Zwischen allen Stühlen

GWR-Redakteur Bernd Drücke über gewaltfreien Anarchismus und wie man als Außenseiter etwas bewegen kann

Bernd Drücke, 36, ist Soziologe in Münster und haupt­amt­licher Redakteur der gewaltfrei-anar­chis­ti­schen Monats­zeitung »Gras­wur­zel­re­vo­lution«.

Vor drei Jahren feierte die Monats­zeitung »Gras­wur­zel­re­vo­lution« (GWR) ihr 40-jäh­riges Bestehen, jetzt die 400. Ausgabe. Dienen die vielen Jubiläen der Leser­ge­winnung?
Sie schaden zumindest nicht. Die Abo­ent­wicklung ist okay. Wir bekommen oft mehr Neuabos als Kün­di­gungen. Die Zeitung wird durch Abos und Spenden finan­ziert, macht aber kaum Werbung und ist deshalb vielen unbe­kannt

Wieso über­lebte die GWR die Auf­lösung der Föde­ration Gewalt­freier Akti­ons­gruppen, mit der sie eng ver­bunden war?
Die Föde­ration wurde 1980 als bun­des­weites Netzwerk anar­cho­pa­zi­fis­ti­scher Gruppen mit anti­mi­li­ta­ris­ti­schem Schwer­punkt gegründet und galt laut Ver­fas­sungs­schutz als »größte anar­chis­tische Orga­ni­sation der Nach­kriegszeit«. Ihre Ent­stehung hängt eng mit der seit 1972 erschei­nenden GWR zusammen. Von 1981 bis 1988 war die Föde­ration Gewalt­freier Akti­ons­gruppen Her­aus­ge­berin der GWR. Seitdem wird die Zeitung wieder von einem unab­hän­gigen Kreis her­aus­ge­geben, der sich aus etwa 40 Men­schen zusam­men­setzt und alle Ent­schei­dungen basis­de­mo­kra­tisch fällt. 1997 wurde die Föde­ration auf­gelöst. Aber es gibt etliche ehe­malige Mit­glieder, die noch poli­tisch aktiv sind und uns nahe stehen. Dazu findet sich einiges in der GWR 400.

Hatte diese Selbst­stän­digkeit auch etwas Befrei­endes, weil es jetzt keine poli­tische Grup­pierung mehr gab, die Ein­fluss nehmen konnte?
Die GWR ist asso­zi­iertes Mit­glied in einem glo­balen anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Netzwerk, den War Resisters’ Inter­na­tional. Sie hat sich in den letzten Jahren geöffnet. Sie ist ein Sprachrohr eman­zi­pa­to­ri­scher sozialer Bewe­gungen aus aller Welt, von Anar­chisten, Gewalt­freien Akti­visten, Femi­nis­tinnen, Anti-Atom‑, Anti-Gen­tech‑, Anti-TTIP-Aktiven, von anti­ras­sis­ti­schen Gruppen, Antifas, Blockupy bis hin zu Men­schen, die sich gegen Abschie­bungen oder den Kli­ma­killer Kohle stemmen.

Welchen Stel­lenwert hat der gewalt­freie Anar­chismus heute in der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken?
Wir sind Außen­seiter, können aber etwas bewegen. Wir wollen eine gewalt­freie Umwälzung von unten und ver­treten Posi­tionen, die anderswo nicht vor­kommen. Nehmen wir das Bei­spiel Ukraine-Kon­flikt, da sitzen wir zwi­schen allen Stühlen. Wir lassen Anar­chisten und Anti­mi­li­ta­risten aus Russland und der Ukraine zu Wort kommen, unter­stützen die Deser­teure und Ver­wei­gerer aller Kriegs­par­teien und agi­tieren sowohl gegen das homophob-auto­ritäre Putin-Régime als auch gegen NATO, EU, ukrai­nische und ost­ukrai­nische Natio­na­listen. Leider ist der gewalt­freie Anar­chismus immer noch eine Nischen­be­wegung. Aber dass heute direkte gewalt­freie Aktionen und basis­de­mo­kra­tische Ent­schei­dungs­fin­dungen innerhalb der sozialen Bewe­gungen selbst­ver­ständlich sind, ist auch dem jahr­zehn­te­langen Enga­gement von gewalt­freien Anar­chis­tinnen zu ver­danken

Wie ist Ihr Ver­hältnis zu mar­xis­ti­schen Ansätzen, die sich von auto­ri­tären Par­tei­kon­zepten distan­zieren?
Kri­tisch-soli­da­risch. Der anti­au­to­ritäre Marxist John Hol­loway war zum Bei­spiel häu­figer Inter­view­partner und unter unseren Autoren sind auch Zapa­tistas und libertäre Mar­xisten. Als libertär-sozia­lis­ti­sches Blatt dis­ku­tieren wir undog­ma­tisch-mar­xis­tische Theo­rie­an­sätze aus anar­chis­ti­scher Sicht.

Ein Teil der GWR-Artikel ist online zugänglich auf gras​wurzel​.net, auch aus­ge­wählte Artikel der 400. Ausgabe. Ein­zelheft 3,80 Euro, Schnup­perabo 5 Euro, Pro­be­ex­emplar kos­tenlos

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​7​7​8​7​4​.​z​w​i​s​c​h​e​n​-​a​l​l​e​n​-​s​t​u​e​h​l​e​n​.html

Peter Nowak