Paula Thiede war die weltweit erste Vorsitzende einer geschlechtergemischten Gewerkschaft. Bisher war wenig über die Hilfsarbeiterin bekannt. Nun hat der Historiker Uwe Fuhrmann ein Buch über sie verfasst

„Selbst ihr Geburtsname Pauline Berlin war unbekannt“

Frau Berlin: Paula Thiede. Vom Arbei­terkind zur Gewerk­schafts­vor­sit­zenden“, UVK, Berlin 2019, 227 Seiten,17 Euro.

Uwe Fuhrmann: Paula Thiede hat es als Hilfs­ar­bei­terin, als zeit­weise ver­armte und lange allein­er­zie­hende Mutter mit pro­le­ta­ri­schem Hin­ter­grund geschafft, über viele Jahre eine Gewerk­schafts­funktion aus­zuüben, und wurde die weltweit erste Vor­sit­zende einer gemischt­ge­schlecht­lichen Gewerk­schaft. Sie war eine der ganz wenigen haupt­amt­lichen Gewerk­schaf­te­rinnen dieser Zeit. Das ist auch der Grund, warum das Paula-Thiede-Ufer nach ihr benannt wurde, an dem heute die Bun­des­zen­trale der Gewerk­schaft Verdi zu finden ist.

Was macht sie so besonders?

Die meisten anderen Frauen der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung, die heute noch bekannt sind, sind in bil­dungs­af­finen Milieus groß geworden, wie etwa Rosa Luxemburg. Paula Thiede begann ihre Arbeit…

.…an den Druck­schnell­pressen nach acht Jahren Schule, und der Tod ihres ersten Ehe­mannes stürzte sie mitsamt ihren Kindern in die Armut. Erst mit 35 Jahren, als ihre Gewerk­schaft in der Lage war, sie für ihren Aufwand zu bezahlen, änderte sich ihre Lage dauerhaft.taz: Herr Fuhrmann, was macht­Paula Thiede 100 Jahre nach ihrem Tod noch inter­essant?

Eine unge­wöhn­liche Geschichte – doch sicher gut erforscht?

Im Gegenteil! Die größte He- raus­for­derung war die prekäre Quel­lenlage. Über einige bio- gra­fische Notizen hinaus gab es keine For­schung zu Paula Thiede. Selbst ihr Geburtsname Pauline Berlin war unbe­kannt.

Warum ist über sie so wenig bekannt?

Noch zu Beginn der 1920er Jahre hatte der Verband der gra­fi­schen Hilfs­ar­bei­te­rInnen Paula Thiede mit einem Denkmal auf dem Zen­tral­friedhof Berlin-Fried­richs­felde geehrt. Das Ver­gessen setzte erst später ein. Die Stellung als Frau mit pro­le­ta­ri­schem Hin­ter­grund ohne echte Berufs­aus­bildung hat sicher auch in den Jahren nach 1945 eine Wie­der­ent­de­ckung erschwert. Die zweite Frau­en­be­wegung suchte zudem meist nach anderen Tra­di­ti­ons­linien als Gewerk­schafts­frauen.

Ist Ihr Buch auch die Geschichte von Frauen in den Ge- werk­schaften um 1900?

Ja, es ist auch die Geschichte des Vereins der Arbei­te­rinnen der Buch­druck-Schnell­pressen, in dem Thiede gewerk­schafts­po­li­tisch sozia­li­siert wurde. Es war eine viele Jahre aktive Frauen- Gewerk­schaft, die eben­falls weit­gehend ver­gessen ist. Auch nach dem Zusam­men­schluss mit den männ­lichen Hilfs­ar­beitern waren diese Frauen sehr aktiv. Des­wegen konnte Paula Thiede Vor­sit­zende werden und lange bleiben.

Welche Fragen über Paula Thiede bleiben weiter offen?

Weil es keine Selbst­zeug­nisse von ihr gibt, sind vor allem ihre ganz per­sön­lichen Mei­nungen und ihre Gefühle kaum zu rekon­stru­ieren, ins­be­sondere ihre Ein­drücke von der feh­lenden Soli­da­rität ihrer männ­lichen Kol­legen. Zudem konnte ich das Schicksal ihrer Tochter Emma Wolter nicht ermitteln.

Interview: Peter Nowak

Thiede und das Buch

Paula Thiede wurde 1870 nahe dem Hal­le­schen Tor geboren. Mit 19 Jahren hei­ratete sie, mit 21 wurde sie Witwe. Sie schloss sich dem Verband der Arbei­te­rinnen an Buch- und Stein­druck-Schnell­presse an. Im März 1919 starb Thiede in Berlin.

Uwe Fuhrmann, Jahrgang 1979, hat in Berlin und Granada Geschichte stu­diert. Neben Geschichts­po­litik beschäftigt er sich mit dem Ein­fluss der Gewerk­schaften auf die Gesell­schaft.

Das Buch „Frau Berlin: Paula Thiede. Vom Arbei­terkind zur Gewerk­schafts­vor­sit­zenden“, UVK, Berlin 2019, 227 Seiten,17 Euro. (taz)

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