Johanna Schellhagen ist Teil eines kleinen Frauenkollektivs in Berlin, das seit 2011 labournet.tv aufbaut, ein kostenloses Online-Archiv für Filme aus der Arbeiter*­innenbewegung. Ihr Film „Der laute Frühling, Gemeinsam aus der Klimakrise“ kam Anfang August in die Kinos.

„Die Unzufriedenheit mit dem System ist riesig“

Klima- und Ar­bei­te­r*in­nen­be­we­gung können gut zusammenpassen, das zeigt die Filmemacherin Johanna Schellhagen – und auch, was die Bedingungen dafür sind. Sie begründet dort auch, warum es nicht clever ist, die Arbeiter*innen für die Klimakrise verantwortlich zu machen.

taz:Frau Schellhagen, Sie haben viele Filme über Arbeitskämpfe gemacht, warum widmen Sie sich in „Der laute Frühling“ jetzt der Klimabewegung?

Johanna Schellhagen: Ich habe irgendwann begriffen, dass Regierungen und Unternehmen dabei sind, das Leben auf der Erde auszulöschen. Wir wollten denjenigen, die schlau und mutig genug sind, das nicht zu verdrängen, sondern dagegen zu kämpfen, alles in einem Film zur Verfügung stellen, was wir in den letzten 20 Jahren gelernt haben.

In Ihrem Film wenden Sie sich gegen die Vorstellung, dass es einen grünen Kapitalismus geben kann. Was ist ihre zentrale Kritik?

Wir haben mehrere Wis­sen­schaft­le­r*in­nen zu dem Thema befragt: Julia Steinberger, Andreas Malm und Matthias Schmelzer. Die Datenlage ist erdrückend: Wirtschaftswachstum und Emissionen korrelieren direkt. Und Kapitalismus ohne Wachstum scheint nicht zu funktionieren. Sonst wären wir gar nicht erst in der Situation, in der wir heute sind.

Oft wird Gewerkschaften und auch Ar­bei­te­r*in­nen der Vorwurf gemacht, dass es ihnen um den Erhalt von Arbeitsplätzen gehe, auch in umweltschädlichen Branchen. Wie können sie dann überhaupt mit der Klimabewegung zusammenkommen?

Ar­bei­te­r*in­nen für die Klimakrise verantwortlich zu machen, ist nicht besonders clever. Wir haben im Juni Arbeiter in einer Autoteilefabrik in Florenz interviewt, die seit einem Jahr ihren Betrieb besetzen, um die Arbeitsplätze zu erhalten. Einer hat gesagt. „Als ich eingestellt wurde, hat mich niemand gefragt, was ich gerne produzieren möchte. Ich wurde eingestellt und fertig.“ Die Arbeiter haben sich mit der Klimabewegung zusammengetan und zusammen mit Studierenden in Pisa Konversionsprojekte für eine ökologische Produktion entwickelt. Sie würden gerne Achswellen für Autobusse produzieren. Die Regierung hat das bisher abgelehnt. Der andere Teil der Antwort ist, dass große Teile der DGB-Gewerkschaften für den Wirtschaftsstandort Deutschland und für Wirtschaftswachstum kämpfen, Seite an Seite mit den Unternehmen. Ar­bei­te­r*in­nen müssen sich deshalb selber organisieren. Es geht darum, diese Selbst­organisation zu unterstützen, von außen und von innen.

Sie entwerfen im Film ein sehr optimistisches Zukunftsszenario. Darin agieren Beschäftigte von Volkswagen gemeinsam mit Kli­ma­ak­ti­vis­t*in­nen. Woraus speisen Sie Ihren Optimismus, dass das funktionieren kann?

Ich bin optimistisch, weil ich 20 Jahre lang Proteste, Aufstände und Streikwellen dokumentiert habe. Ich weiß, was ich gesehen habe. Dass die Leute aktiv werden, sobald sie die Chance sehen, dass sie damit etwas erreichen können. In dem Film entwerfen wir einen Fluchtpunkt. Etwas, worauf wir hinarbeiten sollten. Viele Menschen haben eine klare Vorstellung vom Ausmaß der Klimakatastrophe. Die Unzufriedenheit mit dem System ist riesig, und im Globalen Süden – aber nicht nur dort – gibt es einen Aufstand nach dem anderen. Das wird auch nicht mehr aufhören, sondern immer mehr und intensiver werden, weil Menschen ihrer Lebensgrundlagen beraubt werden.

Worauf beziehen Sie sich damit konkret?

Die UNO sagt voraus dass 2050 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser haben werden. Gleichzeitig hat sich die Staatengemeinschaft monumental delegitimiert, weil die Emissionen von Treibhausgasen seit Beginn der Klimakonferenzen 1992 nicht etwa gesunken, sondern um etwa 60 Prozent angestiegen sind. Die Staaten haben 2020 5.900 Milliarden US-Dollar ausgegeben, um die fossile Industrie zu subventionieren – diese Zahl stammt vom Internationalen Währungsfonds. Wir müssen als Klimabewegung aufhören, Hilfe zu erwarten von Institutionen, die Öl ins Feuer gießen. Die Unternehmen und die Regierungen machen das, weil sie in systemischen Zwängen stecken. Der Wachstumszwang, der Zwang, Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen, der Zwang, als Staaten um Absatzmärkte gegeneinander zu konkurrieren – das sind die Gründe, weshalb Regierungen derart monumental versagt haben.

Haben Sie bei Ihren Gesprächen mit Kli­ma­ak­ti­vis­t*in­nen in Deutschland denn überhaupt den Eindruck gewonnen, dass diese bereit sind für eine Kooperation mit Arbeiter*innen?

Klar, ich denke sie wären bereit, alles zu tun, was Aussicht auf Erfolg verspricht. Deshalb möchte der Film Folgendes vermitteln: Die meisten Leute haben, besonders wenn sie in schlechten Jobs arbeiten, zu wenig Freizeit und Energie, um sich politisch zu engagieren. Obwohl ihnen klar ist, dass sie dringend etwas machen müssten. Wir müssen also Wege finden, dass die Diskussionen über Klimaschutz und die Organisierung dort stattfinden, wo die meisten Menschen die meiste Zeit verbringen: am Arbeitsplatz.

Interview: Peter Nowak

hr Film „Der laute Frühling, Gemeinsam aus der Klimakrise“ kam Anfang August in die Kinos. Aufführungstermine:

 https://de.labournet.tv/project/der-laute-fruehling

Erstveröffentlichungsort:
https://taz.de/!5872274/