Gabriele Winker im Gespräch über die »Care Revolution«

»Die Selbstsorge kommt zu kurz«

Die Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Gabriele Winker lehrt und forscht an der TU Hamburg-Harburg und ist Mit­be­grün­derin des Femi­nis­ti­schen Instituts Hamburg sowie des bun­des­weiten »Netz­werks Care Revo­lution«. Im ver­gan­genen Jahr war sie Mit­or­ga­ni­sa­torin der Akti­ons­kon­ferenz »Care Revo­lution« in Berlin, bei dem ver­schiedene im Bereich sozialer Repro­duktion tätige Gruppen und Per­sonen zusam­men­kamen. Im März ist im Tran­script-Verlag ihr Buch »Care Revo­lution. Schritte in eine soli­da­rische Gesell­schaft« erschienen. Mit Winker sprach die Jungle World über die Krise sozialer Repro­duktion und die ent­ste­hende Care-Bewegung.

Im März 2014 fand in Berlin die erste Kon­ferenz zur »Care Revo­lution« statt. Was ist seither geschehen?

Die Care Revo­lution nimmt einen grund­le­genden Per­spek­tiv­wechsel vor. Das öko­no­mische und poli­tische Handeln soll nicht weiter an Pro­fit­ma­xi­mierung, sondern an mensch­lichen Bedürf­nissen, primär der Sorge umein­ander aus­ge­richtet sein. Eine Gesell­schaft muss sich also daran messen lassen, inwieweit sie grund­le­gende Bedürf­nisse gut und für alle Men­schen rea­li­sieren kann.

Nach der Akti­ons­kon­ferenz, an der sich etwa 500 im Care-Bereich tätige Men­schen in viel­fäl­tigen Work­shops betei­ligten, haben wir im Mai 2014 das »Netzwerk Care Revo­lution« gegründet. Das ist eine Art Plattform, über die sich die ver­schie­densten Care-Initia­tiven ver­netzen, aus­tau­schen und gegen­seitig unter­stützen können. Wir haben uns ferner darauf geeinigt, uns in diesem Jahr als Netzwerk an Aktionen zum Inter­na­tio­nalen Frau­en­kampftag am 8. März, zu Blockupy und zum 1. Mai zu betei­ligen. An diesen drei Tagen war das Netzwerk Care Revo­lution durch kleine Demons­trationsblöcke oder Info­tische in meh­reren Städten deutlich sichtbar. Auch gibt es inzwi­schen regionale Netz­werke in Berlin/​Brandenburg, Han­nover, Hamburg, Frankfurt und Freiburg. Andere befinden sich im Aufbau. Für April 2016 planen wir die zweite bun­des­weite Akti­ons­kon­ferenz Care Revo­lution, wieder in Berlin. Darüber hinaus gibt es einen über­ar­bei­teten Netz­auf­tritt unter www​.care​-revo​lution​.org.

Warum kommt die Debatte um die Care Revo­lution gerade in dieser Zeit auf?

Der Wandel vom Ernährer­modell zu ver­schie­denen neo­li­be­ralen Repro­duk­ti­ons­mo­dellen, die alle kein gutes Leben ermög­lichen, ist in der BRD sehr langsam erfolgt, nicht zuletzt wegen der jahr­zehn­te­langen Kon­kurrenz mit der DDR. Die neo­li­berale Fami­li­en­po­litik, die mit dem Ziel der Erhöhung der Frau­en­er­werbs­tä­tigkeit und der Gebur­tenrate Wirt­schafts­po­litik betreibt und sehr stark zwi­schen Leis­tungs­trä­ge­rinnen und ‑trägern und Aus­ge­grenzten unter­scheidet, bei­spiels­weise durch große Unter­schiede in der Höhe des Eltern­gelds, nahm erst nach der Jahr­tau­send­wende Fahrt auf. So wird erst derzeit deutlich spürbar, dass Men­schen damit über­fordert sind, sich – unab­hängig von Geschlecht, Fami­li­en­status, Umfang der Sor­ge­auf­gaben – je einzeln durch den Verkauf ihrer Arbeits­kraft exis­ten­ziell abzu­si­chern und gleich­zeitig die wegen der staat­lichen Kos­ten­sen­kungs­po­litik zuneh­mende Repro­duk­ti­ons­arbeit in Familien zu leisten. Arbeit ohne Ende wird für immer mehr Men­schen zur Rea­lität. Die Selbst­sorge kommt zu kurz. Muße ist zum Fremdwort geworden. Und auch die­je­nigen, die auf die Unter­stützung anderer ange­wiesen sind, wie Kinder oder pfle­ge­be­dürftige Erwachsene, können ihre Bedürf­nisse nicht rea­li­sieren. Es nimmt nicht nur der Stress zu, sondern auch die Erschöpfung, da Erho­lungs­phasen fehlen. Dies führt nicht zuletzt zu mehr Fällen psy­chi­scher Erkran­kungen.

Sie haben den Begriff der Care Revo­lution wesentlich geprägt. Auf welche theo­re­ti­schen und prak­ti­schen Vor­ar­beiten haben Sie sich gestützt?

Einer­seits bin ich beein­flusst von der Zweiten Frau­en­be­wegung. Bereits in den sieb­ziger Jahren wurde in diesem Rahmen auch in der BRD dafür gekämpft, die nicht­ent­lohnte Haus­arbeit als gesell­schaftlich not­wendige Arbeit anzu­er­kennen. Dies führen bei­spiels­weise Gisela Bock und Barbara Duden in ihrem Beitrag zur Ber­liner Som­mer­uni­ver­sität für Frauen 1977 aus. In den neun­ziger Jahren begannen dann in den USA Debatten um die Care-Arbeit. Mit diesem Begriff wies bei­spiels­weise Joan Tronto sehr früh darauf hin, dass Men­schen ihr ganzes Leben lang Sorge von anderen benö­tigen und somit nicht völlig autonom leben können, sondern ihr Leben vielmehr in inter­de­pen­denten Bezie­hungen gestalten. Meine Vor­stellung von einer soli­da­ri­schen Gesell­schaft, die ich als Ziel einer Care Revo­lution ent­wi­ckele, baut des­wegen auf mensch­liche Soli­da­rität und Zusam­men­arbeit.

Worauf stützt sich die neue Care-Revo­lution-Bewegung?

Auf­fallend ist, dass es im ent­lohnten Care-Bereich, in Bildung und Erziehung sowie Gesundheit und Pflege, aber auch im unent­lohnten Bereich, aus­gehend von der Sor­ge­arbeit in Familien, viele kleine Initia­tiven gibt, zum Bei­spiel Eltern­in­itia­tiven, Orga­ni­sa­tionen von pfle­genden Ange­hö­rigen, Gruppen von Men­schen mit und ohne Behin­de­rungen, Initia­tiven von und für Flücht­linge, aber auch Verdi- und GEW-Gruppen sowie queer­fe­mi­nis­tische und links­ra­dikale Gruppen, die das Thema Care auf­nehmen. Viele enga­gieren sich für bessere poli­tisch-öko­no­mische Rah­men­be­din­gungen, damit sie für sich und andere besser sorgen können. Alleine und ver­einzelt sind sie aller­dings bisher zu schwach, um poli­tisch wahr­ge­nommen zu werden und eine grund­le­gende Ver­bes­serung der Arbeits- und Lebens­be­din­gungen zu erreichen. Hinter der Care Revo­lution steht die Idee, diese Gruppen nicht nur über diesen Begriff zu ver­binden, sondern damit auch auf­ein­ander zu ver­weisen und eine sichtbare Care-Bewegung zu ent­wi­ckeln. Wichtig ist dafür aller­dings auch eine klare Analyse, die deutlich macht, dass der gesamte Care-Bereich unter den Folgen staat­licher Kos­ten­sen­kungs­po­litik leidet, die mit der poli­tisch-öko­no­mi­schen Krise sozialer Repro­duktion ver­bunden ist. Davon aus­gehend können wir mit der Care Revo­lution als Trans­for­ma­ti­ons­stra­tegie gemeinsam erste Reform­schritte in Richtung bedin­gungslose exis­ten­zielle Grund­si­cherung, deut­liche Ver­kürzung der Erwerbs­ar­beitszeit sowie Ausbau der sozialen Infra­struktur gehen.

Sie fassen in Ihrem Buch Akti­vi­täten der Inter­ven­tio­nis­ti­schen Linken über Verdi-Gruppen bis zu Pfle­ge­in­itia­tiven unter den Begriff Care Revo­lution. Wird da nicht über ganz unter­schied­liche Akti­vi­täten ein Label gestülpt?

Wichtig ist zunächst fest­zu­stellen, dass die im Buch genannten Gruppen und viele mehr, die zur Akti­ons­kon­ferenz Care Revo­lution im März 2014 auf­ge­rufen haben, sich selbst diesem Begriff und der Vor­stellung zuordnen, dass die Bedin­gungen für Sor­ge­arbeit in unserer Gesell­schaft grund­legend revo­lu­tio­niert werden müssen. Dabei sind das keine großen Ver­bände, sondern Gruppen vor Ort, wie die IL Tübingen, die Verdi-Betriebs­gruppe Charité, die Eltern­in­itiative »Nicos Farm« für behin­derte Kinder in Hamburg oder kleinere Orga­ni­sa­tionen wie die Initiative »Armut durch Pflege«, die bereits viele Erfah­rungen in sozialen Aus­ein­an­der­set­zungen im Care-Bereich haben. Die Zusam­men­arbeit dieser Gruppen wird eben nicht durch eine Orga­ni­sation gestaltet, die über ein Label Bedeutung erringen will. Vielmehr sehe ich die besondere Stärke der im Werden begrif­fenen Care-Bewegung darin, dass sich Men­schen in unter­schied­lichen Posi­tionen innerhalb der Care-Ver­hält­nisse aus­tau­schen und ihre Kämpfe auf­ein­ander beziehen.

Können Sie Bei­spiele nennen?

Bei Treffen und Aktionen kommen bei­spiel­weise Beschäf­tigte in Kran­ken­häusern und Alten­pfle­ge­heimen mit pfle­genden Ange­hö­rigen und Men­schen zusammen, die auf­grund von kör­per­lichen Ein­schrän­kungen oder Krank­heiten zeitlich auf­wendig für sich sorgen müssen. Wir alle können morgen von Krankheit betroffen sein und sind dann auf gute Pflege ange­wiesen. Und die staat­liche Kos­ten­sen­kungs­po­litik trifft nicht nur die Beschäf­tigten in allen Care-Bereichen glei­cher­maßen, sondern in der Folge auch Familien, Wohn­ge­mein­schaften und andere Lebens­formen, wenn Pati­enten »blutig« ent­lassen werden oder not­wendige Gesund­heits­leis­tungen für Kas­sen­pa­ti­en­tinnen gestrichen werden. Diese Ver­bin­dungen sind noch viel zu wenig präsent, auch in linken poli­ti­schen Zusam­men­hängen. Nur wenn sich etwa Erzie­he­rinnen und Eltern oder beruflich und familiär Pfle­gende als gesell­schaftlich Arbei­tende begreifen, können sie sich auf Augenhöhe in ihren Kämpfen um aus­rei­chende Res­sourcen und gute Arbeits­be­din­gungen unter­stützen. Dies gilt unter dem Aspekt der Selbst­sorge auch für Assis­tenz­ge­bende und ‑neh­mende.

Warum kann im Kapi­ta­lismus das Problem der Sor­ge­arbeit nicht gelöst werden?

Das Ziel kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaftens ist Pro­fit­ma­xi­mierung. Die ist nur durch den Einsatz von Arbeits­kraft zu erreichen, die aller­dings tag­täglich und auch über Genera­tionen hinweg immer wieder neu repro­du­ziert werden muss. Der sich daraus erge­bende Wider­spruch, dass einer­seits die Repro­duk­ti­ons­kosten der Arbeits­kraft mög­lichst gering gehalten werden sollen, um die Rendite nicht allzu sehr ein­zu­schränken, gleich­zeitig aber diese Arbeits­kraft benötigt wird, ist dem Kapi­ta­lismus immanent. Grund­vor­aus­setzung für die Auf­recht­erhaltung dieses wider­sprüch­lichen Systems ist, dass ein großer Teil der Repro­duktion unent­lohnt abge­wi­ckelt wird. Mit der tech­no­lo­gi­schen Ent­wicklung lassen sich nun zwar Güter und pro­duk­ti­onsnahe Dienst­leis­tungen schneller her­stellen, nicht aber Care-Arbeit beschleu­nigen, zumindest nicht, ohne dass es zu einer mas­siven Ver­schlech­terung der Qua­lität kommt. Denn Care-Arbeit ist kom­mu­ni­ka­ti­ons­ori­en­tiert und auf kon­krete ein­zelne Men­schen bezogen und damit sehr zeit­in­tensiv. Die Folge ist, dass Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­rungen in diesem Bereich nur begrenzt möglich sind. Es kommt zu einer Krise sozialer Repro­duktion, die ich als Teil der Über­ak­ku­mu­la­ti­ons­krise sehe.

Interview: Peter Nowak

Erst­ver­öf­fent­li­chungsort:
https://jungle.world/artikel/2015/23/52085.html