
der Freitag: Jüngst endete die Klausur der Bundesregierung. Sie sind auf deren Politik nicht gut zu sprechen. Was kritisieren Sie? …
… Pawel Bechthold: Wirtschaftsministerin Katherina Reiche arbeitet an einer Erneuerung des EEG. Diese Änderung stellt einen Angriff auf die Wind- und Solarbranche dar und gefährdet Zehntausende Arbeitsplätze in der Branche.
Welche Pläne hat das Bundeswirtschaftsministerium genau?
Das Bundeswirtschaftsministerium plant an vielen Stellen kleine Änderungen, die in der Kombination das Potenzial für einen Fadenriss im Ausbau der erneuerbaren Energien haben. Ein wichtiger Punkt ist das Ende der garantierten vollständigen Einspeisung für Wind- und Solaranlagen. Ein zweiter kritischer Punkt ist, dass in Regionen mit überlasteten Stromnetzen die Entschädigung bei erzwungener Abregelung von Wind- und Solarparks entfallen soll.
Bei meiner Wahl des Ausbildungsplatzes hat auf jeden Fall eine Rolle gespielt, dass ich mich auch in meinem Berufsleben für die Energiewende einsetzen wollte
Welche Folgen hätte eine Umsetzung dieser Maßnahmen?
Ein drohender Verlust von vielen Arbeitsplätzen. Die Folgen spüren wir schon heute. Es gibt eine große Verunsicherung in der Branche. Viele verschieben den Bau von Windrädern wegen der drohenden Rückschritte und die Kosten durch Umplanungen steigen.
Sie engagieren sich dagegen in der „Aktion Wind“. Was hat es damit auf sich?
Die Aktion wurde initiiert von Menschen aus der Klimabewegung, die den Einsatz für Klimagerechtigkeitund den Kampf für gute Arbeitsbedingungen in Deutschland zusammenbringen wollten.
Haben Sie sich bewusst für einen Ausbildungsplatz in der Branche der Erneuerbaren entschieden?
Ich war bei Fridays for Future engagiert. Bei meiner Wahl des Ausbildungsplatzes hat auf jeden Fall eine Rolle gespielt, dass ich mich auch in meinem Berufsleben für die Energiewende einsetzen wollte. Uns wurde von Politiker*innen damals oft entgegnet, wenn wir in der Schule bleiben und uns einen Klimajob suchen, würden wir mehr fürs Klima tun als durch den Schulstreik.
Uns wurde von Politiker*innen damals entgegnet, wenn wir einen Klimajob suchen, würden wir mehr fürs Klima tun als durch den Schulstreik. Das war verlogen
Wie verlogen dieses Argument war, zeigt sich auch dadurch, dass dieselben Politiker*innen heute unsere Zukunftsjobs in Gefahr bringen.
Stoßen Sie mit der Kritik bei Ihren Kolleg*innen auf offene Ohren?
Das ist sehr unterschiedlich. Nicht alle, die dort arbeiten, machen das aus Klimaschutzgründen. Für viele ist das einfach ein Job, um Geld zu verdienen, wie jeder andere auch. Es ergeben sich aber interessante Gespräche, wenn man über längere Zeit mit den Kolleg*innen zusammenarbeitet, beispielsweise bei der Wartung eines Windrads.
Wie kommt Ihr Protest bei den Kolleg*innen an?
Aktuell sammle ich Unterschriften für die Petition an die Bundesregierung. Dort werden gesicherte tarifliche Arbeitsplätze und ein starker Ausbau der erneuerbaren Energien gefordert. Ich freue mich, dass es unter den rund 100 Auszubildenden in meinem Unternehmen auch mit denen gute Gespräche gab, mit denen ich politisch nicht immer einer Meinung bin. Ich habe auf der Arbeit aber noch keine Kolleg*innen getroffen, die schlecht finden, was wir tun, aber mit vielen ist ein Gespräch eine Voraussetzung, damit sie unterschreiben.
Wie geht es mit der Petition weiter?
Sie soll lokalen Bundestagsabgeordneten in einer öffentlichen Aktion übergeben werden, wenn rund 50 Prozent der Beschäftigten in der Branche in einer Region unterschrieben haben. So weit sind wir bisher aber in keiner Region. Da müssen noch einige Gespräche geführt werden.
Wir sind nicht naiv und wissen, dass wir mit einer Petition allein die Politik der Bundesregierung nicht verändern werden
Was hindert Beschäftigte in Ihrer Branche an der Unterzeichnung der Petition, wenn es doch um ihre Arbeitsplätze geht?
Ich habe mir erst kürzlich die Proteste gegen den Kohleausstieg 2018/2019 angesehen, an denen sich ein Großteil der Beschäftigten beteiligte. Die waren aber zu über 80 Prozent gewerkschaftlich organisiert. In unserer Branche sind es etwa 10 Prozent. Da liegt ein wichtiger Unterschied, das müssen wir ändern.
Was ist die Ursache für den niedrigen gewerkschaftlichen Organisierungsgrad in Ihrer Branche?
Ein Grund ist, dass die Erneuerbaren dezentral aufgestellt sind. Es gibt viele kleine Betriebe. Da ist die Organisierung schwerer. Die Kohleindustrie war hingegen zentral, was auch den Eintritt in die Gewerkschaft begünstigte. Zudem gibt es auch bei vielen progressiven Beschäftigten bei uns die Vorstellung, wir wären Freund*innen mit dem Chef und klärten Probleme ohne Gewerkschaft. Das ist eine Einstellung, die uns spätestens auf die Füße fällt, wenn unsere Branche Gegenwind aus der Politik bekommt.
Gibt es schon Überlegungen, welche Aktionen Sie neben der Petition machen wollen, um den Angriff auf die Erneuerbaren zu stoppen?
Wir sind nicht naiv und wissen, dass wir mit einer Petition allein die Politik der Bundesregierung nicht verändern werden. Die Petition dient vor allem dazu, mit den Kolleg*innen ins Gespräch zu kommen und sich zu organisieren. Wenn wir da mehr Beschäftigte erreicht haben, werden wir auch weitere Schritte gegen die Politik der Bundesregierung unternehmen.
Es ist doch klar, dass viele der Beschäftigten wütend sind, dass die Bundesregierung nicht nur ihre Jobs infrage stellt, sondern auch die dringend nötige Energiewende ausbremst. Und viele Menschen sind frustriert, dass auch nach diesem Hitzesommer der Kampf gegen die Klimakrise in Deutschland hinten angestellt wird.
Wenn wir uns für unsere Interessen einsetzen, und damit Erfolg haben, zeigen wir deutlich, dass es möglich ist, gemeinsam etwas zu verändern
Es gibt auch weitere Angriffe der Merz-Bundesregierung gegen Rechte von Arbeiter*innen, darunter auf den Achtstundentag, die Rente und die Kürzungen im sozialen Bereich.
Wir werden uns in verschiedenen Städten an den Protesten gegen die Sozialkürzungen, die Angriffe auf den Achtstundentag und so weiter beteiligen. Dieser Kampf hat für die Gewerkschaften eine solch zentrale Bedeutung, dass die Angriffe auf die Energiewende dort nur eine untergeordnete Rolle spielen werden. Wir werden aber auch dort Mitstreiter*innen für unsere Proteste suchen und versuchen, auf die spezielle Lage in der Windindustrie aufmerksam zu machen.
Aktuell wird viel vom Kampf gegen Rechts gesprochen. Sehen Sie ihren Kampf als einen Teil davon?
Ja, denn ein wichtiger Teil vom Kampf gegen rechts ist, dass Kolleg*innen sich klar werden, mit wem sie Interessen teilen und mit wem nicht. Das geht am besten in persönlichen Gesprächen, die wir auch bei unserer Protestkampagne führen. Wenn wir uns am Arbeitsplatz für unsere Interessen einsetzen, uns organisieren, und dann auch Erfolg haben, zeigen wir deutlich, dass es möglich ist, gemeinsam etwas zu verändern. Das ist auch ein Beitrag gegen die Resignation vieler Menschen. Interview: Peter Nowak