Feiern statt feuern

45 Jahre »Gras­wur­zel­re­vo­lution«

Die »Gras­wur­zel­re­vo­lution« feiert ihren 45. Geburtstag. Sie ist das einzige anar­chis­tische Print­medium des Landes.

Viel­leicht hat sich der ehe­malige Bun­des­tags­ab­ge­ordnete der Grünen, Win­fried Nachtwei, um die linke Publi­zistik ver­dient gemacht – auch wenn es gar nicht seine Intention war. 2001, als die Grünen zumindest im west­fä­li­schen Münster noch eine gewisse Distanz zur Bun­deswehr aus­drücken wollten, geriet er mit einem Lehr­be­auf­tragten der Uni­ver­sität anein­ander. Bernd Drücke, tätig am Institut für Sozio­logie der West­fä­li­schen Wil­helms-Uni­ver­sität, beschul­digte Nachtwei, bei einem großen Zap­fen­streich der Bun­deswehr auf der Bühne gestanden zu haben. Nachtwei bestritt das vehement, bezich­tigte Drücke der Ver­leumdung – und musste schließlich doch zugeben, dass der Soziologe die Wahrheit gesagt hatte. Was nichts daran änderte, dass man am Lehr­stuhl gründlich ange­fressen war. Einige, die in der aka­de­mi­schen Hier­archie über Drücke standen, betrach­teten es als Majes­täts­be­lei­digung, einen Poli­tiker der Grünen öffentlich vor­zu­führen. Drücke flog raus, er verlor seine Stelle am Lehr­stuhl für Sozio­logie und kon­zen­trierte sich fortan ganz auf seine jour­na­lis­tische Tätigkeit bei einer Zeit­schrift, für die der Anar­chist und Pazifist regel­mäßig Artikel geschrieben hatte: die Gras­wur­zel­re­vo­lution – kurz auch GWR genannt.
Bis heute ist Drücke ver­ant­wort­licher Redakteur der GWR. Sicherlich ist es zum großen Teil sein Ver­dienst, dass das Monats­blatt bald seinen 45. Geburtstag feiern kann. Die Null­nummer der GWR erschien im Juni 1972.


Mit ihrer strikten Ablehnung jeg­licher Gewalt hat sich die »GWR« auch bei Teilen der radi­kalen Linken Kritik ein­ge­handelt.

Drücke hat dafür gesorgt, dass die Zeit­schrift, deren Titel nach einer Mischung aus Gue­rilla Gar­dening und Land­kommune klingt, auch von Kul­tur­linken und mar­xis­ti­schen Ideo­lo­gie­kri­tikern gelesen wird. Über­haupt ist das Blatt berüchtigt für diesen Spagat. In der aktu­ellen Ausgabe, der 419., berichten zwei Kom­munen aus ihrem Alltag. Wenige Seiten weiter beschäftigt sich ein hoch­kom­plexer Text mit der Kritik an Gewalt und im hin­teren Teil der Ausgabe sind phi­lo­so­phisch unter­füt­terte Dis­kus­si­ons­bei­träge zu der Frage abge­druckt, ob es eine Natur des Men­schen gebe. Das glaubten bekannte Anar­chisten wie Pjotr Kro­potkin, die der Ansicht waren, der Mensch sehne sich von Natur aus nach Freiheit und selbst­be­stimmten Kol­lek­tiven. Andere wider­sprachen vehement und warnten, dass Anar­chisten mit unbe­wie­senen anthro­po­lo­gi­schen Grund­an­nahmen ihrer Sache eher scha­deten als nützten.

Doch nicht nur Themen, die die anar­chis­tische Szene im engeren Sinne betreffen, werden in der GWR dis­ku­tiert. So hat Jens Kastner in der Ausgabe vom Dezember 2016 die post­ko­lo­nia­lis­tische Theo­re­ti­kerin Gayatri Cha­kra­vorty Spivak wegen ihres Anti­zio­nismus heftig kri­ti­siert. Für Drücke ist diese Mischung aus Kom­mu­n­ebe­richt und Theorie Pro­gramm.
»Es gibt in der undog­ma­ti­schen linken Szene einen Bedarf sowohl nach liber­tär­so­zia­lis­ti­schen Theorien und Utopien als auch nach Gegen­öf­fent­lichkeit und kon­tro­verser Dis­kussion«, sagt er der Jungle World. »Wir ver­suchen, das als Sprachrohr gewalt­freier, anar­chis­ti­scher, anti­mi­li­ta­ris­ti­scher, pro­fe­mi­nis­ti­scher und anderer sozialer Bewe­gungen abzu­decken.« Ein schwarz­roter Faden, der sich durch sämt­liche Ausgabe zieht, ist der Anti­mi­li­ta­rismus: »Kritik an Kriegs­ein­sätzen und Auf­rüstung suchen wir in den meisten Medien ver­geblich. Wir wollen der mili­ta­ris­ti­schen Pro­pa­ganda etwas ent­ge­gen­setzen«, schreibt Drücke im Edi­torial der Mai-Ausgabe. Es folgt unter anderem ein Beitrag über die Pläne, die Wehr­pflicht in Frank­reich wieder ein­zu­führen. Ein Vor­haben, das nicht nur von Marine Le Pen und Emmanuel Macron, sondern auch vom linken Kan­di­daten Jean-Luc Mélenchon unter­stützt wird. Die GWR widmet sich diesem Thema in einer Aus­führ­lichkeit, die im deutsch­spra­chigen Raum ein­zig­artig sein dürfte.

Das liegt auch an der Geschichte dieses Mediums. Die 1972 gegründete GWR hatte ein poli­ti­sches Anliegen, das einige Autoren auf den Liber­tären Tagen, einem bun­des­weiten Anar­chis­ten­treffen 1993 in Frankfurt am Main, so beschrieben: »Die Zeitung GWR war mit dem Ziel ange­treten‚ den Zusam­menhang zwi­schen den beiden kon­se­quen­testen Hand­lungs­an­sätzen gegen Herr­schaft und Gewalt, zwi­schen Gewalt­freiheit und liber­tärem Sozia­lismus, auf­zu­zeigen und dazu bei­zu­tragen, dass die pazi­fis­tische Bewegung sozia­lis­tisch und die links­so­zia­lis­tische Bewegung in ihren Kampf­formen gewaltfrei werde.«

Über mehrere Jahre war die GWR eng mit der Föde­ration gewalt­freier Akti­ons­gruppen (FöGA) ver­bunden. 1980 als bun­des­weites Netzwerk anar­cho­pa­zi­fis­ti­scher Gruppen mit anti­mi­li­ta­ris­ti­schem Schwer­punkt gegründet, wurde die FöGA vom Ver­fas­sungs­schutz als »größte anar­chis­tische Orga­ni­sation der Nach­kriegszeit« bezeichnet. Von 1981 bis 1988 gab sie die GWR heraus, betei­ligte sich an der Anti­ra­ke­ten­be­wegung in den acht­ziger Jahren und nutzte gewalt­freie Aktionen wie Sitz­blo­ckaden. Von der Krise der gesamten Frie­dens­be­wegung blieb sie nicht ver­schont. 1997 löste sich die FöGA aus­ge­rechnet in einer Zeit auf, in der Deutschland wieder begonnen hatte, offen Kriege zu fühen. Die GWR, die seitdem von einem unab­hän­gigen Kreis von etwa 45 Per­sonen her­aus­ge­geben wird und alle Ent­schei­dungen basis­de­mo­kra­tisch fällt, setzt die Kritik am Mili­ta­rismus in Staat, Gesell­schaft und auch in der Linken kon­se­quent fort.

Dabei landet Drücke gerne mal zwi­schen allen Stühlen, wie er am Bei­spiel des Kon­flikts zwi­schen der Ukraine und Russland auf­zeigt: »Wir lassen Anar­chisten und Anti­mi­li­ta­risten aus Russland und der Ukraine zu Wort kommen, unter­stützen die Deser­teure und Ver­wei­gerer aller Kriegs­par­teien und agi­tieren sowohl gegen das homophob-auto­ritäre Putin-Régime als auch gegen Nato, EU, ukrai­nische und ost­ukrai­nische Natio­na­listen.« So ver­mittelt die GWR auch jün­geren Lesern eine Vor­stellung von einer anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Bewegung, die sich vom Main­stream der deut­schen Frie­dens­be­wegung, deren Haupt­feind noch immer die USA sind, unter­scheidet.

Mit ihrer strikten Ablehnung jeg­licher Gewalt hat sich die GWR auch bei einigen radi­kalen Linken Kritik ein­ge­handelt. Heute sind es aber nicht mehr primär die Mili­tanz­de­batten, die harsche Leser­re­ak­tionen her­vor­rufen. »Auf unsere Bei­träge zum Thema Cri­tical Whiteness gab es sowohl positive als auch negative Rück­mel­dungen«, berichtet Drücke. Solche Aus­ein­an­der­set­zungen bewertet er positiv. »Die anar­chis­tisch-gewalt­freie, pro­fe­mi­nis­tische Lupe ist manchmal auch ein gutes Hilfs­mittel gegen Sek­tie­rertum, damit das Denken die Richtung wechseln kann«, so Drücke. Er ist opti­mis­tisch, dass die GWR in Zukunft eine noch größere Rolle als Stimme gegen die herr­schenden Ver­hält­nisse spielen wird. Schließlich haben die beiden anderen grö­ßeren anar­chis­ti­schen Print­medien ihr Erscheinen mitt­ler­weile ein­ge­stellt. Die Publi­kation Schwarzer Faden gibt es bereits seit 2004 nicht mehr. Im ver­gan­genen Jahr hat auch die Direkte Aktion, die Zeitung der FAU, ihre Print­ausgabe ein­ge­stellt. Die Ent­scheidung wird von Drücke noch heute heftig kri­ti­siert.

In der kom­menden Ausgabe der GWR, die am 8. Juni erscheint, wird es einen Schwer­punkt zum 45. Geburtstag der Zeit­schrift geben. Die Jungle World gra­tu­liert recht herzlich.

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​2​2​/​f​e​i​e​r​n​-​s​t​a​t​t​-​f​euern
Peter Nowak
Hinweis auf den Artikel im Edi­torial der gwr:

http://​www​.gras​wurzel​.net/420/

45 Years After
Pres­se­rummel im GWR-Büro

Liebe Lese­rinnen und Leser,

im Juni 1972 erschien die Null­nummer der Gras­wur­zel­re­vo­lution. Heute, 45 Jahre später, haben wir für Euch aus diesem Anlass eine dicke Jubi­lä­ums­ausgabe mit 28 statt 24 Seiten im Ber­liner Tages­zei­tungs­format pro­du­ziert.

In den 45 Erschei­nungs­jahren stand die GWR selten so im Fokus anderer Medien wie heute.

In den letzten Wochen tum­melten sich mehrere Zeitungs‑, Fernseh- und Radio­ma­che­rInnen in unserem kleinen Redak­ti­onsbüro in Münster. Der WDR, NRWision-TV (1), Antenne Münster, die West­fä­li­schen Nach­richten, Radio Q, diverse Bür­gerfunk- und Video-Gruppen (2) berich­teten unter anderem über den von uns initi­ierten ersten Free­Deniz-Fahr­rad­korso für die Pres­se­freiheit (vgl. GWR 418) oder über Ver­an­stal­tungen mit GWR-Betei­ligung. (3)

Eine mexi­ka­nische Fil­me­ma­cherin und ein US-ame­ri­ka­ni­scher Kame­ramann führten im Mai auf Eng­lisch ein langes Interview u.a. zur GWR-Geschichte mit mir. Der Film ist eine Uni-Arbeit und soll bald auch auf youtube zu sehen sein.

Der WDR besuchte zum zweiten Mal innerhalb von drei Wochen für mehrere Stunden das GWR-Büro und machte für die Aktuelle Stunde (Lokalzeit Müns­terland) einen Fern­seh­beitrag zum Inter­na­tio­nalen Tag der Pres­se­freiheit am 3. Mai (4).

Die taz erwähnte am 31. Mai 2017 in ihren Schwer­punkt zum Thema Gegen­öf­fent­lichkeit unter dem Titel »Eine ganz andere Sicht. Geschichte linker Medien im Über­blick« u.a. auch die GWR:

»Von den Acht­und­sech­zigern über Spontis bis zur Frau­en­be­wegung ent­standen teil­weise mythen­hafte, sagen­um­wobene Publi­ka­tionen. Manche Blätter starben jung, andere hielten sich bis heute und neue kamen dazu. (…) Die Gras­wur­zel­re­vo­lution lebt seit 1972, erscheint monatlich und wird mit Text von Men­schen aus aller Welt befüllt, die dem losen Autor*innennetzwerk ange­hören. Diese arbeiten an einer ‚tief­grei­fenden gesell­schaft­lichen Umwälzung‘ und ‚für eine gewalt­freie, herr­schaftslose Gesell­schaft‘. In großen Buch­staben schreibt die Zeitung Anti­mi­li­ta­rismus und Öko­logie auf ihre Fahnen.« (5)

Die linke Wochen­zeitung Jungle World widmete in ihrer Ausgabe vom 1. Juni 2017 der GWR zwei Seiten, die ins­be­sondere den grünen Ex-MdB Win­fried Nachtwei aus Münster und seine Fans nicht erfreuen werden. Die Gras­wur­zel­re­vo­lution, »deren Titel nach einer Mischung aus Gue­rilla Gar­dening und Land­kommune« klinge, werde »auch von Kul­tur­linken und mar­xis­ti­schen Ideo­lo­gie­kri­tikern gelesen«, so die Jungle World. Über­haupt sei die GWR »berüchtigt für diesen Spagat. In der aktu­ellen Ausgabe, der 419., berichten zwei Kom­munen aus ihrem Alltag. Wenige Seiten weiter beschäftigt sich ein hoch­kom­plexer Text mit der Kritik an Gewalt und im hin­teren Teil der Ausgabe sind phi­lo­so­phisch unter­füt­terte Dis­kus­si­ons­bei­träge zu der Frage abge­druckt, ob es eine Natur des Men­schen gebe. (…) Doch nicht nur Themen, die die anar­chis­tische Szene im engeren Sinne betreffen, werden in der GWR dis­ku­tiert. (…) So ver­mittelt die GWR auch jün­geren Lesern eine Vor­stellung von einer anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Bewegung, die sich vom Main­stream der deut­schen Frie­dens­be­wegung, deren Haupt­feind noch immer die USA sind, unter­scheidet. Mit ihrer strikten Ablehnung jeg­licher Gewalt hat sich die GWR auch bei einigen radi­kalen Linken Kritik ein­ge­handelt.« (6)

Herz­lichen Dank für diese soli­da­rische Kritik. Und herz­lichen Glück­wunsch zum zwan­zigsten Jungle World-Geburtstag, auch wenn ich mich in den Jahren seit Nine-Eleven oft über anti­deutsche Kriegs­pro­pa­ganda in der Wochen­zeitung geärgert habe.

»Finde den Fehler« – Der Fehler heißt BILD!

Am 28. April 2017 rief ein BILD-Zei­tungs­re­dakteur im GWR-Redak­ti­onsbüro an. Er erzählte, dass BILD etwas zum Hype ver­öf­fent­lichen möchte, den ein Tweet von mir (siehe Abbildung unten) auf Twitter unter anderem bei den Grünen aus­gelöst hat. Ich habe dem »Jour­na­listen« geant­wortet, dass ich seine Zeitung extrem unseriös finde und auf keinen Fall möchte, dass irgend­etwas von mir von BILD ver­öf­fent­licht wird. Dar­aufhin war er pikiert und meinte: »Wir sind immerhin so seriös, Sie anzu­rufen!«

Mein Kom­mentar: »Trotzdem, BILD ist wirklich das Aller­letzte. Ich möchte auf keinen Fall, dass Sie irgend­etwas von mir ver­öf­fent­lichen.«

Der BILD-Redakteur war hörbar ver­ärgert. Sein ras­sis­tisch-sexis­ti­sches Hetz­blatt setzte sich erwar­tungs­gemäß über meine For­derung hinweg und ver­öf­fent­lichte gegen meinen Willen unter dem Titel »Finde den Fehler. Witzbold legt Hand an Grünen-Plakat« einen Artikel (7), in dem sowohl mein Tweet als auch ein zusätz­licher Hinweis auf den »Müns­te­raner Bernd Drücke« erschien.