«Sie können sich selber organisieren»

Ercan Ayboga lebt in Deutschland und ist seit Jahren aktiv in der Soli­da­rität mit der kur­di­schen Bewegung. Im Gespräch erzählt er von den Struk­turen der Selbst­or­ga­ni­sierung in Rojava, über die Erfolge der Frauen und, wie äussere Mächte das demo­kra­tische Projekt ver­nichten wollen.

Sie haben Ende April auf der von aus­ser­par­la­men­ta­ri­schen Linken orga­ni­sierten Kon­ferenz zur Basis­or­ga­ni­sierung, Gegen­macht und Auto­nomie in Berlin auf meh­reren Podien über die aktuelle Situation in Rojava dis­ku­tiert. Wo sehen Sie da Zusam­men­hänge?

Ercan Ayboga: In Rojava orga­ni­siert sich die Gesell­schaft weit­gehend selber. Nach der Befreiung vom IS hätte sich die Partei PYD als zen­trale Kraft beim Kampf gegen die Isla­mis­tInnen ent­schliessen können, ihre Par­tei­struk­turen auf die gesamte Gesell­schaft aus­zu­weiten. Doch sie hat sich zurück­ge­zogen, damit sich die Gesell­schaft in Räten, Kom­munen und Koope­ra­tiven selber orga­ni­sieren kann.

Können Sie ein kon­kretes Bei­spiel für diese Selbst­ver­wal­tungs­struk­turen nennen?

Es wurden Räte für Gesundheit auf­gebaut, an denen fast alle, die in diesem Sektor beteiligt sind, zusam­men­ar­beiten. Das sind Ärz­tinnen und Ärzte, Apo­the­ke­rInnen und Pfle­ge­kräfte. Da wird niemand instru­men­ta­li­siert. Ähnlich verlief es mit Juris­tInnen. Die Idee ist klar, alle gesell­schaft­lichen Akteur-Innen sollen koope­rieren und eine neue Gesell­schaft auf­bauen.

Welche Rolle spielen die Frauen dabei?

Die Selbst­or­ga­ni­sierung der Frauen ist ein zen­traler Bestandteil des Selbst­ver­wal­tungs­pro­jekts. Es exis­tiert in jeder Kommune, Rat und Koope­rative ein Frau­en­ko­mitee, das nur von Frauen gewählt wird. Sie alleine wählen die weib­liche Co-Vor­sit­zende und dürfen den männ­lichen mit­wählen. So bilden die Frauen eigene Struk­turen und orga­ni­sieren sich selbst­ständig. Auf dieser Grundlage können sie Ein­fluss auf die Räte nehmen, um eine Politik im Interesse der Frauen durch­zu­setzen.

Die PYD hat sich aber als Partei nicht auf­gelöst. Welche Rolle spielt sie?

Sie hat keine avant­gar­dis­tische Rolle, weil sie sich ent­schieden hat, die Gesell­schaft soll sich durch Räte selber regieren. Sie ver­steht sich als eine ideo­lo­gisch arbei­tende Struktur im gesamten System.

Aber kann es nicht wie schon häu­figer in der Geschichte zu Kon­flikten zwi­schen den Räten und der Partei kommen, wenn es poli­tische Dif­fe­renzen gibt?

Die Selbst­ver­waltung durch die Räte steht völlig im Ein­klang mit der Pro­gram­matik der PYD. Sie hat diese Selbst­ver­waltung durch ihren Kampf möglich gemacht und so für die Räte das Terrain eröffnet. Sie hat wegen ihrer his­to­ri­schen Rolle bei der Befreiung vom IS eine wichtige Rolle als Ide­en­ge­berin. Die PYD ist ein kleiner Teil des Räte­systems, welches viele weitere Dyna­miken hat. Lokale Aus­ein­an­der­set­zungen kommen selten vor und sind ins­gesamt unbe­deutend.

Gibt es neben PYD noch andere Par­teien?

Es gibt fünf weitere Par­teien im Räte­system, die mit­machen. Dabei ist sowohl die kom­mu­nis­tische als auch die liberale Partei von Rojava. Alle Par­teien sind glei­cher­massen ab den mitt­leren Stufen im Räte­system ver­treten. Doch diese fünf Par­teien sind eher passiv, die Initia­tiven kommen meistens von der PYD.

Die Selbst­ver­waltung setzt ein hohes Mass an Enga­gement aller Men­schen voraus. Gib es da nicht auch Pro­bleme, dass manche Men­schen dieses Enga­gement gar nicht immer auf­bringen wollen?

Das ist in der Tat ein grosses Problem. Es gibt Kom­munen und Räte, an denen betei­ligen sich sehr viele Men­schen, in anderen Sek­toren gibt es Pro­bleme, Leute zu finden, die sich enga­gieren. Sie wollen lieber, dass jemand ver­ant­wortlich ist. Die Partei oder der Rat sollen es regeln. Es liegt dann an den Aktiven in den Räten, Vor­schläge zu machen und die Men­schen immer wieder zu moti­vieren, sich zu enga­gieren. Dabei spielt die Bil­dungs­arbeit eine zen­trale Rolle. Die Men­schen lernen so, dass das eigene Enga­gement wichtig ist, für die Ver­än­de­rungen in ihrem Alltag.

Wie steht es mit der Selbst­or­ga­ni­sierung der Men­schen am Arbeits­platz in Rojava?

Fabri­kräte gibt es nicht, weil es keine grosse indus­trielle Pro­duktion gibt. Es gibt aber immer mehr Komitees der arbei­tenden Men­schen bei Taxi­fah­re­rInnen, in Auto­werk­stätten und in der Ver­waltung, die in einer über­ge­ord­neten Struktur zusam­men­kommen. Daneben gibt es immer mehr Koope­ra­tiven, wo die Mit­glieder kom­munal ent­scheiden.

Ist es nicht ein Wider­spruch zu den Räte­struk­turen, dass die Rolle des PKK-Vor­sit­zenden Öcalan sehr gross ist?

Tat­sächlich ist Öcalan in Rojava überall präsent, was keine Ver­ordnung ist, sondern von den Men­schen selbst kommt. Das liegt auch daran, dass er bereits in den frühen 1980er Jahren, bevor die kur­dische Arbei­ter­partei PKK in Nord­kur­distan ihren bewaff­neten Kampf begann, in Rojava Ver­samm­lungen abge­halten und Tau­sende für den Kampf in Nord­kur­distan gewonnen hat. Heute ist es das von Öcalan ent­wi­ckelte Projekt des demo­kra­ti­schen Kon­fö­de­ra­lismus, das in Rojava umge­setzt wird.

Nun wird ja die Per­spektive der Region auch von vielen anderen Mächten wie der Türkei, den USA und Syrien abhängen. Ist damit die Selbst­ver­waltung nicht massiv ein­ge­schränkt?

In Rojava macht sich niemand Illu­sionen, dass alle diese Mächte das Projekt der Selbst­ver­waltung ver­nichten wollen. Die einzige Chance ist daher, die momen­tanen Wider­sprüche zwi­schen diesen Ländern zu nutzen und so stark zu werden, dass es schwer wird, Rojava anzu­greifen. Im Ide­alfall gelingt es uns, dass sich das Modell der Selbst­ver­waltung aus­breitet. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit.

aus: Vorwärts/​Schweiz

«Sie können sich selber orga­ni­sieren»


Interview: Peter Nowak

„Ein Wettlauf mit der Zeit“

sommer 2017/420 gras­wur­zel­re­vo­lution 17

Femi­nismus, Selbst­ver­waltung und Basis­or­ga­ni­sierung im kur­di­schen Rojava. Ein Interview mit der den kur­di­schen Publi­zisten Ercan Ayboğa. Ercan Ayboğa lebt in Deutschland und ist seit Jahren aktiv in der Soli­da­rität mit der kur­di­schen Bewegung. Er hat dazu in ver­schie­denen Zei­tungen publi­ziert und Bücher zum Thema ver­öf­fent­licht. Mit ihn sprach für die Gras­wur­zel­re­vo­lution Peter Nowak. (GWR-Red.)
GWR: Sie haben Ende April auf der von außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken organ­sierten Kon­ferenz zur Basis­or­ga­ni­sierung, Gegen­macht und Auto­nomie in Berlin auf meh­reren Podien über die aktuelle Situation in Rojava dis­ku­tiert. Wo sehen Sie da Zusam­men­hänge?
Ercan Ayboğa: In Rojava orga­ni­siert sich die Gesell­schaft weit­gehend selber. Nach der Befreiung vom IS hätte die PYD [Partei der Demo­kra­ti­schen Union, eine kur­dische Partei in Syrien und Mit­glied der syri­schen Oppo­si­ti­ons­gruppe Natio­nales Koor­di­na­ti­ons­ko­mitee für Demo­kra­ti­schen Wandel] als ent­schei­dende Kraft beim Kampf gegen die Isla­mis­tInnen ent­scheiden können, ihre Par­tei­struk­turen auf die gesamte Gesell­schaft aus­zu­weiten. Doch sie hat sich zurück­ge­zogen, damit sich die Gesell­schaft in Räten, Kom­munen, Aka­demien und Koope­ra­tiven selber orga­ni­sieren kann.

Können Sie ein kon­kretes Bei­spiel für diese Selbst­ver­wal­tungs­struk­turen nennen?
Es wurden Räte für Gesundheit auf­gebaut, an denen fast alle, die in diesem Sektor beteiligt sind, zusam­men­ar­beiten. Das sind Ärz­tinnen und Ärzte, Apo­the­ke­rInnen und Pfle­ge­kräfte. Da wird niemand instru­men­ta­li­siert. Ähnlich verlief es mit Juris­tInnen. Die Idee ist klar, alle gesell­schaft­lichen Akteu­rInnen sollen koope­rieren und eine neue Gesell­schaft auf­bauen.

Welche Rolle spielen die Frauen dabei?
Die Selbst­or­ga­ni­sierung der Frauen ist ein zen­traler Bestandteil des Selbst­ver­wal­tungs­pro­jekts. Es exis­tiert in jeder Kommune, Rat und Koope­rative ein Frau­en­ko­mitee, das nur von Frauen gewählt wird. Sie alleine wählen die weib­liche Ko-Vor­sit­zende, dürfen den männ­lichen mit­wählen. So bilden die Frauen eigene Struk­turen und orga­ni­sieren sich selbst­ständig. Auf dieser Grundlage können sie Ein­fluss auf die Räte nehmen, um eine Politik im Interesse der Frauen durch­zu­setzen.

Die PYD hat sich aber als Partei nicht auf­gelöst. Welche Rolle spielt Sie?
Sie hat keine avant­gar­dis­tische Rolle, weil sie sich ent­schieden hat, dass sich die Gesell­schaft durch Räte selber regieren soll. Sie ver­steht sich als eine ideo­lo­gisch arbei­tende Struktur im gesamten System.

Aber kann es nicht, wie schon häufig in der Geschichte, zu Kon­flikten zwi­schen den Räten und der Partei kommen, wenn es poli­tische Dif­fe­renzen gibt?
Die Selbst­ver­waltung durch die Räte steht im Ein­klang mit der Pro­gram­matik der PYD. Sie hat diese Selbst­ver­waltung durch ihren Kampf möglich gemacht und so für die Räte das Terrain eröffnet. Sie hat wegen ihrer his­to­ri­schen Rolle bei der Befreiung vom IS eine wichtige Rolle als Ide­en­geber. Die PYD ist ein kleiner Teil des Räte­systems, welches viele weitere Dyna­miken haben, die Ten­denzen von PYD‘lern genau beob­achten. Lokale Aus­ein­an­der­set­zungen kommen selten vor, sind ins­gesamt unbe­deutend.

Gibt es neben PYD noch andere Par­teien?

Es gibt fünf weitere Par­teien im Räte­system, die mit­machen. Dabei ist sowohl die kom­mu­nis­tische als auch die liberale Partei von Rojava. Alle Par­teien sind glei­cher­maßen ab den mitt­leren Stufen im Räte­system ver­treten. Doch diese fünf Par­teien sind eher passiv, die Initia­tiven kommen meistens von der PYD.

Die Selbst­ver­waltung setzt ein hohes Maß an Enga­gement aller Men­schen voraus. Gibt es da nicht auch Pro­bleme, dass manche Men­schen dieses Enga­gement gar nicht immer auf­bringen wollen?

Das ist in der Tat ein großes Problem. Es gibt Kom­munen und Räte, an denen betei­ligen sich sehr viele Men­schen, in anderen Sek­toren gibt es Pro­bleme, Leute zu finden, die sich enga­gieren. Sie wollen lieber, dass jemand ver­ant­wortlich ist. Die Partei oder der Rat sollen es regeln. Es liegt dann an den Aktiven in den Räten, Vor­schläge zu machen und die Men­schen immer wieder zu moti­vieren, sich zu enga­gieren. Dabei spielt die Bil­dungs­arbeit eine zen­trale Rolle. Die Men­schen lernen so, dass das eigene Enga­gement wichtig ist, für die Ver­än­de­rungen in ihren Alltag.

Wie steht es mit der Selbst­or­ga­ni­sierung der Men­schen am Arbeits­platz in Rojava?
Fabri­kräte gibt es nicht, weil es keine große indus­trielle Pro­duktion gibt. Es gibt aber immer mehr Komitees der arbei­tenden Men­schen bei Taxi­fah­re­rInnen, in Auto­werk­stätten und in der Ver­waltung, die in einer über­ge­ord­neten Struktur zusammen kommen. Daneben gibt es immer mehr Koope­ra­tiven, wo die Mit­glieder kom­munal ent­scheiden.

Ist es nicht ein Wider­spruch zu den Räte­struk­turen, dass die Rolle des PKK-Vor­sit­zenden Öcalan sehr groß ist?

Tat­sächlich ist Öcalan in Rojava überall präsent, was keine Ver­ordnung ist, sondern von den Men­schen selbst kommt. Das liegt auch daran, dass er bereits in den frühen 1980er Jahren, bevor die PKK in Nord­kur­distan ihren bewaff­neten Kampf begann, in Rojava Ver­samm­lungen abge­halten und Tau­sende für den Kampf in Nord-Kur­distan gewonnen hat. Heute ist es das von Öcalan ent­wi­ckelte Projekt des demo­kra­ti­schen Kon­fö­de­ra­lismus, das in Rojava umge­setzt wird.

Die Per­spektive der Region wird auch von vielen anderen Mächten, wie der Türkei, den USA und Syrien, abhängen. Ist damit die Selbst­ver­waltung nicht massiv ein­ge­schränkt?

In Rojava macht sich niemand Illu­sionen, dass alle diese Mächte das Projekt der Selbst­ver­waltung ver­nichten wollen. Die einzige Chance ist daher, die momen­tanen Wider­sprüche zwi­schen diesen Ländern zu nutzen und so stark zu werden, dass es schwer wird, Rojava anzu­greifen. Im Ide­alfall gelingt es uns, dass sich das Modell der Selbst­ver­waltung aus­breitet. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit.
aus: sommer 2017/420 gras­wur­zel­re­vo­lution
http://​www​.gras​wurzel​.net/420/
Interview: Peter Nowak.

Raus aus der Szene

In Berlin dis­ku­tierten radikale Linke darüber, wie sie in gesell­schaft­liche Kämpfe ein­greifen können

»Kon­ferenz zur Basis­or­ga­ni­sierung, Gegen­macht und Auto­nomie« lautete der voll­ständige Titel des Ber­liner Treffens, an dem vom 28. bis zum 30. April mehr als 1.000 radikale Linke aus ganz Europa teil­nahmen. Eigentlich sprachen alle von der Sel­ber­machen-Kon­ferenz – eine poli­tisch pro­ble­ma­tische Ver­kürzung. Erinnert der Begriff Sel­ber­machen doch an die Do-it-Yourself-Bewegung, ein in sub­kul­tu­rellen Kreisen beliebtes Konzept, das durchaus mit neo­li­be­ralen Vor­stel­lungen kom­pa­tibel sein kann. Der Kapi­ta­lismus bietet heute genug Nischen, in denen Men­schen Gele­gen­heiten zum Sel­ber­machen haben, wenn nur die
Grund­prin­zipien der kapi­ta­lis­ti­schen Ver­wertung nicht ange­tastet werden. Doch die Linken, die sich in Berlin trafen, suchten nach Wegen raus aus den oft sub­kul­tu­rellen Nischen. Ein Anspruch, der schon im Aufruf deutlich wurde. Dort heißt es: »Gemeinsam wollen wir uns Fragen stellen, auf die die außer­par­la­men­ta­rische Linke Ant­worten finden muss, will sie ein wirk­licher gesell­schaft­licher Faktor werden: Wie stellen wir uns Ver­drängung und Gen­tri­fi­zierung ent­gegen? Wie schaffen wir es, in den All­tags­kämpfen unserer Nach­bar­schaften ver­ankert zu sein? Welche Formen kann die Selbst­or­ga­ni­sierung
von Frauen annehmen? Wie können im Betrieb und im Arbeits­alltag Pre­ka­ri­sierter Kämpfe gelingen? Wie wehren sich Erwerbslose gegen die Zurich­tungen durch das Job­center? Wie sieht eine Fabrik unter Arbeiter_​innenkontrolle aus? Und welche Formen von Räte­de­mo­kratie wollen wir rea­li­sieren?« Der Unter­schied zum großen Auto­no­mie­kon­gress 1995 in Berlin ist augen­fällig. Damals drehten sich die Debatten um die Frage, was das autonome »Wir« eigentlich ist. 22 Jahre später ging es darum, wie radikale Linke in gesell­schaft­liche Kämpfe ein­greifen können. Dass es bei der dies­jäh­rigen Kon­ferenz um die Politik im Stadtteil, im Job­center und auch am Arbeits­platz ging, liegt auch an den poli­ti­schen, öko­no­mi­schen und kul­tu­rellen Ver­än­de­rungen der letzten Jahre. Auf gesamt­ge­sell­schaft­licher Ebene hat das Erstarken von regres­siven poli­ti­schen Bewe­gungen dazu bei­getragen, dass die außer­par­la­men­ta­rische Linke wieder Politik in und mit der Gesell­schaft machen will. Die Politik der Agenda 2010 ebenso wie die Ein­führung von Bachelor und Master an den Hoch­schulen sind Angriffe auf die Nischen, in die sich viele radikale Linke zurück­ge­zogen hatten. Da mit hat auch die schon immer kri­ti­sierte
autonome Sze­ne­po­litik ihre Grundlage ver­loren. Die meisten radi­kalen Linken stecken in pre­kären Arbeits­be­din­gungen, und gerade die ange­sagten Sze­ne­be­zirke sind einer ver­stärkten Gen­tri­fi­zierung aus­ge­setzt. Konnten die linken Genoss_​innen vor 22 Jahren noch darüber dis­ku­tieren, ob es sinnvoll ist, wenn linke Kneipen ver­län­gerte Wohn­zimmer sind, so wird dieser Streit obsolet, wenn die Investor_​innen dort Eigen­tums­woh­nungen bauen wollen. Bewe­gungen wie jene um die Kam­pagne Zwangs­räumung ver­hindern machten auf der Kon­ferenz deutlich, wie eine gesell­schaft­liche Inter­vention der radi­kalen Linken in die Gesell­schaft aus­sehen kann. Men­schen, die vorher nicht poli­tisch aktiv waren, wurden ermutigt, sich gegen den Verlust ihrer Wohnung zu wehren. Im Ver­hältnis zu den täg­lichen Zwangs­räu­mungen sind sie wei­terhin eine Min­derheit. Aber dadurch ist eine Dis­kussion ent­facht worden, die die Ver­ant­wort­lichen für die Zwangs­räu­mungen kri­ti­siert. Besonders erfreulich war die starke Präsenz von Themen des Wider­stands in der Arbeitswelt auf der Kon­ferenz. In einer Zeit, in der DGB-Beleg­schaften wie die IG-Metall ein­deutig die Inter­essen der schrump­fenden Kernarbeiter_​innen in den Mit­tel­punkt stellen und die Leiharbeiter_​innen igno­rieren, bedarf es basis­de­mo­kra­ti­scher Ansätze, die die Inter­essen aller Arbeiter_​innen in den Blick nehmen. Auf dem Kon­gress war der Grupo de Accion Sin­dical (GAS) ver­treten, in der sich Arbeitsmigrant_​innen aus der süd­eu­ro­päi­schen Peri­pherie, vor allem aus Spanien und Por­tugal, in Berlin zusammen geschlossen haben. Die FAU-Betriebs­gruppe der Lebens­hilfe Frankfurt/​Main berichtete über einen Arbeits­kon­flikt, bei dem schließlich die Dienst­leis­tungs­gewerk-schaft ver.di einen Tarif­vertrag geschlossen und die Basisgewerkschafter_​innen an den Rand gedrängt hat. Auf großes Interesse stießen die Herausgeber_​innen von Rebel Roo, einer Zeit­schrift von Deli­veroo-Fah­rer_innen im eng­li­schen Bristol. Ange­stoßen von der FAU hat mitt­ler­weile auch in Deutschland eine Orga­ni­sierung von Fahrradkurier_​innen begonnen.
Die Redner_​innen warnten aller­dings vor über­trie­benem Opti­mismus. Die Fle­xi­bi­li­sierung der Arbeits- und Lebens­ver­hält­nisse bringe einen häu­figen Arbeits­platz- und Job­wechsel mit sich. Dies erschwere eine län­ger­fristige Orga­ni­sierung. Viele machen die Erfahrung, dass sie überall mit den gleichen schlechten Arbeits­be­din­gungen kon­fron­tiert sind. Ein Kollege sprach von einem Lern­prozess, der viel­leicht dazu führen kann, dass sich die Leute irgendwann dau­er­hafter orga­ni­sieren. Hier müsste sich die Frage anschließen, ob nicht in
der US-Linken dis­ku­tierte Kon­zepte, wie die Working-Center oder die Sozialen Netz­werke, einen wich­tigen Beitrag bei Orga­ni­sie­rungs­pro­zessen im fle­xiblen Kapi­ta­lismus leisten können. Dort wird ver­sucht, Kämpfe im Stadtteil, im Job­center und am Arbeits­platz zu ver­binden. Das könnte viel­leicht Thema eines Nach­fol­ge­kon­gresses sein, der sich spziell mit linker Inter­vention in Betriebs- und sozialen Kämpfen befasst. Ein zweiter Strang auf der Kon­ferenz war ein neuer Inter­na­tio­na­lismus. Der Zapa­tismus gehört schon lange zu den Ste­cken­pferden der Auto­nomen. Zur aktu­ellen Ent­wicklung in Chiapas wurde ein Film gezeigt, der das Leben in den zapa­tis­ti­schen Gebieten zeigen sollte, aber erstaunlich wider­spruchsfrei blieb. Es waren vor allem glück­liche Men­schen bei der Ern­te­arbeit, in der Schule oder in den Gesund­heits­zentren zu sehen. Ein wei­terer Schwer­punkt des neuen Inter­na­tio­na­lismus war das kur­dische Rojava. Gleich auf meh­reren Dis­kus­sionen berichte Ercan Ayboğa detail­liert auch über die Pro­bleme in den kur­di­schen Gebieten, in denen Räe­struk­turen eine wichtige Rolle spielen und sich die PYD als linke Partei, die diese Ent­wicklung erst ermög­licht hat, bewusst im Hin­ter­grund hält. Leider blieb die Situation in Vene­zuela auf der Kon­ferenz völlig aus­ge­spart – ein Land, auf dessen Räte­struk­turen und Stadt­teil­ko­mitees Dario Azzelini in seinen Büchern und Filmen hin­ge­wiesen hat. Das wäre doch eine gute Gele­genheit gewesen, auch Kon­tro­versen offen aus­zu­tragen.

Peter Nowak
http://​www​.akweb​.de/


ak | Nr. 627 | 16. Mai 2017

Relevanz selbst organisieren

GESELL­SCHAFT Auf der Sel­ber­machen-Kon­ferenz dreht sich am Wochenende vor dem 1. Mai alles um die Selbst­or­ga­ni­sie­rungs­formen der linken Szene

„Sel­ber­machen“ ist der zen­trale Schlüs­sel­be­griff einer Inter­na­tio­nalen Kon­ferenz, die von Freitag bis Sonntag (28.–30. April)
an ver­schie­denen Orten der Kreuz­berger linken Szene statt­finden wird. Unter­stützt wird sie von der Erwerbs­lo­sen­in­itiative
Basta, der Stadt­teil­gruppe Hände weg vom Wedding und ver­schie­denen Anti­fa­gruppen. Jessica Schmidt vom Vor­be­rei­tungs­kreis
der Kon­ferenz nennt das Ziel der drei Tage: „Gemeinsam wollen wir uns Fragen stellen, auf die die außer­par­la­men­ta­rische Linke Ant­worten finden muss, wenn sie ein wirk­licher gesell­schaft­licher Faktor werden will.“ Die Kon­ferenz rund um Selbst­or­ga­ni­sierung
beginnt am Freitag um 17 Uhr mit einer Auf­takt­ver­an­staltung „Zur Relevanz von Räte­kon­zepten und Kom­munen im 21. Jahr­hundert“. Ercan Ayboga wird über die Erfah­rungen mit kom­mu­naler Orga­ni­sierung in Kur­distan berichten. Zur gleichen Zeit beginnt ein Stadt­rundgang durch das anar­chis­tische Kreuzberg vor 1933. Das Wohnhaus des vom Sozi­al­de­mo­kraten zum Anar­chisten gewan­delten Johann Most soll dabei ebenso auf­ge­sucht werden wie Orte, an denen einst anar­chische Mas­sen­zei­tungen gedruckt wurden. Am Samstag und Sonntag wird das Thema Selbst­or­ga­ni­sation auf unter­schied­liche
All­tags­be­reiche her­un­ter­ge­brochen. „Gesundheit und gutes Leben für alle“ lautet das Thema einer Arbeits­gruppe, in der sich gesund­heits­po­li­tische Initia­tiven aus ver­schie­denen Städten aus­tau­schen. Die Initiative Zwangs­räumung wird über ihre fünf­jährige Geschichte einer selbst orga­ni­sierten Wider­standsform von Mie­te­rInnen berichten. Um die Erfah­rungen der Selbst­or­ga­ni­sation von Arbei­te­rInnen in besetzten Betrieben in Grie­chenland geht es in einer Foto­aus­stellung in Jockel’s
Bier­garten in der Rati­bor­straße 14c. Am Don­nerstag wird dort um 19 Uhr über die aktuelle Situation in den besetzten Betrieben
dis­ku­tiert. In Arbeits­gruppen stellen sich die Teil­neh­me­rInnen die Frage, ob Arbeit im Kol­lektiv und in besetzten Fabriken nicht
auch eine Form der Selbst­aus­beutung ist. So laden am Samstag um 19 Uhr ver­schiedene poli­tische Gruppen zum Erfah­rungs­aus­tausch über Orga­ni­sie­rungs­pro­zesse in pre­kären Arbeits­ver­hält­nissen ein. Die Kon­ferenz endet am Sonntag,
30. April. Ein Großteil der Teil­neh­me­rInnen will sich danach an den ver­schie­denen Demons­tra­tionen rund um den 1. Mai betei­ligen.
aus:

DON­NERSTAG, 27. APRIL 2017 TAZ.DIE TAGES­ZEITUNG
PETER NOWAK

sel​ber​ma​chen2017​.org/deu