»Kommunismus für Kids« und ein Hauch von McCarthyismus

Die US-Rechte schoss sich auf die Kul­tur­wis­sen­schaft­lerin Bini Adamczak ein, weil die den Kom­mu­nismus für ein eman­zi­pa­tives Zukunfts­projekt hält

»Ein Gespenst geht um in Europa«, hieß es im Kom­mu­nis­ti­schen Manifest. Mehr als 150 Jahre später hat es wohl den Kon­tinent gewechselt. Jetzt scheint das kom­mu­nis­tische Gespenst vor allem in den USA zu spuken. Die US-Rechte befürchtet, dass es in die Kin­der­zimmer ein­dringt und Kindern die Köpfe ver­wirrt. Doch in welcher Gestalt hat sich das Kom­mu­nismus-Gespenst in die USA ein­ge­schlichen? In Form eines Buches, das den Titel »Com­munism for Kids«[1] trägt und im aka­de­mi­schen Mitpress-Verlag[2] erschienen ist.

Autorin des Buches ist die in Berlin lebende Kunst­theo­re­ti­kerin und Publi­zistin Bini Adamczak[3]. Sie hat das Buch in Deutschland unter dem sper­ri­geren Titel »Kom­mu­nismus, kleine Geschichte, wie endlich alles anders wird« im liber­tären Unrast-Verlag herausgegeben[4].
»Kom­mu­nis­ti­sches Begehren, das endlich alles anders wird«

In der deut­schen Ausgabe wird schnell klar, dass es sich um kein Kin­derbuch handelt, sondern um ein Buch, das sich dem Kom­mu­nismus nicht mit kom­plexen Ana­lysen nähern will. Bini Adamczak beschreibt ihre Intention auf der Verlags-Homepage[5] so:

Wie lässt es sich – jetzt! – fünfzehn Jahre nach dem Ende der Geschichte über das Ende der Vor­ge­schichte, über Kom­mu­nismus schreiben, ohne der Lächer­lichkeit eines ohn­mäch­tigen Pathos zu ver­fallen? Kri­tische Kritik + Negation der Negation? Aber: sollte sich der Kom­mu­nismus auf übel­ge­launte Negation beschränken, ohne Traum und Sex­appeal? Es bedarf einer kin­der­leichten Sprache um ein kom­mu­nis­ti­sches Begehren zu erfinden. »Den Kom­mu­nismus machen: das kann ja wohl nicht so schwer sein.«

KOM­MU­NISMUS ist für alle da. Ein­stei­ge­rinnen und solche, die schon immer an diesem ver­flixten Fetisch­ka­pitel ver­zweifelt sind: Artisten der Negation, prak­tische Kri­ti­ke­rinnen und jene, denen das falsche Ganze einfach als zu farblos erscheint. Die kleine Geschichte erweist den Kom­mu­nismus gänzlich unzeit­gemäß als das wun­derlich Ein­fache + Schöne. Sie folgt einem kom­mu­nis­ti­schen Begehren: dass endlich alles anders wird.
Bini Adamczak

Dass es sich um kein Recht­fer­ti­gungsbuch auto­ri­tärer Staats­so­zia­lis­mus­mo­delle handelt, ist allen klar, die schon mal was von Bini Adamczak gelesen[6] haben und das Angebot des liber­tären Verlags kennen.

Rechte auf der Jagd gegen Linke

Die US-Rechten haben anscheinend nur den Titel »Comu­nisms for Kids« gelesen und rot gesehen. Den Auftakt machte die National Review[7]. Dann zog das Buch immer weitere Kreise in rechten Netz­werken. »Sie wollen unsere Kinder«, hieß dann in The Daily Beast[8].

»Etwas muss geschehen; andern­falls könnten Eltern ent­decken, dass Ideo­logen vom Schlage Adamzcaks wie Hitler die Kinder bereits auf ihre Seite gezogen haben« (im Ori­ginal: already have the children), heißt es am Schluss des Ver­suchs, das rote Gespenst zu bannen. Ein Verbot des Buches for­derten die Kon­ser­va­tiven und die extremere Rechte wollte es gar ver­brennen. In West­deutschland waren früher linke Autoren wie Bert Brecht und Anna Seghers eben­falls mit solchen Kam­pagnen kon­fron­tiert.

Bini Adamczak sieht in der rechten Kam­pagne einen Anti­kom­mu­nismus à la McCarthy. Der nahm mit Beginn des kalten Krieges auch Züge der Intel­lek­tu­el­len­ver­folgung an, weil gerade dort Kom­mu­nisten und ihre Unter­stützer besonders häufig ver­ortet wurden. Auch anti­se­mi­tische Ele­mente waren von Anfang an Teil des McCar­thy­ismus. Höhe­punkt der dama­ligen Kam­pagne war das Todes­urteil gegen die jüdi­schen Linken Ethel und Robert Rosenberg.

Die His­to­riker Sina Arnold und Olaf Kis­ten­macher haben im letzten Jahr diesen Fall wieder bekannt gemacht und in einem Buch[9] auf­ge­ar­beitet. Dabei sind sie in einem Kapitel auch auf die Rolle des Anti­se­mi­tismus in der Kam­pagne ein­ge­gangen. In der aktu­ellen Jagd auf das Kom­mu­nis­mus­ge­spenst ist dieses ideo­lo­gische Gebräu wieder ent­halten.

Es geht gegen Linke und besonders gegen Intel­lek­tuelle und das struk­turell anti­se­mi­tische Motiv vom »Kin­der­schänder« findet sich dort auch wieder. Nachdem sich der Verlag mit Adamczak soli­da­ri­siert hat, lief auch die Unter­stützung von US-Linken langsam an. Dem US-Phi­lo­so­phie­pro­fessor Chad Kautzer[10] ist freilich zuzu­stimmen, wenn er schreibt[11]: »Die Linke wäre also gut beraten, Com­munism for Kids ebenso viel Auf­merk­samkeit zu schenken, wie es die Rechte bereits tut.«

Das wäre die beste Antwort auf die rechte Kam­pagne und könnte auch Adamczaks andere Bücher ein­be­ziehen. In Gestern Morgen[12] setzt sich die Autorin mit den Fragen, die in »Kom­mu­nismus für Kinder« behandelt werden, phi­lo­so­phisch aus­ein­ander.

Peter Nowak

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[4] https://www.unrast-verlag.de/gesamtprogramm/allgemeines-programm/anarchie-autonomie/kommunismus-178–1782017-02–03-14–45-44-detail
[5] https://​www​.unrast​-verlag​.de/​a​u​t​o​r​_​i​n​n​e​n​/​b​i​n​i​a​d​a​m​c​z​a​k-144
[6] https://​www​.unrast​-verlag​.de/​a​u​t​o​r​_​i​n​/​b​i​n​i​a​d​a​m​c​z​a​k-144
[7] http://​www​.natio​nal​review​.com/​c​o​r​n​e​r​/​4​4​6​6​7​0​/​c​o​m​m​u​n​i​s​m​-​k​i​d​s​-​b​o​o​k​-​b​i​n​i​-​a​d​a​m​c​z​a​k​-​p​u​b​l​i​s​h​e​d​-​m​i​t​-​press
[8] http://​www​.the​dai​l​y​beast​.com/​a​r​t​i​c​l​e​s​/​2​0​1​7​/​0​4​/​2​2​/​h​e​y​-​k​i​d​s​-​h​o​w​-​c​o​o​l​-​i​s​-​c​o​m​m​unism
[9] https://​www​.edition​-assem​blage​.de/​d​e​r​-​f​a​l​l​-​e​t​h​e​l​-​u​n​d​-​j​u​l​i​u​s​-​r​o​s​e​n​berg/
[10] http://​lehigh​.aca​demia​.edu/​C​h​a​d​K​a​utzer
[11] http://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​6​2​7​/​4​0.htm
[12] https://​www​.unrast​-verlag​.de/​g​e​s​a​m​t​p​r​o​g​r​a​m​m​/​a​l​l​g​e​m​e​i​n​e​s​-​p​r​o​g​r​a​m​m​/​p​o​l​i​t​i​k​-​g​e​s​e​l​l​s​c​h​a​f​t​/​g​e​s​t​e​r​n​-​m​o​r​g​e​n​-​2​5​7​-​d​etail

Der Fall Rosenberg

»Es war ein ver­rückter, schwüler Sommer, dieser Sommer, in dem die Rosen­bergs auf den elek­tri­schen Stuhl kamen.« So beginnt Silvia Plaths Roman »Die Glas­glocke«. Sie erinnert an die jüdi­schen Kommunist_​innen Ethel und Julius Rosenberg, die wegen Atom­spionage für die Sowjet­union am 19. Juli 1953 in New York hin­ge­richtet wurden. »Der Anti­se­mi­tismus war in dem Ver­fahren gegen die Rosenberg untrennbar mit dem Anti­kom­mu­nismus ver­bunden«, schreiben die Anti­se­mi­tis­mus­for­scherin Sina Arnold und der His­to­riker Olaf Kis­ten­macher in ihrem Buch über den »Fall Rosenberg«. Sie weisen nach, wie sich das Feindbild vom »jüdi­schen Bol­sche­wismus« in den USA ver­breitete, während zeit­gleich die sta­li­nis­ti­schen kom­mu­nis­ti­schen Par­teien in Ost­europa gegen den jüdi­schen »Kos­mo­po­li­tismus« mobil machten. In einem eigenen Kapitel widmen sich die Autor_​innen der Hetze gegen Ethel Rosenberg. Ihr nahm der Großteil der Medien übel, dass sie als Mutter zweier Kinder nicht das Leben einer Hausfrau führte. »Im Tier­reich spricht man davon, dass Weibchen die töd­li­cheren Spezies seien. Man kann das auf den Fall Ethel und Julius Rosenberg über­tragen«, schrieb die Bou­le­vard­zeitung New York World Telegram. Arnold und Kis­ten­macher haben mit dem Buch einen neuen Zugang zum Fall Rosenberg gefunden. Die Lite­ra­tur­liste und das Ver­zeichnis der Thea­ter­stücke und Filme zum Fall Rosenberg bieten denen Anre­gungen, die sich weiter infor­mieren wollen.

Peter Nowak

https://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​6​2​2​/​0​9.htm

Sina Arnold und Olaf Kis­ten­macher: Der Fall Ethel und Julius Rosenberg, Anti­kom­mu­nismus, Anti­se­mi­tismus und Sexismus in den USA zu Beginn des Kalten Krieges. Edition Assem­blage, 96 Seiten, 12,80 EUR.