»Überwiegend handelt es sich um Suizide«

Michael Fielsch über sein Engagement für die Opfer der sogenannten Agenda 2010

Michael Fielsch betreibt die Web­seite »In Gedenken an die Opfer der Agenda 2010« und ist Initiator von Geden­kak­tionen vor Job­centern sowie auf belebten Plätzen, für Men­schen, die an den Folgen der Agenda-2010-Politik gestorben sind. Mit ihm sprach Peter Nowak.

nd: Was war der Anlass Ihres Enga­ge­ments für Opfer der Agenda 2010?
Fielsch: Ich habe im März 2014 bei Facebook eine Seite ent­deckt, auf der unter anderem Suizide von Erwerbs­losen doku­men­tiert wurden. Von dem Augen­blick war mir klar, dass man diese Tat­sachen in die Öffent­lichkeit bringen muss. Ich bin auch durch meine eigene Bio­grafie dafür sen­si­bi­li­siert. Als Kind musste ich erleben, wie mein leib­licher Vater Suizid beging.

Wie machen Sie auf die Opfer auf­merksam?
Jeden Freitag plat­zieren wir im Rahmen von poli­zeilich ange­mel­deten Kund­ge­bungen vor Job­centern Opfer-Kreuze, auf denen die Schicksale von Men­schen stehen, die im Zusam­menhang mit der Agenda 2010 ums Leben kamen. Mitt­ler­weile konnten wir 40 Fälle mit 54 Opfern im Zusam­menhang mit der Agenda 2010 doku­men­tieren.

Woran sind die Men­schen gestorben?
Über­wiegend handelt es sich um Suizide. Aber wir erinnern auch an Men­schen, die bei Haus­bränden ums Leben kamen, die von Kerzen ver­ur­sacht wurden, nachdem in ihren Haus­halten Strom und Gas abge­stellt worden war. Auch der Ber­liner Rent­nerin Rose­marie Fließ gedenken wir, die zwei Tage nach ihrer Zwangs­räumung starb oder der von einem Kunden ersto­chenen Job­center-Sach­be­ar­bei­terin. Wir erinnern auch an die Mutter, die mit ihrem Sohn in der Wohnung ver­hun­gerte, nachdem das Job­center die Zah­lungen völlig ein­ge­stellt hatte.

Was ist das Ziel Ihrer Geden­kaktion?
Ein Großteil der doku­men­tierten Todes­fälle ist wenn über­haupt nur regional bekannt geworden, sie wurden als Ein­zel­schicksale behandelt. Wir wollen mit unserer Aktion zeigen, dass es Tau­sende Ein­zel­fälle gibt und es nicht um indi­vi­duelle Schicksale, sondern um einen Sys­tem­fehler geht.

Wer unter­stützt Sie?
Eine kleine Gruppe von Mit­streitern, die haupt­sächlich von der BGE-Lobby kommen, einer Unter­stüt­zer­or­ga­ni­sation die sich zum Thema des bedin­gungs­losen Grund­ein­kommens ein­bringt. Wir legen großen Wert auf unsere Unab­hän­gigkeit von poli­ti­schen Par­teien. Bisher haben wir aus orga­ni­sa­to­ri­schen und finan­zi­ellen Gründen unsere Aktionen haupt­sächlich vor Job­centern und auf belebten Plätzen in Berlin und Umgebung durch­ge­führt. Mitt­ler­weile haben wir aber Anfragen aus dem gesamten Bun­des­gebiet.

Haben Sie selber auch Ärger mit dem Job­center?
Lange Zeit habe ich Leis­tungen nach Hartz IV ohne Sank­tionen bezogen. Seit ich mit meinen Aktionen die Job­center und die Agenda-2010-Politik angreife, hat sich das radikal geändert. Ich habe bereits zwei zehn­pro­zentige Sank­tionen und die nächste drei­ßig­pro­zentige soll ab nächsten Monat hinzu kommen. Und für die vierte, dann sech­zig­pro­zentige Sanktion, habe ich bereits den Anhö­rungs­bogen erhalten. Wenn diese Sanktion auch noch dazu kommt, habe ich null Euro zum Leben.

Die Angst, nicht mehr zu wissen, ob man Strom und Miete zahlen kann, wovon man Kleidung und die kleinen Dinge des täg­lichen Bedarfs bezahlen soll, belastet mich psy­chisch sehr. Diese Zwangs­maß­nahmen bestärken mich in meinem Enga­gement gegen die Agenda-2010-Politik, und da schließt sich für mich auch der Kreis, weil ich heute weiß, warum mein völlig mit­tel­loser Vater Suizid beging und wie sehr mein ent­spre­chendes Trauma mein Leben nach­haltig schä­digte. Das betrifft alle Hin­ter­blie­benen – gestern, heute und morgen.

Infor­ma­tionen und Termine unter www​.Die​-Opfer​-der​-Agenda​-2010​.de

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​3​9​9​8​4​.​u​e​b​e​r​w​i​e​g​e​n​d​-​h​a​n​d​e​l​t​-​e​s​-​s​i​c​h​-​u​m​-​s​u​i​z​i​d​e​.html

Interview: Peter Nowak


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