Auch in der Klimabewegung können sich viele eher ein Ende des Lebens auf der Erde als ein Ende des Kapitalismus vorstellen

Nach dem Erfolg vom Freitag sollte es eine Perspektivdebatte der Klimaaktivisten geben

Doch hier stellt sich sofort die Frage, was mit Sys­tem­change gemeint ist. Denn auch der Wechsel eines kapi­ta­lis­ti­schen Akku­mu­la­ti­ons­mo­dells kann so inter­pre­tiert werden. Damit nicht dem For­dismus die Ube­ri­sierung folgt, müsste der kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­zwang als wich­tiger Urheber der Kli­ma­krise in den Mit­tel­punkt gestellt werden.

In Berlin ging am 20.September über viele Stunden nichts mehr. Viele große Straßen waren gesperrt, dafür waren kleinere Straßen über­füllt, weil die PKW-Nutzer Aus­weich­strecken suchten. Der Kli­ma­streik und die Demons­tra­tionen und Blo­ckaden hielten den ganzen Tag an. Der zen­trale Demons­tra­ti­onszug, der sich.….

.… vor dem Bran­den­burger Tor ver­sam­melte und durch Mitte zog, war nur ein Bestandteil des Kli­ma­st­reiks. An anderen Stellen trafen sich Akti­visten zu Blo­ckaden und den ganzen Nach­mittag zogen Raver durch die Innen­stadt, die sich eben­falls auf das Kli­ma­thema bezogen. Überall domi­nierten selbst­ge­malte Plakate. Die darauf geschrieben Parolen waren so unter­schiedlich wie die Teil­neh­menden.

Es gab Klas­siker, die immer wieder auf­tauchten, wie: »Es gibt keinen Pla­neten B«. Doch dann gab es auch sehr indi­vi­duelle Lösungen. »Alte weiße Männer statt Bäume absägen« war ein solches Motto oder: »Wenn wir so wei­ter­machen wird nicht nur Bie­lefeld ver­schwinden«. Die Schreiber bezogen sich auf die von Titanic-Redak­teuren in die Medi­enwelt gesetzte Behauptung, dass die ost­west­fä­lische Stadt nicht exis­tiert. Wenn eine Demons­tration eine Groß­stadt wie Berlin so bestimmt wie die Kli­ma­ak­tionen am 20.September, dann wird deutlich, dass hier eine Bewegung auf die Straße gegangen ist, deren Themen einen zen­tralen Stel­lenwert erlangt haben. Wenn man noch in Rechnung stellt, dass allein in Deutschland in hun­derten Städten Men­schen »für das Klima« auf die Straße gegangen sind, dann wird erst recht deutlich, welche Bedeutung das Kli­ma­thema auf der poli­ti­schen Bühne heute erlangt hat.

Und dann muss man den glo­balen Cha­rakter der Bewegung betonen. Die Pro­teste fingen in Aus­tralien an und brei­teten sich im Uhr­zei­gersinn über den Globus aus. Eine solche über trans­na­tionale Pro­test­be­wegung gab es in den letzten Jahren selten. Man könnte höchstens die Pro­teste gegen den Irak­krieg her­an­ziehen, die aller­dings auf weniger Länder beschränkt geblieben waren. Eine solche trans­na­tionale Bewegung ist auf sozialem Gebiet leider bisher nie gelungen.

Klimathema ist älter

Nun könnte man sagen, die neuen Pro­teste werden durch die Dring­lichkeit beschrieben, die die Akti­visten ihrem Thema selber geben. Sie rechnen in Jahren, nicht in Jahr­zehnten, um ein Über­leben der Menschheit, wie wir sie kennen, eine Zukunft zu geben. Aller­dings wäre es falsch, das Kli­ma­thema und auch sein Beharren auf Dring­lichkeit erst in der jün­geren Zeit zu ver­orten. Schmut­ziges Wasser, Rob­ben­sterben, ver­pestete Luft und ver­küm­mernde Wälder beschäf­tigen die Bürger mehr als Poli­tiker-Reden von der Roten Gefahr, wusste der Spiegel vor 30 Jahren Anfang 1989. Damals schlugen Militär und kon­ser­vative Poli­tiker Alarm, weil sie den nato­freund­lichen Grund­konsens der Bevöl­kerung in Gefahr sahen.

Trotzdem haben nationale und natio­na­lis­tische Themen die Umwelt­pro­ble­matik nach dem Mau­erfall so ver­drängt, dass die Grünen ein Jahr später aus dem Par­lament geflogen sind. Sie hatten damit geworben, dass sie über das Klima und nicht über die deutsche Einheit reden wollten, was später Real­po­li­tiker in der eigenen Partei als großen Fehler bezeich­neten. Die Bewegung gegen die auto­ritäre SED-Herr­schaft, die zunächst von der linken DDR-Oppo­sition ausging, die alles andere als die Wie­der­ver­ei­nigung wollte, wurde mit Hilfe der Uni­ons­führung und großer Teile der DDR-Bevöl­kerung in deutsch­na­tio­na­lis­tische Bahnen gelängt.

Was der »Spiegel« noch Anfang 1989 dia­gnos­ti­zierte, hatte plötzlich keine Grundlage mehr. Das zeigt, wie schnell solche Mas­sen­stim­mungen wieder ver­schwinden können, gerade wenn natio­na­lis­tische Themen gepusht werden. Auch die Radikale Linke, ein par­tei­un­ab­hän­giges Bündnis, das im Frühjahr 1989 zu einem Kon­gress einlud, auf dem man gegen die sich anbah­nende rot-grüne Besof­fenheit eine linke Alter­native dis­ku­tieren wollte, hatte nicht mit diesen natio­na­lis­ti­schen Schub gerechnet, der ab Herbst 1989 alle anderen Themen ver­drängte. »Mitt­ler­weile haben sich die poli­ti­schen Koor­di­naten unter dem Ein­druck der Ver­än­de­rungen in Ost­europa geändert: Nicht mehr der Öko­ka­pi­ta­lismus, sondern der deutsche Natio­na­lismus steht auf der Tages­ordnung«, schrieb die Taz über das zweite Treffen der Radi­kalen Linken im Januar 1990.

An die poli­tische Gemengelage im Jahr 1989 in der BRD erinnert auch die aktuelle Print­ausgabe der Publi­kation OXI mit zahl­reichen Ein­schät­zungen und Quellen von vor 30 Jahren. In einem Text wird auch darauf hin­ge­wiesen, dass die BRD schon lange Vor­sorge getroffen hat, die DDR heim in die BRD zu holen. Dieser Prozess wird heute gerne als fried­liche Revo­lution beschrieben. Leider wird dieser offi­zielle Ter­minus auch von den OXI-Autoren unkri­tisch benutzt.

Warum ist die Jugend Vorreiter der Klimabewegung?

Es könnte also auch aktuell sein, dass andere welt­po­li­tische oder öko­no­mische Ereig­nisse von krie­ge­ri­schen Ver­wick­lungen bis zur Ver­schärfung der Wirt­schafts­krise das Kli­ma­thema zeit­weise wieder etwas in den Hin­ter­grund treten lässt. Doch es ist nicht zu erwarten, dass es ganz aus der Tages­ordnung fällt. Das liegt weniger an der Bewegung selber, die sicherlich in der nächsten Zeit ähn­liche Klä­rungs­pro­zesse mit Spal­tungen und internen Dif­fe­renzen durch­macht, wie andere Bewe­gungen in der Ver­gan­genheit. Das liegt einfach am Wesen von solchen spon­tanen Bewe­gungen.

Doch selten erwähnt werden die kapi­ta­lis­ti­schen Ver­än­de­rungs­pro­zesse, die diese Bewegung erst haben ent­stehen lassen. Es ist der Übergang zu einem neuen kapi­ta­lis­ti­schen Akku­mu­la­ti­ons­regime vom for­dis­ti­schen zum digi­talen Kapi­ta­lismus. Nicht von ungefähr trägt der lange domi­nie­rende Akku­mu­la­ti­ons­typus den Namen des Auto­bauers Ford, obwohl die dort prak­ti­zierte kapi­ta­lis­tische Pro­duk­ti­ons­weise sich in großen Teilen der indus­tri­ellen Pro­duktion aus­ge­breitet hatte. Mitt­ler­weile aber sind die digi­talen Kon­zerne die Motoren des modernen Kapi­ta­lismus und große Teile der for­dis­ti­schen Industrie werden aus­ge­mustert.

So sind viele gegen das Auto in Form des PKW gerichtete Pro­teste also durchaus kapi­ta­lis­mus­im­manent. Und dass Ange­hörige der oft mit­tel­stän­di­schen Jugend die Avant­garde dieser Bewegung stellen, kann auch mate­ria­lis­tisch erklärt werden. Es sind gerade jungen Men­schen, die heute die modernen tech­no­lo­gi­schen Gerät­schaften wesentlich besser beherr­schen als die Genera­tionen davor. Das ist durchaus eine Zäsur.

Lange Zeit war das Wissen über die tech­nische Beherr­schung von Werk­zeugen, Geräten und Maschinen bei der älteren Generation ver­ortet, die es an die jüngere Generation wei­ter­geben. Im Handwerk ist diese Wis­sens­übergabe von Meistern auf die Gesellen und Lehr­linge streng geregelt. Doch indem jüngere Men­schen die modernen Geräte beherr­schen, wächst auch ihr Selbst­be­wusstsein, sich in gesell­schaft­liche Fragen ein­zu­mi­schen. Das ist ein wesent­licher Grund für das Enga­gement vieler junger Men­schen in der Kli­ma­be­wegung.

Dass sich dort als Leit­fi­guren oft junge Frauen her­aus­ge­bildet haben, die als gesell­schaft­liche Außen­sei­te­rinnen wahr­ge­nommen wurden, worauf sich die Medien besonders stürzen, ist his­to­risch gesehen nichts Beson­deres. Der His­to­riker und Autor des Buches »Poesie der Klasse« Patrick Eide Offe erklärte auf einer Ver­an­staltung im Brecht-Haus zur Poetik der Soli­da­rität, dass in der Lite­ratur häufig gesell­schaft­liche Outlaws wichtige Impulse für soziale Umbrüche gegeben haben.

Beim poli­ti­schen Enga­gement spielte auch in der Ver­gan­genheit die Pro­du­zen­ten­macht eine wichtige Rolle. Im For­dismus war es oft die aus­ge­bildete Fach­ar­bei­ter­klasse, die sich mit der Arbeit der Maschinen aus­kannte, die auch poli­tisch in Gewerk­schaften und linken Par­teien die Welt in ihrem Sinne ver­ändern wollten. Sie waren die Akteure der par­tei­förmig orga­ni­sierten Arbei­ter­be­wegung in Frank­reich und Italien bis in die 1970er Jahre.

Mit der Krise des for­dis­ti­schen Akku­muia­ti­ons­mo­dells ero­dierte diese Pro­du­zen­ten­macht in den Fabriken und damit auch der Ein­fluss der linken Arbei­ter­par­teien und der Gewerk­schaften. Sie ver­loren auch die Hege­monie in der Gesell­schaft. Das konnte man bei den Demons­tra­tionen am Freitag gut beob­achten. Der Großteil der Betei­ligten war unor­ga­ni­siert. Erst in den hin­teren Reihen kamen einige orga­ni­siert Blöcke, von Men­schen und Initia­tiven getragen, die auf ver­schie­denen poli­ti­schen Feldern aktiv sind. Sie konnten sich an der Demons­tration betei­ligen und ihre Inter­pre­tation der Kli­ma­krise auf Trans­pa­renten, Flug­blättern und Sprech­chören ver­breiten. Aber sie waren nur ein sehr kleiner Teil der Demons­tration. Schon ihr Platz im hin­teren Teil ist ein Zeichen dafür, dass sie keine Hege­monie in der Bewegung haben. Nur dann könnten sie im vor­deren Teil der Demons­tration gehen.

Was ist mit Systemchange gemeint?

Doch, wenn auch eine Ein­fluss­nahme von linken Gruppen in der Kli­ma­be­wegung abge­lehnt wird, so gibt es doch Losungen und Parolen der Linken, die auch bei den Kli­ma­ak­ti­visten auf Zustimmung stoßen. Als kleinster gemein­samer Nenner kann viel­leicht die Parole »Sys­tem­change not Kli­ma­change« gelten.

Doch hier stellt sich sofort die Frage, was mit Sys­tem­change gemeint ist. Denn auch der Wechsel eines kapi­ta­lis­ti­schen Akku­mu­la­ti­ons­mo­dells kann so inter­pre­tiert werden. Damit nicht dem For­dismus die Ube­ri­sierung folgt, müsste der kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­zwang als wich­tiger Urheber der Kli­ma­krise in den Mit­tel­punkt gestellt werden. Der Autor der Krisis-Gruppe Norbert Trenkle hat in einem aktu­ellen Beitraggut begründet, warum es keinen öko­lo­gi­schen Kapi­ta­lismus geben kann.

Grund­sätzlich ist die Vor­stellung einer »öko­lo­gi­schen Markt­wirt­schaft« nichts anderes als eine Sei­fen­blase. Zwar kann der Kapi­ta­lismus prin­zi­piell in viel­fäl­tiger Weise regu­liert und »ein­gehegt« werden, auch wenn das im Zeit­alter der Glo­ba­li­sierung immer schwie­riger wird. (Ein »freier Markt« ohne Regu­lierung exis­tiert nur in den Horror-Phan­tasien der Hardcore-Libe­ralen; es hat ihn nie gegeben und es kann ihn nie geben.) Aber die Grund­logik des Wachs­tums­zwangs, die auf dem Selbst­zweck der Kapi­talak­ku­mu­lation beruht, lässt sich nun einmal nicht weg­re­gu­lieren, weil sie den Wesenskern des markt­wirt­schaft­lichen Systems aus­macht. Selbst wenn es also tat­sächlich gelänge, die ener­ge­tische Basis kurz­fristig umzu­stellen, würde das die Wucht der öko­lo­gi­schen Zer­störung bes­ten­falls ein wenig abbremsen und auf andere Gebiete ver­schieben.

Norbert Trenkle

In dem Beitrag wird auch deutlich, warum es min­destens naiv ist, sich auf vielen Zei­tungs­eiten darüber auf­zu­regen, warum dieser Poli­tiker oder jener Wirt­schafts­führer nicht mehr für das Klima getan hat. Solange sie die kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­logik nicht infrage stellen, können sie nur Sym­bol­po­litik auf dem Umwelt­sektor anbieten – und sie können diese dann noch für weitere sozialen Zumu­tungen bei den Men­schen nutzen, die schon heute wenig Geld haben. Auch auf diesen Aspekt hat Norbert Trenkle in seinen Beitrag hin­ge­wiesen:

Wenn also die Gegner der CO2-Steuer diese als »unsozial« brand­marken, dann haben sie durchaus starke Argu­mente auf ihrer Seite. Natürlich sind das ganz über­wiegend Leute, denen die »soziale Frage« sonst voll­kommen egal ist und die sie hier nur aus durch­sich­tigen poli­ti­schen und ideo­lo­gi­schen Motiven instru­men­ta­li­sieren. Dennoch ver­weisen sie auf ein durchaus ernst zu neh­mendes Problem. Die ohnehin bestehenden sozialen und regio­nalen Dis­pa­ri­täten würden sich zwei­fellos deutlich ver­größern, und damit ver­schärften sich auch die gesell­schaft­lichen Ver­tei­lungs­kon­flikte, wie jetzt schon an den Pro­testen der Gelb­westen deutlich wurde.

Norbert Trenkle

Wenn man manche Ver­laut­ba­rungen der Kli­ma­ak­ti­visten zur sozialen Frage hört, könnte man ihnen glatt unter­stellen, sie wären in der FDP gut auf­ge­hoben. So fiel der Ber­liner Kli­ma­ak­ti­vistin Clara Mayer im Taz-Interview zur Debatte um Ver­lierer der Kli­ma­de­batte nur ein:

Dass es die Kon­flikte gibt, ist ja nicht zu bestreiten. Aber ich finde es sehr schade, dass es immer diese Ver­lie­re­rIn­nen­de­batte gibt, da habe ich das Gefühl, das ist eher AfD-Niveau. So von wegen: Der Kli­ma­schutz wird einen Großteil der Bevöl­kerung total benach­tei­ligen und die arbei­tende Bevöl­kerung ins Unglück stürzen. Das ist doch kom­pletter Unsinn. Es gibt so viele Studien, die zeigen, dass es unserer Wirt­schaft auch mit Kli­ma­schutz­maß­nahmen besser gehen wird, dass es auch für Koh­le­kumpel Umschu­lungen gibt, dass es für diese Men­schen Beschäf­tigung gibt.

Clara Meyer

Einmal abge­sehen davon, dass der kapi­ta­lis­tische Mythos, wenn es den Kon­zernen gut geht, es auch den Arbeitern gut geht, hier unkri­tisch repro­du­ziert wird, wird schon der Hinweis, dass es Men­schen gibt, die sich die Ver­teue­rungen im Zuge der neuen Kli­ma­po­litik nicht leisten können, in die rechte Ecke gestellt. Ange­sichts solcher Posi­tionen in Teilen der Kli­ma­be­wegung wäre eine Koope­ration der­je­nigen, die in der Kli­ma­frage auch eine Klas­sen­frage sehen, wichtig. Dabei hat eine Studie des Umwelt­bun­des­amtes klar zu Jah­res­beginn klar fest­ge­stellt:

»Der Ein­fluss des Ein­kommens ist dabei besonders groß: Die Befragten in der untersten Ein­kom­mens­gruppe haben im Mittel einen Gesamt­ener­gie­ver­brauch von rund 10.000 Kilo­watt­stunden pro Jahr (kWh/​a), bei Befragten mit hohen Ein­kommen liegt er mit knapp 20.000 kWh/​a fast doppelt so hoch.«

Ange­hörige der pre­kären Milieus haben also den geringsten Ener­gie­ver­brauch. Das bringt die links­li­be­ralen Kli­ma­be­wegten und die Taz-Jour­na­listin, die darüber berichtet, fast zum Ver­zweifeln. Doch indi­vi­duelle Lösungen oder Selbst­gei­ße­lungen helfen da wenig. Es sollte vielmehr erkannt werden, dass es für struk­tu­relle Pro­bleme kaum indi­vi­duelle Lösungen geben kann.

Es wird sich in Zukunft also zeigen, ob die Kli­ma­be­wegung erkennt, dass sie, wenn sie Erfolg haben will, über den Kapi­ta­lismus hin­aus­denken muss. Doch genau hier liegt das Problem und einige Demons­tranten haben es mit einer Parole auf ihren Trans­pa­renten gut auf den Punkt gebracht. »Manche können sich eher ein Ende des Pla­neten als ein Ende des Kapi­ta­lismus vor­stellen«. Die, die hier gemeint sind, fanden sich auch in großer Menge auf den Kli­ma­de­mons­tra­tionen. Solange sich das nicht ändert, könnte der von vielen gefor­derte Sys­tem­change tat­sächlich bedeuten, dass Uber Ford ablöst.

Peter Nowak

Solidarität in der Kunst

Kein Roman über Emmely?

Was meint linkes soli­da­ri­sches Handeln im Jahr 2019, ins­be­sondere in Bezug auf Kultur und Lite­ratur? Diese Frage wurde am Dienstag im Ber­liner Brecht-Haus dis­ku­tiert.

Vor­wärts und nicht ver­gessen: die Soli­da­rität«, lautet der Refrain des berühmten Song, den Ernst Busch für den Film »Kuhle Wampe« von Slatan Dudow (1932) geschrieben hat. Die Nazis sprachen nicht von Soli­da­rität, sondern von »Volks­ge­mein­schaft«, was Unter­ordnung bedeutete. Heute skan­dieren die Rechten: »Hoch die nationale Soli­da­rität. «Was meint linkes soli­da­ri­sches Handeln im Jahr 2019, ins­be­sondere in Bezug auf Kultur und Lite­ratur? Diese Frage wurde am Dienstag im…

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#unten – Kummerkasten jetzt auch für sozial Diskriminierte?

Die Debatte über Ver­armung und soziale Aus­grenzung, von der nun auch häu­figer Aka­de­miker betroffen sind, ist ein guter Anfang. Die Frage ist, welchen Effekt sie haben wird

Die Debatte über Ver­armung und soziale Aus­grenzung, von der nun auch häu­figer Aka­de­miker betroffen sind, ist ein guter Anfang. Die Frage ist, welchen Effekt sie haben wird

Nach #MeToo und #MeTwo, wo sich von Sexismus und Ras­sismus Betroffene zu Wort mel­deten, hat die links­li­berale Wochen­zeitung Freitag kürzlich mit dem Hashtag #unten ein Forum für soziale Dis­kri­mi­nierung eröffnet [1]. Das aus­ge­rechnet eine Wochen­zeitung, die sich vor allem kul­tu­rellen Melangen widmet, diese Initiative startete, ist nur auf den ersten Blick über­ra­schend.

Schon längst sind auch prekäre Aka­de­miker von sozialer Aus­grenzung und auch von Armut betroffen und das ist auch ein wich­tiger Grund, warum Armut im Spät­ka­pi­ta­lismus in der letzten Zeit zum großen Thema in Medien und Öffent­lichkeit geworden ist. Genau wie hohe Mieten wird die real exis­tie­rende Armut erst dann zum Problem, wenn sie eben nicht nur die trifft, denen in der Öffent­lichkeit dann gern die Schuld für ihre soziale Lage zuge­sprochen wird.

Dann gibt es noch einen bio­gra­phi­schen Grund für die Kam­pagne. Der Jour­nalist Christian Baron [2] hat das Feuil­leton des Neuen Deutschland ver­lassen und in der Wochen­zeitung Freitag einen neuen Arbeits­platz gefunden. Baron hat mit seinen viel­dis­ku­tierten Buch Pöbel, Pro­leten, Para­siten [3] (vgl. Wird die Rechte stark, weil die Linke die Arbeiter ver­achtet? [4]) auch mit bio­gra­phi­schen Zugängen die Armut in Deutschland zum Thema gemacht.

Auch die Sozio­login Britta Stein­wachs, die eben­falls #unten initi­ierte [5], beschäftigt sich seit Jahren damit, wie Armut in Deutschland pro­du­ziert wird und was das bei den Betrof­fenen auslöst [6].

Klas­sen­po­li­tische Dimension von #unten?

Stein­wachs stellte diese Frage am Anfang: »#unten – Warum gibt es noch keine klas­sen­po­li­tische Ergänzung zu #MeToo und #MeTwo?« Die Frage ist einer­seits berechtigt und ande­rer­seits irri­tierend. Es ist natürlich völlig richtig zu fragen, warum die sozialen Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­rungen nicht ebenso Gegen­stand von öffent­lichem Interesse sind wie Ras­sismus- und Sexis­muser­fah­rungen. Die Reak­tionen der Freitag-Lese­rinnen und Leser bestä­tigten die Not­wen­digkeit einer solchen Initiative. Hier nur eine von zahl­reichen Zuschriften an den Freitag.

Sehr geehrte Redaktion des Freitag,
haben Sie vielen Dank für die Artikel. Selbst bin ich von zwei Seiten im Thema. Ich arbeite als Hono­rar­kraft im ambulant betreuten Wohnen und habe mit armen Men­schen zu tun. Ich kenne ziemlich gut, was Christian Baron und Britta Stein­wachs beschreiben. Auch die Scham. Und die Hoff­nungen. Selbst habe ich mit Ende 40 nicht mehr wei­ter­machen können wie bisher. Ich habe Soziale Arbeit stu­diert und bin dabei auch poli­ti­siert worden.

Jetzt habe ich nach zwei Jahren das Bewer­bungen-Schreiben auf­ge­geben. Das wird nichts mehr, ich bin inzwi­schen 57 Jahre alt. Es kostet total viel Kraft, die Ursachen für das Scheitern nicht bei mir zu suchen. Ich erfahre die Abwertung: »Wer arbeiten will, findet Arbeit.« Ich bin über­zeugt, dass ich nicht allein bin mit »meinem« Problem. Nicht im Hil­fe­system. Knapp drüber, und aus Scham bloß nicht rein­rut­schen (und nicht drüber reden).

Leser­brief an den Freitag

Es schrieben auch Men­schen, die durch #unten ihre Scham über­wunden haben und die Briefe oder Mails mit voll­stän­digen Namen zeich­neten, weil ihnen jetzt bewusst geworden hat, dass ihre soziale Situation nicht ihr indi­vi­du­elles Problem ist. Das Problem ist vielmehr ein auf Profit ori­en­tiertes System, dass diese Armut pro­du­ziert. Hier stellt sich dann die Frage, folgt auf #unten eine klas­sen­kämp­fe­rische Initiative oder ist es ein Ersatz dafür?

Da müssen an #unten die gleichen kri­ti­schen Fragen gestellt werden wie an MeToo – »Kum­mer­kasten von Mit­tel­stands­frauen oder neues femi­nis­ti­sches Kampffeld« [7] lautete hier eine Frage. Und MeTwo könnte zu einer Erwei­terung und Stärkung von anti­ras­sis­ti­scher Praxis bei­tragen. #unten könnte der Anfang einer klas­sen­kämp­fe­ri­schen Inter­vention sein.

Dann wären die Erzäh­lungen der Betrof­fenen ein Anfang – ähnlich wie vor mehr als 150 Jahren in der frühen Arbei­ter­be­wegung, als auch Berichte über das elende Leben der Arbeiter den Anstoß zur Orga­ni­sierung gaben, wie Patrick Eiden-Offe in seinem Buch »Die Poesie der Klasse« [8] für die Zeit des Vormärz gut her­aus­ge­ar­beitet hat.

Wie wird mit den Erfah­rungen von Armuts­be­trof­fenen umge­gangen?

Und da sind wir bei der ange­deu­teten Irri­tation, wenn die Sozio­login Britta Stein­wachs von der klas­sen­po­li­ti­schen Dimension von #unten schreibt. Denn die wäre dann ja der nächste Schritt – aber nicht mit #unten iden­tisch. Hier geht es zunächst um das auf­klä­re­rische Benennen der Situation, das Bewusstsein schafft.

Das kann eben darin bestehen, dass man begreift, dass man nicht selbt schuld an der schlechten sozialen Situation ist. Doch damit #unten eine klas­sen­po­li­tische Dimension bekommt, müsste der nächste Schritt erfolgen. Es müsste eine Form der prak­ti­schen Orga­ni­sierung geben und ein Bewusstsein, dass Armut und Reichtum zwei Seiten einer Medaille im Kapi­ta­lismus sind. Bert Brecht hat diesen Zusam­menhang in der ihm eigenen Prä­gnanz so zusam­men­ge­fasst [9]:

Reicher Mann und armer Mann
standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
»Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.

Bert Brecht

Dass sich auch die arme und reiche Frau gegen­über­stehen könnten, braucht wohl keiner wei­teren Erläu­terung. Doch wenn dieser Erkennt­nis­schritt nicht gegangen wird, bleibt es beim Räso­nieren über Armut, das, worauf die Publi­zistin Mely Kiyak mit Recht hinwies [10], so neu nicht ist.

Neu ist aber, dass nicht auf Armuts­kon­fe­renzen oder »Runden Tischen gegen Armut«, sondern auch im Wochen­blatt des linken Bür­gertums über Armut dis­ku­tiert wird. Dafür muss sich der Freitag nicht recht­fer­tigen. Es ist natürlich positiv, wenn eben prekäre Aka­de­miker über Armut reden. Das wäre nur dann zu kri­ti­sieren, wenn sie nur über ihre Arbeit debat­tieren wurden und wenn sie die jahr­zehn­te­lange Arbeit von Armuts­kon­fe­renzen, Runden Tischen der Betrof­fenen etc. einfach igno­riert würden.

Noch ist nicht klar, wie bei in den von #unten ange­sto­ßenen Dis­kus­sionen die jah­re­lange Arbeit dieser Armuts­be­trof­fenen ein­fließt. Noch ist die Kam­pagne zu neu, um da ein klares Urteil zu bilden.

Es fällt aber tat­sächlich auf, dass darauf in den bisher publi­zierten Bei­trägen kaum Bezug genommen wird. Man wird die weitere Debatte beob­achten müssen, um sich ein Urteil bilden zu können. Es gibt aber für die Initia­toren von #unten nicht die Ausrede, die Ergeb­nisse der jah­re­langen Arbeit von Armut Betrof­fener seien kaum bekannt.

Tat­sächlich gab es oft wenig Resonanz auf Pres­se­kon­fe­renzen, wo sie ihre Arbeit und ihre For­de­rungen dar­stellten. Doch es gibt Studien über Armut und ihre Aus­wir­kungen unter Anderem von Anne Allex zu Frauen in Armut und pre­kärer Beschäf­tigung [11]. Das ist nur eins von zahl­reichen Bei­spielen.

Was folgt auf #unten?

Ob #unten also tat­sächlich der Beginn einer neuen klas­sen­kämp­fe­ri­schen Orga­ni­sierung wird oder ein wei­teres Bei­spiel für das »Räso­nieren über Armut« wird sich prak­tisch erweisen.

Doch es zeigte sich bereits, dass solche Initia­tiven bei den Betrof­fenen durchaus auf Resonanz stoßen und auch die Pro­bleme einer Gesell­schaft im Spät­ka­pi­ta­lismus zeigt, in dem die Men­schen oft so von­ein­ander iso­liert sind, dass sie solche Anstöße zur Kom­mu­ni­kation brauchen.

Peter Nowak

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[6] http://​www​.sebastian​-friedrich​.net/​d​a​s​-​m​a​e​r​c​h​e​n​-​v​o​m​-​b​o​e​s​e​n​-​a​r​m​e​n​-​d​i​e​-​s​o​z​i​o​l​o​g​i​n​-​b​r​i​t​t​a​-​s​t​e​i​n​w​a​c​h​s​-​l​u​e​f​t​e​t​-​d​e​n​-​i​d​e​o​l​o​g​i​s​c​h​e​n​-​s​c​h​l​e​i​e​r​-​d​e​s​-​p​r​i​v​a​t​f​e​r​n​s​e​hens/
[7] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​M​e​t​o​o​-​K​u​m​m​e​r​k​a​s​t​e​n​-​v​o​n​-​M​i​t​t​e​l​s​t​a​n​d​s​f​r​a​u​e​n​-​o​d​e​r​-​n​e​u​e​s​-​f​e​m​i​n​i​s​t​i​s​c​h​e​s​-​K​a​m​p​f​f​e​l​d​-​4​1​5​3​1​7​4​.html
[8] https://​www​.matthes​-seitz​-berlin​.de/​b​u​c​h​/​d​i​e​-​p​o​e​s​i​e​-​d​e​r​-​k​l​a​s​s​e​.html
[9] https://​www​.zitate​-online​.de/​s​p​r​u​e​c​h​e​/​k​u​e​n​s​t​l​e​r​-​l​i​t​e​r​a​t​e​n​/​1​8​9​0​0​/​r​e​i​c​h​e​r​-​m​a​n​n​-​u​n​d​-​a​r​m​e​r​-​m​a​n​n​s​t​a​n​d​e​n​-​d​a​-​u​n​d​.html
[10] https://www.zeit.de/kultur/2018–11/armut-unten-hashtag-klassengesellschaft-chancengleichheit
[11] https://​www​.rosalux​.de/​d​o​k​u​m​e​n​t​a​t​i​o​n​/​i​d​/​1​3​7​2​5​/​f​r​a​u​e​n​-​i​n​-​a​r​m​u​t​-​u​n​d​-​p​r​e​k​a​e​r​e​r​-​b​e​s​c​h​a​e​f​t​i​gung/

Die Poesie der Klasse

Der ent­ste­hende Kapi­ta­lismus brachte nicht nur mas­sen­haftes Elend hervor, mit ihm bil­deten sich in den unteren Klassen auch neue Formen der Dichtung und des Erzählens heraus, in denen die Misere der Gegenwart und Formen des Wider­stands ein­drücklich beschrieben werden. Nur wenige dieser Schriften sind heute noch bekannt.

Manche von ihnen wurden in den Schriften von Marx und Engels zitiert, bei­spiels­weise der Arbei­ter­dichter Wilhelm Weitling. Marx wür­digte ihn als einen der ersten, der sich für die Orga­ni­sierung des Pro­le­ta­riats ein­setzte. So heisst es auf der Homepage www​.marxist​.org über Weitling: «Trotz spä­teren Aus­ein­an­der­set­zungen ach­teten Marx und Engels den ‹genialen Schneider› (Rosa Luxemburg) sehr hoch und betrach­teten ihn als ersten Theo­re­tiker des deut­schen Pro­le­ta­riats.» Aller­dings wird gleich auch betont, dass Weit­lings Ansätze an theo­re­tische und prak­tische Grenzen stiessen. Inhaltlich gibt es für diese Kritik gute Gründe, doch hat der Umgang mit Weitling in der mar­xis­ti­schen Arbei­te­rIn­nen­be­wegung auch etwas Pater­na­lis­ti­sches. Schliesslich blieb Weitling sein Leben lang Schneider, hatte nie eine Uni­ver­sität besucht und schon deshalb hatten seine Arbeiten es schwerer, wahr­ge­nommen und gehört zu werden.

Träume und Sehn­süchte
Dabei gehört Weitling zu den wenigen Chronist-Innen der frühen Arbei­te­rIn­nen­be­wegung, deren Namen über­haupt einem grös­seren Kreis bekannt ist. Der Kultur- und Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Patrick Eiden-Offe hat in seinem Buch «Die Poesie der Klasse» viele der frühen Texte der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung dem Ver­gessen ent­rissen. Er beklagt, dass sie lange Zeit nur durch die Brille des Mar­xismus gesehen und als roman­ti­scher Anti­ka­pi­ta­lismus bei­seite gelegt wurden. Schon im Klap­pentext des Buches heisst es über die oft ver­ges­senen AutorInnen: «Die bunt­sche­ckige Erscheinung, die Träume und Sehn­süchte dieser allen stän­di­schen Sicher­heiten ent­ris­senen Gestalten fanden neue Formen des Erzählens in roman­ti­schen Novellen, Repor­tagen, sozi­al­sta­tis­ti­schen Unter­su­chungen, Monats­bul­letins. Doch schon bald wurden sie – unge­ordnet, gewaltvoll, nost­al­gisch, irr­lich­ternd und uto­pisch, wie sie waren – von den Vor­denkern der Arbei­ter­be­wegung als reak­tionär und anar­chisch ver­un­glimpft, weil sie nicht in die grosse lineare Fort­schritts­vision passen wollten.» So ver­dienstvoll es von Patrick Eiden-Offe ist, diese Texte wieder bekannt gemacht und mit grossem Enga­gement in einem Buch prä­sen­tiert zu haben, das auch für Nicht­aka­de­mi­ke­rInnen Freude und Erkennt­nis­gewinn bereitet, so muss man doch die Kritik des Autors an den Mar­xis­tInnen hin­ter­fragen. Gerade nach der Lektüre der Texte zeigt sich, dass diese Kritik oft berechtigt war.

Wider­stands­stra­tegien
Dabei ging und geht es gerade nicht darum, den Ver­fas­se­rInnen der Texte zu unter­stellen, sie wären reak­tionär. Es geht vielmehr darum, zu ana­ly­sieren, dass sie in ihren Texten ihre Vor­stel­lungen von der Welt und dem her­ein­bre­chenden Kapi­ta­lismus zum Aus­druck brachten. Sie nahmen dabei Gerech­tig­keits­vor­stel­lungen zum Massstab, die sie aus dem Feu­da­lismus und der stän­di­schen Gesell­schaft über­nommen hatten. Nur waren diese Vor­stel­lungen mit dem Einzug des Kapi­ta­lismus ver­dampft und obsolet geworden. Es war gerade das grosse Ver­dienst von Marx und Engels, dass sie die Aus­beutung und nicht den Wucher als zen­trales Unter­drü­ckungs­in­strument im Kapi­ta­lismus ana­ly­sierten. Das hatte auch Folgen für die Wider­stands­stra­tegien. An einem roman­ti­schen Kapi­ta­lismus fest­zu­halten, wäre dann nur ana­chro­nis­tisch und birgt noch die Gefahr einer reak­tio­nären Lesart der Kapi­ta­lis­mus­kritik, die die Schul­digen für die Misere nicht im kapi­ta­lis­ti­schen Kon­kurrenz- und Pro­fit­streben, sondern in Wuche­re­rInnen sieht. Das war übrigens ein Schwungrad für den modernen Anti­se­mi­tismus. Dem Autor sind solche Bestre­bungen fern. Dass Eiden-Offe auf diese Gefahren eines roman­ti­schen Anti­ka­pi­ta­lismus nicht besonders eingeht, liegt wohl vor allem daran, dass er vor­aus­setzt, dass seine Lese­rInnen mit der Pro­ble­matik einer reak­tio­nären Kapi­ta­lis­mus­kritik ver­traut sind.

Gegen den Klas­sen­kom­promiss
Ihm geht es um etwas anderes, wie er im letzten Kapitel des Buches, das unter dem Titel «Die Rückkehr des roman­ti­schen Anti­ka­pi­ta­lismus» steht, erläutert: Wenn es seit dem Vormärz eine Uni­for­mierung und Nor­mierung des Pro­le­ta­riats gegeben hat, dann wird diese Klas­sen­fi­gu­ration vom Gespenst des «vir­tu­ellen Paupers» ver­folgt, der durch keine sozi­al­staat­liche Absi­cherung und durch keine Ver­bür­ger­li­chung des sozialen Ima­gi­nären zu bannen ist. Par­allel zur Ein­hegung des Klas­sen­kampfs in den ent­wi­ckelten kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaften und zur Inte­gration der offi­zi­ellen Arbei­te­rIn­nen­be­wegung in die Gesell­schaft gibt es eine andere Geschichte, die Geschichte einer anderen Arbeiter-Innen­be­wegung, die Geschichte all jener sozialen Gestalten, in denen das Gespenst des «vir­tu­ellen Paupers sich im Laufe des 19. und 20. Jahr­hun­derts ver­körpert und die gehegte soziale Ordnung bespukt hat». Damit bezieht sich der Autor auf sozi­al­re­vo­lu­tionäre Debatten der 1970er Jahre, als der linke His­to­riker Karl­heinz Roth ein Buch mit dem Titel «Die andere Arbei­ter­be­wegung» ver­öf­fent­lichte, in dem er die Pau­pe­rierten zum neuen revo­lu­tio­nären Subjekt erklärte. Er setzte sie von den Teilen der Arbei­te­rIn­nen­klasse ab, die im Rahmen des natio­nalen Klas­sen­kom­pro­misses befriedet wurden. Man könnte auf sie den Begriff der Arbei­te­rIn­nen­a­ris­to­kratie anwenden.

Natio­na­lismus als Sarg­nagel
Eiden-Offe zeigt, wie sich auch dies Ein­hegung eines Teils des Pro­le­ta­riats in den zeit­ge­nös­si­schen Schriften nie­der­schlägt, bei­spiels­weise in Ernst Will­komms fünf­bän­digem Roman «Weisse Sclaven oder die Leiden des Volkes» von 1845. Hier ging es zum Schluss um die nationale Ein­hegung der Arbei­te­rInnen. Eiden-Offe beschreibt die Kon­se­quenzen sehr präzise: «Ab jetzt sollte es keine ‹vater­lands­losen Gesellen›, keine ‹hei­matlose Klasse› mehr geben, sondern nur noch ‹deutsche Arbeiter›». Die «vater­lands­losen Gesellen», die es natürlich wei­terhin gibt, werden mar­gi­na­li­siert und aus­ge­schlossen – ideo­lo­gisch wie mate­riell, wenn sie aus der staat­lichen Für­sorge raus­fallen. Der Autor beschreibt präzise, dass diese nationale Ein­hegung zum «Sarg­nagel des bunt­sche­ckigen Pro­le­ta­riats des Vormärz» wurde, dessen Geschichte in dem Buch erzählt wird. In einer Fussnote merkt Eiden-Offe an, dass die Erosion des natio­nal­staat­lichen Klas­sen­kom­pro­misses, den wir aktuell beob­achten, nicht bedeutet, dass damit Natio­na­lismus und Chau­vi­nismus in Teilen der Arbei­te­rIn­nen­klasse auto­ma­tisch auf dem Rückzug sind. Aller­dings zeigte sich in der letzten Zeit das ver­än­derte Gesicht der heu­tigen Arbei­te­rIn­nen­klasse, bei­spiels­weise bei den zahl­reichen Arbeits­kämpfen im Pflege- und Gesund­heits­be­reich, aber auch bei Kurier­diensten.

Es sind dort sehr viele Frauen aktiv und nicht wenige der Prot­ago­nis­tInnen dieser Kämpfe haben einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Viel­leicht wird hier in Ansätzen diese bunte und gar nicht so homogene Arbei­te­rIn­nen­klasse sichtbar, die in dem Buch so anschaulich beschrieben wird. «Es kommt darauf an, die Fäden neu zu ver­knüpfen – oder sie endlich beherzt zu kappen», schreibt der Autor im letzten Kapitel in Bezug auf die Geschichte der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung. Nun wird auch der Linken der Abschied vom Pro­le­tariat seit mehr als dreissig Jahren voll­zogen, mit dem Ergebnis, dass in vielen Ländern der Welt, die Linke nur noch iso­lierte Min­der­heiten und keine Klassen mehr kennen will. Die real exis­tie­renden Lohn­ab­hän­gigen werden dann rechts liegen gelassen. «Die Poesie der Klasse» aber bietet die Chance, sich auf eine neue Art und Weise auf die Lohn­ab­hän­gigen zu beziehen. Dadurch, dass in dem Buch auf­ge­zeigt wird, dass das Pro­le­tariat his­to­risch immer bunt war und sich nicht in auf die berühmt-berüch­tigten Stahl- und Berg­ar­beiter beschränkte, könnten den Mar­gi­na­li­sierten und Pre­ka­ri­sierten von heute die Mög­lichkeit geben, sich selber als Teil dieser Klasse zu erkennen.


Patrick Eiden-Offe: Die Poesie der Klasse, Roman­ti­scher Anti­ka­pi­ta­lismus und die Erfindung des Pro­le­ta­riats. Matthes & Seitz, Berlin. 30,00 Euro

aus: vor­wärts – Schweiz

Die Poesie der Klasse

Peter Nowak

Poesie der Klasse

Der ent­ste­hende Kapi­ta­lismus brachte nicht nur mas­sen­haftes Elend hervor. Mit ihm bil­deten sich in den unteren Klassen auch neue Formen der Dichtung und des Erzählens heraus, in denen die Misere der Gegenwart und Formen des Wider­stands ei drücklich beschrieben werden. Nur wenige dieser Schriften sind heute noch bekannt. Manche von ihnen wurden in den Büchern von Marx und Engels zitiert, bei­spiels­weise der Arbei­ter­dichter Wilhelm Weitling. Marx wür­digte ihn als einen der ersten, der sich für die Organi-ierung des Pro­le­ta­riats einsetz- te. So heißt es auf der Homepage www​.marxist​.org über Weitling: „Trotz spä­teren Aus­ein­an­der­set­zungen ach­teten Marx und Engels den ‚genialen Schneider‘ (Rosa Luxemburg) sehr hoch und betrach­teten ihn als ersten Theo­re­tiker des deut­schen Pro­le­ta­riats.“
Aller­dings wird gleich auch betont, dass Weit­lings Ansätze an theo­re­tische und prak­tische Grenzen gestoßen sind. Inhaltich gibt es für diese Kritik gute Gründe, doch hat der Umgang mit Weitling in der mar­xis­ti­schen Arbei­te­rIn­nen­be­wegung auch etwas Pater­na­lis­ti­sches. Schließlich blieb Weitling sein Leben lang Schneider, hatte nie eine Uni­ver­sität besucht und schon deshalb hatten seine Arbeiten es schwerer, wahr­ge­nommen und gehört zu werden. Dabei gehört er zu den wenigen Chro­nisten der frühen Arbei­ter­be­wegung, deren über­haupt ei- nem grö­ßeren Kreis bekannt ist. Der Kultur- und Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Patrick Eiden-Offe hat in seinem Buch „Die Poesie der Klasse“ viele der frühen Texte der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung dem Ver­gessen ent­rissen. Er beklagt, dass sie lange Zeit nur durch die Brille des Mar­xismus gesehen und als roman­ti­scher Anti­ka­pi­ta­lismus bei­seite gelegt.

Schon im Klap­pentext des Buches heißt es über die AutorInnen: „Die bunt­sche­ckige Erscheinung, die Träume und Sehn­süchte dieser allen stän­di­schen Sicher­heiten ent­ris­senen Gestalten fanden neue Formen des Erzählens in roman­ti­schen Novellen, Repor­tagen, sozial- staat­lichen Unter­su­chungen, Monats­bul­letins. Doch schon bald wurden sie – unge­ordnet, gewaltvoll, nost­al­gisch, irr­lich­ternd und uto­pisch, wie sie waren – von den Arbei­ter­be­wegung als reak­tionär und anar­chis­tisch ver­un­glimpft, weil sie nicht in die große Fort­schritts­vision passen wollten“.
So ver­dienstvoll es von Patrick Eiden-Offe ist, diese Texte wie- der bekannt gemacht und mit großem Enga­gement in einem Buch prä­sen­tiert zu haben, dass auch für Nicht­aka­de­mi­ke­rInnen zu lesen Freude und Erkennt­nis­gewinn bereitet, so muss man doch die Kritik des Autors an den Mar­xis­tinnen hin­ter­fragen. Gerade, nach der Lektüre der Texte zeigt sich, dass diese Kritik oft berechtigt war. Dabei geht es gerade nicht darum, den Ver­fas­se­rInnen der Texte zu unter­stellen, sie wären reak­tionär. Es geht vielmehr darum, zu ana­ly­sieren, dass sie in ihren Texten ihre Vor­stel­lungen von der Welt und dem her­ein­bre­chenden Kapi­ta­lismus zum Aus­druck gebracht haben. Sie haben dabei Gerech­tig­keits­vor­stel­lungen zum Maßstab genommen, die sie aus dem Feu­da­lismus und der stän­di­schen Gesell­schaft über­nommen hatten. Nur waren diese Vor­stel­lungen mit dem Einzug des Kapi­ta­lismus obsolet geworden. Es war ein Ver­dienst von Marx und Engels, dass sie die Aus­beutung und nicht den Wucher als zen­trales Unter­drü­ckungs­in­strument im Kapi­ta­lismus ana­ly­siert haben. An einem roman­ti­schen Kapi­ta­lismus fest­zu­halten wäre dann nur ana­chro­nis­tisch und birgt noch die Gefahr einer reak­tio­nären Lesart der Kapi­ta­lis­mus­kritik, die die Schul­digen für die Misere nicht im kapi­ta­lis­ti­schen Kon­kurrenz- und Pro­fit­streben, sondern in Wucherern sieht. Das war übrigens ein Schwungrad für den modernen Anti­se­mi­tismus. Dem Autor sind solche Bestre­bungen fern. Dass Eiden-Offe auf diese Gefahren eines roman­ti­schen Anti­ka­pi­ta­lismus nicht besonders eingeht, liegt wohl vor allem daran, dass er vor­aus­setzt, dass seine Lese­rInnen mit der Pro­ble­matik einer reak­tio­nären Kapi­ta­lis­mus­kritik ver­traut sind.

Die Rückkehr des vir­tu­ellen Pauper

Ihm geht es um etwas Anderes, wie er im letzten Kapitel des Bu- ches, das unter dem Titel „Die Rückkehr des roman­ti­schen Anti­ka­pi­ta­lismus“ steht, erläutert: Wenn es seit dem Vormärz eine Uni­for­mierung und Nor­mierung des Pro­le­ta­riats gegeben hat, dann wird diese Klas­sen­fi­gu­ration vom Gespenst des „vir­tu­ellen Paupers“, der durch keine sozi­al­staat­liche Absi­cherung und durch keine Ver­bür­ger­li­chung des sozialen Ima­gi­näten zu bannen ist. Par­allel zur Ein­hegung des Klas­sen­kampfs in den ent­wi­ckelten kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaften und zur Inte­gration der offi­zi­ellen Arbei­ter­be­wegung in die Gesell­schaft gibt es eine andere Geschichte, die Geschichte einer anderen Arbei­ter­be­wegung, die Geschichte all jener sozialen Gestalten, in denen das Gespenst des „vir­tu­ellen Paupers sich im Laufe des 19. und 20. Jahr­hun­derts ver­körpert und die gehegte soziale Ordnung bespukt hat“. Damit bezieht sich der Autor auf sozi­al­re­vo­lu­tionäre Debatten der 1970er Jahre, als der linke His­to­riker Karl­heinz Roth ein Buch mit dem Titel „Die andere Arbei­ter­be­wegung“ ver­öf­fent­lichte, in dem er die Pau­pe­rierten zum neuen revo­lu­tio­nären Subjekt erklärte. Er setzte sie von den Teilen der Arbei­ter­klasse ab, die im Rahmen des natio­nalen Klas­sen­kom­pro­misses befriedet wurden. Man könnte auf sie den Begriff der Arbei­ter­aris­to­kratie anwenden. Eiden-Offe zeigt, wie sich auch diese Ein­hegung eines Teils des Pro­le­ta­riats in den zeit­ge­nös­si­schen Schriften nie­der­schlägt, bei­spiels­weise in Ernst Will­komms Roman „Weisse Sclaven oder die Leiden des Volkes“ von 1845. Hier ging es zum Schluss um die nationale Ein­hegung der Arbei­te­rInnen. Eiden-Offe beschreibt die Kon­se­quenzen präzise: „Ab jetzt sollte es keine ‚vater­lands­losen Gesellen‘, keine ‚hei­matlose Klasse‘ mehr geben, sondern nur noch ‚deut- sche Arbeiter‘, die vater­lands- losen Gesellen‘, die es natürlich wei­terhin gibt, werden mar­gi­na­li­siert und aus­ge­schlossen: ideo­lo­gisch wie mate­riell, wenn sie aus der staat­lichen Für­sorge raus­fallen“.
Der Autor beschreibt präzise, dass diese nationale Ein­hegung zum „Sarg­nagel des bunt­sche­ckigen Pro­le­ta­riats des Vormärz“ wurde, dessen Geschichte in dem Buch erzählt wird. Aller­dings zeigte sich in der letzen Zeit das ver­än­derte Gesicht der heu­tigen Arbei­te­rIn­nen­klasse, bei­spiels­weise bei den zahl­reichen Arbeits­kämpfen im Pflege- und Gesund­heits­be­reich, aber auch bei Kurier­diensten. Es sind dort sehr viele Frauen aktiv, und nicht wenige der Prot­ago­nis­tInnen dieser Kämpfe haben einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Viel­leicht wird hier in Ansät- zen diese bunte, gar nicht so hete­rogene Arbei­te­rIn­nen­klasse sichtbar, die in dem Buch so anschaulich beschrieben wird.

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gras­wur­zel­re­vo­lution oktober 2018/432

Peter Nowak