Ein Gespräch mit Jana Zöll über die Kampagne #Risikogruppe


»Wir müssen da jetzt alle durch«

Nicht nur ältere Men­schen sind in der Coro­na­krise in beson­derer Gefahr. Darauf weist die Kam­pagne #Risi­ko­gruppe hin, der sich auch die 35jährige Jana Zöll ange­schlossen hat. Die in Leipzig arbei­tende Schau­spie­lerin und Inklu­si­ons­be­ra­terin fürchtet, dass die Pan­demie schon bald die Erfolge der Inklusion zunichte machen könnte.

Was würde eine Anste­ckung mit dem Coro­na­virus für Sie bedeuten?.…

.…. Wie bei anderen auch kann man das natürlich auch bei mir nur schwer vor­her­sagen. Da ich aber eine aus­ge­prägte Form von Osteo­ge­nesis imper­fecta (Glas­knochen), eine Kör­per­größe von 90 Zen­ti­meter und starke Sko­liose habe, ist mein Lungenvo­lumen ent­spre­chend geringer. Die Kraft beim Abhusten fehlt im Fall einer Erkrankung, eine Dau­er­be­lastung durch Husten würde zu Rip­pen­brüchen führen. Ins­gesamt ist das Risiko einer Lun­gen­ent­zündung erhöht. Wenn ich mich also anstecke, ist der Verlauf wahr­scheinlich ein schwerer. Außerdem vermute ich, dass im Fall des Falles eine Beatmung bei mir zu Brüchen sämt­licher Rippen führen würde. Auch wenn ich im Prinzip nicht krank bin, Covid-19 würde für mich wohl Lebens­gefahr bedeuten.

Welche Aus­wir­kungen hat die Pan­demie bereits jetzt auf Ihren Alltag?

Sechs Per­sonen assis­tieren mir in Block­diensten rund um die Uhr bei all den Dingen, die ich auf­grund meiner Behin­derung nicht alleine bewäl­tigen kann. Diese Assistenz ist lebens­not­wendig, aber sie ist auf­grund der Anste­ckungs­gefahr nun auch ein Risiko. Meine Assis­ten­tinnen sind daher noch mehr als andere Men­schen dazu ange­halten, ihre Kon­takte zu redu­zieren. Bei jenen Assis­ten­tinnen, die in großen Wohn­ge­mein­schaften wohnen, muss ich darüber nach­denken, ob ich sie im Dienst behalten kann oder nicht. In die völlige Iso­lation, die wegen der Anste­ckung jetzt wohl für mich am sichersten wäre, kann ich mich aber nicht begeben.

Wie hat sich Ihr Frei­zeit­ver­halten ver­ändert?

Nor­ma­ler­weise gehe ich viel tanzen. Ich arbeite als Schau­spie­lerin und Per­for­merin und bin somit viel unterwegs, hier in der Stadt und in ganz Deutschland. Das fällt alles auf unbe­stimmte Zeit weg. Und ich befürchte, dass all das für Men­schen aus den Risi­ko­gruppen deutlich länger weg­fällt als für andere Men­schen. Momentan ist das noch nicht so schlimm für mich. Für alle steht das Leben still, ich ver­passe nichts. Ich habe derzeit fast mehr Kontakt, weil auf einmal alle wieder tele­fo­nieren oder viel im Internet unterwegs sind. Aber wenn das Leben für die anderen wei­tergeht und ich noch immer still­halten muss, wird es schwer für mich. Mir macht die Vor­stellung Angst, dass dann die zur Risi­ko­gruppe zäh­lenden Men­schen, die teil­weise jahr­zehn­telang um Teilhabe an der Gesell­schaft gekämpft haben, in Ver­ges­senheit geraten, weil sie nicht mehr auf der Straße sichtbar sind.

Haben Sie Unter­stützung von Freun­dinnen und Freunden oder Nachbarn bei­spiels­weise bei der Besorgung von Lebens­mitteln?

Derzeit regele ich noch alles über meine Assistenz. Aber ich habe Angst vor dem Moment, wenn die Krankheit durch mein Team geht und mög­li­cher­weise alle gleich­zeitig krank werden. Ich hoffe, dass mein Sicher­heitsnetz aus Freun­dinnen und Freunden und Familie dann hält.

Was hat sich im Umgang mit Ärzten und bei der Behandlung in Kran­ken­häusern geändert?

Nicht viel. Aber ich bin da auch spe­ziell. Ich ver­suche immer, mög­lichst ohne aus­zu­kommen, und habe auch jetzt vor allem Angst davor, über­haupt ins Kran­kenhaus zu müssen und dass es mir da womöglich noch schlechter geht. Aller­dings hoffe ich darauf, dass schnell mehr über das Virus her­aus­ge­funden wird und bald Medi­ka­mente und Impf­stoff zur Ver­fügung stehen.

Es wird viel darüber dis­ku­tiert, ob die Kon­takt­be­schrän­kungen für die gesamte Bevöl­kerung ver­hält­nis­mäßig sind. Wie beur­teilen Sie die Dis­kussion?

Das ist schwierig zu beur­teilen, weil niemand wirklich etwas Genaues weiß und es 100 Mil­lionen Mei­nungen gibt. Aber solange das so ist, müssen wir, finde ich, von dem aus­gehen, was im schlimmsten Fall die meisten Men­schen schützt. Ich würde gerne sagen: Es geht um Men­schen­leben und deshalb muss man alles Men­schen­mög­liche tun. Aber in anderen Bereichen, wenn es um andere Men­schen­leben geht, wird ja leider auch nicht so kon­se­quent gehandelt. Und ich kann auch eine gewisse Grund­skepsis bei so plötz­lichen und radi­kalen Ein­schnitten durch die Politik ver­stehen. In diesem Fall aber, wo ich auch per­sönlich betroffen bin, bin ich sehr froh, dass es diese Regeln gibt. Dass es wirklich ernst ist, merkt man viel­leicht auch daran, dass die Beschrän­kungen auch große wirt­schaft­liche Ein­schnitte bedeuten. Das würde nicht geschehen, wenn es nicht wirklich, zumindest poten­tiell, eine große Gefahr gäbe.

Es wird an die Bevöl­kerung appel­liert, die Beschrän­kungen aus Soli­da­rität mit den Men­schen zu akzep­tieren, die bei einer Anste­ckung in Gefahr wären. Wie emp­finden Sie diese Appelle?

Erstmal bin ich über diese Appelle sehr froh und auch darüber, dass sie stel­len­weise zu fruchten scheinen. Aber es erkranken oder sterben auch immer mehr Men­schen, die keiner Risi­ko­gruppe zuge­ordnet wurden. Am Ende weiß man gar nicht, für wen man es tut. Viel­leicht sogar für sich selbst. Eigentlich sitzen wir doch alle im selben Boot. Wir wissen es einfach noch nicht. Mir gefällt es aller­dings gar nicht, wenn in den Medien wieder ver­stärkt von den »Schwachen« und »Kranken« die Rede ist. Die Risi­ko­gruppe besteht nicht aus­schließlich aus Kranken und schon gar nicht aus Schwachen.

Emp­finden Sie es als unso­li­da­risch, wenn sich Leute nicht an die Beschrän­kungen halten und bei­spiels­weise in Gruppen draußen auf­halten?

Ja, schon. Es ist für uns alle nicht leicht, aber wir müssen da jetzt alle durch. Men­schen, die sich nicht ver­letzlich fühlen oder die Trag­weite nicht ver­stehen können oder wollen, sind derzeit eine große Gefahr für andere. Es macht mich wütend, wenn ich draußen spa­zieren gehe und Jogger einfach auf die Straße rotzen, ohne einen Moment über die Folgen für andere nach­zu­denken. Das heißt für mich momentan, dass ich überlege, ob ich sogar auf die erlaubten Spa­zier­gänge ver­zichten muss. Aber die Situation ist mit der Ver­schärfung der Maß­nahmen zum Glück besser geworden.

Welche poli­ti­schen For­de­rungen hat die Kam­pagne »Risi­ko­gruppe«?

Ich kann nicht für die Gruppe sprechen. Ich finde es gut, dass keine gene­relle Aus­gangs­sperre ver­hängt wurde und somit auch Fak­toren wie häus­liche und sexuelle Gewalt berück­sichtigt wurden. Man könn­te noch viel kon­se­quenter einige Arbeits­be­reiche ein­schränken und sollte Men­schen, die zu einer Risi­ko­gruppe gehören, kon­se­quent das Home­office ermög­lichen. Man darf auch Men­schen mit psy­chi­schen Beein­träch­ti­gungen nicht ver­gessen und was für sie bei­spiels­weise die ver­stärkte Iso­lation bedeuten kann oder auch der Wegfall von Thera­pien oder mög­liche Eng­pässe in der Ver­sorgung mit Medi­ka­menten.

Was halten Sie davon, den Men­schen zu applau­dieren, die in der Pflege arbeiten?

Wir sehen jetzt deutlich, dass die pfle­genden Berufe dringend mehr Wert­schätzung brauchen. Und nein, da hilft jetzt kein Klat­schen, sondern es braucht bessere Löhne und Arbeits­be­din­gungen. Die Zusam­men­pfer­chung von Risi­ko­pa­ti­enten in Wohn­heimen sollte dringend über­dacht und Assis­tenz­mo­delle sollten unter­stützt werden. Wir brauchen Not­fall­pläne für Assis­tenz­teams, die zusam­men­zu­brechen drohen. Und wir alle sollten uns nochmal mit dem Inten­siv­pflege- und Rehabi­litationsstärkungsgesetz aus­ein­an­der­setzen.

Sie spielen auf die jüngsten Geset­zes­än­de­rungen an, wonach Inten­siv­pa­ti­enten nur noch im Aus­nah­mefall in der eigenen Wohnung betreut werden dürfen?

Mit der Covid-19-Pan­demie wird es deutlich mehr Beatmungs­pa­ti­enten geben; davor scheint mir auch keiner gefeit zu sein. Also sollten sich jetzt alle, auch Poli­ti­ke­rinnen und Poli­tiker, darüber Gedanken machen, ob sie Lust haben, den Rest ihres Lebens fremd­be­stimmt im Pfle­geheim zu ver­bringen.
 Interview: Peter Nowak