im NS-Staat mit­ar­beitet, ist der Über­zeugung, dass vor allem die Wider­stands­ge­schichte der Arbei­ter­be­wegung gegen die Hit­ler­dik­tatur noch nicht aus­ge­forscht sei.

Die gut­be­suchte Kon­ferenz machte deutlich, dass die Gruppe jener wächst, die sich gegen Ver­suche stemmt, die Erin­ne­rungs­po­litik an die Ver­brechen des NS-Staates als ver­gangene Geschichte zu betrachten.

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Peter Nowak

Und sie macht nicht frei

Anne Allex im Gespräch über die »Arbeits­scheuen«- Ver­folgung im Faschismus und zum Umgang mit Erwerbs­losen damals wie heute

Vor zehn Jahren hat Anne Allex den »Arbeits­kreis Mar­gi­na­li­sierte gestern und heute« mit­be­gründet. Jetzt hat sie den Sam­melband »Sozi­al­ras­sis­tische Ver­folgung im deut­schen Faschismus« her­aus­ge­geben, in dem eine erste Bilanz der Gedenk­arbeit für als »asozial« und »kri­minell« stig­ma­ti­sierte Men­schen im Natio­nal­so­zia­lismus (NS) gezogen wird. Mit ihr sprach Peter Nowak.

Ihr neuer Band gibt einen Über­blick über das Gedenken an die im NS als »asozial« stig­ma­ti­sierte Men­schen. Warum war das Thema lange auch bei den poli­tisch Ver­folgten der Arbei­ter­be­wegung tabu?
Die Wis­sen­schaft »Ras­sen­hy­giene« trugen in der Wei­marer Republik alle welt­an­schau­lichen Strö­mungen. Daher gingen auch poli­tisch Ver­folgte der Ideo­logie des angeblich ver­schie­denen »Wertes der Men­schen« auf den Leim. Dieses Phä­nomen der Teile-und herrsche-Politik ragte bis in die Straf­ge­setz­gebung der DDR hinein.

In welcher Form bei­spiels­weise?
Es gab den Para­grafen 249 im DDR-Straf­ge­setzbuch, der die Gefährdung der öffent­lichen Ordnung durch aso­ziales Ver­halten näher bestimmte. Dort wurde unter­stellt, dass Per­sonen sich aus Arbeits­scheu einer gere­gelten Arbeit hart­näckig ent­zögen, obwohl sie arbeits­fähig sind.

Der Arbeits­kreis »Mar­gi­na­li­sierte« koope­riert mit der Lager­ge­mein­schaft Ravens­brück, einst gegründet von Über­le­benden der Frau­en­kon­zen­tra­ti­ons­lager. Wie sieht diese Zusam­men­arbeit aus?
Die Lager­ge­mein­schaft Ravens­brück hat sich seit ihrem Bestehen dafür ein­ge­setzt, alle Lager­flächen für die Gedenk­arbeit zugänglich zu machen. Sie unter­stützen die Ansinnen der jungen Frauen der Uckermark-Initiative für einen Gedenkort an das KZ Uckermark seit Beginn. Als Arbeits­kreis arbeiten wir mit beiden Orga­ni­sa­tionen gut zusammen. Für uns ist es immer wieder erfri­schend, zu bemerken, dass wir als Kinder und Enkel von Ver­folgten gleiche Gedanken und Emp­fin­dungen zur Zeit­ge­schichte und recht analoge Kri­tiken an den Insti­tu­tionen ent­wi­ckeln.

Sie waren ursprünglich Akti­vistin der Erwerbs­lo­sen­be­wegung. Warum haben Sie vor zehn Jahren den »AK Mar­gi­na­li­sierte gestern und heute« mit­be­gründet?

Erwerbs­losen im deut­schen Faschismus wurde grund­sätzlich »Arbeits­scheu« unter­stellt; das beinhaltete einen »Hang zum Ver­brechen«. In der deut­schen Geschichte wurde Erwerbs­losen durch­gehend die Schuld an ihrer Situation in die eigenen Schuhe geschoben. Das war bereits vor 1933 so, was sich beim Phä­nomen der soge­nannten Arbeits­häuser zeigt. Die Faschisten wollten Erwerbslose als »Min­der­wertige« aus­rotten. Nach 1945 wurde in der BRD die Zwangs­arbeit laut Bun­des­so­zi­al­hil­fe­gesetz ein­ge­führt, die ver­fäl­schend »Hilfe zur Arbeit« hieß. Seit 2005 kennen wir Zwangs­arbeit – so nennt es auch die Inter­na­tionale Arbeits­or­ga­ni­sation ILO – in Form von »Ein-Euro-Jobs«. Deutschland erweist sich im Umgang mit Erwerbs­losen seit mehr als einem Jahr­hundert als ler­nun­fähig. Breite Gesell­schafts­teile unter­stützen süf­fisant ver­let­zende Dif­fa­mie­rungen Dritter, weil sie Sün­den­böcke brauchen. Man­gelndes Ein­füh­lungs­ver­mögen und auch die Faulheit in der Aus­ein­an­der­setzung mit den NS-Pos­tu­laten bei Gedenk­ver­wal­tungen zeigen dies.

Können Sie ein Bei­spiel dafür nennen?
Die Auf­schriften auf Stol­per­steinen Gunter Demnigs und der Stol­per­stein­ko­or­di­nie­rungs­stellen Hamburg und Berlin deuten auf ver­meint­liche Cha­rak­ter­ei­gen­schaften hin, die von den Nazis unter­stellt wurden. Auch wurden 2016 an der Welt­zeituhr am Ber­liner Alex­an­der­platz fünf Stol­per­steine verlegt, die unter anderem »Vor­beu­gehaft« und »Arbeits­haus­auf­ent­halte« in Rum­melsburg anführen.

Wo sehen Sie heute Kon­ti­nui­täten bei der Aus­grenzung von ein­kom­mens­armen Men­schen?
Im abschät­zigen Umgang mit Erwerbs­losen sehe ich erschre­ckende Par­al­lelen zu den Jahren ab 1924. Job­center ver­suchen die kläg­lichen Arbeits­lo­sengeld-II-Leis­tungen zum Bei­spiel mit Sank­tionen zu beschneiden, sie pro­bieren auch, Per­sonen mit Mit­wir­kungs­re­ge­lungen aus dem Leis­tungs­bezug zu kicken, in völ­liger Unkenntnis von Ver­wal­tungs­ver­fahren und auf­grund juris­ti­scher Fehl­an­nahmen. Als gele­gent­licher Bei­stand erlebe ich alle Facetten von Anmaßung, Kri­mi­na­li­sierung und Psych­ia­tri­sierung, dass mir die Haare zu Berge stehen.

Wo werden Ihre Schwer­punkte in nächster Zeit liegen?
Neben Buch­prä­sen­ta­tionen denken wir im Arbeits­kreis über die Wei­ter­führung unserer Arbeit zum ehe­ma­ligen Ber­liner Arbeitshaus Rum­melsburg nach. Gegen­wärtig sind wir stärker mit anderen Ver­folg­ten­gruppen im Gespräch, um unser Wissen über »Aso­ziale« und »Kri­mi­nelle« in allen Orga­ni­sa­tionen, die sich mit Gedenk­arbeit und dem Kampf gegen Faschismus beschäf­tigen, zu erweitern.

Anne Allex (Hg): Sozi­al­ras­sis­tische Ver­folgung im deut­schen Faschismus. Kinder, Jugend­liche, Frauen als soge­nannte »Aso­ziale« – Schwie­rig­keiten beim Gedenken, Verlag AG Spak, 2017, 447 Seiten, 28 €.

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Peter Nowak

Ganz am Rand

Den Namen »Schick­sals­ge­mein­schaft der Ver­ges­senen« wollte sich 1946 eine Gruppe von Ver­folgten des Nazi­re­gimes in Berlin geben. Ihnen ­wurde von den Alli­ierten die Zulassung als Verein ver­weigert. Es han­delte sich um Men­schen, die als asozial und arbeits­scheu stig­ma­ti­siert worden waren. Dar­unter konnten alle Men­schen fallen, die sich nicht den Normen anpassten, die der NS-Staat und die deutsche Volks­ge­mein­schaft gesetzt hatten. Obwohl sie zeit­weilig die größte Gruppe der KZ-Häft­linge stellten, wurden sie in der BRD und der DDR wei­terhin stig­ma­ti­siert und ver­folgt. Erst in den ver­gan­genen Jahren erfor­schen Initia­tiven das Schicksal dieser Men­schen und fordern ein wür­diges Gedenken. Der 2007 gegründete »AK Mar­gi­na­li­sierte gestern und heute« spielt dabei eine wichtige Rolle. Seine Mit­be­grün­derin Anne Allex hat nun einen Sam­melband heraus­gegeben, der einen Über­blick über die Initia­tiven gibt, die sich für die Aner­kennung der beschwie­genen NS-Opfer ein­setzen. Die Bemü­hungen um einen Gedenkort in der Nähe des ehe­ma­ligen Ber­liner Arbeits­hauses Rum­melsburg werden ebenso dar­ge­stellt wie die Uckermark-Initiative, die durch­setzen konnte, dass die Inhaf­tierung von Mädchen und jungen Frauen in KZ nicht mehr mit dem Täter­be­griff Jugend­schutz­lager belegt wird. Der Uckermark-Initiative gelang auch eine Koope­ration mit der Lager­ge­mein­schaft Ravens­brück, die die Inter­essen der poli­ti­schen Gefan­genen ver­tritt, die sich oft von den als asozial stig­ma­ti­sierten Häft­lingen distan­zierten. Das Buch ­besticht durch eine Mischung aus Berichten von geschichts­po­li­ti­schen Initia­tiven und wis­sen­schaft­lichen Texten über die Ver­folgung soge­nannter Aso­zialer. Her­vor­zu­heben sind die Inter­views mit den letzten Über­le­benden und ihren Ange­hö­rigen. Sie wurden nicht ver­gessen, sondern zum Schweigen gebracht, wie Allex schreibt.

Anne Allex (Hg.): Sozi­al­ras­sis­tische Ver­folgung im deut­schen Faschismus. AG Spak Buch, Berlin 2017, 434 Seiten, 28 Euro

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Peter Nowak