Antifa Ost … … Erinnerungen an eine angefeindete Bewegung

Eine Gruppe von Punks und alter­na­tiven Jugend­lichen sitzt um einen Tisch an einer Schreib­ma­schine und ist mit der Her­stellung eines Flug­blatts beschäftigt. In einer anderen Szene treffen sich die Jugend­lichen zu einer Dis­kussion, doch ein Teil ver­lässt diese schon nach kurzer Zeit, weil zu viel geredet und zu wenig gehandelt wird.

Die Szenen stammen aus einen Film, der vor 30 Jahren in Potsdam ent­stand. Mit­glieder der Unab­hän­gigen Antifa wollten damit über ihre Arbeit infor­mieren und mehr Mit­streiter gewinnen. Am Freitag des ersten Dezem­ber­wo­chen­endes wurde mit diesem Kurzfilm im Pots­damer Rechen­zentrum die Tagung «30 Jahre Antifa in Ost­deutschland» ein­ge­leitet. Einige der Jugend­lichen aus dem Film gehörten zu den Mit­or­ga­ni­sa­toren.

Die Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Christin Jänicke beschäftigt sich mit der Unab­hän­gigen Antifa in der DDR, weil die in den Büchern über die autonome Anti­fa­be­wegung oft nicht erwähnt wird. «Die Geschichte wurde fast aus­schließlich aus West­per­spektive geschrieben», so Jänicke gegenüber der SoZ. Sie hat vor einigen Monaten gemeinsam mit Ben­jamin Paul-Siewert im Verlag West­fä­li­sches Dampfboot das Buch 30 Jahre Antifa in Ost­deutschland. Per­spek­tiven auf eine eigen­ständige Bewegung her­aus­ge­geben. Seitdem wurde auf zahl­reichen Ver­an­stal­tungen an das 30.Jubiläum der Unab­hän­gigen Antifa in der DDR erinnert und auch die Pots­damer Tagung hätte es ohne das Buch nicht gegeben.

Auf der Auf­takt­ver­an­staltung dis­ku­tierten Refe­renten über die Hin­ter­gründe des anti­fa­schis­ti­schen Enga­ge­ments in einem Staat, der den Anti­fa­schismus zur Staats­doktrin erklärt hatte. Der Theologe und Poli­tik­wis­sen­schaftler David Ber­gerich stellte in seinem Beitrag die allzu simple Vor­stellung von der «bösen» Regierung und der guten Bevöl­kerung in Frage. Er erin­nerte daran, dass die KZ-Über­le­benden in der Regierung einer großen Masse von NS-Mit­läufern in der Bevöl­kerung gegen­über­standen. Das Ver­wenden von NS-Sym­bolen, besonders bei Fuß­ball­spielen, war eine klare Pro­vo­kation gegen die DDR-Regierung und ihre füh­rende Partei. Doch die direkten Opfer waren Jüdinnen und Juden und die wenigen Nicht­deut­schen in der DDR.

Die Film­wis­sen­schaft­lerin Angelika Nguyen berichtete, wie sie in der Schulzeit dem ras­sis­ti­schen All­tags­terror ihrer Mit­schüler aus­ge­setzt war. Während in sal­bungs­vollen Reden die inter­na­tionale Soli­da­rität mit Vietnam beschworen wurde, wurde sie wegen ihrer Her­kunft aus diesem Land beleidigt und gede­mütigt.

Die His­to­ri­kerin und Publi­zistin Annette Leo, die in der End­phase der DDR über die Unab­hängige Antifa berichtet hat, setzte sich sehr dif­fe­ren­ziert mit der Rolle des Anti­se­mi­tismus in der DDR aus­ein­ander. Sie erin­nerte an die Kam­pagne gegen Jüdinnen und Juden Anfang der 50er Jahre, die mit Stalins Tod beendet wurde. Auch die anti­is­rae­lische Politik der DDR und aller War­schauer-Ver­trags­staaten sei nicht frei von anti­se­mi­ti­schen Ele­menten gewesen. Der Mit­be­gründer der Ost­ber­liner Antifa, Dietmar Wolf, ging auf die kurze Geschichte dieser unab­hän­gigen Bewegung in ver­schie­denen Städten der DDR ein. Nach der Wende zer­streuten sich viele Gruppen, doch ihre Mit­glieder blieben aktiv gegen die Neo­na­zi­be­wegung, die seit Herbst 1989 anwuchs.

In der anschlie­ßenden Dis­kussion mel­deten sich auch DDR-Bürger zu Wort, die sich kri­tisch zur auto­ri­tären SED-Politik äußerten, aber für eine dif­fe­ren­zierte Sicht­weise warben, wenn es um den Umgang mit Opfern der Shoah in der DDR geht. So berichtete ein Mann, dass er als Stu­die­render in den 80er Jahre mit seinen Kom­mi­li­tonen jüdische Friedhöfe in Berlin betreut und gepflegt habe. Das sei eine offi­zielle, auch von der DDR-Politik geför­derte Aktion gewesen. Auch habe es in der DDR Bücher und Filme gegeben, die den Mas­senmord an den euro­päi­schen Jüdinnen und Juden the­ma­ti­sierten. Nur der Begriff Holo­caust wurde dafür nicht ver­wendet.

Ins­gesamt hätte man den Ver­an­staltern mehr Mut für eine auch kon­tro­verse Debatte gewünscht. Der Mode­rator hat manche Fragen als State­ments qua­li­fi­ziert, die dann nicht weiter dis­ku­tiert wurden. Auch einige Refe­renten wie David Begerich schienen wenig Interesse an einer Dis­kussion ihrer Thesen gehabt zu haben und igno­rierten Nach­fragen aus dem Publikum.

Am Samstag wurden in einer Arbeits­gruppe auch die Kon­flikte mit der West-Antifa ange­sprochen, die dazu führten, dass sich nicht nur die ost­deutsche Antifa separat orga­ni­sierte. Andrej Holm erklärte, dass die radikale Linke in der Ost­deutschland sich in unter­schied­lichen Bereichen vor der west­deut­schen Dominanz und deren «kolo­nialem Ver­halten» schützen wollte. Zur Her­aus­bildung einer eigen­stän­digen ost­deut­schen Linken sei es aller­dings nicht gekommen. Als posi­tives Gegen­bei­spiel nannte Isa­bella Wohmann die Umland-Antifa, wo Ber­liner Gruppen Initia­tiven ohne Metro­po­lenar­roganz unter­stützten.

Die Tagung soll im nächsten Jahr fort­ge­setzt werden. Dann soll die aktuelle Ver­netzung von Initia­tiven im Mit­tel­punkt stehen. Auf https://​afa​-ost​.de/​l​i​t​e​ratur
finden sich zahl­reiche Doku­mente über den Kampf gegen Rechte in der DDR und die Anfänge der Antifa-Ost.

aus: SoZ, Sozia­lis­tische Zeitung Januar 2018

Antifa Ost …

Peter Nowak

Ostdeutsche Antifa blickt zurück

Auf einer Tagung dis­ku­tierten Akti­visten über linke Politik in der DDR- und Wen­dezeit

Eine Gruppe Punks und alter­na­tiver Jugend­licher sitzt um eine Schreib­ma­schine und ist mit der Her­stellung eines Flug­blatts beschäftigt. Die Szene stammt aus einen Kurzfilm, der vor 30 Jahren in Potsdam ent­standen ist. Mit­glieder der damals in der Stadt gegrün­deten »unab­hän­gigen Antifa« wollten damit die Bevöl­kerung über ihre Arbeit infor­mieren.

Am ver­gan­genen Freitag wurde mit diesem Kurzfilm im Pots­damer Rechen­zentrum die Tagung »30 Jahre Antifa in Ost­deutschland« ein­ge­leitet. Einige der Jugend­lichen aus dem Film gehörten zu den Mit­or­ga­ni­sa­toren. Für manche war es ein Wie­der­sehen nach vielen Jahren. Auch zahl­reiche junge Men­schen waren aber darüber hinaus zu der Tagung gekommen, die mit über 200 Teil­nehmern gut besucht war. »Ich bin anti­fa­schis­tisch aktiv und ich will mich infor­mieren, wie in der DDR, in der Wen­dezeit und in den 1990er Jahren der Kampf gegen Neo­nazis orga­ni­siert wurde«, sagte ein Besucher, der seinen Namen nicht nennen will, zum »nd«.

Die Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Christin Jänicke wollte sich dagegen mit der unab­hän­gigen Antifa in der DDR beschäf­tigen, weil diese in Büchern über die autonome Anti­fa­be­wegung oft nicht erwähnt werde. »Die Geschichte der Antifa wurde fast aus­schließlich aus West­per­spektive geschrieben«, sagte Jänicke. Sie hat vor einigen Monaten gemeinsam mit Ben­jamin Paul-Siewert im Dampf­boot­verlag das Buch »30 Jahre Antifa in Ost­deutschland, Per­spek­tiven auf eine eigen­ständige Bewegung« her­aus­ge­geben. Seitdem erin­nerten die Autoren auf zahl­reichen Ver­an­stal­tungen an das 30-jährige Jubiläum der unab­hän­gigen Antifa in der DDR. Auch die Tagung am Wochenende hätte es ohne das Buch nicht gegeben. 

Auf der Auf­takt­ver­an­staltung dis­ku­tierten die Teil­nehmer über die Hin­ter­gründe des selbst­or­ga­ni­sierten anti­fa­schis­ti­schen Enga­ge­ments in einem Staat, der den Anti­fa­schismus selbst zur Staats­doktrin erklärt hatte. Der Theologe und Poli­tik­wis­sen­schaftler David Ber­gerich stellte in seinen Beitrag die allzu simple Vor­stellung von der »bösen« Regierung und der »guten« Bevöl­kerung in Frage. Er erin­nerte daran, dass die Über­le­benden der Kon­zen­tra­ti­ons­lager in der Regierung einer großen Masse von NS-Mit­läufen in der Bevöl­kerung gegen­über­standen. 

Das Ver­wenden von NS-Sym­bolen besonders bei Fuß­ball­spielen wäre so eine klare Pro­vo­kation gegen die DDR und ihre füh­rende Partei gewesen. Doch die direkten Opfer waren Juden und die wenigen Nicht­deut­schen in der DDR.

Die Film­wis­sen­schaft­lerin Angelika Nguyen berichtete weiter, wie sie in der Schulzeit dem ras­sis­ti­schen All­tags­terror ihrer Mit­schüler aus­ge­setzt war. Während in sal­bungs­vollen Reden die inter­na­tionale Soli­da­rität mit Vietnam beschworen wurde, habe man sie wegen ihrer Her­kunft aus diesem Land gede­mütigt. 

Die His­to­ri­kerin und Publi­zistin Annette Leo, die in der DDR über die unab­hängige Antifa berichtet hatte, setzte sich weiter dif­fe­ren­ziert mit der Rolle des Anti­se­mi­tismus in der DDR aus­ein­ander. Sie erin­nerte an die Kam­pagne gegen Juden Anfang der 1950er, die mit Stalins Tod beendet wurde. Auch die anti­is­rae­lische Politik der DDR und aller War­schauer-Ver­trags­staaten sei nicht frei von anti­se­mi­ti­schen Ele­menten gewesen. 

Der Mit­be­gründer der Ost­ber­liner Antifa Dietmar Wolf ging derweil auf die kurze Geschichte der unab­hän­gigen Bewegung in den Städten der DDR ein. Nach der Wende zer­streuten sich laut ihm wieder viele Antifa-Gruppen, doch ihre Mit­glieder blieben oft aktiv gegen die seit 1989 anwach­sende Neo­na­zi­be­wegung.

Am Samstag wurden in einer Arbeits­gruppe auch die Kon­flikte zwi­schen west­deut­schen und ost­deut­schen Anti­fa­schisten, die zu einer sepa­raten Orga­ni­sierung führten, ange­sprochen. Der Stadt­so­ziologe Andrej Holm erklärte, dass sich die radikale Linke in den ver­schie­denen Bereichen vor der west­deut­schen Dominanz und deren »kolo­nialen Ver­halten« schützen wollte. Zur Her­aus­bildung einer eigen­stän­digen ost­deut­schen Linken sei es aller­dings nicht gekommen. 

Als posi­tives Gegen­bei­spiel benannte Isa­bella Wohmann die »«Umland-Antifa, wo Ber­liner Gruppen Initia­tiven ohne »Metro­po­lenar­roganz« unter­stützten. Die Tagung soll im nächsten Jahr mit wei­teren Treffen fort­ge­setzt werden.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​7​2​4​0​7​.​o​s​t​d​e​u​t​s​c​h​e​-​a​n​t​i​f​a​-​b​l​i​c​k​t​-​z​u​r​u​e​c​k​.html

Peter Nowak

„Für viele waren Nazis eine Nebenerscheinung“

Vor 30 Jahren grün­deten sich in der DDR die ersten unab­hän­gigen Antifa-Gruppen – Aus­löser war der Überfall von Neo­nazis auf ein Punk­konzert in der Zions­kirche in Prenz­lauer Berg. Dietmar Wolf war einer der Mit­be­gründer der Ost-Antifa

INTERVIEW PETER NOWAK

taz: Herr Wolf, wann sind Sie in der DDR das erste Mal mit Neo­nazis in Kontakt gekommen?
Dietmar Wolf: Ich bin ab 1978 regel­mäßig zu Spielen des Fuß­ball­clubs BFC Dynamo gegangen. Dort habe ich 1982 oder 1983 die ersten Fans mit extrem kurzen Haaren und auf­fäl­ligen Kla­motten gesehen, die aus heu­tiger Sicht typisch für Skin­heads waren. Außerdem fiel zu dieser Zeit mehr und mehr auf, dass die Fan­sprech­chöre immer extremer und aggres­siver wurden und zunehmend ras­sis­tische, anti­se­mi­tische, sexis­tische Inhalte hatten. Das war dann auch ein wesent­licher Grund für mich, nicht mehr zum BFC ins Stadion zu gehen.

Wie kamen Sie in den Kreis der Mit­be­gründer der Ost­ber­liner Antifa?
Ich gehörte seit 1987 ver­schie­denen Gruppen der poli­ti­schen Oppo­sition in der DDR an. Unter anderem war ich auch Mit­ar­beiter in der Kirche von Unten. Deshalb war ich unmit­telbar an der Planung und Orga­ni­sation der Ver­an­staltung am 19. April 1989 beteiligt. Ich hatte zu dem Zeit­punkt bereits von der Gründung der Anti­fa­gruppe in Potsdam gehört. Aller­dings hatte ich keine per­sön­lichen Kon­takte dorthin

Wie kam es zur Gründung unab­hän­giger Antifa-Gruppen in ver­schie­denen Städten der DDR?
Aus­löser war der Überfall von Nazi-Skin­heads auf ein Punk­konzert in der Ost­ber­liner Zions­kirche im Oktober 1987. Er hatte in zwei­erlei Hin­sicht Si­gnal­wir­kung. Zum einen erhöhte sich danach die Zahl der offenen Über­griffe von Nazis und Skin­heads. Zum anderen regte sich erstmals selbst orga­ni­sierter Wider­stand. Daraus folgte dann die Gründung von unab­hän­gigen Antifa-Gruppen: in Potsdam und Dresden 1987, in Halle 1988 und in Berlin nach einem geschei­terten Versuch 1987 am 19. April 1989 in den Räumen der Kirche von Unten, der KvU.

Wer steckte hinter dem Überfall auf die Zions­kirche?
Damals hatten sich relativ spontan ungefähr 30 Neo­nazis von einer Geburts­tags­feier in einer Kneipe in Prenz­lauer Berg zur Kirche auf­ge­macht, um das Konzert anzu­greifen. Ange­führt wurde die Aktion von Ostber­liner Neo­nazis wie Ronny Busse. Einige eben­falls betei­ligte ­West­ber­liner Neo­nazis sind aller­dings nie ent­tarnt worden: Es gab ein Amts­hil­fe­ver­fahren der DDR-Behörden, dem aber leider von West­ber­liner Seite nicht statt­ge­geben worden ist.

Wie war das Ver­hältnis zwi­schen der Unab­hän­gigen Antifa und den unter­schied­lichen Gruppen der DDR-Oppo­sition?
Gute Kon­takte hatte wir zu linken Oppo­si­ti­ons­gruppen, die sich anar­chis­tisch defi­nierten, wie zum Bei­spiel die Umwelt­bi­bliothek und eben die KvU in Berlin. Der große Teil der Oppo­si­ti­ons­gruppen – auch jene, die sich als mar­xis­tisch oder trotz­kis­tisch defi­nierten – nahm die Antifa-Gruppen aber nicht wirklich ernst. Für ihn war damals das Thema Ras­sismus und Nazis eine eher unwe­sent­liche Neben­er­scheinung.

Wie reagierten die DDR-Ver­ant­wort­lichen auf die unab­hängige Antifa?
Der Staat bezie­hungs­weise das Minis­terium für Staats­si­cherheit ant­wor­teten mit Repression und Bespit­zelung. Es gab seitens der Antifa-Gruppen Ver­suche, mit der FDJ ins Gespräch zu kommen und auch auf der unteren Ebene eine gewisse Zusam­men­arbeit anzu­regen. Das wurde von der FDJ bis in die Zeit der Wende hinein kate­go­risch abge­lehnt.

Die Mau­er­öffnung 1989 ermög­lichte Ihnen dann direkte Kon­takte mit West­ber­liner und west­deut­schen Anti­fa­gruppen. Wie ent­wi­ckelte sich das Ver­hältnis zwi­schen Antifa Ost und West?
Nach anfänglich großem Interesse und großer Bereit­schaft zur Zusam­men­arbeit machten viele Anti­fa­schisten und Anti­fa­schis­tinnen aus der DDR die Erfahrung von Bevor­mundung, Her­ab­wür­digung und ideo­lo­gi­schen Ein­glie­de­rungs­ver­suchen durch die West­gruppen. Das führte schnell dazu, dass auch in den anti­fa­schis­ti­schen Gruppen der Begriff des Ost-West-Kon­flikts Einzug hielt.

Wo lagen die Unter­schiede?
In den 90er Jahren grün­deten west­deutsche Antifa-Gruppen die Anti­fa­schis­tische Aktion/​Bundesweite Aktion, eine anti­fa­schis­tisch aus­ge­richtete Kader- und Samm­lungs­or­ga­ni­sation nach dem his­to­ri­schen Vorbild des Rot­front­kämp­fer­bunds. Antifas aus der DDR koor­di­nierten sich zu dieser Zeit im Ost­ver­net­zungs­treffen, zu dem Gruppen aus dem Westen keinen Zugang hatten.

Sie sind in der anti­fa­schis­ti­schen Bil­dungs­arbeit aktiv. Worum geht es da?
Ich sehe meine Bil­dungs­arbeit als einen kleinen Beitrag zum Erhalt von anti­fa­schis­ti­scher Geschichte. Sie ist in gewisser Weise eine Brücke von 1987 ins Jahr 2017. Denn leider stelle ich immer wieder fest, dass die Anti­fa­schisten und Anti­fa­schis­tinnen von 2017 kaum etwas über die Anti­fa­gruppen von 2007 und 1997 wissen, geschweige denn von 1987.

Interview: Peter Nowak

Dietmar Wolf, geb. 1965, stellt am 12. 10. um 20 Uhr das Buch „30 Jahre unabhän­gige Antifa in Ost­deutschland“ vor. BAIZ, Schön­hauser Allee 26A

aus Taz vom 9.10.2017:
http://​www​.taz​.de/​A​r​c​h​i​v​-​S​u​c​h​e​/​!​5​4​5​1924/

»Der DDR-Antifaschismus war lediglich ein staatlich verordneter«

Dietmar Wolf war in der linken DDR-Oppo­sition aktiv und Mit­be­gründer der Unab­hän­gigen Antifa Ost­berlin. In diesem Herbst jährt sich zum 30. Mal die Gründung der Unab­hän­gigen Antifa in ver­schie­denen Städten der DDR. Daran erinnert ein Buch mit dem Titel »30 Jahre Antifa in Ost­deutschland«, das kürzlich im Verlag West­fä­li­sches Dampfboot erschienen ist (»Jungle World« 30/2017). Wolf ist bis heute Mit­her­aus­geber und Redakteur der Zeit­schrift »tele­graph«. Wegen seiner anti­fa­schis­ti­schen Tätigkeit will er kein Foto von sich ver­öf­fent­licht sehen. Am 30. Sep­tember wird er ab 19 Uhr im FAU-Lokal in der Grünthaler Straße 24 in Berlin über die Geschichte der Unab­hän­gigen Antifa in der DDR berichten.

Warum haben Sie und Ihre Mit­streiter die Unab­hängige Antifa gegründet?
Seit 1983 nahmen die offenen Akti­vi­täten von faschis­ti­schen Gruppen, zum größten Teil rechts­ge­richtete Skin­heads und Fuß­ballfans, sprunghaft zu. Es kam immer wieder zu Über­fällen auf Aus­länder, Punks, links­al­ter­nativ Gekleidete und Oppo­si­tio­nelle. In dieser Zeit bil­deten sich auch feste faschis­tische Gruppen, die sich zum Bei­spiel »Bewegung 30. Januar« – in Anlehnung an die Macht­er­greifung der Nazis am 30. Januar 1933 – oder »Bucher Front« nannten. Die hatten damals bereits Kon­takte zu West­ber­liner Faschisten, die in der Fol­gezeit inten­si­viert wurden. Der Überfall von Nazi-Skin­heads auf ein Punk­konzert in der Ost­ber­liner Zions­kirche im Oktober 1987 hatte in zwei­erlei Hin­sicht Signal­wirkung. Zum einen erhöhte sich die Zahl der offenen Über­griffe von Nazis und Skin­heads, zum anderen regte sich erstmals selbst­or­ga­ni­sierter Wider­stand. Daraus folgte die Gründung von unab­hän­gigen Anti­fa­gruppen in Potsdam und Dresden 1987, in Halle 1988 und in Berlin dann im April 1989.

Warum gründete sich die Unab­hängige Antifa in Ost­berlin erst so spät?
Nach dem Nazi-Überfall in der Zions­kirche gab es, ähnlich wie in Potsdam und Dresden, auch in Berlin einen Versuch von Punks im Umfeld der oppo­si­tio­nellen Umwelt­bi­bliothek und der Offenen Arbeit der Erlö­ser­kirche, eine Anti­fa­gruppe zu gründen. Das schlug jedoch fehl. Zu ver­schieden waren die Vor­stel­lungen, zu diffus die Ziele. Im April 1989 gab es dann einen zweiten Anlauf. Aus­löser war das Gerücht, dass sich zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers DDR-weit Neo­nazis am 20. April in Potsdam ver­sammeln wollten. Am 19. April fand in der »Kirche von Unten« (KvU) eine Podi­ums­ver­an­staltung zu Nazis in der DDR statt. Diese Ver­an­staltung war die Initi­al­zündung für die Gründung einer Anti­fa­gruppe etwa zwei Wochen später. Daran betei­ligten sich über 100 junge Men­schen, die mehr­heitlich nicht der Oppo­si­ti­ons­szene ange­hörten.

Sehen Sie in der langen Wei­gerung der DDR-Ver­ant­wort­lichen, die Existenz aktiver Neo­nazis in der DDR anzu­er­kennen, eher Hilf­lo­sigkeit oder Kalkül?
Es kann gar keinen Zweifel geben, dass die DDR im Wesen ein anti­fa­schis­ti­scher Staat war. Nir­gendwo wurde so rigoros und kon­se­quent ent­na­zi­fi­ziert wie in der Sowje­ti­schen Besat­zungszone (SBZ). Dabei darf sicher nicht ver­schwiegen werden, dass es ab 1948 vielen Nazis und Nazi­ver­bre­chern gestattet wurde, wieder ins poli­tische und gesell­schaft­liche Leben der DDR zurück­zu­kehren und dort auch hohe poli­tische, gesell­schaft­liche und mili­tä­rische Posi­tionen zu erlangen. Das ist einer der ganz großen Wider­sprüche des DDR-Anti­fa­schismus. Man darf aber nicht ver­schweigen, dass die Zahl der Nazi­ver­brecher und faschis­ti­schen Mas­sen­mörder, die in den west­lichen Besat­zungs­zonen und dann in der BRD erneut Ein­fluss erlangten und wirt­schaftlich, mili­tä­risch und poli­tisch Kar­riere machen durften, im selben Zeitraum deutlich höher war.

Warum konnte sich trotz der anti­fa­schis­ti­schen Pos­tulate in der DDR eine Nazi­szene eta­blieren?
Ein alles ent­schei­dender Punkt für mich ist, dass sich die DDR im Gegensatz zur BRD auf anti­fa­schis­tische Werte und Tra­di­tionen berief. Doch dieser DDR-Anti­fa­schismus war lediglich ein staatlich ver­ord­neter. Mit allen Mitteln und Mög­lich­keiten der staat­lichen Gewalt wurde gegen neo­fa­schis­tische Erschei­nungen und Ten­denzen vor­ge­gangen. Gleich­zeitig sollte dies unter allen Umständen im Geheimen geschehen und schon gar nicht the­ma­ti­siert werden. Nachdem die sowje­tische Mili­tär­ad­mi­nis­tration in Deutschland (SMAD) 1948 mit dem Befehl 35 die Ent­na­zi­fi­zierung in der sowje­ti­schen Besat­zungszone (SBZ) für beendet erklärt hatte, wurde die gesamte Bevöl­kerung der SBZ/DDR auto­ma­tisch zu Anti­fa­schisten erklärt. Eine offene gesell­schaft­liche Auf­ar­beitung der Macht­übergabe an Hitler und der Unter­stützung durch den Großteil der deut­schen Bevöl­kerung und eine Dis­kussion darüber, wie ein wirk­licher sozia­lis­tisch-anti­fa­schis­ti­scher Wie­der­aufbau nach der Befreiung Deutsch­lands statt­finden müsste, wären unum­gänglich gewesen. Doch diese fanden nie statt.

Was waren die Gründe?
Dem standen Stalin und die sta­li­nis­tisch beein­flussten Teile der KPD/SED im Weg. Es ging auch um den allei­nigen Herr­schafts­an­spruch der KPD/SED, der sich grund­legend auf den Mythos vom ersten anti­fa­schis­ti­schen Staat auf deut­schem Boden stützte, in dem unter Führung der KPD/SED der Faschismus mit der Wurzel aus­ge­rottet worden sei. So ist es nicht ver­wun­derlich, dass Ermitt­lungen gegen Alt- und Neo­nazis im Wesent­lichen in die Ver­ant­wortung des DDR-Geheim­diensts MfS fielen. Die DDR-Justiz ver­ur­teilte faschis­tische Täter stets nur wegen soge­nannten Row­dytums oder wegen Störung des sozia­lis­ti­schen Zusam­men­lebens.

Welches Ver­hältnis hatten die unab­hän­gigen Anti­fa­gruppen zur DDR-Oppo­sition?
Es gab gute Kon­takte zu linken Oppo­si­ti­ons­gruppen, die sich anar­chis­tisch defi­nierten, wie zum Bei­spiel die Umwelt­bi­bliothek und die KvU in Berlin. Das kam auch daher, dass einige Mit­glieder dieser anar­chis­ti­schen Gruppen in den Anti­fa­gruppen aktiv waren. Der große Teil der Oppo­si­ti­ons­gruppen, auch einige linke, mar­xis­tische, trotz­kis­tische, nahm die Anti­fa­gruppen und das Thema Ras­sismus und Nazis in der DDR aber nicht wirklich ernst.

Die Mau­er­öffnung ermög­lichte direkte Kon­takte mit West­ber­liner und west­deut­schen Anti­fa­gruppen. Wie ent­wi­ckelte sich das Ver­hältnis?
Das Ver­hältnis war nicht unpro­ble­ma­tisch. Nach anfänglich großem Interesse und großer Bereit­schaft zur Zusam­men­arbeit mussten viele Anti­fa­schisten aus der DDR fest­stellen, dass es ihnen unter Linken nicht anders ging als mit dem Rest der Gesell­schaft. Bevor­mundung, Her­ab­wür­digung und ideo­lo­gische Ein­glie­de­rungs­ver­suche aus dem Westen führten sehr schnell dazu, dass auch unter den anti­fa­schis­ti­schen Gruppen der Begriff des Ost-West-Kon­flikts Einzug hielt. Während west­deutsche Anti­fa­gruppen Anfang der Neun­ziger mit der AABO eine anti­fa­schis­tisch aus­ge­richtete Kader- und Samm­lungs­or­ga­ni­sation nach dem Muster der K-Gruppen der Sieb­ziger und dem his­to­ri­schen Vorbild des sta­li­nis­ti­schen Rot­front­kämp­fer­bunds auf­bauen wollten, schufen Anti­fa­gruppen aus der ehe­ma­ligen DDR das soge­nannte Ost­ver­net­zungs­treffen, zu dem Gruppen aus dem Westen keinen Zugang hatten.

Die Pogrome von Hoyers­werda bis Rostock haben zu einer bis heute nicht abge­schlos­senen Dis­kussion geführt, ob die dor­tigen Neo­nazis Produkt der DDR oder der Wende waren. Was denken Sie darüber?
Zu sagen, die Nazis in der DDR seien nicht Produkt der DDR gewesen, wäre natürlich Blödsinn. Gleich­zeitig ist es auch großer Blödsinn, wenn Men­schen behaupten, schuld sei der Zwangs­kol­lek­ti­vismus der DDR gewesen, weil dort alle Kinder im Kin­der­garten gleich­zeitig auf den Topf gesetzt wurden. Man darf den sozialen Zusam­men­bruch durch die Zer­störung der DDR-Wirt­schaft und die mas­sen­hafte Exis­tenz­ver­nichtung durch den kapi­ta­lis­ti­schen Raubzug nach dem 3. Oktober 1990 nicht gänzlich igno­rieren. Es mag sein, dass die Bereit­schaft, ras­sis­ti­sches und anti­se­mi­ti­sches Gedan­kengut auf die Straße zu tragen und Gewalt aus­zuüben, im Osten größer ist. Fakt ist aber auch, dass es neben den ras­sis­ti­schen Pogromen von Hoyers­werda und Rostock das ras­sis­tische Pogrom in Mannheim-Schönau im Mai 1992 und die ras­sis­ti­schen Mord­an­schläge in Mölln und Solingen gab. Im Übrigen wurde die AfD 2016 in Mannheim-Schönau bei den dor­tigen Land­tags­wahlen mit 30 Prozent stärkste Partei.

Sie sind noch heute in der anti­fa­schis­ti­schen Bil­dungs­arbeit tätig. Sehen Sie ange­sichts des Auf­stiegs der AfD noch eine besondere Rolle der Unab­hän­gigen Antifa der DDR oder ist das für Sie nur noch eine his­to­rische Frage?
Es ist auch der Beharr­lichkeit anti­fa­schis­ti­scher Politik und Öffent­lich­keits­arbeit zu ver­danken, dass selbst bür­ger­liche Medien heute die AfD als faschis­tisch ein­ordnen. Ich sehe meine Bil­dungs­arbeit als einen kleinen Beitrag zum Erhalt und zum Transfer von anti­fa­schis­ti­scher Geschichte und Wissen. Sie ist in gewisser Weise eine Brücke von 1987 ins Jahr 2017. Denn leider stelle ich immer wieder fest, dass die Anti­fa­schisten von 2017 kaum etwas über die Anti­fa­schisten von 2007 und 1997 wissen, geschweige denn über die von 1987.

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​3​9​/​d​e​r​-​d​d​r​-​a​n​t​i​f​a​s​c​h​i​s​m​u​s​-​w​a​r​-​l​e​d​i​g​l​i​c​h​-​e​i​n​-​s​t​a​a​t​l​i​c​h​-​v​e​r​o​r​d​neter
Interview: Peter Nowak

In ständiger Alarmbereitschaft

Ein neuer Band beschreibt den teils zer­mür­benden Alltag in der ost­deut­schen Auto­nomen Antifa. Einige Gruppen gab es schon in der DDR

»Warnung, Neo­nazis auch in der DDR«, lautete der Text auf einem Flug­blatt, das in den Mor­gen­stunden des 5. November 1987 in ganz Potsdam ver­klebt wurde. An der Rück­seite des Pots­damer Film­mu­seums erinnert noch heute ein schwarzer Rahmen an die Akti­vi­täten der Auto­nomen Anti­fa­be­wegung in der DDR.

Fast 30 Jahre später…

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Von Brüsewitz bis Lanzmann

Die neue Ausgabe des »Telegraph« überzeugt mit Tiefgang und Witz

Kurz vor Jah­resende ist die neue Ausgabe der Zeit­schrift »tele­graph« erschienen, gegründet als Sprachrohr der linken DDR-Oppo­sition, die 1989 nicht auf die Straße gegangen ist, um in der BRD anzu­kommen. Auch in der aktu­ellen Dop­pel­nummer werden den Lesern auf 184 Seiten viele Argu­mente gegen die herr­schenden Ver­hält­nisse geboten. Statt einer Ein­leitung wird ein Aus­schnitt aus dem Kom­mu­nis­ti­schen Manifest abge­druckt, in dem beschrieben wird, wie die zur Macht gelangte Bour­geoisie sämt­liche feu­dalen, patri­ar­chalen Ver­hält­nisse zer­stört. Thomas Konicz ist mit einem Vor­ab­druck seines in den nächsten Monaten erschei­nenden Buches »Kapi­tal­kollaps« ver­treten. Dort klas­si­fi­ziert er den Isla­mismus und die natio­na­lis­ti­schen Bewe­gungen in vielen euro­päi­schen Ländern als »zwei glei­cher­maßen irre Ideo­logien, die auf den unver­stan­denen Kri­sen­prozess mit ver­stärkter Iden­ti­täts­pro­duktion, mit einer erz­re­ak­tio­nären Sehn­sucht nach der herbei hal­lu­zi­nierten heilen Ver­gan­genheit und dem eli­mi­na­to­ri­schem Hass auf alles Anders­artige reagieren«.

Obwohl die »telegraph«-Herausgeber mitt­ler­weile auf den Zusatz »ost­deutsche Zeit­schrift« ver­zichten, behandeln viele Bei­träge Themen aus Ost­deutschland und Ost­europa. So gibt es ein Interview mit Akti­visten der Inter­ven­tio­nis­ti­schen Linken (IL), die ihre Kindheit und Jugend in der späten DDR ver­brachten. Der Mit­gründer der Ost­ber­liner Antifa, Dietmar Wolf, geht auf die Räumung der besetzten Mainzer Straße vor 25 Jahren ein und beschreibt die Kon­flikte in der linken DDR-Oppo­sition, die sich am Umgang mit mili­tantem Wider­stand ent­zün­deten. Der auch als nd-Autor bekannte Karsten Krampitz widmet sich Pfarrer Oskar Brü­sewitz aus Zeitz, dessen Selbst­ver­brennung sich am 18. August 2016 zum 40. Mal jährt. Dabei legt Krampitz bisher wenig bekannte Quellen offen, die Brü­sewitz als christ­lichen Fun­da­men­ta­listen und Anti­se­miten zeigen, der die NS-Juden­ver­nichtung als Gottes Wille begrüßte. Krampitz zeigt, wie ein anonymer ND-Kom­mentar, in dem Brü­sewitz als Pfarrer bezeichnet wurde, »der nicht alle fünf Sinne bei­sammen hatte« nicht nur wütende Leser­briefe, sondern auch Redak­ti­ons­be­suche und eine Anzeige empörter Christen in der DDR zur Folge hatte.

Weitere Artikel widmen sich dem Balkan und Trans­nis­trien. Unter den zahl­reichen Kul­tur­bei­trägen ver­dient die Wür­digung des jüdi­schen Regis­seurs Claude Lanzmann zu seinem 90. Geburtstag durch die Fil­me­ma­cherin Angelika Nguyen besondere Erwähnung. Die Taxi­ge­schichten von Yok und die Fuß­ball­ge­schichte von Florian Ludwig sind Bei­spiele für gut geschriebene Unter­haltung mit Witz und Tiefgang.

tele­graph 131/132, 184 Seiten, 9 Euro, beziehbar über

http://​tele​graph​.cc/​t​e​l​e​g​r​a​p​h​-​1​3​1​1​3​2​-​e​r​s​c​h​i​enen/

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​9​7​8​1​7​.​v​o​n​-​b​r​u​e​s​e​w​i​t​z​-​b​i​s​-​l​a​n​z​m​a​n​n​.html

Von Peter Nowak

»Die Macht lag kurz auf der Straße«

Gepräche mit ehemaligen Besetzerinnen und Besetzern

Gigi

Gigi hat schon in den achtziger Jahren in Friedrichshain gewohnt. Im November 1989 gründete sie einen Mieterladen in der Bänschstraße, in dem sie heute noch ehrenamtlich arbeitet und Mieter berät.

Warum habt ihr den Mie­ter­laden gegründet?

Wir haben nach dem Mau­erfall einen leer­ge­räumten Wohn­be­zirks­aus­schuss (WBA) besetzt und uns war damals schon klar, dass Pri­va­ti­sie­rungen der kom­mu­nalen Woh­nungen anstehen und die Mieter Beratung brauchen.

Wie hast du die Beset­zungen in der Nach­bar­schaft erlebt?

Ich habe damals schräg gegenüber der Mainzer Straße gewohnt und bin gleich in Kontakt mit ­einigen Besetzern gekommen. Ich fand es toll, dass die Häuser besetzt wurden, die bereits in den acht­ziger Jahren gesprengt werden sollten. Zudem freute ich mich, dass neue Leute in den Stadtteil kamen und Leben rein­brachten.

Warst du eine Aus­nahme oder gab es viel Unter­stützung bei den Nachbarn?

Ich war nicht die einzige, aber ich hatte den kür­zesten Weg zu den Besetzern. Zudem war ich in der DDR in der Punk­be­wegung und so fielen mir die Kon­takte leichter. Als dann die Mainzer Straße geräumt wurde, waren auch viele andere Nachbarn auf der Straße. Selbst Rentner setzten sich dem Trä­nengas aus. Sie waren sicher nicht mit allem ein­ver­standen, was die Besetzer machten, aber sie waren soli­da­risch gegen die Räumung.

Wie hast du die Räumung der Mainzer Straße erlebt?

Das war wie im Krieg. Es ist ein Glück, dass es nur Ver­letzte, aber keine Toten gab. Ich habe selber Wache in der Box­ha­gener Straße gestanden und das erste Mal einen Was­ser­werfer unmit­telbar vor mir gesehen. Das hat mir Angst gemacht. Ich habe auch mit­be­kommen, dass noch einige Poli­tiker und DDR-Oppo­si­tio­nelle wie Bärbel Bohley in letzer Minute die Räumung ver­hindern wollten. Da hat die Polizei schon die ersten Häuser geräumt. Es stellte sich später heraus, dass ein Teil der Räu­mungen nach der »Ber­liner Linie«, auf die sich die Politik berief, rechts­widrig waren. Das hatte aber keine Kon­se­quenzen.

Hast du noch Kontakt zu einigen dama­ligen Besetzern?

Ja, mit denen, die ich damals ken­nen­ge­lernt hatte, habe ich noch immer gute Bezie­hungen. Einige sind mitt­ler­weile Haus­be­sitzer über die von ihnen gegrün­deten Genos­sen­schaften. Es gibt auch immer wieder ehe­malige Haus­be­setzer, die zur Beratung in den Mie­ter­laden kommen. Sie haben damals noch ent­weder privat oder über den Rah­men­vertrag der Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft Fried­richshain (WBF) Ver­träge bekommen. Ein Teil der Besetzer der Mainzer Straße ist nach der Räumung in andere Städte gezogen. Da ist der Kontakt abge­brochen.

Andreas K.

Andreas K. war im Sommer 1990 Student. Heute lebt er in Friedrichshain in einer Mietwohnung, arbeitet als Taxifahrer und ist weiterhin in gewerkschaftlichen und außerparlamentarischen Gruppen aktiv.

Wie bist du im Sommer 1990 in die Besetzer­bewegung gekommen?

Ich bin in West­berlin auf­ge­wachsen. Ein Genosse, den ich vom gemein­samen Studium an der FU kannte, hat mich ange­sprochen, ob ich Lust habe, mit ihm und anderen zusammen ein Haus in Ost­berlin zu besetzen. Nach einigem Zögern habe ich zugesagt. Über ver­schiedene Treffen bildete sich eine feste Gruppe heraus. Etwa ein Drittel hatte Ost-, zwei Drittel hatten West­hin­ter­grund. Wir kamen aus ver­schie­denen Teilen der radi­kalen Linken. Unsere erste, nach wenigen Stunden geräumte Besetzung fand aber erst im Herbst statt. Im Sommer 1990 war ich eher Zaungast. Im Dezember gelang uns eine mehr­tägige Besetzung in Fried­richshain. Nach der Räumung kamen wir gemeinsam in einem bereits besetzten Haus in der Nie­der­bar­nim­straße unter, wo ich bis 1994 lebte.

An welche poli­ti­schen Aktionen im Sommer 1990 erin­nerst du dich noch?

Für mich standen im Sommer keine großen Ein­zel­ak­tionen im Vor­der­grund, sondern dass ich erst von Ferne mit­bekam, dass Leute in Ost­berlin die unge­wisse Zeit des Sys­tem­wechsels nutzten, um leer­ste­hende Häuser der dro­henden kapi­ta­lis­ti­schen Ver­marktung zu ent­ziehen und selbst­be­stimmte Struk­turen zu bilden. Links­ra­dikale Gruppen aus West­berlin, wo ich mit­wirkte, bekamen Anfragen für Ver­an­stal­tungen. So ent­standen die ersten Kon­takte.

Welche Bedeutung hatte für dich die Räumung der Mainzer Straße?

Bei der Räumung der Mainzer Straße war ich als Unter­stützer auf der Straße aktiv und wurde wie viele andere fest­ge­nommen. Sie war eine mili­tante Zuspitzung, die danach in Riot-Videos gefeiert wurde, aber zugleich ein Ein­schnitt, der ein Ende der Patt­si­tuation in der Zeit des Sys­temum­bruchs bedeutete und die Beset­ze­rinnen und Besetzer in die stra­te­gische Defensive führte. Viele Men­schen wurden durch die Poli­zei­gewalt trau­ma­ti­siert, auch bei mir blieb die Erfahrung dieser Kon­fron­tation nicht ohne Aus­wir­kungen.

Welche Bedeutung hatte der Streit zwi­schen Ver­handlern und Nicht­ver­handlern?

Vor der Räumung hat der Beset­zerrat, in dem nahezu alle Häuser ver­treten waren, Ein­zel­ver­hand­lungen abge­lehnt und eine poli­tische ver­trag­liche Gesamt­lösung für alle Häuser gefordert. Nach der Räumung begannen mehr und mehr Häuser, Ver­hand­lungen auf der Bezirks­ebene um Ein­zel­miet­ver­träge zu führen. Die »Ber­liner Linie«, die eine schnelle Räumung von Neu­be­set­zungen beinhaltete, wurde aus dem Westteil Berlins über­nommen. Poli­tische Lösungen lehnte der Senat ab. Wer nicht über das Stöckchen der Ein­zel­ver­hand­lungen sprang, sondern die Rückgabe der geräumten Häuser for­derte, wurde zum Nicht­ver­handler wider Willen, so auch die Gruppe, deren Teil ich war.

Siehst du län­ger­fristige poli­tische Kon­se­quenzen aus dem Sommer 1990?

Der Sommer 1990 war nur auf­grund der beson­deren his­to­ri­schen Situation möglich, in der die Exe­kutive des DDR-Staates zusam­men­brach. Die Besetzer haben sich Struk­turen geschaffen, die ein deut­liches Gegen­ge­wicht zu reak­tio­nären und faschis­ti­schen Ten­denzen setzten. Viele Linke aus dem Westen fanden das anziehend, haben sich aber zum Teil unre­flek­tiert in eine andere Gesell­schaft begeben. Die stark sub­kul­tu­relle Ori­en­tierung vieler Häuser erschwerte leider den Kontakt zu grund­sätzlich auf­ge­schlos­senen Teilen der Nach­bar­schaft. Viele Haus­pro­jekte, die sich auf die Ein­zel­ver­hand­lungen ein­ließen, bestehen noch bis heute. Ob sie noch poli­tisch sind, hängt vom Enga­gement der Men­schen ab, die dort wohnen. Sie sind jetzt oft durch Gen­tri­fi­zierung nach mehr­ma­ligem Eigen­tü­mer­wechsel bedroht.

Hartmut S.

Hartmut S. hat 1990 die Köpenicker Straße 137 (Köpi) mitbesetzt und dort einige Jahre gewohnt. Heute lebt er im Oderbruch und arbeitet als Briefträger.

Wie bist du im Sommer 1990 Haus­be­setzer geworden?

Vor der Wende haben wir ziemlich beengt in West­berlin gewohnt. Es gab nach dem Mau­erfall Kon­takte zu dem in Ost­berlin tagenden Beset­zerrat. Dort gab es ein starkes Interesse an Wohn- und Zusam­men­le­bens­pro­jekten. Während in West­berlin relative Woh­nungs­knappheit herrschte, standen in Ost­berlin unzählige Woh­nungen und auch ganze Häuser leer. So ent­standen mit Leuten aus Ost­berlin kon­krete Pläne für eine Haus­be­setzung. Die Zusam­men­arbeit mit Ost­ber­linern war uns von Anfang an sehr wichtig, da wir auf der einen Seite poli­tisch aktive Leute aus der DDR-Oppo­si­ti­ons­be­wegung ken­nen­lernen wollten, auf der anderen Seite wollten wir dem Ein­druck ent­ge­gen­wirken, Leute aus dem Westen kommen in den Osten und reißen sich dort alles unter den Nagel. In dem von uns besetzten Haus haben wir zumindest in den ersten Monaten großen Wert darauf gelegt, dass eine zah­len­mäßige Aus­ge­gli­chenheit zwi­schen Ostlern und Westlern bestand.

Welche Bedeutung hatte damals die poli­tische Arbeit in der Köpi? Oder war es haupt­sächlich eine große Party?

In der Köpi wohnten irgendwann 40 Men­schen, da gab es natürlich Leute, die gerne Partys oder Kon­zerte orga­ni­sierten. Aber es gab auch immer Leute, die in ver­schie­denen poli­ti­schen Bereichen aktiv waren. Gerade in der Anfangszeit im Frühjahr 1990 war die Situation ange​spannt​.Es gab immer wieder Angriffe von rechten Jugend­lichen auf die besetzten Häuser in der benach­barten Adal­bert­straße und nachts musste man schon auf­passen, wer einem da in der Gegend ent­ge­genkam.

Die Köpi nannte sich Inter­na­tio­nales Haus. Welcher Stel­lenwert spielte die Arbeit mit Geflüch­teten und Migranten damals?

Die Bezeichnung ent­stand als Kon­tra­punkt zum deutsch­na­tio­nalen Wie­der­ver­ei­ni­gungs­taumel. Wir hatten viele Besucher und auch einige Bewohner aus dem meist euro­päi­schen Ausland. Den Begriff »Arbeit mit Migranten« würde ich nicht ver­wenden. Wir stellten Räume zur Ver­fügung zum Bei­spiel für eine tür­kische Antifa-Jugend­gruppe, einige ihrer Mit­glieder wohnten dort auch eine Zeitlang. Ein paar Wochen lebte bei uns ein Ägypter, der in Pirna zusam­men­ge­schlagen worden und aus dem Flücht­lingsheim dort nach Berlin geflohen war. Er ging jeden Tag arbeiten, um seiner Familie in Ägypten Geld zu schicken.

Siehst du län­ger­fristige poli­tische Kon­se­quenzen aus dem Sommer 1990?

In einigen Stadt­teilen wie Fried­richshain, Mitte und Prenz­lauer Berg ent­standen durch die besetzten Häuser poli­tische und kul­tu­relle Anlauf­punkte.

Dietmar Wolf

Dietmar Wolf war linker DDR-Oppositioneller und Mitbegründer der Antifa Ostberlin. Er ist seit der Gründung im Oktober 1989 Redakteur und Herausgeber der Zeitschrift Telegraph. Er wohnt in Berlin.

Wie hast du als linker DDR-Oppo­si­tio­neller den Sommer 1990 erlebt?

Heute wird ja immer vom »Kurzen Sommer der Anarchie« geredet. Ich finde den Begriff Quatsch. Hier war nichts mit Anarchie. Die Macht lag im Oktober/​November 1989 viel­leicht kurz auf der Straße. Doch das Volk wollte sie nicht. Dann hat die SED sie schnell wieder auf­ge­hoben und, wohl­ge­ordnet und mit Zustimmung der DDR-Bevöl­kerung, an die BRD-CDU und das BRD-Kapital über­geben. Die Gruppen der DDR-Oppo­sition haben sich, statt sofort und kon­se­quent die Kon­trolle über die DDR zu über­nehmen und natürlich auch die SED-Regierung samt gleich­ge­schal­tetem Par­lament zum Teufel zu jagen, derweil an Runden Tischen ohne jeg­lichen Ein­fluss und ohne wirk­liche Befug­nisse abge­ar­beitet und sich sogar von der Regierung Modrow mit »Minis­ter­posten ohne Geschäfts­be­reich« bestechen lassen. Viele in der linken DDR-Oppo­sition hatten auf eine neue Gesell­schaft mit einem wirklich freien und echten Sozia­lismus gehofft. Dass die Men­schen aber so derart grund­sätzlich auf diese dummen und offen­sicht­lichen Wahl­kampflügen her­ein­fielen und schon zur Volks­kam­merwahl im März 1990 mit so einer über­wäl­ti­genden Mehrheit auf deutsche Einheit, D-Mark und Kapi­ta­lismus setzten, hat viele von uns doch sehr erschüttert.

Welche Rolle spielte der Kampf gegen die Neo­nazis in der dama­ligen Zeit?

Das war schon sehr dominant. Es gab ja andauernd Zwi­schen­fälle, was die besetzten Häuser betraf. Zuerst haupt­sächlich im Prenz­lauer Berg, weil der BFC Dynamo im Jahn-Stadion gespielt hat. Der Anhang von Nazi-Hoo­ligans hat da regel­mäßig vor oder nach den Spielen bei den nahe­ge­le­genen besetzten Häusern vorbei gesehen. Im Prenz­lauer Berg bildete sich damals leider auch eine stärkere Nazi­szene um die Nazi­partei FAP. Mit denen hatten wir dann noch bis Mitte der neun­ziger Jahre richtig viel Stress. Dann gab es auch im Bezirk Fried­richshain Über­griffe auf besetzte Häuser. Das war schon eine ständige Bedrohung. Und in der Lich­ten­berger Weit­ling­s­traße gab es ja auch ein besetztes Haus der Nazis. Das war ein bun­des­weites Anlaufziel und Treff­punkt vieler Nazi­kader und -führer.

Gab es Wider­stand dagegen?

Die Antifa war nicht nur defensiv, sondern ging auch ganz bewusst in die Kieze der Nazis. Flug­blätter ver­teilen, foto­gra­fieren, auf­klären, anti­fa­schis­tische Ansagen machen. Wir haben dann, ganz in der Nähe des Nazi­hauses, ein anti­fa­schis­ti­sches Stra­ßenfest und eine große Demons­tration ver­an­staltet. Diese beiden Aktionen wurden von einem sehr breiten poli­ti­schen Bündnis orga­ni­siert. Da haben alle mög­lichen Gruppen und Orga­ni­sa­tionen aus Berlin mit­ge­macht. Ich finde es noch heute sehr ärgerlich, dass die Besetzer der Mainzer Straße im Nach­hinein behauptet haben, bei­spiels­weise auch in ihrem Film »Sag niemals nie«, sie allein hätten diese Demons­tration orga­ni­siert und die Antifa-Arbeit dort in Lich­tenberg geleistet. Das ist natürlich abso­luter Blödsinn und ein Eti­ket­ten­schwindel, den sie so gar nicht nötig hatten.

Wie war der Umgang zwi­schen Ost- und West­be­setzern zu dieser Zeit?

Nach der Mau­er­öffnung gab es schnell viele Kon­takte zu West­ber­liner Auto­nomen. Und die Westler waren anfangs auch sehr inter­es­siert an uns und an unseren Ideen und »Geschichten aus der DDR«. Doch letztlich lief das immer gleich ab. Egal in welchen poli­ti­schen Zusam­menhang man sich begab, es hieß irgendwann: Na ja, ihr könnt bei uns mit­machen, wenn ihr wollt, aber aus­schließlich nach unseren Regeln und Prin­zipien. Eure DDR-Anek­doten sind ja ganz schön, aber Ver­gan­genheit. Was hier jetzt kommt, hat mit euren Erfah­rungen nichts zu tun. Wir wissen, wie man als Linke im Kapi­ta­lismus handelt und kämpft, und ihr nicht. Also ordnet euch schön brav unter, dann ist alles gut. Und es gibt manche, die haben so etwas gemacht, und eine Menge andere eben nicht. Wir haben dann in Prenz­lauer Berg lieber erst einmal eine eigene Antifa auf­gebaut, die viele Jahre sehr gute und erfolg­reiche Arbeit geleistet hat. Viele Gruppen im Osten haben dann auch ihre eigenen Struk­turen und Ver­net­zungen ent­wi­ckelt. Bis Mitte neun­ziger Jahre gab es da teil­weise eine richtige poli­tische Eiszeit zwi­schen großen Teilen der auto­nomen und radi­kalen Linken in der Ex-DDR und der BRD.

Welche Bedeutung hatte die Räumung der Mainzer Straße für dich?

Aber auch wenn ich Pro­bleme mit der poli­ti­schen Dominanz der Mainzer Straße hatte, war es wichtig und keine Frage, die Mainzer zu ver­tei­digen. Denn das war ja nicht nur ein Angriff des Staates auf die Leute in der Mainzer, sondern auf die Struktur, auf unser Modell von Leben und Gesell­schaft. Die haben uns und allen gezeigt, wo der Hammer hängt, und ihren Herr­schafts- und Macht­an­spruch klar und deutlich unter­strichen. Gna­denlos. Skru­pellos. Dieser Staat tut alles, um seine Macht zu sichern. Wenn es ­darauf ankommt, wird nicht gezögert und auch auf die eigene Bevöl­kerung geschossen. Übrigens im Gegensatz zu den Herr­schenden in der DDR. Die haben sich das 1989 nicht getraut.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​5​/​3​5​/​5​2​5​6​0​.html

Interview: Peter Nowak

»Wir wollen unabhängig bleiben«

MAGAZIN In den späten Achtzigern war der »telegraph« eine wichtige Stimme der linken DDR-Opposition. Und noch immer findet die im Selbstverlag herausgegebene Zeitschrift ihre Leser. Ein Gespräch mit den Machern

taz: Herr Wolf, Herr Schreier, beim 25. Jah­restag zur Mau­er­öffnung kam die linke Oppo­sition für eine eigen­ständige DDR nicht vor. Fühlen Sie sich manchmal auf ver­lo­renem Posten?

Andreas Schreier: Viele der Haupt­for­de­rungen von 1989 sind unein­gelöst geblieben. Wir haben sie auch nach dem Dieb­stahl unserer Revo­lution durch die Medien und Par­teien der BRD nicht ver­gessen. Damals wollten wir ein Ende der Über­wa­chung und bekamen neue und viel per­fektere Formen der Über­wa­chung. Wir waren gegen Mili­ta­ri­sierung, heute wird eine neue deutsche Ver­ant­wortung in der Welt gepredigt und an der Grenze zu Russland kräftig gezündelt. Das Recht auf Rei­se­freiheit endet heute vor Lam­pedusa und Demo­kratie, wenn über­haupt, vor den Toren der Banken und Kon­zerne.

Vor einigen Monaten hieß es, der tele­graph sei in der lite­ra­risch-poli­ti­schen Zeit­schrift Abwärts auf­ge­gangen. Wieso pro­du­zierten Sie nun doch wieder eine eigene Ausgabe?

Andreas Schreier: Die tele­graph-Redaktion beteiligt sich an der Zeit­schrift Abwärts, die im März dieses Jahres das erste Mal erschienen ist. Doch eine Ein­stellung des tele­graphs war nie beab­sichtigt. Einige miss­ver­ständ­liche For­mu­lie­rungen im Abwärts haben einen fal­schen Ein­druck hin­ter­lassen. Seit dem Erscheinen der aktu­ellen Nummer gab es viele freudige Reak­tionen von Lese­rInnen, die froh sind, dass es uns noch gibt.

Dietmar Wolf: Wir wurden von der Lite­ra­ten­szene in Prenz­lauer Berg um Bert Papenfuß ange­fragt, ob wir uns an der Her­ausgabe des Abwärts betei­ligen wollen. Schließlich kennen und schätzen wir uns seit sehr vielen Jahren.

Ist also die viel dis­ku­tierte Krise der linken Medien an Ihnen vor­bei­ge­gangen?

Andreas Schreier: Nein, wir hatten zwi­schen­zeitlich tat­sächlich überlegt, den tele­graph ins Internet zu ver­legen. Wir haben viel Druck von unseren Lese­rInnen bekommen, die wei­terhin eine gedruckte Ausgabe in den Händen halten wollten. Das moti­vierte uns natürlich bei der Her­stellung der aktu­ellen Ausgabe. Wir werden aller­dings unser Angebot im Internet aus­weiten und dort auch Artikel zur nicht­kom­mer­zi­ellen Nutzung ver­fügbar machen.

Im Impressum des tele­graphs findet sich kein Ver­lags­hinweis. Gibt es keine Verlage, die die Zeit­schrift drucken wollen?

Dietmar Wolf: Es wäre kein Problem, einen Verlag zu finden. Doch wir wollen unsere Unab­hän­gigkeit behalten. Die Umwelt­blätter, aus denen der tele­graph her­vor­ge­gangen ist, wurden als Samisdat her­ge­stellt, also im Selbst­verlag. Diesen Anspruch halten wir auch heute auf­recht. Der tele­graph ist Hand­arbeit von der Planung bis zum Ver­trieb. Dazu kommt, dass niemand in der Redaktion daran ver­dient. Wir kümmern uns um den tele­graph neben unserer Lohn­arbeit.

Andreas Schreier: Natürlich bedeutet das auch, dass sich die Redaktion um die nicht ganz ein­fache Frage des Ver­triebs und um die Frage der Finan­zierung kümmern muss.

Der Unter­titel des tele­graphs lautete lange Zeit »ost­deutsche Zeit­schrift«. Wollten Sie sich damit gegen die West­ber­liner Linke abgrenzen?

Dietmar Wolf: Der Unter­titel hat 1998 beim tele­graph Einzug gehalten. Damals pro­du­zierten wir eine Ausgabe mit dem pro­vo­kanten Titel »Kolonie Ost­deutschland«. Wir beschäf­tigten uns darin mit unserer ost­deut­schen Sozia­li­sation und den Folgen der Über­nahme unserer Betriebe, unserer Häuser und unserer Kul­tur­ein­rich­tungen durch West­in­ves­to­rInnen.

Andreas Schreier: Die damalige Abgrenzung gegen Bayern- oder Schwaben-Yuppies war aus unserem Blick­winkel nicht frem­den­feindlich, sondern eher eine Form des Klas­sen­kampfs. Mit den West­ber­liner Linken hatte das nur in sofern etwas zu tun, als sie in einigen Fällen uns gegenüber ähnlich raum­greifend und ignorant auf­traten wie diese west­deut­schen Geld­säcke.

Warum haben Sie diesen Unter­titel wieder fallen gelassen?

Dietmar Wolf: Der Unter­titel ist weg, doch der tele­graph bleibt eine ost­deutsche Zeit­schrift. Wir sind spä­testens mit der Einheit unwi­der­ruflich zu Ost­deut­schen gemacht worden, das lässt sich nicht ändern.

Andreas Schreier: In Zeiten, in denen eine Bun­des­kanz­lerin und ein Bun­des­prä­sident aus dem Osten kommen, lässt sich über diesen Begriff schwer etwas Gesell­schafts­kri­ti­sches trans­por­tieren. Mitt­ler­weile kennen wir auch viele west­deutsche Linke, mit denen uns mehr ver­bindet als mit, sagen wir mal, dem neu­reichen Vil­len­be­sitzer in Dresden.

Es ist auch auf­fällig, dass im aktu­ellen Heft nicht in das Loblied auf die frei­heit­liche Maidan-Bewegung ein­ge­stimmt wird.

Dietmar Wolf: Wir werfen großen Teilen der Linken und auch der anti­fa­schis­ti­schen Bewegung vor, dass sie bis auf wenige Aus­nahmen die Augen vor den faschis­ti­schen Ten­denzen in der heu­tigen Ukraine ver­schließt. Wenn wir die benennen, recht­fer­tigen wir nicht Putins Politik. Wir fordern eine eigen­ständige Posi­tio­nierung der unab­hän­gigen Linken ein.

Enga­giert sich die tele­graph-Redaktion neben der Her­ausgabe der Zeit­schrift poli­tisch?

Andreas Schreiner: Wir orga­ni­sieren seit fast 15 Jahren regel­mäßig am 8. Mai im Haus der Demo­kratie ein Fest zur Befreiung vom Natio­nal­so­zia­lismus. Dafür erhielten wir in den letzten Jahren viel Zustimmung, aber auch Kritik.

Wie kann man etwas dagegen haben, das Ende des Natio­nal­so­zia­lismus zu feiern?

Dietmar Wolf: Das haben wir uns auch gefragt. Doch es gab einige NGOs und Ein­zel­per­sonen, die mit einem Fest an diesem beson­deren Tag nichts anfangen konnten. Nach langen Dis­kus­sionen hoffen wir nun, mit den Fest­vor­be­rei­tungen zum 70. Jubiläum am 8. Mai 2015 beginnen zu können. Wir wollen an dem Tag mit den Opfern des NS die Befreiung feiern.

Wird bis dahin eine neue tele­graph-Ausgabe erscheinen?

Dietmar Wolf: Lassen wir uns über­ra­schen. Es kann sein, dass wir in einem Monat das nächste Heft her­aus­geben oder auch erst in einem Jahr. Wenn wir der Meinung sind, wir haben genug Stoff für ein gutes Heft, wird es erscheinen.

Der aktuelle telegraph ist in ausgesuchten Buchhandlungen und über www​.tele​graph​.cc erhältlich

Andreas Schreier

50, ist Diplom-Inge­nieur und tele­graph-Redakteur. 1989 war er Mit­ar­beiter in der Arbeits­gruppe Sicherheit am Zen­tralen Runden Tisch der DDR.

Dietmar Wolf

50, ist Web-Pro­gram­mierer. Er hat im April 1989 die Ost­ber­liner Autonome Antifa mit­be­gründet und ist seit 25 Jahren tele­graph-Redakteur.

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2014%2F12%2F04%2Fa0199&cHash=a6c9237dbf291509383fdd159e5e6118

INTERVIEW PETER NOWAK