Mobilmachung für den Cyberwar

Mit völlig über­trie­benen Bedro­hungs­sze­narien soll eine Gefahr sug­ge­riert werden. Ver­gessen scheint, dass Hacking und Leaking auch Mittel der Sub­version gegen die Macht sein können – Ein Kom­mentar

»Hacker­an­griff mit Opfern in Berlin« [1], Dieser Angriff gilt der ganzen Gesell­schaft [2] oder »Ein schwerer Anschlag auf die Demo­kratie« [3]. Solche Über­schriften in den aktu­ellen Medien lassen nicht zufällig an einen Ter­ror­an­griff mit Toten und Ver­letzten denken. Es wird mobil gemacht für die Ver­schärfung im Cyber­krieg.

So rückt auch mal wieder ins Bewusstsein, dass.…

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Erfolg mit ein paar Wermutstropfen

Vor einem Jahr wurde ein aus­ge­glie­derter Betrieb des Bota­ni­schen Gartens wieder in die Freie Uni­ver­sität

Am 1. Januar 2018 ist der aus­ge­glie­derte Betrieb des Bota­ni­schen Gartens in die Freie Uni­ver­sität Berlin…

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Nach Merz: Viel Lärm um nichts bei CDU und SPD

Hoff­nungen, die mit dem Kan­di­daten Friedrich Merz ver­bunden wurden, über­sehen wesent­liche Pro­bleme beider Par­teien

Der Bedeu­tungs­verlust der poli­ti­schen Par­teien kann von nie­mandem mehr bestritten werden. Doch je deut­licher das wird, desto mehr ver­suchen die Par­teien mit Show­ele­menten die Auf­merk­samkeit der ver­dros­senen Bevöl­kerung auf sich zu lenken. Die USA haben es schon lange vor­ge­macht, wie man mit einer Show, die sich Vor­wahlen nennt, Gelder und Auf­merk­samkeit auf sich zieht.

Die CDU hat nun eine Art Vor­wahlen hinter sich und heraus kam AKK. Schon in dem Kürzel wird die Belie­bigkeit deutlich, die hinter einer Cha­rak­ter­maske steckt, die für alles und nichts steht. Es soll hier auch nicht weiter ver­wendet werden, weil damit einer Bana­li­sierung von Herr­schafts­ver­hält­nissen Vor­schub geleistet wird. Genau wie der erste grüne Außen­mi­nister Joseph Fischer bleibt, heißt die neue CDU-Vor­sit­zende hier Kramp-Kar­ren­bauer. In ihrer Belie­bigkeit ähneln sich die alte und die neue CDU-Vor­sit­zende. Mit ihrer Belie­bigkeit und ihrem Oppor­tu­nismus sind sie die idealen Ver­walter des aktu­ellen Spät­ka­pi­ta­lismus.

Kein Zurück in die 1980er Jahren

Da mögen in der Union sich manche Alt­kon­ser­vative noch mal Inspi­ration vom Kan­di­daten Friedrich Merz ver­sprochen haben. Sie erhoffen sich von ihm ein Zurück in das West­deutschland der 1980er Jahre, als die Union noch Wahl­er­geb­nisse über 40 % ein­heimste. Doch Merz hätte damit nur scheitern können, weil sich weder der Stand des Kapi­ta­lismus noch die Gesell­schaft zurück­drehen lassen.

Da ent­schied sich die knappe Mehrheit der Union dann doch für die unver­bind­liche Kramp-Karr­ren­bauer, weil sie wegen ihrer Bieg­samkeit nicht so hart scheitern kann wie ein Friedrich Merz. Hatten sich bis vor der Wahl alle Kan­di­daten selbst über­troffen in Eigenlob, welch gute Show sie in den letzen Wochen in der Partei geboten haben, so wurden aus Partnern wieder Kon­kur­renten, kaum waren die Stimmen aus­ge­zählt.

Vor allem die Ost­ver­bände der Union mosern, weil sie sich von Friedrich Merz mehr Rückenwind bei den Wahlen ver­sprochen hätten. Dann sind sie auch noch bei der Wahl des Gene­ral­se­kretärs leer aus­ge­gangen. Aber das ganze Gejammer der rechten CDUler aus dem Osten, viele sind selbst West­im­porte, wurde von der Mehrheit der Dele­gierten überhört, weil Umfragen zeigen, dass in den Groß­städten Kramp-Kar­ren­bauer beliebter als Merz war.

Und warum im Osten aus­ge­rechnet der west­deutsche Ultra­ka­pi­talist Merz der Union Stimmen gebracht hatte, bleibt das Geheimnis seiner Fans. Auf diesen Wider­spruch wies der links­li­berale Publizist Albrecht von Lucke in einer Dis­kus­si­ons­runde [1] im Deutsch­landfunk hin unter der Fra­ge­stellung »Wohin steuert Annegret-Kramp-Kar­ren­bauer die CDU?«. Doch er pro­ble­ma­ti­siert nicht, was die Merz-Fans im Osten eigentlich umtreibt.

Sie träumen von einer Union, die die Ober­hoheit über den rechten Stamm­ti­schen hat. Sie trauern Zeiten nach, als im Wen­de­herbst 1989 rechte Demons­tranten gegen Linke und Nicht­deutsche hetzten und gleich­zeitig Helmut Kohl hoch­leben ließen [2]. Dass auch Expo­nenten des Wen­de­herbstes 1989, die sich gegen die Ultra­rechten heute posi­tio­nieren, den Anteil der Rechten vor 19 Jahren klein­reden wollen, zeigt ein Interview [3] des DDR-Oppo­si­tio­nellen Martin Böttger in der taz.

Frage: Sie haben die Fried­liche Revo­lution 1989 mit­ge­staltet. Es gibt Stimmen, die sagen, dass damals schon Rechts­ex­treme Anteil am Sturz der SED-Herr­schaft hatten. Zu Recht?
Dafür hätte ich gerne Belege. Ich kenne auch keine solchen Akteure. Die, die ich kenne, kamen aus dem linken Milieu.

Martin Böttger, Interview mit der taz

Als ihm der Ver­fasser die ver­missten Belege mit Quellen zusandte, kam keine Reaktion. Daraus kann eigentlich nur der Schluss gezogen werden, dass er sich bloß­ge­stellt fühlt, weil er schon vorher wusste, dass seine Aus­sagen nicht stimmen. Es wäre zu wün­schen, dass eine Initiative junger Men­schen aus dem Umfeld der Links­partei, die sich eine Auf­ar­beitung der Wen­dezeit vor­ge­nommen haben, sich auch mit der Frage befasst, welche Rolle die Rechte im Herbst 1989 hatte und wieweit sie auch von West­par­teien unter­stützt wurde.

Aller­dings wird sich erst zeigen, ob ihr merk­wür­diger Name Auf­schwung Ost [4] und ihre For­derung nach einer »Ossi-Quote« nicht doch Satire sind. Sollte sich darin ihre Politik erschöpfen, ist ihr Eman­zi­pa­ti­ons­gehalt eher gering. Dabei wäre eine kri­tische Auf­ar­beitung der Wen­de­er­eig­nisse ein wich­tiges linkes Politfeld.

SPD hoffte ver­geblich auf Merz

Auf die SPD wird man darauf, wie bei allen linken Themen, keine Hoff­nungen zu setzen brauchen. Sicher wird es zum Wen­de­ju­biläum auch aus der SPD die eine oder andere Mäkelei geben. Doch eine grund­sätz­liche Kritik an der Über­nahme der DDR nach dem Modell Kohl, wie sie die SPD 1989 äußerte, wird sie schon deshalb nicht wie­der­holen, weil sie vom dama­ligen SPD-Vor­sit­zenden Lafon­taine kam.

Der ist noch immer Sozi­al­de­mokrat, aber bekanntlich nicht mehr in der SPD. Mit ihm haben fast alle, die noch klas­sisch sozi­al­de­mo­kra­tische Politik machen, das heißt, den Kapi­ta­lismus natio­nal­staatlich ein­hegen wollen, die Partei ver­lassen. Einige Nach­zügler ver­ließen die Partei erst kürzlich, dar­unter der Bun­des­tags­ab­ge­ordnete Marco Bülow [5] und die sozi­al­de­mo­kra­tische Gewerk­schaft­lerin Susanne Neumann [6], die dadurch bekannt wurde, dass sie sich als prekär Beschäf­tigte noch die Mühe machte, der SPD ihre Politik um die Ohren zu hauen.

Beide wären sicher Bünd­nis­partner der Linken. Dass sie erstmal auf Distanz bleiben, ist deren internen Kon­flikten geschuldet. Sowohl Bülow als auch Neumann sind in der links­par­tei­intern umstrit­tenen Bewegung »Auf­stehen« aktiv. Sollten sich die Wege zwi­schen der Linken und »Auf­stehen« end­gültig trennen, woran in beiden Lagern einige hin­ar­beiten, könnten beide noch eine Rolle in neuen For­ma­tionen spielen.

Die haus­ge­machte Krise der SPD

Doch die SPD kann weder von dem internen Zwist in der Linken noch von der auch nach dem Par­teitag unge­klärten Lage in der CDU pro­fi­tieren. Ihre Krise ist haus­ge­macht. Nicht nur immer mehr Wähler fragen sich, wozu die SPD noch gebraucht wird. Auch viele Mit­glieder können es nicht wirklich erklären. So begründet [7] die Ber­liner Juso-Vor­sit­zende Annika Klose in der sozia­lis­ti­schen Tages­zeitung Neues Deutschland, warum es sich lohnt, in der SPD so bleiben, wie folgt:

Die SPD ver­einigt Men­schen mit unter­schied­lichsten Hin­ter­gründen und Anschau­ungen. Ihnen gemeinsam ist die Iden­ti­fi­kation mit den sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Grund­werten »Freiheit, Gleichheit und Soli­da­rität«, welche wichtige Refe­renz­punkte für linke Politik sind.

Annika Klose, Neues Deutschland

Hundert Jahre nachdem die SPD-Führung in Berlin und anderen Städten auf Men­schen, die für Freiheit, Gleichheit und Soli­da­rität auf die Straße gingen, schießen ließ, hätte man sich von einer SPD-Linken ein kri­ti­scheres Bild von der eigenen Partei erwartet.

Doch die Jusos von heute sind die Füh­rungs­fi­guren der Partei in den nächsten Jahren. Daher haben die Jusos von heute gar keine Zeit mehr, sich in jugend­licher Oppo­sition zu üben. Schon wird Kevin Kühnert als mög­licher SPD-Vor­sit­zender gehandelt, wenn viel­leicht nach einem desas­trösen Ausgang der Euro­pa­wahlen Nahles gehen muss. Das bringt der SPD genau so wenig eine neue Per­spektive, wie für sie die Wahl von Merz auf dem CDU-Vorsitz eine Rettung gewesen wäre.

Nach Außen hätte die SPD etwas Klas­sen­kampf zele­briert. Wie das Ver­hältnis wirklich steht, hat der DGB-Vor­sit­zende mit SPD-Par­teibuch, Reiner Hoffmann, der Neuen Ruhr Zeitung ver­raten [8]:

Frage: Ist Merz der Arbeit­neh­mer­schreck, als der er oft dar­ge­stellt wird? Er wollte vor 15 Jahren den Kün­di­gungs­schutz extrem lockern und die 42-Stunden-Woche ein­führen.
Ich bin kein schreck­hafter Mensch und treffe Friedrich Merz regel­mäßig in der »Atlan­tik­brücke«. Merz hat dazu­ge­lernt und weiß, dass die neo­li­be­ralen Zeiten der CDU vorbei sind. Wenn er Nach­hilfe braucht bei der Mit­be­stimmung oder bei der Tarif­au­to­nomie, dann stehe ich gern zur Ver­fügung.

DGB-Vor­sit­zender Reiner Hoffmann, NRZ

Noch einige Streit­punkte

Nun kann die SPD-Führung hoffen, dass die Union bei der Frage um die Straf­barkeit der Werbung für Abtreibung einige Pro­fi­lie­rungs­mög­lich­keiten [9] lässt. Kramp-Kar­ren­bauer hat sich bereits gegen eine Reform des Para­grafen 219a [10] aus­ge­sprochen.

Es wird sich zeigen, ob die SPD zumindest in dieser Frage den Druck einer starken außer­par­la­men­ta­ri­schen Bewegung [11] nach­kommt.

Der UN-Migra­ti­onspakt und die Linke des Kapitals

Natürlich sind die SPD wie auch ein Großteil der Links­partei treue Ver­tei­diger des kürzlich abge­nickten UN-Migra­ti­ons­pakts. An diesem Fall zeigt sich das Elend einer Linken, die nur das Wort Migration hört und schon alle, die die diesen Pakt kri­ti­sieren, in die rechte Ecke stellen. Damit geht sie den Inter­essen des Kapitals ebenso auf dem Leim wie der Kam­pagne der AfD und anderer rechter Kräfte.

Dabei hat der UN-Migra­ti­onspakt nichts mit Geflüch­teten zu tun. Er soll die Migration im Interesse des Kapitals regu­lieren. Merkel sagte deutlich, dass damit »illegale Migration« bekämpft werden soll. Es geht um Migration unter Kon­trolle des Staates und im Interesse des Kapitals. Wenn Merkel dann noch erklärt, nicht Schleuser und Schlepper, sondern der Staat müsse ent­scheiden, wer ein­wandern darf, hätte es die AfD auch nicht anders aus­drücken könne. Für solch einen Pakt treten Linke in vielen Ländern ein. Der Jour­nalist Pepe Egger hat in der Wochen­zeitung Freitag gut begründet, was ihn bei der Debatte um den Migra­ti­onspakt nervt [12]:

Ich glaube, ich weiß jetzt, woher mein Puls rührt: Weil wir so etwas wie den UN-Migra­ti­onspakt noch bis vor wenigen Jahren kri­ti­siert hätten. Aber von links. Wir hätten die Abschot­tungs­po­litik ange­prangert, die Mili­ta­ri­sierung der Grenzen, die erzwun­genen Rück­füh­rungen und die Abschie­bungen. Wir hätten Alli­anzen gebildet, nicht die einen gegen die anderen aus­ge­spielt.

Pepe Egger, Wochen­zeitung Freitag

Von der SPD erwartet jeder, dass sie im Interesse von Staat und Kapital handelt. Aber gibt es auch außerhalb dieser Partei fast nur noch Linke des Kapitals?

Peter Nowak

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[1] https://​www​.deutsch​landfunk​.de/​n​a​c​h​-​m​e​r​k​e​l​-​w​o​h​i​n​-​s​t​e​u​e​r​t​-​a​n​n​e​g​r​e​t​-​k​r​a​m​p​-​k​a​r​r​e​n​b​a​u​e​r​-​d​i​e​-​c​d​u​.​1​7​8​4​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​4​35306
[2] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​D​e​r​-​b​l​i​n​d​e​-​F​l​e​c​k​-​i​n​-​d​e​r​-​D​e​b​a​t​t​e​-​4​1​8​0​3​5​5​.html
[3] http://​www​.taz​.de/​!​5​5​4​2009/
[4] https://​www​.facebook​.com/​p​a​g​e​s​/​c​a​t​e​g​o​r​y​/​P​o​l​i​t​i​c​a​l​-​O​r​g​a​n​i​z​a​t​i​o​n​/​A​u​f​b​r​u​c​h​-​O​s​t​-​3​2​9​1​8​9​0​1​9​0​8​3​6053/
[5] https://​www​.marco​-buelow​.de/
[6] https://​www​.tages​spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​s​c​h​l​a​g​f​e​r​t​i​g​e​-​g​e​w​e​r​k​s​c​h​a​f​t​e​r​i​n​-​f​r​u​e​h​e​r​e​-​p​u​t​z​f​r​a​u​-​s​u​s​a​n​n​e​-​n​e​u​m​a​n​n​-​v​e​r​l​a​e​s​s​t​-​d​i​e​-​s​p​d​/​2​3​7​2​0​4​2​0​.html
[7] https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​1​0​7​0​2​1​.​l​i​n​k​e​-​i​n​-​d​e​r​-​s​p​d​-​e​s​-​l​o​h​n​t​-​s​i​c​h​-​z​u​-​k​a​e​m​p​f​e​n​.html
[8] https://​www​.nrz​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​d​g​b​-​c​h​e​f​-​h​o​f​f​m​a​n​n​-​l​e​h​n​t​-​g​r​u​e​n​e​n​-​p​l​a​e​n​e​-​f​u​e​r​-​h​a​r​t​z​-​i​v​-​a​b​-​i​d​2​1​5​8​1​5​0​9​3​.html
[9] https://​www​.tages​schau​.de/​i​n​l​a​n​d​/​a​b​t​r​e​i​b​u​n​g​e​n​-​w​e​r​b​e​v​e​r​b​o​t​-​k​o​a​l​i​t​i​o​n​-​1​0​1​.html
[10] https://​dejure​.org/​g​e​s​e​t​z​e​/​S​t​G​B​/​2​1​9​a​.html
[11] https://​www​.sexuelle​-selbst​be​stimmung​.de/
[12] https://​www​.freitag​.de/​a​u​t​o​r​e​n​/​p​e​p​/​g​r​o​s​s​e​-​a​u​f​r​egung

Erklärtes Feindbild USA

Nur wenig Resonanz bei NPD-Kund­gebung am Bran­den­burger Tor in Berlin.

Nur wenige Teil­nehmer bei NPD-Kund­gebung in Berlin;
In der letzten Zeit war die NPD in Berlin in der Öffent­lichkeit kaum präsent gewesen. Wie wenig mobi­li­sie­rungs­fähig sie zurzeit ist, zeigt die geringe Teil­neh­merzahl bei einer Kund­gebung, die die NPD unter dem Motto „Kriegs­treiber beim Namen nennen“ am ver­gan­genen Samstag am Bran­den­burger Tor ver­an­staltet hat.

Selbst die ange­mel­deten 20 Per­sonen wurden noch unter­boten. Dabei waren auch die Jungen Natio­nal­de­mo­kraten (JN) auf der Kund­gebung ver­treten. Zudem war mit dem Ex-NPD-Vor­sit­zenden Udo Voigt der letzte bekanntere Man­dats­träger der NPD als Redner auf­ge­boten. Der EU-Par­la­men­tarier Voigt dürfte aber sein Mandat bei der nächsten Euro­pawahl wohl ver­lieren. Auf der Ber­liner Kund­gebung monierte Voigt eine angeb­liche Desta­bi­li­sierung des Iran durch die USA.

Angeblich von den USA gesteuerte Kriege

Zuvor hatte der Ber­liner NPD-Vor­sit­zende Andreas Käfer in seiner Rede die USA ange­griffen und der Schein­hei­ligkeit geziehen. Sie würden vor­geben, Frieden und Demo­kratie zu expor­tieren und pro­du­zieren nichts anderes als Flücht­lings­ströme und tote Zivi­listen. Ange­prangert bei der Kund­gebung wurde die angeb­liche Desta­bi­li­sierung des Iran durch die USA, aber auch die Kriege im Iran, im Libanon und in Syrien standen im Fokus der NPD-Kritik.

Auch hier sieht die rechts­ex­treme Partei die USA am Werk. Kein anderes Land bekomme die Nega­tiv­aus­wir­kungen der inter­na­tio­nalen Kriegs­trei­berei so stark zu spüren wie Deutschland, ver­suchte der Ber­liner NPD-Chef Käfer einen Zusam­menhang zwi­schen angeblich von den USA gesteu­erten Kriegen und der Zunahme von Geflüch­teten her­zu­stellen. Zu den For­de­rungen der NPD-Kund­gebung gehörte auch eine Auf­hebung der Sank­tionen gegen Russland, Iran und Syrien und ein Ende der Sank­tionen gegen Russland sowie einen Stopp von Waf­fen­lie­fe­rungen in Kriegs­ge­biete.

aus: Blick nach Rechts
https://​www​.bnr​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​a​k​t​u​e​l​l​e​-​m​e​l​d​u​n​g​e​n​/​e​r​k​l​-​r​t​e​s​-​f​e​i​n​d​b​i​l​d-usa

Peter Nowak

»Brauchen Unterstützung«

Die Gefangenengewerkschaft/​Bundesweite Orga­ni­sation (GG/BO) hat wei­terhin viel zu tun. Über den Zustand der Gewerk­schaft hat die Jungle World mit Martina Franke gesprochen. Sie ist Mit­glied der Ber­liner Soli­da­ri­täts­gruppe der GG/BO.

Wie ist der Stand der Orga­ni­sierung bei der GG/BO?
Als die Gewerk­schaft im Mai 2014 in der JVA Tegel gegründet wurde, konnte niemand ahnen, dass…

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Nicht zu bremsen


Im Wahl­kampf waren die stei­genden Mieten kaum ein Thema, mit AfD und FDP im Bun­destag droht noch mehr Ungemach

Die soge­nannte Miet­preis­bremse wirkt kaum, zudem stufte ein Gericht sie kürzlich als ver­fas­sungs­widrig ein. Nun ziehen mit der FDP und der AfD weitere ver­mie­ter­freund­liche Par­teien in den Bun­destag ein.

Es war eine Ham­burger Rent­nerin, die Mitte Sep­tember dafür sorgte, dass im Wahl­kampf doch noch über die immer weiter stei­genden Mieten gesprochen wurde – zumindest ein bisschen. In der ZDF-Sendung »Klartext« hatte die Frau den SPD-Kanz­ler­kan­di­daten Martin Schulz mit der Situation vieler Mieter kon­fron­tiert. Die Rent­nerin berichtete, dass sie und ihr Mann bald aus ihrer Wohnung aus­ziehen müssten, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten könnten. Das Gebäude werde grund­sa­niert, danach solle die Miete auf knapp das Vier­fache steigen: von 230 Euro im Monat auf 850 Euro. Während Schulz sich ahnungslos zeigte und bezwei­felte, dass eine solche Stei­gerung geset­zes­konform sei, musste er sich vom Mode­rator daran erinnern lassen, dass es sich um die normale Praxis einer öffent­lichen Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft in einer SPD-regierten Stadt handele. »Die ›Miet­preis­bremse‹ funk­tio­niert nicht«, klagte die Rent­nerin und brachte damit auf den Punkt, was viele Betroffene am Woh­nungs­markt täglich erleben. Dazu bei­getragen haben die vielen Schlupf­löcher, mit denen Haus- und Woh­nungs­ei­gen­tümer die Deckelung der Mieten umgehen können.

»Man gewinnt den Ein­druck, das Land­ge­richt möchte sich wieder als Gönner der Ver­mieter pro­fi­lieren.« Kurt Jotter, Ber­liner Mie­ter­ak­tivist

Das war aller­dings nicht der Grund dafür, dass kurz darauf das Ber­liner Land­ge­richt die soge­nannte Miet­preis­bremse als ver­fas­sungs­widrig ein­stufte. Die Richter argu­men­tierten, es liege eine ungleiche Behandlung von Ver­mietern in unter­schied­lichen Städten vor, weil die zulässige Miethöhe von der orts­üb­lichen Ver­gleichs­miete abhängt. Diese variiere aber je nach Stadt erheblich. Das wider­spreche Artikel 3 des Grund­ge­setzes, der die Gleich­be­handlung vor dem Gesetz vor­schreibt. Als Bei­spiel erwähnte das Gericht, in München liege die Ver­gleichs­miete bis zu 70 Prozent über der in Berlin. Im kon­kreten Fall spielte die Frage der Ver­fas­sungs­mä­ßigkeit am Ende keine Rolle mehr, so dass sie auch nicht zur Klärung an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt wei­ter­ge­geben wurde.

»Man gewinnt den Ein­druck, das Land­ge­richt möchte sich wieder als Gönner der Ver­mieter pro­fi­lieren«, kom­men­tierte der Ber­liner Mie­ter­ak­tivist Kurt Jotter im Gespräch mit der Jungle World das Urteil. Jotter regte im Gegenzug an, den Para­graphen 559 des Bür­ger­lichen Gesetz­buchs (BGB) einer recht­lichen Prüfung zu unter­ziehen. Dieser regelt Miet­erhö­hungen bei Moder­ni­sie­rungen und setzt nach Ansicht der Kri­tiker die Mie­ter­rechte außer Kraft. Unter dem Motto »Rettet die Mie­ter­rechte – streicht endlich den Para­graphen 559 BGB« haben Mie­ter­initia­tiven eine Petition an den Bun­destag ein­ge­reicht. Die Abschaffung des Para­graphen gehört auch zu den For­de­rungen des bun­des­weiten Bünd­nisses »Mie­ten­wahnsinn stoppen«, zu dem sich mehrere stadt­po­li­tische Gruppen und Mie­ter­initia­tiven zusam­men­ge­schlossen haben. Am zweiten Sep­tem­ber­wo­chenende hatte das Bündnis bun­des­weite Akti­onstage ver­an­staltet. Die Palette reichte von einer Pla­kat­aktion in Köln bis zu einer Demons­tration in Berlin mit über 2 000 Teil­nehmern.

Florian Kasiske, ein Sprecher des Ham­burger Netz­werks »Recht auf Stadt« und Mit­be­gründer der bun­des­weiten Koope­ration, benannte im Gespräch mit der Jungle World die Pro­bleme einer Orga­ni­sierung der Mieter über die eigene Stadt hinaus. »Bewe­gungen gegen stei­gende Mieten und Gen­tri­fi­zierung sind sehr orts­be­zogen. Um einen Kon­flikt zu gewinnen, muss man in einem sehr spe­zi­fi­schen lokalen Setting agieren.« Doch dabei stoße man immer mehr an Grenzen. »Zen­trale For­de­rungen der Mie­ter­initia­tiven lassen sich nur bun­desweit durch­setzen – wie bei­spiels­weise die nach einer neuen Wohn­ge­mein­nüt­zigkeit, nach Abschaffung der Moder­ni­sie­rungs­pau­schale Para­graph 559 oder nach einer wirk­samem Miet­preis­bremse«, so Kasiske.

Die Not­wen­digkeit einer außer­par­la­men­ta­ri­schen Orga­ni­sierung der Mieter wird ange­sichts der Zusam­men­setzung des neuen Bun­destags wohl noch dring­licher. Mit der FDP und der AfD sind zwei Par­teien in den Bun­destag ein­ge­zogen, die Mie­ter­rechte weiter ein­schränken wollen. Auch die CDU-FDP-Koalition, die in Nord­rhein-West­falen die Lan­des­re­gierung stellt, will die wenigen Schritte der rot-grünen Vor­gän­ger­re­gierung zugunsten der Mie­ter­seite zurück­nehmen. Die AfD-Spit­zen­kan­di­datin Alice Weidel bezeichnete das Zweck­ent­frem­dungs­gesetz, mit dem die Umwandlung von Miet- in Feri­en­woh­nungen gebremst werden soll, als Ent­eignung von Woh­nungs­ei­gen­tümern.

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​3​9​/​n​i​c​h​t​-​z​u​-​b​r​emsen

Peter Nowak

Verteidigung des Säkularismus oder Diskriminierung einer Muslima?

In Berlin wird wieder darüber dis­ku­tiert, ob Leh­re­rinnen Kopf­tücher im Unter­richt tragen dürfen

Eine Ent­scheidung des Ber­liner Arbeits­ge­richts[1] sorgt für eine Neu­auflage des Kopf­tuch­streits in Berlin. Das Gericht hatte die Ent­schä­di­gungs­klage einer Muslima abge­wiesen, deren Bewerbung um eine Stelle als Grund­schul­leh­rerin von dem Land Berlin abge­lehnt worden war, weil sie ein Kopftuch trägt.

Die Frau sah hierin eine nach § 7 des All­ge­meinen Gleich­be­hand­lungs­ge­setzes (AAG[2] ver­botene Benach­tei­ligung. Das Gericht ver­neinte das mit Verweis auf das Ber­liner Neu­tra­li­täts­gesetz[3], das den Lehr­kräften « das Tragen religiös geprägter Klei­dungs­stücke« untersagt. »Hieran habe sich das beklagte Land halten und die Bewerbung der Klä­gerin ablehnen dürfen«, so das Ber­liner Arbeits­ge­richt.

Neu­tra­li­täts­gesetz nicht ver­fas­sungs­widrig

Die Ent­scheidung des Arbeits­ge­richts war auch unter Juristen mit Spannung erwartet worden. Einige Juristen ver­traten nämlich die Ansicht, dass das Ber­liner Neu­tra­li­täts­gesetz gegen ein Urteil[4] des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vom Januar 2015 ver­stößt. Damals hatten die Richter ent­schieden:

Der Schutz des Grund­rechts auf Glaubens- und Bekennt­nis­freiheit (Art. 4 Abs. 1 und 2 GG) gewähr­leistet auch Lehr­kräften in der öffent­lichen bekennt­nis­of­fenen Gemein­schafts­schule die Freiheit, einem aus reli­giösen Gründen als ver­pflichtend ver­stan­denen Bede­ckungs­gebot zu genügen, wie dies etwa durch das Tragen eines isla­mi­schen Kopf­tuchs der Fall sein kann.

Doch das Urteil, das sich gegen ein Gesetz in NRW richtete, war kein all­ge­meiner Frei­brief für das Tragen eines Kopf­tuchs in den Schulen. Schließlich hieß es dort auch:

Ein lan­des­weites gesetz­liches Verbot reli­giöser Bekun­dungen durch das äußere Erschei­nungsbild schon wegen der bloß abs­trakten Eignung zur Begründung einer Gefahr für den Schul­frieden oder die staat­liche Neu­tra­lität in einer öffent­lichen bekennt­nis­of­fenen Gemein­schafts­schule ist unver­hält­nis­mäßig, wenn dieses Ver­halten nach­voll­ziehbar auf ein als ver­pflichtend ver­stan­denes reli­giöses Gebot zurück­zu­führen ist. Ein ange­mes­sener Aus­gleich der ver­fas­sungs­rechtlich ver­an­kerten Posi­tionen – der Glau­bens­freiheit der Lehr­kräfte, der nega­tiven Glaubens- und Bekennt­nis­freiheit der Schü­le­rinnen und Schüler sowie der Eltern, des Eltern­grund­rechts und des staat­lichen Erzie­hungs­auf­trags – erfordert eine ein­schrän­kende Aus­legung der Ver­botsnorm, nach der zumindest eine hin­rei­chend kon­krete Gefahr für die Schutz­güter vor­liegen muss.

Eine so all­gemein for­mu­lierte Ent­scheidung lässt natürlich einen großen Inter­pre­ta­ti­ons­spielraum offen, den das Ber­liner Arbeits­ge­richt genutzt hat. Es weist vor allem auf die Unter­schiede zwi­schen dem Ber­liner Neu­tra­li­täts­gesetz und den vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt monierten Rege­lungen im Schul­gesetz von NRW[5] hin.

Diese bestünden u.a. darin, »dass die Ber­liner Regelung keine gleich­heits­widrige Pri­vi­le­gierung zugunsten christlich-abend­län­di­scher Bil­dungs- und Kul­tur­werte oder Tra­di­tionen vorsehe. Das Ber­liner Neu­tra­li­täts­gesetz behandelt alle Reli­gionen gleich. Außerdem gelte das Verbot reli­giöser Bekleidung nach § 3 Neu­tra­li­täts­gesetz nicht für die Lehr­kräfte an berufs­bil­denden Schulen. Auch für die Klä­gerin sei die Unter­richts­tä­tigkeit an einer berufs­bil­denden Schule möglich«, so das Arbeits­ge­richt.

Dem wider­sprach die Anwältin der Klä­gerin, die darauf verwies, dass in Berlin Schmuck mit reli­giösen Sym­bolen erlaubt sei. »Wenn nun mus­li­mische Schüler einer Leh­rerin mit Kreuz um den Hals gegen­über­stünden, ist da die Neu­tra­lität gewähr­leistet?«, fragte sie. Diese Frage dürfte die Gerichte und Juristen noch weiter beschäf­tigten. Gegen das Urteil ist Berufung bei Lan­des­ar­beits­ge­richt Berlin-Bran­denburg möglich. Die Klä­gerin hat noch nicht ent­schieden, ob sie den Weg gehen will.

Auch keine Ein­flüs­te­rungen vom Spa­ghet­ti­monster erwünscht

Doch das Urteil hat die poli­tische Dis­kussion um das Kopftuch neu ent­facht. So ver­öf­fent­lichte die links­li­be­ralen Taz Pro- und Contra[6] zum Kopf­tuch­verbot. Der Taz-Inlands­re­dakteur Daniel Bax wirft dem Gericht und der Ber­liner Politik vor, die Umsetzung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zu ver­zögern, geht aber nicht auf die Aus­füh­rungen des Arbeits­ge­richts ein, in denen begründet wird, warum das Urteil das Ber­liner Neu­tra­li­täts­gesetz nicht tan­giert .

Bax sieht in kopf­tuch­tra­genden Lehr­kräften ein Zeichen der Offenheit. Dem wider­spricht seine Taz-Kol­legin Susanne Memarnia ent­schieden:

Wenn der Staat zur welt­an­schau­lichen Neu­tra­lität ver­pflichtet ist, was das BVG bejaht, sind das auch seine Amts­träger, seien es Leh­re­rInnen oder Poli­zis­tInnen. Denn sie sind es, durch die der Staat handelt. Zwar ist es richtig, dass die Trennung von Kirche und Staat hier­zu­lande nicht kon­se­quent rea­li­siert ist – Stichwort Reli­gi­ons­un­ter­richt oder Kir­chen­steuer. Aber das ist kein Argument, den Lai­zismus nun kom­plett über Bord zu werfen.

Ihre Argu­mente über­zeugen schon deshalb, weil sie sämt­liche reli­giösen und pseu­do­re­li­giösen Symbole aus den Schulen ver­bannen will.

Aber wie soll jemand, der sein Handeln danach aus­richtet, was ihm Gott, Allah oder das Spa­ghet­ti­monster ein­flüstern, Kinder zu mün­digen Bürgern erziehen und ihnen bei­bringen, alles zu hin­ter­fragen – inklusive der Dogmen ihrer Leh­re­rInnen.

Dass Memarnia auch die Freun­dinnen und Freunde des Spa­ghet­ti­monsters mit ein­be­zieht, ist kon­se­quent und müsste auch in deren Sinne sein. Die wollen schließlich den Reli­gi­ons­ge­mein­schaften gleich­ge­stellt sein, was dann auch im nega­tiven Sinne gelten muss.

Ver­tei­digung der säku­laren Gesell­schaft statt Kampf gegen den Islam

Die Argu­mente in der neu auf­ge­fla­ckerten Dis­kussion mögen nicht neu sein; sie waren meist schon in den letzten Jahren zu lesen, nach poli­ti­schen Vor­stößen und juris­ti­schen Ent­schei­dungen in Sachen Kopftuch an den Schulen. Neu ist aber, dass die Ver­tei­digung der säku­laren Gesell­schaft in einer Zeit besonders wichtig ist, wo sich einer­seits der Dschi­h­ad­dismus weltweit aus­breitet und dann sogar manche Linke einen Kul­tur­kampf gegen den Islam anstimmen. Ein Bei­spiel findet sich in einem Nachruf auf den kürzlich ver­stor­benen Schrift­steller Imre Kertész in der Jungle World[7].

Kaum ein Nachruf aber beschäf­tigte sich mit dem Spätwerk des Ver­stor­benen, in dem er den Untergang Europas pro­phe­zeite. Schon der deutsche Titel seines letzten Buches, »Letzte Einkehr«, trieft von jenem Pathos, das Kertész so fremd war. Im Eng­li­schen heißt es »The Last Refuge«, und auch wenn Rück­zugsort nicht so bedeu­tungs­schwanger daher­kommt wie die Einkehr, so trifft es doch besser: In den Tage­buch­auf­zeich­nungen handelt Kertész von der Satu­riertheit des alten Europa, das sich dem Islam ergeben wird.

Das Ver­hältnis Europas zum Islam beschreibt er als das einer Hure zu ihrem gewalt­tä­tigen Zuhälter. Sprache und Sujet gemahnen in ihrer Wucht und Ver­zweiflung an Oriana Fallaci, der einst ver­höhnten und nun doch wieder geehrten ita­lie­ni­schen Autorin, wenn Kertész schreibt: »Europa hat Hitler her­vor­ge­bracht; und nach Hitler steht hier ein Kon­tinent ohne Argu­mente: Die Türen weit offen für den Islam; er wagt es nicht länger, über Rasse und Religion zu reden, während der Islam gleich­zeitig einzig die Sprache des Hasses gegen alle aus­län­di­schen Rassen und Reli­gionen kennt.«

Unter Umständen wird man später lesen, dass diese unkenden Mahnrufe der schweren Par­kinson-Erkrankung und dem Lebens­über­druss des Autors geschuldet waren. Das Gegenteil ist wahr: Sie sind die letzte Kon­se­quenz seines Werkes – ein genuin anti­fa­schis­ti­scher Appell in einem unver­wech­sel­baren Sprechen, das wir nun nicht mehr ver­nehmen werden.Jungle World

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Soll da eine anti­fa­schis­tische Bewegung auf­ge­fordert werden, auch wieder über Rasse und Religion zu reden? So, wie die in dem Text erwähnte Oriana Fallaci, die einst eine liberale ita­lie­nische Jour­na­listen war und in den letzten Jahren ihres Lebens unter dem Ein­druck einer schweren Krankheit und der isla­mis­ti­schen Anschläge vom 11. Sep­tember 2001 in den USA eine Hetze[8] gegen Migranten aus isla­mi­schen Ländern ver­öf­fent­lichte[9], die auf rechts­po­pu­lis­ti­schen Seiten Platz und Beifall fand.

Fallaci argu­men­tierte aus­drücklich nicht vom Stand­punkt des Lai­zismus, sondern wollte das christ­liche Abendland gegen die Moslems ver­tei­digen. For­mu­lie­rungen von einem Europa, das sich dem Islam hingibt, stehen ganz in der Tra­dition der Abend­land­ver­tei­diger. Ein posi­tiver Bezug auf solche Schriften ist ebenso eine Auf­for­derung zu einer Quer­front, wie sie mit anderer Ziel­setzung im Umfeld des Magazins Compact pro­pa­giert werden.

Der Aufruf zur Ver­tei­digung des Lai­zismus und der säku­laren Gesell­schaft ist dagegen die klare Absage an jeg­liche Quer­fronten.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​7​/​4​7​9​7​3​/​2​.html

Peter Nowak

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[3]

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[4]

https://​www​.bun​des​ver​fas​sungs​ge​richt​.de/​S​h​a​r​e​d​D​o​c​s​/​E​n​t​s​c​h​e​i​d​u​n​g​e​n​/​D​E​/​2​0​1​5​/​0​1​/​r​s​2​0​1​5​0​1​2​7​_​1​b​v​r​0​4​7​1​1​0​.html

[5]

https://​www​.schul​mi​nis​terium​.nrw​.de/​d​o​c​s​/​R​e​c​h​t​/​D​i​e​n​s​t​r​e​c​h​t​/​P​e​r​s​o​n​a​l​v​e​r​t​r​e​t​u​n​g​s​r​e​c​h​t​/​A​u​s​z​u​g​-​S​c​h​u​l​G.pdf

[6]

http://​www​.taz​.de/​!​5​2​9​5620/

[7]

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​6​/​1​4​/​5​3​8​0​6​.html

[8]

http://​www​.nzz​.ch/​a​r​t​i​c​l​e​C​Z​J​X​T​-​1​.​1​57991

[9]

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​0​2​/​2​3​/​2​3​8​1​7​.html

Lehrerjahre sind keine Herrenjahre

Ob Inte­gra­ti­ons­lehrer oder stu­den­tische Hilfs­kraft – Bezahlung und Arbeits­be­din­gungen im Bil­dungs­be­reich sind oft mise­rabel. Gewerk­schaften und Bil­dungs­ar­beiter wollen das ändern.

Zurzeit sind Deutsch­leh­re­rinnen und -lehrer sehr gefragt. Schließlich muss seit zehn Jahren jeder Geflüchtete in Deutschland obli­ga­to­risch einen Inte­gra­ti­onskurs »Deutsch für Zuwan­derer« belegen. Doch die Leh­renden klagen über geringen Lohn und schlechte Arbeits­be­din­gungen. Von einem Honorar von etwa 20 Euro pro Stunde müssen sie auch ihre Kranken- und Ren­ten­ver­si­cherung voll­ständig selbst finan­zieren. Urlaubsgeld erhalten sie nicht. Wenn sie krank sind, müssen sie einen Ver­dienst­ausfall hin­nehmen. Bei befris­teten Ver­trägen gibt es zudem keinen Kün­di­gungs­schutz.

»Inte­gration nicht zum Hun­gerlohn« hieß deshalb das Motto einer Kund­gebung von ungefähr 150 Inte­gra­ti­ons­lehrern vor zwei Wochen vor dem Bun­des­in­nen­mi­nis­terium, zu der die Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft Verdi und die Gewerk­schaft Erziehung und Wis­sen­schaft (GEW) gemeinsam auf­ge­rufen hatten. Nicht nur in Berlin wächst der Unmut der Leh­renden, die häufig noch mit Hartz IV auf­stocken müssen, weil sie zu wenig ver­dienen. Am 15. März gingen in Osna­brück eben­falls Inte­gra­ti­ons­lehrer auf die Straße.

Viele Deutsch­lehrer wollen den ihnen auf­ge­zwun­genen Status als Selbst­ständige los­werden und fordern tariflich bezahlte Arbeits­plätze. »Wir sind keine Unter­neh­mer­typen, sondern Lehrer und wollen auch so behandelt werden«, wurde Georg Nie­der­müller, Mit­be­gründer der »Initiative Bildung prekär«, im Herbst auf Spiegel Online zitiert. In dieser Initiative haben sich Lehr­kräfte ver­schie­dener Rich­tungen zusam­men­ge­schlossen, die sich gegen die schlechten Arbeits­be­din­gungen und Nied­rig­löhne wehren wollen. Das ist auch das Anliegen des »Netz­werkes pre­käres Wissen« , die kürzlich eine Hono­rar­ta­belle für Lehr­be­auf­tragte an ver­schie­denen Hoch­schulen ver­öf­fent­licht. Dazu sam­melte sie über 60 typische Bei­spiele von Hono­raren, die Bil­dungs­träger und wis­sen­schaft­liche Insti­tu­tionen in den ver­gan­genen Jahren gezahlt hatten. Sie ermit­telte zudem, welcher häufig unbe­zahlte tat­säch­liche Arbeits­aufwand für die jewei­ligen Auf­träge nötig gewesen war, und errechnete so aus dem offi­zi­ellen Honorar den tat­säch­lichen Brut­to­stun­denlohn der meist frei­be­ruflich Tätigen. In über 20 Fällen lag dieser tat­säch­liche Stun­denlohn unter dem Min­destlohn von 8,50 Euro. An der Leip­ziger Uni­ver­sität und der Freien Uni­ver­sität Berlin (FU) gab es sogar Lehr­auf­träge ganz ohne Bezahlung.

Im Wis­sen­schafts­be­reich sind Nied­riglohn und schlechte Arbeits­be­din­gungen, auch im Mit­telbau, völlig üblich, wie die Deutsche Gesell­schaft für Sozio­logie (DGS) in einer Stel­lung­nahme vom Februar 2016 fest­stellte. Sie sieht die pre­kären Arbeits­be­din­gungen als Folge eines »aka­de­mi­schen Kapi­ta­lismus«, der durch eine Unter­fi­nan­zierung der Hoch­schulen und einen ver­schärften Wett­bewerb um For­schungs­gelder gekenn­zeichnet ist.

Auf einer Fach­tagung der DGS dis­ku­tierten Gewerk­schafter und Wis­sen­schaftler Ende Februar über das Thema »Wis­sen­schaft als pre­kärer Beruf«. Die Bestands­auf­nahme war nie­der­schmet­ternd: So haben die ungefähr 6 000 wis­sen­schaft­lichen Hilfs­kräfte an Ber­liner Hoch­schulen seit 2001 keine Lohn­er­höhung mehr bekommen. Das Weih­nachtsgeld hat der Ber­liner Senat 2004 gestrichen. 2011 mussten GEW und Verdi die Ver­hand­lungen über einen neuen Tarif­vertrag ergeb­nislos abbrechen, weil es nicht gelungen war, den nötigen poli­ti­schen Druck zu erzeugen. In nächster Zeit wollen beide Gewerk­schaften gemeinsam mit poli­tisch enga­gierten Stu­die­renden aus sämt­lichen Ber­liner Hoch­schulen einen neuen Anlauf für den Kampf um einen Tarif­vertrag nehmen. Als erster Schritt wurde eine Umfrage begonnen, mit der ermittelt werden soll, welche tarif­lichen For­de­rungen den stu­den­ti­schen Hilfs­kräften wichtig sind. Zu Beginn des neuen Semesters sollen ver­stärkt neue Gewerk­schafts­mit­glieder geworben werden. Darin sehen beide Gewerk­schaften die Vor­aus­set­zungen, um eine lange, viel­leicht mit Streiks ver­bundene Tarif­aus­ein­an­der­setzung erfolg­reich zu bestehen. Schließlich war es in den acht­ziger Jahren erst nach einem langen Arbeits­kampf möglich, Tarif­ver­träge für stu­den­tische Hilfs­kräfte abzu­schließen. Beide Gewerk­schaften und die Stu­die­renden sind sich einig, dass die Selbst­or­ga­ni­sierung der Hilfs­kräfte die Grundlage des Erfolgs ist. »Eine solche Kam­pagne steht und fällt mit der Bereit­schaft der stu­den­ti­schen Beschäf­tigten, sich aktiv ein­zu­bringen und gewerk­schaftlich zu orga­ni­sieren«, heißt es auf der Homepage der GEW.

Derweil werden schon Bünd­nis­partner unter den unter­schied­lichen pre­kären Beschäf­tig­ten­gruppen an den Hoch­schulen gesucht. Dass nicht nur wis­sen­schaft­liche Mit­ar­beiter von schlechten Arbeits­be­din­gungen betroffen sind, zeigt der Kampf der Beschäf­tigten des Bota­ni­schen Gartens Berlin gegen Dum­ping­löhne und Out­sourcing. Ein Teil der Beleg­schaft arbeitet für die FU, zu der der Garten gehört. Der andere Teil wurde beim Toch­ter­un­ter­nehmen »Betriebs­ge­sell­schaft für die Zen­tral­ein­richtung Bota­ni­scher Garten und Bota­ni­sches Museum« ange­stellt. Beide Gruppen machen die gleiche Arbeit, doch die Aus­ge­glie­derten erhalten bis zu 42 Prozent weniger Lohn. Seit über einem Jahr kämpfen Beschäf­tigte des Bota­ni­schen Gartens für das Prinzip »Gleicher Lohn für gleiche Arbeit«. Mitt­ler­weile haben sie zwei erfolg­reiche Warn­streiks orga­ni­siert. Weil die Ankün­digung so kurz­fristig war, konnte die FU die Strei­kenden nicht ersetzen. So kamen Besucher während des ersten Streiktags in den Genuss des freien Ein­tritts.

Die Beschäf­tigten des Bota­ni­schen Gartens haben für ihren Wider­stand gegen das von der Uni­ver­si­täts­leitung favo­ri­sierte Out­sourcing Unter­stützung von einem Bündnis, das von linken Stu­die­ren­den­gruppen über die Ber­liner Gruppe gegen Arbeit­ge­ber­un­recht bis zur anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Ini­tiative »Klas­sen­kampf­block« reicht. Kürzlich hat sich ein Soli­da­ri­täts­kreis gegründet, an dem Stu­die­rende, stu­den­tische Hilfs­kräfte und Wis­sen­schaftler aus meh­reren Ber­liner Hoch­schulen beteiligt sind. Denn ein Erfolg im Bota­ni­schen Garten wäre auch eine Ermu­tigung für die pre­kären Wis­sen­schaftler.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​6​/​1​2​/​5​3​7​1​3​.html

Peter Nowak