Noch nicht Geschichte

VVN-Kon­ferenz mahnt

In ein­dring­lichen Worten beschwor der 90-jährige Volkmar Har­nisch die Anwe­senden, dem Auf­stieg einer neuen rechts­po­pu­lis­ti­schen Bewegung in Deutschland ent­gegen zu treten. Er war 1944 im Alter von 17 Jahren von den Nazis inhaf­tiert worden. Am Frei­tag­abend eröffnete er in der TU Berlin eine Kon­ferenz der Ver­ei­nigten der Ver­folgten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schis­ti­schen (VVN-BdA). Unter dem Titel »Deutschland wieder gut­ge­macht?« befasste sie sich mit dem Wandel der Erin­ne­rungs­po­litik an das NS-Régime. Har­nisch ist einer der wenigen noch lebenden Wider­stands­kämpfe

Wie wird eine Erin­ne­rungs­po­litik ohne die Zeit­zeugen aus­sehen? Das ist eine Frage, die sich auch der Leiter der KZ-Gedenk­stätte Neu­en­gamme Detlef Garbe in seinem Ein­füh­rungs­re­ferat stellte. Er warnte vor einem »Auf­ar­bei­tungs­stolz« deut­scher Poli­tiker, die eine neue Rolle Deutsch­lands in der Welt­po­litik damit begründen, dass das Land sich der NS-Geschichte vor­bildlich gestellt habe. Garbe erin­nerte daran, dass bis in die 1980er Jahre der Kampf um Erin­ne­rungsorte von NS-Terror und Ver­folgung eine Aufgabe zivil­ge­sell­schaft­licher Orga­ni­sa­tionen war und von der Politik oft igno­riert oder gar sabo­tiert wurde. Er betonte, Gedenk­po­litik müsse auch wei­terhin poli­tisch ver­un­si­chern. Wenn die AfD in den Bun­destag ein­ziehe, stünden ihr auch Sitze in Kom­mis­sionen zu, die sich mit Gedenk­po­litik befassen. Zudem beklagte der His­to­riker dar­aufhin, dass der Etat für die Auf­ar­beitung der DDR-Geschichte größer sei als für die Erin­nerung an den NS-Terror. Der Publizist Wolfgang Herzberg wie­derum, der als Kind jüdi­scher Kom­mu­nisten im bri­ti­schen Exil geboren wurde, ver­wahrte sich in einer enga­gierten Rede gegen die Gleich­setzung der DDR mit dem NS-Régime.

In einer von der His­to­ri­kerin Cor­nelia Siebeck mode­rierten Podi­ums­dis­kussion ging es dann um die Frage, wie eine Erin­ne­rungs­po­litik aus­sehen kann, die in die aktuelle Politik kri­tisch inter­ve­nieren will. Nach dem Tod der letzten Zeit­zeugen befürchtet sie eine His­to­ri­sierung des Faschismus. Der Publizist und Jurist Kamil Majchrzak verwies in diesem Kontext auf die Ver­ant­wortung der dritten Generation, der Kinder und Enkel von NS-Opfern und Wider­stands­kämpfern. Dabei griff er eine Dis­kussion auf, die in Israel schon einige Jahre geführt wird. Majchrzaks Groß­vater war NS-Wider­stands­kämpfer und KZ-Häftling. Dessen Erfah­rungen hätten auch ihn geprägt.

Für Anne Allex von der AG »Mar­gi­na­li­sierte gestern und heute« ist Geschichte der Ver­folgung in der NS-Dik­tatur noch längst nicht voll­ständig erforscht. Sie wies dar­aufhin, dass Men­schen, die von den Nazis als »arbeits­scheu« und »asozial« klas­si­fi­ziert wurden, bis heute keine Ent­schä­digung erhalten haben und in den Nach­kriegs­jahren oft weiter ver­folgt wurden. Der Wis­sen­schaftler Stefan Heinz, der in einem For­schungs­projekt der FU Berlin über das Schicksal von Gewerk­schaftern und Gewerk­schaf­te­rinnen im NS-Staat mit­ar­beitet, ist der Über­zeugung, dass vor allem die Wider­stands­ge­schichte der Arbei­ter­be­wegung gegen die Hit­ler­dik­tatur noch nicht aus­ge­forscht sei.

Die gut­be­suchte Kon­ferenz machte deutlich, dass die Gruppe jener wächst, die sich gegen Ver­suche stemmt, die Erin­ne­rungs­po­litik an die Ver­brechen des NS-Staates als ver­gangene Geschichte zu betrachten.

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Peter Nowak

Fragend schreiten sie im Kreis

Ein neues Buch zur linken Geschichtsdebatte

Lou­ka­nikos hieß der Stra­ßenhund, der während der Mas­sen­pro­teste in Grie­chenland 2012 und 2013 auf unzäh­ligen Fotos zu sehen war. Sein Tod im ver­gan­genen Jahr war der »Süd­deut­schen Zeitung« sogar einen Artikel wert. Doch das Tier schrieb noch auf eine andere Weise Geschichte. Nach ihm benannten sich fünf His­to­ri­ke­rinnen und His­to­riker, die Dis­kus­sionen über den Umgang der Linken mit Geschichte vor­an­treiben. Unter dem Titel »History is unwritten« hat der Arbeits­kreis Lou­ka­nikos jetzt ein Buch her­aus­ge­geben, das auf einer Kon­ferenz beruht, und doch weit über die dama­ligen Bei­träge hinaus geht. Die 25 Auf­sätze geben einen guten Über­blick über den Stand der linken Geschichts­de­batte in Deutschland.

Die Suche nach einer neuen linken Per­spektive in der geschichts­po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­setzung und die Frage, welche Bedeutung linken Mythen hierbei zukommt, benennen die Her­aus­geber als roten Faden des Buches. Die His­to­rikern Cor­nelia Siebeck erteilt jeg­lichen linken Geschichts­mythen eine Absage: »Was eman­zi­pa­to­rische Zukunfts­po­litik ganz sicher nicht braucht, ist die eine his­to­rische Erzählung, um ihre Anliegen zu begründen.« Ihr wider­spricht der His­to­riker Max Lill. »Viele Intel­lek­tuelle der radi­kalen Linken laben sich am Miss­trauen gegenüber jedem Versuch, größere Zusam­men­hänge her­zu­stellen. Fragend schreiten sie im Kreis«, kri­ti­siert er die Ver­suche einer post­mo­dernen Geschichts­de­kon­struktion.

Der His­to­riker Ralf Hoff­rogge, der in den ver­gan­genen Jahren ver­gessene Teile der Geschichte der Arbei­ter­be­wegung in Deutschland erforschte, plä­diert in seinen »Fünf Thesen zum Kampf um die Geschichte« dafür, die sozia­lis­tische Bewegung als Tra­dition anzu­nehmen und in der Kritik an den geschei­terten linken Bewe­gungen beschei­dener zu sein. »Auch wir werden im poli­ti­schen Leben Fehler machen und unseren Ansprüchen nicht gerecht werden, das richtige Leben im Fal­schen nicht erreichen, und die Abschaffung des ganzen Fal­schen wohl auch nicht.«

Ein eigenes Kapitel ist geschichts­po­li­ti­schen Initia­tiven in Deutschland gewidmet. Die Gruppe audio­script stellt einen Stadt­rundgang vor, der über die Ver­folgung und Ver­nichtung der Jüdinnen und Juden zwi­schen 1933 und 1945 in Dresden infor­miert. Sie kri­ti­siert damit auch den in der säch­si­schen Stadt herr­schenden Erin­ne­rungs­diskurs, der vor allem die deut­schen Bom­ben­opfer von 1945 in den Mit­tel­punkt stellt. Die Anti­fa­schis­tische Initiative Moabit (AIM) aus Berlin betont in ihrem Beitrag die Aktua­lität anti­fa­schis­ti­scher Geschichts­po­litik in einer Zeit, in der die »deutsche Erin­ne­rungs­land­schaft gepflastert ist mit Stol­per­steinen und Orten der Erin­nerung an die Opfer der NS-Ver­brechen«. Als Bei­spiel für gelungene Erin­ne­rungs­arbeit führt die AIM die »Fragt uns Bro­schüren« an, in denen junge Anti­fa­schisten die letzten noch lebenden Wider­stands­kämpfer und NS-Ver­folgten inter­viewen. Vor­ge­stellt wird zudem die Initiative für einen Gedenkort an das ehe­malige KZ Uckermark, wo zwi­schen 1942 und 1945 Mädchen und junge Frauen ein­ge­pfercht wurden, weil sie nicht in die NS-Volks­ge­mein­schafts­ideo­logie passten. Mit femi­nis­ti­schen Bau- und Begeg­nungs­camps hat die Initiative den Ort bekannt gemacht und erschlossen.

Autor_​innenkollektiv Lou­ka­nikos (Hg.): History is unwritten. Linke Geschichts­po­litik und kri­tische Wis­sen­schaft, Edition Assem­blage, 400 Seiten, 19,80 Euro.

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Peter Nowak

Im Zweifel für den Zweifel

History is unwritten - AutorInnenkollektiv Loukanikos (Hg.)
AutorIn­nen­kol­lektiv Lou­ka­nikos (Hg.)
History is unwritten
Linke Geschichts­po­litik und kri­tische Wis­sen­schaft

Ein Kreis linker Historiker_​innen und poli­ti­scher Aktivist_​innen dis­ku­tiert über den Stel­lenwert von Geschichte.

Lou­ka­nikos hieß der Stra­ßenhund, der während der Zeit der grie­chi­schen Mas­sen­pro­teste in den Jahren 2012 und 2013 auf vielen Fotos zu sehen war. Der Hund schrieb Geschichte, und sein Tod im letzten Jahr war der Süd­deut­schen Zeitung sogar einen eigenen Artikel wert. Doch das Tier schrieb auch auf eine ganz besondere Weise Geschichte. Nach ihm benannte sich eine Gruppe von fünf Historiker_​innen, die in den letzten Jahren Dis­kus­sionen über den linken Umgang mit Geschichte vor­an­ge­trieben haben. Das AutorIn­nen­kol­lektiv Lou­ka­nikos, bestehend aus Henning Fischer, Uwe Fuhrmann, Jana König, Eli­sabeth Steffen und Till Sträter, gab 2012 den Sam­melband „Zwi­schen Ignoranz und Insze­nierung. Die Bedeutung von Mythen und Geschichte für die Gegenwart der Nation“ heraus (siehe Rezension in kri​tisch​-lesen​.de #26). Daran schloss sich eine längere Dis­kussion über den Stel­lenwert der Geschichte für eine eman­zi­pative Politik an, die 2012 und 2013 in der Monats­zeitung analyse und kritik (ak) geführt wurde. Die ak-Redaktion hat eine Son­der­beilage mit den Debat­ten­bei­trägen her­aus­ge­geben, die mitt­ler­weile ver­griffen ist.

Der Gegen­stand der Debatte ver­schob sich mitt­ler­weile. Über die Kritik an den Geschichts­mythen von Staat und herr­schender Politik gibt es in den unter­schied­lichen Frak­tionen der Linken grund­sätz­liche Dif­fe­renzen. Bei der Frage, ob nicht auch alle linken Geschichts­mythen dekon­struiert werden müssten, bietet sich ent­spre­chend reichlich Zünd­stoff. „Was macht die Linke mit Geschichte?“ lautete denn auch die Fra­ge­stellung einer Kon­ferenz, die das AK Lou­ka­nikos im Dezember 2013 in Berlin orga­ni­sierte. Ein­ge­laden waren neben Historiker_​innen und Soziolog_​innen auch poli­tische Aktivist_​innen.

Unter dem Titel „History is unwritten“ hat das AK Lou­ka­nikos kürzlich im Verlag edition assem­blage ein Buch her­aus­ge­geben, das mehr ist als der erwei­terte Kon­fe­renz­be­richt. Die 25 dort ver­öf­fent­lichten Auf­sätze geben einen guten Über­blick über den Stand der linken Geschichts­de­batte in Deutschland.

Einige der Auf­sätze befassen sich mit einem Teil­be­reich linker Geschichte. So widmet sich der Gewerk­schafts­his­to­riker Wolfgang Uel­lenberg-van Dawen der Geschichte der Deut­schen Gewerk­schaften im Ersten Welt­krieg. Dabei zeigt er auf, wie die Politik des Burg­friedens die Sozi­al­part­ner­schaft zwi­schen Kapital und Arbeit ein­leitete, die auch nach 1918 fort­ge­führt wurde. Hierin liegt auch die massive Ablehnung der Räte­struk­turen durch die Gewerk­schaften begründet, die sich während der Novem­ber­re­vo­lution gebildet hatten. Unver­ständlich bleibt, warum „die harten Bedin­gungen und die wirt­schaft­lichen Folgen des Ver­sailler Ver­trags die Politik der Lan­des­ver­tei­digung im Nach­hinein […] recht­fer­tigen“ (S. 87). Unab­hängig von der unter Historiker_​innen strit­tigen Frage, ob der Ver­sailler Vertrag besonders harte Bedin­gungen ent­hielt, müssten hier ent­schiedene Kriegsgegner_​innen argu­men­tieren, dass es ohne den maß­geblich von Deutschland ent­fachten Welt­krieg keinen Ver­sailler Vertrag gegeben hätte. Doch solche Detail­fragen ließen sich im Kontext der Kon­ferenz nicht klären.

Brauche ich die Vergangenheit, um eine linke Politik zu begründen?

Der Beitrag von Susanne Götze zur Bedeutung des mar­xis­ti­schen Phi­lo­sophen Henri Lef­ebvre und Dominik Nagels Aufsatz über den bri­ti­schen His­to­riker Edward P. Thompson widmen sich zwei linken Wis­sen­schaftlern, die sich der Erneuerung der mar­xis­ti­schen Theorie ver­schrieben haben. Neben den Bei­trägen, die sich einer Person oder einem bestimmten Teil­be­reich in der linken Geschichte widmen, stellen andere Artikel die Frage, ob die Linke eigene Mythen braucht. Dazu gehört auch die Maxime, „wer sich nicht an die Ver­gan­genheit erinnern kann, ist dazu ver­dammt, sie zu wie­der­holen“, die in linken Kreisen häufig ver­wendet wird. Der Publizist Bernd Engelmann gebrauchte den Satz gleich mehrmals in seinen in den 1970er Jahren popu­lären Anti-Geschichts-Büchern. Vor allem an die Geschichte von Gewalt und Krieg sollte erinnert werden, um sie für die Zukunft aus­zu­schließen.

Wenn irgendwo auf der Welt wieder massive Men­schen­rechts­ver­let­zungen bekannt werden, lautet ein Vorwurf, man habe aus der Geschichte nichts gelernt. Die His­to­ri­kerin Cor­nelia Siebeck unter­zieht das gesamte Konzept vom Lernen aus der Geschichte in ihrem „Plä­doyer für eine post-apo­dik­tische Geschichts­po­litik“ (S. 373) einer scharfen Kritik. Dabei beruft sie sich auf post­mo­derne Theoretiker_​innen wie Ernesto Laclau und Chantal Mouffe. Für sie gibt es keine letzte Schlacht, die „wir“ gewinnen und auch keine „Enkel“, die es besser aus­fechten, womit sich viele Linke nach einer poli­ti­schen Nie­derlage trösten. Siebeck kri­ti­siert ein linkes Geschichts­modell, das die Ver­gan­genheit her­an­zieht, um Lehren für die Zukunft zu ziehen. „Was eman­zi­pa­to­rische Zukunfts­po­litik ganz sicher nicht braucht, ist die eine his­to­rische Erzählung, um ihre Anliegen zu begründen“ (S. 370). Für Siebeck sind deshalb auch alle Denk­mäler frag­würdig, mögen sie auch einem noch so guten Zweck dienen, bei­spiels­weise der Beschwörung einer Welt ohne Krieg und Faschismus. Sinnbild eines in ihrem Sinne posi­tiven Denkmals ist ein leerer Sockel.

Dieser totalen Geschichts­de­kon­struktion wider­sprechen andere Autor_​innen aus unter­schied­lichen Gründen. So plä­diert der His­to­riker Ralf Hoff­rogge in seinen „Fünf Thesen zum Kampf um die Geschichte“ (S. 114) dafür, „die sozia­lis­tische Bewegung als Tra­dition künftig anzu­nehmen“ (S. 115) und auch in der Kritik an den geschei­terten linken Bewe­gungen beschei­dener zu sein. „Auch wir werden im poli­ti­schen Leben Fehler machen und unseren Ansprüchen nicht gerecht werden, das Richtige Leben im Fal­schen nicht erreichen, und die Abschaffung des ganzen Fal­schen wohl auch nicht“ (S. 119). Für Hoff­rogge ist diese kri­tische Ergänzung aller­dings kein Anlass für Resi­gnation. Daher beendet er seinen Aufsatz auch mit der alten linken Parole „Vor­wärts und nicht ver­gessen“.

Fragend schreitend im Kreise?

Die schärfste Kritik an Sie­becks post­mo­derner Geschichts­de­kon­struktion liefert der His­to­riker Max Lill. „Viele Intel­lek­tuelle der radi­kalen Linken laben sich − inzwi­schen buch­stäblich seit Jahr­zehnten – am Miss­trauen gegenüber jedem Versuch, größere Zusam­men­hänge her­zu­stellen. Fragend schreiten sie im Kreis“ (S. 327). Lill wendet sich mit Verweis auf die Geschichte der US-Bür­ger­rechts­be­wegung gegen ein Mythen­verbot in der linken Geschichts­wis­sen­schaft.

„Die vor neuen Impulsen vibrie­renden Gegen­kul­turen waren auch, besonders zu Beginn, auf paradoxe Weise geprägt von einem tiefen Gefühl der Nost­algie und der Iden­ti­fi­kation mit ihren sozial und his­to­risch scheinbar fern lie­genden Akteur_​innen. Die eigenen, anfangs in noch roman­tisch gefärbter Inner­lichkeit gärenden Ent­frem­dungs­er­fah­rungen und Sehn­süchte wurden auf die alte Arbei­ter­be­wegung oder die anti­fa­schis­ti­schen und anti-kolo­nialen Kämpfe pro­ji­ziert. Sie arti­ku­lieren sich mit­unter sogar in einer Adaption der Sprache der christ­lichen Befrei­ungs­theo­logie, wie sie für die Bür­ger­rechts­be­wegung prägend war. Alle mög­lichen sozialen Rand­exis­tenzen rücken in den Mit­tel­punkt der herauf quel­lenden Phan­tasien einer durch Bil­dungs­ex­pansion sozial auf­stei­genden Jugend: eine Ent­grenzung der Empathie- und Ein­bil­dungs­kraft“ (S. 330).

Was Lill hier anspricht, betrifft viele eman­zi­pa­to­rische Bewe­gungen überall auf der Welt. So bezogen sich femi­nis­tische Kämpfe auf Frauen, die in ihrer Zeit als Hexen ver­folgt wurden. Regionale öko­lo­gische Initia­tiven in Bayern benannten sich nach der Bunt­schuh­be­wegung des Spät­mit­tel­alters, um gegen eine Mer­cedes-Test­strecke zu pro­tes­tieren. Natürlich ist der Hinweis richtig, dass bei solchen Bezug­nahmen über die Jahr­hun­derte hinweg immer Pro­jek­tionen und Kon­struk­tionen im Spiel sind. Es gab in der Zeit der Bunt­schuh­be­wegung keine Autos, und daher ist es müßig, darüber nach­zu­denken, ob und wie sich die Bewegung zur Mer­cedes-Test­strecke posi­tio­niert hätte. Das ist aber auch den Aktivst_​innen bewusst. Es ging den Aktivist_​innen aber um ein wider­stän­diges Ver­halten gegenüber der jewei­ligen Obrigkeit und Respekt vor Men­schen, die in der Ver­gan­genheit mit Ver­folgung bis zum Tod kon­fron­tiert waren. Daraus kann selbst­ver­ständlich auch eine pro­ble­ma­tische Über­iden­ti­fi­kation werden. Das kann man an der Geschichte der jün­geren Frau­en­be­wegung beob­achten. Der Respekt vor den als Hexen ver­folgten Frauen endete in manchen femi­nis­ti­schen Kreisen damit, dass man einen Hexenkult eta­blierte, der durchaus reli­giöse Formen annehmen konnte. In dem Film „Die Rit­te­rinnen“ schil­derte die Regis­seurin Barbara Teufel diese Ent­wicklung exem­pla­risch anhand der Ent­wicklung einer femi­nis­ti­schen Wohn­ge­mein­schaft in Berlin-Kreuzberg der späten 1980er Jahre.

So werden im Buch „History is unwritten“ tat­sächlich für eine eman­zi­pative Theorie und Praxis wichtige Fragen gestellt. Es bleibt zu hoffen, dass die Debatte auch mit den poli­ti­schen Aktivist_​innen fort­ge­setzt wird, die trotz guter Vor­sätze auf der Kon­ferenz nur sehr begrenzt möglich war. Erfreu­li­cher­weise wird dieser Kri­tik­punkt im Buch an meh­reren Stellen klar benannt. „Für einen Aus­tausch, bei den alle ein­be­zogen werden sollen, waren die Vor­träge nicht geeignet“(S. 172), kri­ti­siert Chris Rotmund von der Initiative für einen Gedenkort ehe­ma­liges KZ Uckermark den aka­de­mi­schen Dis­kus­si­onsstil auf der Kon­ferenz. Mit dem Buch sind aber die Grund­lagen für eine Debatte gelegt, die aus diesen Fehlern lernt. Dem dürften selbst die Autor_​innen zustimmen, die die Geschichte nicht als Lern­an­stalt betrachten.

http://www.kritisch-lesen.de/rezension/im-zweifel-fur-den-zweifel‑1

Peter Nowak