Decio Machado / Raúl Zibechi: Die Macht ergreifen, um die Welt zu ändern? Eine Bilanz der lateinamerikanischen Linksregierungen. Realität der Utopie 4. Übersetzt von Raul Zelik, Bertz + Fischer, Berlin 2019, 220 Seiten, 12 Euro, ISBN 978-3-86505-755-6

Linke Alternativen?

Der Stel­lenwert der Basis­be­we­gungen im boli­va­ri­schen Vene­zuela bleibt in dem Buch von Machado/​Zibechi offen. Sie erwähnen die Arbeiten von Dario Azzellini, der in ver­schie­denen Büchern und Filmen eine starke Rolle dieser linken Basis­be­we­gungen fest­ge­stellt hat. Da wäre eine genauere Analyse ebenso ange­bracht.

Es ist kaum ein Jahr­zehnt her, da machten sich nicht wenige Men­schen hier­zu­lande Hoff­nungen auf einen neuen welt­weiten linken Auf­bruch, der von Latein­amerika ausgeht. Schließlich hatten sich dort Ende der 1990er Jahre Ent­wick­lungen abge­spielt, die unter­schied­lichen Spektren der Linken Hoffnung machten. In Bra­silien wurden die Sozialdemokrat*innen stärkste Partei und mit Lula wurde ein Metall­ar­bei­ter­ge­werk­schaftler, der gegen die Mili­tär­herr­schaft aktiv war, Prä­sident. Auch in Uruguay und Ecuador gab es scheinbar nach Mas­sen­de­mons­tra­tionen pro­gressive Regierungsbündnisse.In Vene­zuela schien die Regierung von Hugo Chávez sogar .…

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Arbeitergeschichte von unten

Der His­to­riker Michael Seidman unter­sucht, wie Arbeiter 1936 in Spanien und Frank­reich auf linke Umwäl­zungen reagierten

Vor 20 Jahren hat der US-His­to­riker Michael Seidman seine Dok­tor­arbeit unter dem Titel »Arbeiter gegen die Arbeit« her­aus­ge­geben. Nach zwei Jahr­zehnten konnte nun eine deutsch­spra­chige Ausgabe rea­li­siert werden, was in erster Line dem Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution und dem Über­setzer Andreas Förster zu ver­danken ist. Das Buch ist eine Fund­grube für alle, die sich für eine Sozi­al­ge­schichte der spa­ni­schen Revo­lution und der fran­zö­si­schen Volks­front­po­litik inter­es­sieren.

Seidman unter­sucht, wie die Pro­le­tarier 1936 in Bar­celona und Paris auf die linken Umwäl­zungen reagierten. Die Aus­gangs­be­din­gungen könnten unter­schied­licher nicht sein. In Bar­celona hatte die anar­cho­syn­di­ka­lis­tische CNT die Kon­trolle über einen Großteil der Betriebe über­nommen. Im selben Jahr übernahm eine von der Fran­zö­si­schen Kom­mu­nis­ti­schen Partei unter­stützte Volks­front­ko­alition im nörd­lichen Nach­barland die Regierung. Seidman inter­es­sieren dabei nicht die Orga­ni­sa­tionen und ihre Ideo­logien, sondern deren Politik und ihre Aus­wirkung auf die Mehrheit der Bevöl­kerung.

Beiden Bewe­gungen ging es um eine Gesell­schaft der Pro­du­zenten. Seidman zeigt an zahl­reichen Bei­spielen aus der anar­cho­syn­di­ka­lis­ti­schen Presse und anhand von Pro­pa­gan­da­pla­katen, dass das Ideal der spa­ni­schen Anar­cho­syn­di­ka­listen eine Gesell­schaft der Arbeit war. In har­schen Tönen wandten sie sich gegen alle, die nicht durch ihre Arbeit an der Gestaltung der Gesell­schaft bei­trugen. »Die Müßig­gänger schiebt bei­seite«, dieser Satz aus der Inter­na­tionale wurde von einem großen Teil der CNT-Akti­visten mit voller Über­zeugung gesungen. Damit pole­mi­sierten sie gegen den Adel und den in Spanien damals sehr mäch­tigen Klerus, aber auch gegen eine Bour­geoisie, die nicht in der Lage war, Spanien zu einem modernen Indus­trieland zu formen. Seidman zeigt auf, dass die CNT diese Aufgabe über­nehmen wollte und dafür die Stachanow-Methoden der Best­ar­beiter aus der Sowjet­union zum Vorbild nahm.

Auch den Tay­lo­rismus, den die CNT anfangs als arbei­ter­feindlich bekämpfte, akzep­tierte sie schließlich. Damit kam sie bald in Kon­flikt mit dem Teil der Pro­le­tarier, die ent­weder poli­tisch unin­ter­es­siert waren oder in die CNT nur ein­ge­treten sind, weil sie sich Vor­teile erhofften. Auf vielen Seiten zeigt der His­to­riker auf, wie sich die CNT zunächst mit beschwö­renden Appellen, doch bald mit Kon­trolle und Über­wa­chung, der Ausgabe von Arbeits­aus­weisen und sogar der Errichtung von Arbeits­häusern um die Erhöhung der Pro­duk­ti­vität bemühte.

In Paris setzte mit der Volks­front­be­wegung die Arbei­ter­freizeit- und Urlaubs­be­wegung ein. Seidman sieht hier sogar die Wurzeln des Bil­lig­tou­rismus. Nicht Arbei­ter­kon­trolle, sondern die Ent­de­ckung der Arbeiter als Kon­su­menten, sei der Kern der Politik der fran­zö­si­schen Regierung gewesen.

Mancher These Seidmans mag man nicht folgen. Seine zen­trale These vom Kampf der Arbeiter gegen die Arbeit hat er mitt­ler­weile selber rela­ti­viert. Trotzdem ist das Buch ein Stück wichtige Arbei­ter­ge­schichts­schreibung, die ansonsten igno­riert und ver­nach­lässigt wird.

Michael Seidman: Gegen die Arbeit. Über die Arbei­ter­kämpfe in Bar­celona und Paris 1936–38, Verlag Gras­wur­zel­re­vo­lution, Hei­delberg 2011, 480 S., 24,80 €.
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Peter Nowak