»Wir haben es mit einer Krise der sozialen Reproduktion zu tun«

Gabriele Winker über die »Care Revo­lution« und warum die Sorge-Arbeit im Kapi­ta­lismus zunehmend ein Problem dar­stellt

Die Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Gabriele Winker[1] lehrt und forscht an der TU Hamburg-Harburg und ist Mit­be­grün­derin des Femi­nis­ti­schen Instituts Hamburg[2] sowie des bun­des­weiten »Netz­werks Care Revo­lution«. Im ver­gan­genen Jahr war sie Mit­or­ga­ni­sa­torin der Akti­ons­kon­ferenz Care Revolution[3] in Berlin, bei dem ver­schiedene im Bereich sozialer Repro­duktion tätige Gruppen und Per­sonen zusam­men­kamen. Im März ist im Tran­script-Verlag ihr Buch »Care Revo­lution. Schritte in eine soli­da­rische Gesellschaft«[4] erschienen.

Was ver­stehen Sie unter dem Begriff Care Revo­lution?

Gabriele Winker: Die Care Revo­lution nimmt einen grund­le­genden Per­spek­tiv­wechsel vor. Das öko­no­mische und poli­tische Handeln darf nicht weiter an Pro­fit­ma­xi­mierung, sondern muss an mensch­lichen Bedürf­nissen, primär der Sorge umein­ander aus­ge­richtet sein. Eine Gesell­schaft muss sich also daran messen lassen, inwieweit sie grund­le­gende Bedürf­nisse gut und für alle Men­schen rea­li­sieren kann. Dazu gehört eine her­vor­ra­gende soziale Infra­struktur. Nicht zuletzt um dieses hohe Gut für alle streiken die Erzie­he­rinnen und Erzieher sowie Sozi­al­ar­beiter und Sozi­al­ar­bei­te­rinnen derzeit.

Was hat der zurzeit wegen einer Schlichtung aus­ge­setzte Kita-Streik mit der von Ihnen pro­pa­gierten Care Revo­lution zu tun?

Gabriele Winker: Die Strei­kenden in Kitas und wei­teren sozialen Ein­rich­tungen haben nicht nur unsere grund­le­gende Soli­da­rität ver­dient, sondern wir sollten sie auch in unserem urei­gensten Interesse tat­kräftig unter­stützen. Erzie­he­rinnen gehören zu den Care-Beschäf­tigten: Sie kümmern sich um unsere Kinder. Dies beinhaltet viel­fältige anspruchs­volle Tätig­keiten, die ste­reotyp Frauen zuge­ordnet werden.

Da in Familien vor allem Frauen unent­lohnt für die Kin­der­er­ziehung zuständig sind, wird in der Kon­se­quenz auch der Beruf der Erzie­herin schlecht ent­lohnt. Dies ändert sich auch derzeit nicht, obwohl es einen zuneh­menden Fach­kräf­te­mangel gibt. Nach wie vor ist der Umgang mit Technik, der männlich kon­no­tiert ist, deutlich höher ent­lohnt als der mit Men­schen. Das hat auch viel damit zu tun, dass Technik in der Güter­pro­duktion und der pro­duk­ti­ons­nahen Dienst­leistung pro­fi­tabel ein­ge­setzt werden kann, während aus kapi­ta­lis­ti­scher Per­spektive Erzie­hungs­arbeit nur mit Kosten ver­bunden ist. Dabei sind die Löhne der Beschäf­tigten ein wich­tiger Kos­ten­faktor ebenso wie die Per­so­nal­aus­stattung, die es des­wegen zu redu­zieren gilt.

Auf welche theo­re­ti­schen Prä­missen stützen Sie sich bei dem Care-Revo­lution-Konzept?

Gabriele Winker: Einer­seits bin ich beein­flusst von der Zweiten Frau­en­be­wegung. Bereits in den 1970er Jahren wurde in diesem Rahmen auch in der BRD dafür gekämpft, die nicht ent­lohnte Haus­arbeit als gesell­schaftlich not­wendige Arbeit anzu­er­kennen. Dies führen z.B. Gisela Bock und Barbara Duden in ihrem Beitrag zur Ber­liner Som­mer­uni­ver­sität für Frauen 1977 aus. In den 1990er Jahren begannen dann im US-ame­ri­ka­ni­schen Kontext Debatten um die Care-Arbeit. Mit diesem Begriff ver­weist z.B. Joan Tronto darauf, dass Men­schen in ihrem ganzen Leben immer Sorge von anderen benö­tigen und somit nicht völlig autonom leben können, sondern ihr Leben vielmehr in inter­de­pen­denten Bezie­hungen gestalten. Davon habe ich gelernt, dass Men­schen als grund­legend auf­ein­ander Ange­wiesene zu begreifen sind. Meine Vor­stellung von einer soli­da­ri­schen Gesell­schaft, die ich als Ziel einer Care Revo­lution ent­wi­ckele, baut des­wegen auf mensch­liche Soli­da­rität und Zusam­men­arbeit.

Wer ist Träger der neuen Care-Revo­lution-Bewegung?

Gabriele Winker: Auf­fallend ist, dass es im ent­lohnten Care-Bereich in Bildung und Erziehung sowie Gesundheit und Pflege, aber auch im unent­lohnten Care-Bereich aus­gehend von Sor­ge­arbeit in Familien viele kleine Initia­tiven gibt, z.B. Eltern­in­itia­tiven, Orga­ni­sa­tionen von pfle­genden Ange­hö­rigen, Gruppen von Men­schen mit und ohne Behin­de­rungen, Initia­tiven von und für Flücht­linge, aber auch aktive Verdi- und GEW-Gruppen sowie queer-femi­nis­tische und links-radikale Gruppen, die das Thema Care auf­nehmen. Viele enga­gieren sich für bessere poli­tisch-öko­no­mische Rah­men­be­din­gungen, damit sie für sich und andere besser sorgen können.

Alleine und ver­einzelt sind sie aller­dings bisher zu schwach, um im poli­ti­schen Raum wahr­ge­nommen zu werden und eine grund­le­gende Ver­bes­serung der Arbeits- und Lebens­be­din­gungen zu erreichen. Des­wegen steht hinter dem Begriff der Care Revo­lution die Idee, diese Gruppen nicht nur über diesen Begriff zu ver­binden, sondern darüber auch gegen­seitig auf­ein­ander zu ver­weisen und darüber eine sichtbare Care-Bewegung zu ent­wi­ckeln.

Können Sie Bei­spiele nennen?

Gabriele Winker: So kommen in Treffen und Aktionen Care-Beschäf­tigte in Kran­ken­häusern und Alten­pfle­ge­heimen zusammen mit pfle­genden Ange­hö­rigen und Men­schen, die auf­grund von kör­per­lichen Ein­schrän­kungen oder Krank­heiten zeitlich auf­wändig für sich sorgen müssen. Wir alle können morgen von Krankheit betroffen sein und sind dann auf gute Pflege ange­wiesen. Und die staat­liche Kos­ten­sen­kungs­po­litik trifft nicht nur die Care-Beschäf­tigten in allen Bereichen glei­cher­maßen, sondern in der Folge auch Familien, Wohn­ge­mein­schaften und andere Lebens­formen, wenn Pati­enten »blutig« ent­lassen werden oder not­wendige Gesund­heits­leis­tungen für Kas­sen­pa­ti­enten gestrichen werden.

Diese Zusam­men­hänge sind noch viel zu wenig auch in linken poli­ti­schen Zusam­men­hängen präsent. Nur wenn sich etwa Erzie­he­rinnen und Eltern oder beruflich und familiär Pfle­gende als gesell­schaftlich Arbei­tende begreifen, können sie sich auf Augenhöhe in ihren Kämpfen um aus­rei­chende Res­sourcen und gute Arbeits­be­din­gungen unter­stützen. Dies gilt unter dem Aspekt der Selbst­sorge auch für Assis­tenz­ge­bende und Assis­tenz­neh­mende.

Warum ver­treten Sie in dem Buch die These, dass das Problem der Sor­ge­arbeit im Kapi­ta­lismus nicht gelöst werden kann?

Gabriele Winker: Das Ziel kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaftens ist Pro­fit­ma­xi­mierung. Dies ist nur durch den Einsatz von Arbeits­kraft zu erreichen, die aller­dings tag­täglich und auch über Genera­tionen hinweg immer wieder neu repro­du­ziert werden muss. Der sich daraus erge­bende Wider­spruch, dass einer­seits die Repro­duk­ti­ons­kosten der Arbeits­kraft mög­lichst gering gehalten werden sollen, um die Rendite nicht allzu sehr ein­zu­schränken, gleich­zeitig aber diese Arbeits­kraft benötigt wird, ist dem Kapi­ta­lismus immanent.

Grund­vor­aus­setzung für die Auf­recht­erhaltung dieses wider­spruchs­vollen Systems ist, dass ein großer Teil der Repro­duktion unent­lohnt abge­wi­ckelt wird. Mit der tech­no­lo­gi­schen Ent­wicklung lassen sich nun zwar Güter und pro­duk­ti­onsnahe Dienst­leis­tungen schneller her­stellen, nicht aber Care-Arbeit, zumindest nicht, ohne dass es zu mas­siven Ver­schlech­terung der Qua­lität kommt. Denn Care-Arbeit ist kom­mu­ni­ka­ti­ons­ori­en­tiert und auf kon­krete ein­zelne Men­schen bezogen und damit sehr zeit­in­tensiv. Dies hat die Aus­wirkung, dass in diesem Bereich Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­rungen, die nicht gleich­zeitig die Qua­lität der Care-Arbeit ver­schlechtern, nur begrenzt möglich sind. Es kommt zu einer Krise sozialer Repro­duktion, die ich als Teil der Über­ak­ku­mu­la­ti­ons­krise sehe.

Wie kann ver­hindert werden, dass viele Gruppen sich doch wieder mit kleinen Ver­bes­se­rungen begnügen und so eine Care-Reform raus­kommt?

Gabriele Winker: Die sozialen Aus­ein­an­der­set­zungen um all die kleinen Reform­schritte gilt es per­manent zu ver­binden mit dem Ein­treten für eine Gesell­schaft, in der alle – soli­da­risch und gemein­schaftlich orga­ni­siert – die jeweils eigenen Fähig­keiten ent­wi­ckeln können. Dies bedeutet bei­spiels­weise, dass bei Aus­ein­an­der­set­zungen um ver­bes­serte Bil­dungs­fi­nan­zierung gleich­zeitig die kol­lektive Selbst­or­ga­ni­sation des Bil­dungs­systems ohne Zugangs­be­schrän­kungen ein­ge­fordert wird. Bei Aktionen von strei­kenden Ärzte und Pfle­ge­kräften muss darauf hin­ge­wiesen werden, dass es auch bei einer bes­seren Per­so­nal­aus­stattung noch viele Men­schen gibt, die grund­sätzlich von der Kran­ken­ver­sorgung aus­ge­schlossen sind. Auch lassen sich all diesen poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zungen im Care-Bereich mit For­de­rungen nach gesell­schaft­licher Teilhabe ver­binden.

Wird diese Ver­knüpfung bei allen poli­ti­schen Aktionen kon­se­quent durch­ge­führt, ist Care Revo­lution eine Stra­tegie, die Reformen nutzt, damit mög­lichst viele Men­schen bereits heute sinn­voller arbeiten und besser leben können, gleich­zeitig aber in diesen Aus­ein­an­der­set­zungen erkennen, dass letztlich darüber hin­aus­ge­hende gesell­schaft­liche Ver­än­de­rungen erfor­derlich sind. Wichtig ist also, in sozialen Aus­ein­an­der­set­zungen um Reformen die Per­spektive Anderer in den Blick zu nehmen, für die Inklusion aller Men­schen ein­zu­treten sowie eine grund­le­gende gesell­schaft­liche Teilhabe durch demo­kra­tische Struk­turen ein­zu­fordern. Diese Ziele sind ohne Rück­sicht auf die Frage zu ver­folgen, ob sie im Rahmen des der­zei­tigen poli­tisch-öko­no­mi­schen Systems rea­li­sierbar sind. Eine solche Stra­tegie benennt Rosa Luxemburg 1903 als »revo­lu­tionäre Real­po­litik«.

Peter Nowak

Anhang

Links

[1] http://​www​.tuhh​.de/​a​g​e​n​t​e​c​/​w​i​n​k​e​r​/​v​i​t​a.htm

[2] http://​www​.femi​nis​ti​sches​-institut​.de/

[3] http://​care​-revo​lution​.site36​.net/

[4] http://www.transcript-verlag.de/978–3‑8376–3040‑4/care-revolution