„Lernunfähig beim Umgang mit Erwerbslosen“

GESCHICHTE Bei der Sen­si­bi­lität mit NS-Opfern gibt es noch viel zu tun, meint Anne Allex vom „Arbeits­kreis Mar­gi­na­li­sierte gestern und heute“

An den Rand gedrückt
■ Der Arbeits­kreis „Margina­lisierte gestern und heute“ widmet sich der Geschichte der Ent­rechtung und Ver­folgung von Men­schen, denen das Stigma „asozial“ ange­heftet wurde. www​.mar​gi​na​li​sierte​.de

Anne Allex
■ arbeitet als Dozentin für So­zialrecht und hat vor zehn Jahren „Mar­gi­na­li­sierte gestern und heute“ mit­be­gründet. Kürzlich hat sie den Band „Sozialrassis­tische Ver­folgung im deut­schen Faschis­mus« heraus­ gegeben, einen
Über­blick über die Gedenk­arbeit für als asozial oder kri­minell stig­matisierte Men­schen im NS.

taz: Frau Allex, wieso haben Sie als Akti­vistin der Erwerbs­lo­sen­be­wegung, die sich gegen die Ein­führung von Hartz IV enga­gierte, vor zehn Jahren den „Arbeits­kreis Mar­gi­na­li­sierte gestern und heute“ mit­be­gründet?
Anne Allex: Erwerbs­losen wurde im deut­schen Faschismus grund­sätzlich „Arbeits­scheue“ unter­stellt. Das inten­dierte einen „Hang zum Ver­brechen“. Ich enga­giere mich auch aus per­sön­licher Betrof­fenheit. Meine Groß­eltern wurden im Natio­nal­so­zia­lismus zur Zwangs­arbeit bei Osram und beim Reichs­au­to­bahnbau gezwungen.

Wo sehen Sie die Bezüge zur Gegenwart?
In der deut­schen Geschichte wurde Erwerbs­losen durch­gehend die Schuld an ihrer Situation in die eigenen Schuhe geschoben. Schon vor 1933 führte das dazu, dass Men­schen als asozial stig­ma­ti­siert und ins Arbeitshaus gesteckt wurden. Die Faschisten wollten Erwerbslose als „Min­der­wertige“ aus­rotten. Die mör­de­rische Politik endete 1945. Danach wurde in der BRD die Zwangs­arbeit im Bun­des­so­zi­al­hil­fe­gesetz beschö­nigend „Hilfe zur Arbeit“ genannt. Seit 2005 kennen wir Zwangs­arbeit nach der Defi­nition der Inter­na­tional Labour Orga­ni­sation in Form der „1‑Euro-Jobs“. Deutschland erweist sich im Umgang mit Erwerbs­losen seit mehr als einem Jahr­hundert als ler­nun­fähig.
Warum fordert der Arbeits­kreis Mar­gi­na­li­sierte einen Gedenkort im ehe­ma­ligen Arbeitshaus Rum­melsburg?
Die ehe­ma­ligen Rum­mels­burger Arbeits­häuser sind wegen ihrer heute 138-jäh­rigen Geschichte dif­fa­mie­render Aus­grenzung vor­wiegend Ein­kom­mens­armer ein idealer Ort zur Doku­men­tation, Begegnung und für Studien- und For­schungs­arbeit.

Hatten Ihre Bemü­hungen Erfolg?
Das Bezirksamt Lich­tenberg hatte 2013 einen Wett­bewerb für die Gestaltung eines Gedenkorts aus­gelobt. Doch tragen wir die aktuelle Kon­zeption nicht mit. Unser Haupt­kri­tik­punkt besteht darin, dass die Ver­folgung als „asozial“ stig­ma­ti­sierte Men­schen im Natio­nal­so­zia­lismus und die poli­tische Ver­folgung in der DDR im selben Atemzug genannt werden. Auch die Gestaltung der drei Stelen, mit denen der als „asozial“ Ver­folgten gedacht werden soll, steht unserem Anliegen einer kri­ti­schen Aus­ein­an­der­setzung mit NS- Täter­be­griffen dia­metral ent­gegen. Wir haben deshalb Ende 2013 den Kreis ver­lassen, der das Gedenk­konzept begleitet.

Haben Sie bezüglich des Gedenkorts Rum­melsburg noch For­de­rungen an den aktu­ellen Ber­liner Senat?
Ja, in einem Poli­zeihaus und einem Ver­wal­tungs­ge­bäude des ehe­ma­ligen Arbeits­hauses könnte ein Gedenkort ent­spre­chend unserer Vor­stel­lungen ein­ge­richtet werden. Wir fordern den Senat auf, in diesem Sinne aktiv zu werden.


Welches Resümee ziehen Sie aus der zehn­jäh­rigen Arbeit des Arbeits­kreises Mar­gi­na­li­sierte?

Es ist ein ernüch­terndes Resümee. Man­gelndes Ein­füh­lungs- ver­mögen in die NS-Opfer und der Unwille, sich mit NS-Pos­tu­laten aus­ein­an­der­zu­setzen, zeigten sich sogar bei Gedenk­ver­an­stal­tungen.

Ein Bei­spiel?
Auf die Stol­per­steine, mit denen an die NS-Opfer erinnert werden soll, schreiben Gunter Demnig und die Stol­per­stein­koordi- nie­rungs­stellen Hamburg und Berlin ver­meint­liche Cha­rak­ter­ei­gen­schaften, die von den Na- zis unter­stellt wurden. So steht auf einigen der Steine „Asozial“ oder „Gewohn­heits­ver­becher“.

INTERVIEW PETER NOWAK

aus: TAZ.DIE TAGES­ZEITUNG, DIENSTAG, 15. AUGUST 2017

Und sie macht nicht frei

Anne Allex im Gespräch über die »Arbeits­scheuen«- Ver­folgung im Faschismus und zum Umgang mit Erwerbs­losen damals wie heute

Vor zehn Jahren hat Anne Allex den »Arbeits­kreis Mar­gi­na­li­sierte gestern und heute« mit­be­gründet. Jetzt hat sie den Sam­melband »Sozi­al­ras­sis­tische Ver­folgung im deut­schen Faschismus« her­aus­ge­geben, in dem eine erste Bilanz der Gedenk­arbeit für als »asozial« und »kri­minell« stig­ma­ti­sierte Men­schen im Natio­nal­so­zia­lismus (NS) gezogen wird. Mit ihr sprach Peter Nowak.

Ihr neuer Band gibt einen Über­blick über das Gedenken an die im NS als »asozial« stig­ma­ti­sierte Men­schen. Warum war das Thema lange auch bei den poli­tisch Ver­folgten der Arbei­ter­be­wegung tabu?
Die Wis­sen­schaft »Ras­sen­hy­giene« trugen in der Wei­marer Republik alle welt­an­schau­lichen Strö­mungen. Daher gingen auch poli­tisch Ver­folgte der Ideo­logie des angeblich ver­schie­denen »Wertes der Men­schen« auf den Leim. Dieses Phä­nomen der Teile-und herrsche-Politik ragte bis in die Straf­ge­setz­gebung der DDR hinein.

In welcher Form bei­spiels­weise?
Es gab den Para­grafen 249 im DDR-Straf­ge­setzbuch, der die Gefährdung der öffent­lichen Ordnung durch aso­ziales Ver­halten näher bestimmte. Dort wurde unter­stellt, dass Per­sonen sich aus Arbeits­scheu einer gere­gelten Arbeit hart­näckig ent­zögen, obwohl sie arbeits­fähig sind.

Der Arbeits­kreis »Mar­gi­na­li­sierte« koope­riert mit der Lager­ge­mein­schaft Ravens­brück, einst gegründet von Über­le­benden der Frau­en­kon­zen­tra­ti­ons­lager. Wie sieht diese Zusam­men­arbeit aus?
Die Lager­ge­mein­schaft Ravens­brück hat sich seit ihrem Bestehen dafür ein­ge­setzt, alle Lager­flächen für die Gedenk­arbeit zugänglich zu machen. Sie unter­stützen die Ansinnen der jungen Frauen der Uckermark-Initiative für einen Gedenkort an das KZ Uckermark seit Beginn. Als Arbeits­kreis arbeiten wir mit beiden Orga­ni­sa­tionen gut zusammen. Für uns ist es immer wieder erfri­schend, zu bemerken, dass wir als Kinder und Enkel von Ver­folgten gleiche Gedanken und Emp­fin­dungen zur Zeit­ge­schichte und recht analoge Kri­tiken an den Insti­tu­tionen ent­wi­ckeln.

Sie waren ursprünglich Akti­vistin der Erwerbs­lo­sen­be­wegung. Warum haben Sie vor zehn Jahren den »AK Mar­gi­na­li­sierte gestern und heute« mit­be­gründet?

Erwerbs­losen im deut­schen Faschismus wurde grund­sätzlich »Arbeits­scheu« unter­stellt; das beinhaltete einen »Hang zum Ver­brechen«. In der deut­schen Geschichte wurde Erwerbs­losen durch­gehend die Schuld an ihrer Situation in die eigenen Schuhe geschoben. Das war bereits vor 1933 so, was sich beim Phä­nomen der soge­nannten Arbeits­häuser zeigt. Die Faschisten wollten Erwerbslose als »Min­der­wertige« aus­rotten. Nach 1945 wurde in der BRD die Zwangs­arbeit laut Bun­des­so­zi­al­hil­fe­gesetz ein­ge­führt, die ver­fäl­schend »Hilfe zur Arbeit« hieß. Seit 2005 kennen wir Zwangs­arbeit – so nennt es auch die Inter­na­tionale Arbeits­or­ga­ni­sation ILO – in Form von »Ein-Euro-Jobs«. Deutschland erweist sich im Umgang mit Erwerbs­losen seit mehr als einem Jahr­hundert als ler­nun­fähig. Breite Gesell­schafts­teile unter­stützen süf­fisant ver­let­zende Dif­fa­mie­rungen Dritter, weil sie Sün­den­böcke brauchen. Man­gelndes Ein­füh­lungs­ver­mögen und auch die Faulheit in der Aus­ein­an­der­setzung mit den NS-Pos­tu­laten bei Gedenk­ver­wal­tungen zeigen dies.

Können Sie ein Bei­spiel dafür nennen?
Die Auf­schriften auf Stol­per­steinen Gunter Demnigs und der Stol­per­stein­ko­or­di­nie­rungs­stellen Hamburg und Berlin deuten auf ver­meint­liche Cha­rak­ter­ei­gen­schaften hin, die von den Nazis unter­stellt wurden. Auch wurden 2016 an der Welt­zeituhr am Ber­liner Alex­an­der­platz fünf Stol­per­steine verlegt, die unter anderem »Vor­beu­gehaft« und »Arbeits­haus­auf­ent­halte« in Rum­melsburg anführen.

Wo sehen Sie heute Kon­ti­nui­täten bei der Aus­grenzung von ein­kom­mens­armen Men­schen?
Im abschät­zigen Umgang mit Erwerbs­losen sehe ich erschre­ckende Par­al­lelen zu den Jahren ab 1924. Job­center ver­suchen die kläg­lichen Arbeits­lo­sengeld-II-Leis­tungen zum Bei­spiel mit Sank­tionen zu beschneiden, sie pro­bieren auch, Per­sonen mit Mit­wir­kungs­re­ge­lungen aus dem Leis­tungs­bezug zu kicken, in völ­liger Unkenntnis von Ver­wal­tungs­ver­fahren und auf­grund juris­ti­scher Fehl­an­nahmen. Als gele­gent­licher Bei­stand erlebe ich alle Facetten von Anmaßung, Kri­mi­na­li­sierung und Psych­ia­tri­sierung, dass mir die Haare zu Berge stehen.

Wo werden Ihre Schwer­punkte in nächster Zeit liegen?
Neben Buch­prä­sen­ta­tionen denken wir im Arbeits­kreis über die Wei­ter­führung unserer Arbeit zum ehe­ma­ligen Ber­liner Arbeitshaus Rum­melsburg nach. Gegen­wärtig sind wir stärker mit anderen Ver­folg­ten­gruppen im Gespräch, um unser Wissen über »Aso­ziale« und »Kri­mi­nelle« in allen Orga­ni­sa­tionen, die sich mit Gedenk­arbeit und dem Kampf gegen Faschismus beschäf­tigen, zu erweitern.

Anne Allex (Hg): Sozi­al­ras­sis­tische Ver­folgung im deut­schen Faschismus. Kinder, Jugend­liche, Frauen als soge­nannte »Aso­ziale« – Schwie­rig­keiten beim Gedenken, Verlag AG Spak, 2017, 447 Seiten, 28 €.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​5​9​9​2​3​.​u​n​d​-​s​i​e​-​m​a​c​h​t​-​n​i​c​h​t​-​f​r​e​i​.html

Peter Nowak

Gedenkzone

Viel ist über das Leben von Erna K. nicht bekannt. Die aus armen Ver­hält­nissen stam­mende Frau arbeitete als Haus­halts­hilfe und wurde in der Nazi-Zeit im Alter von 17 Jahren von ihrem Chef miß­braucht. Schwanger und als »asozial« stig­ma­ti­siert, war sie zwi­schen 1941 und 1944 im Arbeitshaus Rum­melsburg inhaf­tiert. 1944 wurde sie dort zwangs­ste­ri­li­siert. Die His­to­ri­kerin Susanne Doetz ist bei ihren For­schungen zur Geschichte der Zwangs­ste­ri­li­sierung auf die Daten dieser Frau gestoßen. Sie war eine von Tau­senden, die im Arbeitshaus Rum­melsburg litten, weil sie als »asozial« galten. Das Ende des 19. Jahr­hun­derts errichtete zen­trale Ber­liner Arbeitshaus wurde im Natio­nal­so­zia­lismus zum Ort der Ver­folgung von Men­schen aus­gebaut, die nicht ins Bild der deut­schen Volks­ge­mein­schaft paßten. Son­der­ab­tei­lungen für Homo­se­xuelle und soge­nannte »psy­chisch Abartige« wurden ein­ge­richtet. Als unter Betei­ligung der Kri­mi­nal­po­lizei am 13. Juni 1938 im Deut­schen Reich mehr als 10.000 Per­sonen als »asozial« stig­ma­ti­siert in Kon­zen­tra­ti­ons­lager ver­schleppt wurden, war das Arbeitshaus Rum­melsburg ein Zentrum dieser »Aktion Arbeits­scheu Reich«. Während des Zweiten Welt­kriegs waren dort jüdische Zwangs­ar­beiter ein­ge­pfercht.

Die »AG Mar­gi­na­li­sierte gestern und heute«, die in den letzten Jahren diese Infor­ma­tionen zusam­men­tragen hat, fordert die Errichtung eines Gedenkorts für die als »asozial« Stig­ma­ti­sierten auf dem Gelände des ehe­ma­ligen Arbeits­hauses Rum­melsburg. Diese Men­schen haben nach 1945 in der Regel keine Ent­schä­digung erhalten, wurden nicht selten in Nach­kriegs-BRD wie ‑DDR wei­terhin dis­kri­mi­niert. Bis heute leben soge­nannte Aso­ziale in Deutsch­lands Braun­zonen gefährlich. Ein Gedenkort in Rum­melsburg wäre also mehr als bloße Erin­ne­rungs­po­litik. Doch wird es dazu wohl nicht kommen. Weil im ehe­ma­ligen Arbeitshaus Rum­melsburg ab 1951 ein DDR-Gefängnis ein­ge­richtet wurde, soll der Ort neben Hohen­schön­hausen zu einem wei­teren Gedenkort des »DDR-Unrechts« werden. Bei der Prä­sen­tation dieser Pläne Ende Juni wurde die Bezeichnung »Arbeitshaus« nicht einmal erwähnt, kri­ti­siert der His­to­riker Robert Sommer. Eine App zum DDR-Gefängnis Rum­melsburg exis­tiert bereits, eine weitere über Rum­melsburg in der NS-Zeit soll es nur geben, wenn das Geld reicht. Mit einer Aus­weitung der DDR-Gedenkzone können sich auch die Town­house- Bewohner in der Rum­mels­bucht anfreunden, die die Kund­ge­bungen für einen Gedenkort für die Aso­zialen hinter zuge­zo­genen Vor­hängen miß­trauisch beäugten. Im Anderen Haus VIII, einem Hotel im ehe­ma­ligen »Arresthaus für männ­liche Cor­ri­genden«, können jene Berlin-Besucher ihr Nacht­quartier in indi­vi­duell ein­ge­rich­teten Zellen, »teil­weise mit Was­ser­blick«, beziehen, die von der Ver­folgung Aso­zialer nichts hören und sehen wollen.

http://​www​.konkret​-magazin​.de/​h​e​f​t​e​/​h​e​f​t​a​r​c​h​i​v​/​i​d​-​2​0​1​4​/​h​e​f​t​-​8​2​0​1​4​/​a​r​t​i​c​l​e​s​/​g​e​d​e​n​k​z​o​n​e​.html

aus: Konkret 8/2014

Peter Nowak

AKTIONSTAG AN EHEMALIGEN ARBEITSHÄUSERN

Gedenken in Rum­melsburg

»Mein Vater wurde in diesem Gebäude zwangs­ste­ri­li­siert«, sagte Rita Vowe. Die Tochter des 1944 in einem Außen­lager des KZ Neu­en­gamme ermor­deten Boxers Rukeli Trollmann sprach in unmit­tel­barer Nähe des ehe­ma­ligen Arbeits­hauses Rum­melsburg am Samstag auf einer Gedenk­ver­an­staltung für die Opfer der Aktion »Arbeits­scheu Reich«. So nannten die Nazis die deutsch­landweit koor­di­nierte Mas­sen­fest­nahme von als Asozial stig­ma­ti­sierten Men­schen vor 75 Jahren. Viele der Betrof­fenen wurden bei dieser Aktion in das Arbeitshaus Rum­melsburg trans­por­tiert.

Vor einigen Jahren haben Akti­vis­tInnen von Erwerbs­lo­sen­gruppen gemeinsam mit Anti­fa­gruppen den Arbeits­kreis »Mar­gi­na­li­sierte – gestern und heute« gegründet, der seit 2008 am ehe­ma­ligen Arbeitshaus Gedenk­ver­an­stal­tungen durch­führt. Auf der Ver­an­staltung am Samstag berichtete unter anderem auch eine Initiative über ihren Kampf um einen Gedenkort am Gelände des ehe­ma­ligen Mäd­chen­kon­zen­tra­ti­ons­lagers Uckermark. Ein­dringlich berichtete Ilse Heinrich, eine der Über­le­benden ver­schie­dener Arbeits­häuser und Kon­zen­tra­ti­ons­lager, über den von ihr erlit­tenen Terror.

Beendet wurde der Akti­onstag mit einer Lesung von Doku­menten und Texten über die Ver­folgung von als asozial stig­ma­ti­sierten Men­schen von der Nazizeit bis in die Gegenwart. Diese Lesung fand im Rahmen der »Langen Nacht der Wis­sen­schaften« statt.

Auch in der am Akti­onstag eröff­neten Aus­stellung »Gewalt gegen woh­nungslose Men­schen im Natio­nal­so­zia­lismus und heute« sind Kon­ti­nui­täten doku­men­tiert. Die Aus­stellung ist bis Freitag im Hei­mat­museum Lich­tenberg in der Tür­schmidt­straße 18 zu sehen. Der Ein­tritt zur Aus­stellung ist frei.

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ba&dig=2013%2F06%2F10%2Fa0126&cHash=ce7369a933be42ecf6b235711167cf57

Peter Nowak

Wer über Arbeitshäuser redet, darf über den Kapitalismus nicht schweigen


Der Arbeits­kreis „Mar­gi­na­li­sierte gestern und heute“ erin­nerte an die Geschichte der als asozial Stig­ma­ti­sierten vom Mit­tel­alter bis in die Gegenwart

Am 26.1.1938 gab der SS-Funk­tionär Heinrich Himmler mit dem Erlass „Arbeits­scheu Reich“ den Start­schuss für die Inhaf­tierung und Ermordung von Tau­senden Men­schen, die schon lange vorher als Aso­ziale stig­ma­ti­siert worden waren. 70 Jahre später orga­ni­siert der Arbeits­kreis „Mar­gi­na­li­sierte – gestern und heute“ in Berlin eine Ver­an­stal­tungs­reihe, die sich mit der Geschichte der Aso­zia­len­ver­folgung vom Mit­tel­alter bis in die Gegenwart befasst. Schon am Mittwoch wurde im Ber­liner Haus der Demo­kratie die Aus­stellung „Woh­nungslose im Natio­nal­so­zia­lismus“ eröffnet. Sie zeigt auf, wie die Ent­rechtung der soge­nannten Aso­zialen schon in der Wei­marer Zeit begonnen hat. Die Grund­algen haben Kom­mu­nal­be­hörden, sowie Arbeits- und Woh­nungs­ämter gelegt, die in Schreiben die Ein­weisen von Men­schen unter dem Stigma „arbeits­scheu“ in KZ und Arbeits­häuser for­derten. Dazu finden sich in der Aus­stellung einige Bei­spiele.

Schöner wohnen im ehe­ma­ligen Arbeitshaus

80 Jahre später, am 26.1.08 wurde mit einem his­to­ri­schen Spa­ziergang an die Opfer von Berlins erstem Arbeitshaus im Stadtteil Rum­melsburg erinnert, das 1877 errichtet wurde.
Heute werben dort Schilder mit der Parole „„Arbeiten und Leben in der Rum­mels­burger Bucht« für schicke Eigen­tums­woh­nungen. Eine Gedenk­tafel sucht man ver­geblich.
Der Kampf um eine Erin­ne­rungs­stätte in Rum­melsburg wird an Bedeutung zunehmen. . Die Neu­bauten reichen schon an das ehe­malige Arbeitshaus heran. Daher stellt sich die Frage, wie mit diesen his­to­ri­schen Stätten umge­gangen wird. Wenn da nicht Druck gemacht wird, droht eine Ent­sorgung von der Art, wie man sie jetzt auf den Hin­weis­schildern lesen kann, die schon vor 2000 rund um da Expo-Projekt Rum­melsburg auf­ge­stellt wurden. Dort heißt es: Das Arbeitshaus und das .…Wai­senhaus waren Sozi­al­bauten, die vor dem Hin­ter­grund der sich ent­wi­ckelnden Haupt­stadt und ihrer sozialen Pro­bleme ent­standen“. Die NS-Zeit wird dort gar nicht erwähnt. Ansonsten wird der Ein­druck erweckt, als wäre das Arbeitshaus ein Natur­gesetz gewesen. Opfer und Täter kommen nicht vor. Bei aller Geschichts­re­la­ti­vierung wird hier tat­sächlich ein Zusam­menhang offen, der den Ver­fassern der Tafel wahr­scheinlich nicht auffiel. Die Arbeits­häuser ent­standen sind mit dem auf­kom­menden Kapi­ta­lismus. In Groß­bri­tannien, wo sich der Kapi­ta­lismus früher als in Deutschland ent­wi­ckelt hatte, gab es auch schon Jahr­zehnte früher als in Deutschland Arbeits­häuser. Karl Marx hat über sie und ihre Funktion im Kapi­ta­lismus geschrieben. Wer sich mit der Geschichte der Arbeits­häuser befasst, kann zum Kapi­ta­lismus und seinen his­to­risch unter­schied­lichen Formen des Arbeits­zwanges nicht schweigen. Das wird auch klar, wenn man ließt, was Wilhelm Pol­ligkeit, der bis heute als Nestor der Jugend­hilfe gefeiert wird, am 31.5.1933 geschrieben hat. Der NS-Sym­pha­tisant schlug vor: „Rechts­be­stim­mungen fest­zu­legen, die ein auto­ri­täres, festes Vor­gehen gegen alle aso­zialen Ele­mente (Arbeitslose, Trunk­süchtige usw.) in grö­ßerem Umfang als seither ermög­lichen“. Damit stieß er bei den Nazis auf offene Ohren.

Die Ver­folgung der soge­nannten Aso­zialen endete nicht mit dem Ende des NS-Regimes. Die Stig­ma­ti­sierung geht bis heute weiter. Selbst viele poli­tische Ver­folgte wehrten sich vehement dagegen, mit soge­nannten Aso­zialen in eine Zelle gesperrt zu werden. Es wurde also so getan, als hätte die Ein­lie­ferung dieser Men­schen nur dazu gedient, die poli­ti­schen Gefangnen zu demü­tigen und zu dif­fa­mieren. Die Schicksale der als asozial abge­stem­pelten Men­schen fielen dabei unter dem Tisch. Dabei kann eine Arbeits­my­tho­logie bei­getragen haben, wie sie auch in der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung dominant wurde. Je mehr das Ziel, der Aufbau einer klas­sen­losen Gesell­schaft und damit der Abschaffung sämt­licher Klassen, auch der Arbei­te­rIn­nen­klasse auf­ge­geben wurde, desto größer wurde ein Kult der Arbei­tenden, der schnell zu einer Abwertung der nicht so Pro­duk­tiven führen konnte. Statt mit der Klas­sen­herr­schaft jede Aus­beutung abzu­schaffen, wurde die Tat­sache des Aus­ge­beutet sein prak­tisch mys­ti­fi­ziert. Daher richtet sich ein solcher Kult auch gegen die Arbei­te­rInnen selber. Schließlich war nicht ihre Befreiung von der Aus­beutung sondern die Ver­herr­li­chung der Aus­beutung das Ziel.

Eine kürzlich von dem Bie­le­felder Sozi­al­wis­sen­schaftler Wilhelm Heit­meyer ver­öf­fent­lichte Lang­zeit­studie ‚Deutsche Zustände 6’ zeigt, dass auch 207 jeder Dritte der Ansicht ist, die Gesell­schaft könne sich Men­schen, die wenig nützlich sind‘, nicht länger leisten. Man muss an den vom heu­tigen Kon­zern­lob­by­isten und dama­ligen SPD-Bun­des­wirt­schafts­mi­nister Wolfgang Clemens erstellten Report erinnern, in dem unter dem Titel „Vorrang für die Anstän­digen – Gegen Miss­brauch, »Abzocke« und Selbst­be­dienung im Sozi­al­staat“ gegen einen angeb­lichen Sozi­al­miss­brauch gewettert wurde. Für die Betrof­fenen können solche Töne schwer­wie­gende Folgen haben. Die Gewalt gegen als arm qua­li­fi­zierte Men­schen hat in den letzten Jahren zuge­nommen.

Arbeitshaus und Irrenhaus hingen eng zusammen

Die Stig­ma­ti­sierung von Men­schen als asozial oder als Irre hing his­to­risch eng zusammen und reicht bis in die Gegenwart. Darauf macht Rene Talbot vom BAG Psych­ia­trie­er­fah­rener e.V. (http://​www​.psych​iatrie​-erfahrene​.de/) auf­merksam, der eben­falls im Arbeits­kreis „Mar­gi­na­li­sierte…“ mit­ar­beitet. Er begründet sein Enga­gement so: “Die Über­schnei­dungen der psych­ia­tri­schen Mas­sen­morde und der Mas­sen­morde an Men­schen, die von den Nazis zu »Aso­zialen« erklärt wurden, sind offen­kundig. Uner­wünschtes Ver­halten wurde medi­zi­na­li­siert bzw. bio­lo­gi­siert und in einer wei­teren Radi­ka­li­sierung zur »Erb­krankheit« erklärt. »Arbeits­scheu« war dabei im Grunde genommen nur die erwei­terte Kate­gorie anderer abwei­chender, dis­si­denter Ver­hal­tens­formen, die direkt zu den psych­ia­tri­schen Todes­ur­teilen geführt haben.

Auch für Talbot handelt es sich dabei kei­neswegs um in his­to­ri­sches Thema.

„Wir meinen, dass sehr wohl noch die gleiche Grund­struktur den Maßstab für die Aus­grenzung setzt: Das Men­schen­recht, dass auch der­jenige, der nicht arbeiten will, essen dürfen muss, dieses Recht auf Faulheit muss erst noch durch­ge­setzt werden. So sind die Sank­tionen gegen die, die nicht arbeiten wollen, ihrer soge­nannten »Mit­wir­kungs­pflicht« nicht nach­kommen, nur die all­ge­meinere Form der spe­zi­ellen und besonders bra­chialen Ent­wür­digung, den die Zwangs­psych­iatrie mit Zwangs­be­handlung, Ein­sperrung und Ent­mün­digung voll­zieht. Wir hoffen, dass diese Ver­an­stal­tungs­reihe dazu bei­trägt, dass mehr Men­schen diesen inneren Zusam­menhang ver­stehen und die zen­trale Rolle, den die psych­ia­trische Ideo­logie dabei spielt.
Wei­teres siehe
www​.mar​gi​na​li​sierte​.de

aus: Redaktion EXIT!
c/​o Verein für kri­tische Gesell­schafts­wis­sen­schaften

http://​www​.exit​-online​.org/​t​e​x​t​a​n​z​1​.​p​h​p​?​t​a​b​e​l​l​e​=​a​u​t​o​r​e​n​&​i​n​d​e​x​=​2​0​&​p​o​s​n​r=345
Peter Nowak

Arbeitshaus, nächste Runde

Erfolg für den »AK Mar­gi­na­li­sierte«: Ein Runder Tisch soll über die Zukunft des ehe­ma­ligen »Arbeits­hauses« an der Rum­mels­burger Bucht beraten.k

»Arbeitshaus Rum­melsburg – Für einen wür­digen Gedenkort« stand auf dem Trans­parent des »Arbeits­kreises Mar­gi­na­li­sierte gestern und heute«, mit dem am Don­ners­tag­nach­mittag Mit­glieder und Besu­che­rInnen der Lich­ten­berger Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­sammlung (BVV) emp­fangen wurden. Schließend stand die Änderung des Bebau­ungs­planes für das Areal um den ehe­ma­ligen Friedhof des Ber­liner »Arbeits­hauses« an der Rum­mels­burger Bucht auf der Tages­ordnung. Damit soll der Weg für die Pri­va­ti­sierung und des Areals in der für Inves­to­rInnen lukra­tiven Gegend frei­ge­macht werden. Der AK Mar­gi­na­li­sierte dagegen fordert seit Monaten die Errichtung eines Gedenk‑, Lern- und For­schungs­ortes zur Ver­folgung von als »asozial« stig­ma­ti­sierten Men­schen auf dem Gelände des ehe­ma­ligen Arbeits­hauses.

Auf der BVV-Sitzung konnte der AK einen Erfolg erzielen. Während der Beschluss über die Pri­va­ti­sierung des Geländes vertagt wurde, beschloss die BVV, dass der vom AK ein­ge­for­derte »Runde Tisch für einen Gedenk‑, Lern- und For­schungsort« im März erstmals tagen soll. Daran sollen Ver­tre­te­rInnen aller Opfer­gruppen teil­nehmen. Das Ende des 19. Jahr­hun­derts an der Rum­mels­burger Bucht errichtete »Arbeitshaus« wurde von den Nazis sys­te­ma­tisch aus­gebaut. Zahl­reiche Insas­sInnen wurden in Kon­zen­tra­ti­ons­lager ver­schleppt. In der DDR wurde das Gebäude als Gefängnis benutzt.

Dirk Ste­gemann vom AK Mar­gi­na­li­sierte begrüßte gegenüber der taz den Beschluss. Aller­dings sei für seine Orga­ni­sation zentral, dass die Sin­gu­la­rität der NS-Ver­brechen nicht infrage gestellt werde. »Die im NS als asozial Ver­folgten wurden weder als Opfer aner­kannt noch ent­schädigt und reha­bi­li­tiert«, begründet Ste­gemann die For­derung, dass die Erin­nerung an diese Ver­folg­ten­gruppe auf dem Gelände des ehe­ma­ligen Arbeits­hauses einen zen­tralen Raum bekommen muss. Auf der ersten Sitzung muss sich der Runde Tisch mit einer kon­kreten For­derung des AK Mar­gi­na­li­sierte befassen: Sollte der Verkauf des Fried­hofs­grund­stücks nicht ver­hindert werden können, sollen 20 Prozent von dem Erlös in einen Fonds für die Ein­richtung des Gedenkorts bereit­ge­stellt werden.
http://​www​.taz​.de/​L​i​c​h​t​e​n​b​e​r​g​/​!​8​6086/
Peter Nowak