»Mein Mann wurde verprügelt«

Small Talk mit Silke Streipert über einen neo­na­zis­ti­schen Mord in Thü­ringen 2001

Am 24. Mai 2001 tötete ein damals 24jähriger Neonazi im thü­rin­gi­schen Bad Blan­kenburg den 27jährigen Epi­lep­tiker Axel U. Der Regisseur Jan Smendek erinnert mit seinem kürzlich vor­ge­stellten Doku­men­tarfilm »Das blinde Auge« an den Fall. Silke Streipert berichtet in dem Film als Zeit­zeugin über das Geschehen.

Wie gut kannten Sie das Mord­opfer?
Axel gehörte zum Stadtbild von Bad Blan­kenburg. Der Ort ist ja nicht sehr groß. Da kennt jeder jeden.

Wie haben Sie reagiert, als Sie von dem Film­projekt erfuhren?
Ich war zunächst über­rascht und habe mich gefragt, ob ich dazu nach so langer Zeit etwas bei­tragen soll. Doch dann habe mich auch gefreut, dass es doch noch die Gele­genheit gibt, dar­zu­stellen, dass Axel sterben musste, weil er ein Han­dicap hatte. Dass er deshalb zum Ziel rechter Gewalt wurde.

In dem Film wird eine Passage aus der Lokal­zeitung zitiert, in der Teil­nehmer einer Gedenk­kund­gebung für Axel U. als »stadt­be­kannte Trinker und Arbeits­scheue« bezeichnet werden. Drückt sich hier das ­Klima in dem Ort aus?
Das war tat­sächlich die Mehr­heits­meinung. Axel kam aus einer sozial schwachen Gruppe und war benach­teiligt. Diese Men­schen wurden nicht nur von Neo­nazis abqua­li­fi­ziert.

Sie gehörten zu einer kleinen Gruppe in dem Ort, die sich der Stimmung ent­ge­gen­stellte. Was haben Sie damals getan?
Ich war Sozi­al­ar­bei­terin im ört­lichen Jugendclub. In unserer Wohnung haben wir damals eine Jugend­gruppe, die »Kul­tur­brigade«, gegründet, die maximal 15 Leute umfasste. Wir haben anti­fa­schis­tische Stadt­spa­zier­gänge orga­ni­siert und Neo­na­zi­auf­kleber ent­fernt. Nach Axels Tod orga­ni­sierten wir ein Fest für Demo­kratie und Toleranz. Nach etwa zwei Jahren löste sich die Gruppe auf.

Was war der Grund?
Viele der oft sehr jungen Aktiven haben die Stadt nach dem Ende ihrer Schulzeit ver­lassen. Wir hatten wenig Unter­stützung in der Stadt. Auch die PDS hat die Position ver­treten, dass wir den Ruf der Stadt schä­digen. Da hat sich bis heute wenig geändert. Auch der jetzige Bür­ger­meister, ein Mit­glied der Links­partei, hat die Film­ar­beiten nicht unter­stützt.

Sind Sie in Bad Blan­kenburg geblieben?
Ja, aber ich habe mich auch aus der poli­ti­schen Arbeit zurück­ge­zogen, nachdem ich massive Dro­hungen und Gewalt erlebt hatte. Mein Mann wurde ver­prügelt, unserem Hund wurden die Rippen gebrochen. Als aber mein Sohn in der Schule ras­sis­ti­schen Anfein­dungen aus­ge­setzt war, begann ich vor zwei Jahren wieder, mich ein­zu­mi­schen.

Hat sich in dem Ort seit dem Mord etwas ver­ändert?
Es gibt heute in Bad Blan­kenburg keine »national befreiten Zonen« mehr, wo sich Linke nicht hin­trauen könnten. Mitt­ler­weile posi­tio­nieren sich Leute aus der Mitte der Gesell­schaft gegen Rechts­ex­tre­mismus und für Flücht­linge.

Könnten Sie sich vor­stellen, dass der Film »Das blinde Auge« in Bad Blan­kenburg gezeigt wird?
An der Pre­mière im Saal­felder Clubhaus nahmen auch einige Bürger aus Bad Blan­kenburg teil. Sie waren sich im Anschluss einig, dass der Film dort gezeigt werden muss, wo Axel ermordet wurde. Ort und Zeit stehen aber noch nicht fest.


Welche Wirkung erhoffen Sie sich von dem Film?

Ich erhoffe mir einen anderen Umgang mit allen Formen von Ras­sismus und Anti­se­mi­tismus. Zudem könnte der Tod von Axel doch noch als neo­na­zis­tische Gewalttat ein­ge­stuft werden. Das ist bisher nicht der Fall. Und selbst­ver­ständlich hoffe ich, dass der Film dazu bei­trägt, an Axel zu erinnern.

Interview: Peter Nowak