Pünktlich auf den 8.März erschien das Sammelband «materializing feminism». Darin veröffentlichen 13 Autor*innen Überlegungen zum Verhältnis von Materialismus und Feminismus. Das Buch liefert Diskussionsstoff für einen materialistischen Feminismus auf der Höhe der Zeit.

Materialistischer Feminismus

Frie­derike Beier, Lisa Yashodhara Haller, Lea Haneberg (Hg.), mate­ria­lizing feminism, Posi­tio­nie­rungen zu Öko­nomie, Staat und Iden­tität, Unrast Verlag, Dezember 2018, 248 Seiten, ISBN 978–3‑89771–319‑2

Die Resonanz auf den Frauen*streik am 14.Juni in der Schweiz war auch in Deutschland über­wäl­tigend. Der Akti­onstag war nur ein Bei­spiel für einen Femi­nismus, für den die soziale Frage ein inte­graler Teil ist. In den USA sind schon zur Amts­ein­führung von Trump Hun­dert­tau­sende Frauen* auf die Strasse gegangen. Es gibt Videos, die die Radi­ka­lität der For­de­rungen zeigen, die durchaus Patri­archat und Kapi­ta­lismus in Frage stellen. Auch in Ländern wie Argen­tinien mani­fes­tiert sich auf den Strassen ein Femi­nismus, der gegen die Abtrei­bungs­verbote genauso agiert, wie die gegen die Ver­ar­mungs­po­litik der Macri-Regierung. Nur auf theo­re­ti­scher Ebene scheint es oft so, als wäre der Femi­nismus mit dem Kapi­ta­lismus ein Bündnis ein­ge­gangen. Doch gegen diesen kapi­tal­kon­formen Kapi­ta­lismus regt sich jetzt auch auf der wis­sen­schaft­lichen Ebene Wider­stand. Das zeigen der pass­genau am 8. März 2019 erschienene Sam­melband …

„Mate­ria­lis­ti­scher Femi­nismus“ wei­ter­lesen

Oktoberrevolution und Stalinismus

»Sie haben in der langen Nacht der Sta­lin­schen Des­potie die Sprache des revo­lu­tio­nären Mar­xismus restlos und hoff­nungslos ver­lernt.“

In nicht wenigen Ländern sind sich selbst als Kom­mu­nis­tInnen ver­ste­hende Men­schen mit Sta­lin­por­träts zum Gedenken an die Okto­ber­re­vo­lution auf die Straße gegangen.
Dabei feiern…

„Okto­ber­re­vo­lution und Sta­li­nismus“ wei­ter­lesen

Alexander Berkman

Im Januar 1920 wurde der Anar­chist Alex­ander Berkman zusammen mit seiner Genossin Emma Goldman aus den USA in die Sowjet­union abge­schoben. Auch als beiden zwei Jahre später ent­täuscht über die auto­ritäre Ent­wicklung und die Nie­der­schlagung des Auf­stands von Kron­stadt das Land wieder ver­ließen, änderte Berkman nichts an den Sätzen, mit denen er die Gefühle beim Ein­treffen in der Sowjet­union beschrieb: »Mir war danach, die ganze Menschheit zu umarmen, ihr mein Herz zu Füßen zu legen, mein Leben tau­sendfach im Dienste der sozialen Revo­lution hin­zu­geben. Der schönste Tag meines Lebens«. Diese Notizen nimmt Bini Adamczak zum Aus­gangs­punkt ihrer Über­le­gungen über mög­liche alter­native Pfade der Revo­lution. Dabei geht sie auch auf his­to­risch wenig bekannte Ereig­nisse ein. So kam in Finnland ganz ohne Gewalt eine linke Regierung an die Macht, die ihre Gegner zu über­zeugen ver­suchte. Die aber ent­fachten den Weißen Terror, dem in wenigen Monaten 8.500 Men­schen zum Opfer fielen; noch mehr starben in den von den Rechten ein­ge­rich­teten Kon­zen­tra­ti­ons­lagern. Im Juni 1918 übernahm für kurze Zeit ein von den Men­schewiki und Rechten Sozialrevolutionär_​innen domi­nierter Block die Macht in der Wol­ga­region. Doch bald gingen reak­tionäre Kräfte mit Terror gegen die Linke vor. Diese Bei­spiele zeigen, dass es nicht nur an den Bol­schewiki lag, dass die Revo­lution abge­würgt wurde. Bini Adamczak widerlegt alle, die mit der Okto­ber­re­vo­lution schon den Weg in den Sta­li­nismus vor­ge­zeichnet finden.

Peter Nowak

Bini Adamczak: Der schönste Tag im Leben des Alex­ander Berkman. Vom mög­lichen Gelingen der rus­si­schen Revo­lution. Edition Assem­blage, Münster 2017, 150 Seiten, 12,80 EUR.

https://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​6​3​4​/​1​1.htm
ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 634 / 23.1.2018

Jagd auf Roter Oktober

Der Rummel zum Jah­restag ist zu Ende. Jetzt wäre es möglich, über das zu reden, was an der Okto­ber­re­vo­lution wirklich inter­essant ist

»Hun­derte Akti­visten stürmten den Reichstag von Berlin«[1] und kaum jemand hat davon Notiz genommen. Ach so, es war eine Kunst­aktion des Schweizer Künstlers Milo Rau, und der ange­kün­digte Reichs­tags­sturm war eine kleine Kund­gebung einige hundert Meter vom Objekt der Begierde weg.

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»Kommunismus für Kids« und ein Hauch von McCarthyismus

Die US-Rechte schoss sich auf die Kul­tur­wis­sen­schaft­lerin Bini Adamczak ein, weil die den Kom­mu­nismus für ein eman­zi­pa­tives Zukunfts­projekt hält

»Ein Gespenst geht um in Europa«, hieß es im Kom­mu­nis­ti­schen Manifest. Mehr als 150 Jahre später hat es wohl den Kon­tinent gewechselt. Jetzt scheint das kom­mu­nis­tische Gespenst vor allem in den USA zu spuken. Die US-Rechte befürchtet, dass es in die Kin­der­zimmer ein­dringt und Kindern die Köpfe ver­wirrt. Doch in welcher Gestalt hat sich das Kom­mu­nismus-Gespenst in die USA ein­ge­schlichen? In Form eines Buches, das den Titel »Com­munism for Kids«[1] trägt und im aka­de­mi­schen Mitpress-Verlag[2] erschienen ist.

Autorin des Buches ist die in Berlin lebende Kunst­theo­re­ti­kerin und Publi­zistin Bini Adamczak[3]. Sie hat das Buch in Deutschland unter dem sper­ri­geren Titel »Kom­mu­nismus, kleine Geschichte, wie endlich alles anders wird« im liber­tären Unrast-Verlag herausgegeben[4].
»Kom­mu­nis­ti­sches Begehren, das endlich alles anders wird«

In der deut­schen Ausgabe wird schnell klar, dass es sich um kein Kin­derbuch handelt, sondern um ein Buch, das sich dem Kom­mu­nismus nicht mit kom­plexen Ana­lysen nähern will. Bini Adamczak beschreibt ihre Intention auf der Verlags-Homepage[5] so:

Wie lässt es sich – jetzt! – fünfzehn Jahre nach dem Ende der Geschichte über das Ende der Vor­ge­schichte, über Kom­mu­nismus schreiben, ohne der Lächer­lichkeit eines ohn­mäch­tigen Pathos zu ver­fallen? Kri­tische Kritik + Negation der Negation? Aber: sollte sich der Kom­mu­nismus auf übel­ge­launte Negation beschränken, ohne Traum und Sex­appeal? Es bedarf einer kin­der­leichten Sprache um ein kom­mu­nis­ti­sches Begehren zu erfinden. »Den Kom­mu­nismus machen: das kann ja wohl nicht so schwer sein.«

KOM­MU­NISMUS ist für alle da. Ein­stei­ge­rinnen und solche, die schon immer an diesem ver­flixten Fetisch­ka­pitel ver­zweifelt sind: Artisten der Negation, prak­tische Kri­ti­ke­rinnen und jene, denen das falsche Ganze einfach als zu farblos erscheint. Die kleine Geschichte erweist den Kom­mu­nismus gänzlich unzeit­gemäß als das wun­derlich Ein­fache + Schöne. Sie folgt einem kom­mu­nis­ti­schen Begehren: dass endlich alles anders wird.
Bini Adamczak

Dass es sich um kein Recht­fer­ti­gungsbuch auto­ri­tärer Staats­so­zia­lis­mus­mo­delle handelt, ist allen klar, die schon mal was von Bini Adamczak gelesen[6] haben und das Angebot des liber­tären Verlags kennen.

Rechte auf der Jagd gegen Linke

Die US-Rechten haben anscheinend nur den Titel »Comu­nisms for Kids« gelesen und rot gesehen. Den Auftakt machte die National Review[7]. Dann zog das Buch immer weitere Kreise in rechten Netz­werken. »Sie wollen unsere Kinder«, hieß dann in The Daily Beast[8].

»Etwas muss geschehen; andern­falls könnten Eltern ent­decken, dass Ideo­logen vom Schlage Adamzcaks wie Hitler die Kinder bereits auf ihre Seite gezogen haben« (im Ori­ginal: already have the children), heißt es am Schluss des Ver­suchs, das rote Gespenst zu bannen. Ein Verbot des Buches for­derten die Kon­ser­va­tiven und die extremere Rechte wollte es gar ver­brennen. In West­deutschland waren früher linke Autoren wie Bert Brecht und Anna Seghers eben­falls mit solchen Kam­pagnen kon­fron­tiert.

Bini Adamczak sieht in der rechten Kam­pagne einen Anti­kom­mu­nismus à la McCarthy. Der nahm mit Beginn des kalten Krieges auch Züge der Intel­lek­tu­el­len­ver­folgung an, weil gerade dort Kom­mu­nisten und ihre Unter­stützer besonders häufig ver­ortet wurden. Auch anti­se­mi­tische Ele­mente waren von Anfang an Teil des McCar­thy­ismus. Höhe­punkt der dama­ligen Kam­pagne war das Todes­urteil gegen die jüdi­schen Linken Ethel und Robert Rosenberg.

Die His­to­riker Sina Arnold und Olaf Kis­ten­macher haben im letzten Jahr diesen Fall wieder bekannt gemacht und in einem Buch[9] auf­ge­ar­beitet. Dabei sind sie in einem Kapitel auch auf die Rolle des Anti­se­mi­tismus in der Kam­pagne ein­ge­gangen. In der aktu­ellen Jagd auf das Kom­mu­nis­mus­ge­spenst ist dieses ideo­lo­gische Gebräu wieder ent­halten.

Es geht gegen Linke und besonders gegen Intel­lek­tuelle und das struk­turell anti­se­mi­tische Motiv vom »Kin­der­schänder« findet sich dort auch wieder. Nachdem sich der Verlag mit Adamczak soli­da­ri­siert hat, lief auch die Unter­stützung von US-Linken langsam an. Dem US-Phi­lo­so­phie­pro­fessor Chad Kautzer[10] ist freilich zuzu­stimmen, wenn er schreibt[11]: »Die Linke wäre also gut beraten, Com­munism for Kids ebenso viel Auf­merk­samkeit zu schenken, wie es die Rechte bereits tut.«

Das wäre die beste Antwort auf die rechte Kam­pagne und könnte auch Adamczaks andere Bücher ein­be­ziehen. In Gestern Morgen[12] setzt sich die Autorin mit den Fragen, die in »Kom­mu­nismus für Kinder« behandelt werden, phi­lo­so­phisch aus­ein­ander.

Peter Nowak

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[7] http://​www​.natio​nal​review​.com/​c​o​r​n​e​r​/​4​4​6​6​7​0​/​c​o​m​m​u​n​i​s​m​-​k​i​d​s​-​b​o​o​k​-​b​i​n​i​-​a​d​a​m​c​z​a​k​-​p​u​b​l​i​s​h​e​d​-​m​i​t​-​press
[8] http://​www​.the​dai​l​y​beast​.com/​a​r​t​i​c​l​e​s​/​2​0​1​7​/​0​4​/​2​2​/​h​e​y​-​k​i​d​s​-​h​o​w​-​c​o​o​l​-​i​s​-​c​o​m​m​unism
[9] https://​www​.edition​-assem​blage​.de/​d​e​r​-​f​a​l​l​-​e​t​h​e​l​-​u​n​d​-​j​u​l​i​u​s​-​r​o​s​e​n​berg/
[10] http://​lehigh​.aca​demia​.edu/​C​h​a​d​K​a​utzer
[11] http://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​6​2​7​/​4​0.htm
[12] https://​www​.unrast​-verlag​.de/​g​e​s​a​m​t​p​r​o​g​r​a​m​m​/​a​l​l​g​e​m​e​i​n​e​s​-​p​r​o​g​r​a​m​m​/​p​o​l​i​t​i​k​-​g​e​s​e​l​l​s​c​h​a​f​t​/​g​e​s​t​e​r​n​-​m​o​r​g​e​n​-​2​5​7​-​d​etail

Sturm der Entrüstung

Die US-ame­ri­ka­nische Über­setzung des Buches »Kom­mu­nismus – Kleine Geschichte, wie endlich alles anders wird« von Bini Adamczak hat einen Shit­storm aus­gelöst.

Eigentlich ist eine große Medi­en­re­sonanz der Wunsch jedes Autors, der ein Buch schreibt. Doch die Ber­liner Autorin Bini Adamczak hätte auf den Shit­storm gerne ver­zichtet, den die US-ame­ri­ka­nische Ausgabe ihres bereits 2004 im liber­tären ­Unrast-Verlag erschienen Buches »Kom­mu­nismus – Kleine Geschichte, wie endlich alles anders wird« in den USA aus­gelöst hat. Nachdem MIT-Press, der Verlag der US-ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­sität Mas­sa­chu­setts Institute of Tech­nology, das Buch unter dem Titel »Com­munism for Kids« ver­öf­fent­licht hatte, begann die rechte Kam­pagne. Kon­ser­vative und rechte Medien wie Breitbart, The National Review und The Ame­rican Con­ser­vative echauf­fierten sich über ein Buch, das angeblich Kinder indok­tri­nieren will. Die meisten Kri­tiker hatten wohl nicht mehr als den Titel und den Klap­pentext gelesen. Denn es handelt sich nicht um ein Kin­derbuch. Außerdem wird in dem Buch wie in allen Texten von Bini Adamczak allen auto­ri­tären Vari­anten des Sozia­lismus eine klare Absage erteilt. Die Wis­sen­schaft­lerin setzt sich mit den Opfern des Sta­li­nismus aus­ein­ander und stellt sich die Frage, wie im Wissen um diese Ver­brechen ein anti­au­to­ri­tärer Kom­mu­nismus möglich ist.

»Hey Kids, How Cool Is Com­munism« lautet die Über­schrift auf der Website The Daily Beast über einem het­ze­ri­schen Artikel, in dem Adamczak mit Hitler ver­glichen wird. »Etwas muss ­geschehen; andern­falls könnten Eltern ent­decken, dass Ideo­logen vom Schlage Adamzcaks, wie Hitler, die Kinder bereits auf ihre Seite gezogen haben« (im Ori­ginal: already have the children), heißt es in dem Text. In einigen rechten Pos­tillen will man das Buch sogar ver­brennen. Neben Adamczak erhielt auch der Verlag MIT-Press Hass­mails und Dro­hungen. Doch der Verlag steht zu seiner Autorin und ver­teidigt die Publi­kation als Bei­trag zur Dis­kussion. Der Lite­ra­tur­pro­fessor Fredric R. Jameson betont, dass Adamczaks Buch hilf­reich sei in einer Zeit, in der viele Men­schen nach neuen Formen von Leben und Zusam­men­leben suchten.

Adamczak äußerte sich im Gespräch mit der Jungle World über­rascht über das Ausmaß des Anti­kom­mu­nismus in den USA, der durchaus Züge des McCar­thy­ismus trage. Sie sieht einen deut­lichen Zusam­menhang mit dem Rechts­po­pu­lismus Donald Trumps. Jetzt könne die Linke wieder stärker ins Visier geraten, ver­mutet Adamczak. Ob sie in den USA Gele­genheit hat, über ihr Buch zu dis­ku­tieren, ist noch ungewiss. Nach dem Shit­storm könnte ihr ein Ein­rei­se­verbot in die USA drohen. Bereits 2010 wurde Gabriel Kuhn, der seit langem in der anar­chis­ti­schen Bewegung aktiv ist und dazu publi­ziert hat, ohne Begründung die Ein­reise in die USA ver­weigert.
USA

https://​jungle​.world/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​2​0​/​s​t​u​r​m​-​d​e​r​-​e​n​t​r​u​e​stung

Peter Nowak

Vereint oder getrennt zu Karl und Rosa?

Das Kreuz mit dem linken Gedenken – eine scheinbar nicht enden wollende Debatte

In sechs Wochen jährt sich wieder der Todestag von Karl Lieb­knecht und Rosa Luxemburg. All­jährlich am zweiten Sonntag im Januar demons­trieren in Berlin Tau­sende zu deren Gräbern in Berlin-Fried­richs­felde. Anfang diesen Jahres ent­brannte jedoch erneut eine heftige Dis­kussion über die Frage, wie den ermor­deten Sozia­listen gedacht werden soll. Ein linkes Jugend­bündnis hatte erstmals eine eigene Demons­tration ange­meldet und wurde daher von einem Teil der Linken als »Spalter« beschimpft. Am Mon­tag­abend hin­gegen wurde im Ber­liner Initia­ti­ven­zentrum Mehringhof enga­giert und sachlich über »Das Kreuz mit dem linken Erbe« dis­ku­tiert.

Kirstin Witte von der Ber­liner Natur­freun­de­jugend begründete, warum ihre Orga­ni­sation mit den Falken, Jusos und einigen Solid-Ver­bänden die Initiative für eine eigene Demons­tration ergriffen hat. Ihrer Ansicht nach sei die Erin­nerung zu einem Ritual erstarrt. Zudem wäre zu fragen, ob »alt- und neo­sta­li­nis­tische Orga­ni­sa­tionen« die rich­tigen Bünd­nis­partner bei einer solchen Ehrung seien. Daran anknüpfend erin­nerte sich Bernd Gehrke, wie zu DDR-Zeiten ein Freund aus der Ober­schule ohne Orga­ni­sa­ti­ons­hin­ter­grund, der indi­vi­duell mit einer roten Fahne an der L‑L-Demons­tration teilnahm, anschließend von der Schule rele­giert wurde. Danach habe Gehrke sich nicht mehr am all­jähr­lichen Marsch zum Sozia­lis­ten­friedhof betei­eligt – erst in den späten 90er Jahren wieder. Da machte er jedoch erneut eine unan­ge­nehme Erfahrung: Gehrke beob­achtete, wie Akti­visten einer sich links ver­ste­henden Jugend­gruppe Trotz­kisten mit den zyni­schen Rufen »Eis­pickel, Eis­pickel« pro­vo­zierten. Aus diesem Grund sehe er in getrennten Demons­tra­tionen eine Chance, wieder Men­schen anzu­sprechen, die durch solch uner­freu­lichen Vor­komm­nisse abge­schreckt seien.
Bini Adamczak will linkes Gedenken stärker im Kontext des aktu­ellen Inter­esses an Alter­na­tiven zur kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft ver­ankert wissen. Bisher habe es beim Erinnern an Karl Lieb­knecht und Rosa Luxemburg eher ein »nega­tives Bündnis« gegeben: Man sei sich einig gegen die reak­tio­nären Kräfte, die außer den beiden Mit­be­gründern der KPD Tau­sende Arbeiter ermordet hatte. Wenn es aber um die Frage einer neuen sozia­lis­ti­schen Gesell­schaft geht, könne man, so Adamczak, nicht mit Gruppen zusam­men­ar­beiten, die »sta­li­nis­tische Herr­schafts­me­thoden begrüßen oder ver­harm­losen«. Auch der Basis­ge­werk­schaftler Willi Hajek meinte, es genüge nicht, Luxemburg und Lieb­knecht als linke Ikonen zu ver­herr­lichen. Wichtig sei vielmehr, ihre Schriften in Bezug zur heu­tigen poli­ti­schen Situation zu stu­dieren. Besonders aktuell seien Luxem­burgs Schriften zum Mas­sen­streik und Lieb­knechts theo­re­tische und prak­tische Initia­tiven gegen Mili­ta­rismus.
Das Publikum dis­ku­tierte die Frage einer getrennten Ehrung von Rosa Luxemburg und Karl Lieb­knecht kon­trovers. Während die einen Distanz zu »sta­li­nis­ti­schen« Demons­tra­ti­ons­teil­nehmern for­derten, ver­langten die anderen, man müsse dann auch auch gleiche Distanz zu sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Gruppen wahren. Witte stellte die Pla­nungen für die vom linken Jugend­bündnis geplante Demons­tration am 12. Januar 2014 vor. Die Route soll durch das Ber­liner Zei­tungs­viertel gehen, wo im Januar 1919 heftige Aus­ein­an­der­set­zungen zwi­schen linken Arbeitern und Frei­korps tobten. Als Motto habe man gewählt: »Fragend blicken wir zurück! Fragend schreiten wir voran«.
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Peter Nowak