Antifa Ost … … Erinnerungen an eine angefeindete Bewegung

Eine Gruppe von Punks und alter­na­tiven Jugend­lichen sitzt um einen Tisch an einer Schreib­ma­schine und ist mit der Her­stellung eines Flug­blatts beschäftigt. In einer anderen Szene treffen sich die Jugend­lichen zu einer Dis­kussion, doch ein Teil ver­lässt diese schon nach kurzer Zeit, weil zu viel geredet und zu wenig gehandelt wird.

Die Szenen stammen aus einen Film, der vor 30 Jahren in Potsdam ent­stand. Mit­glieder der Unab­hän­gigen Antifa wollten damit über ihre Arbeit infor­mieren und mehr Mit­streiter gewinnen. Am Freitag des ersten Dezem­ber­wo­chen­endes wurde mit diesem Kurzfilm im Pots­damer Rechen­zentrum die Tagung «30 Jahre Antifa in Ost­deutschland» ein­ge­leitet. Einige der Jugend­lichen aus dem Film gehörten zu den Mit­or­ga­ni­sa­toren.

Die Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Christin Jänicke beschäftigt sich mit der Unab­hän­gigen Antifa in der DDR, weil die in den Büchern über die autonome Anti­fa­be­wegung oft nicht erwähnt wird. «Die Geschichte wurde fast aus­schließlich aus West­per­spektive geschrieben», so Jänicke gegenüber der SoZ. Sie hat vor einigen Monaten gemeinsam mit Ben­jamin Paul-Siewert im Verlag West­fä­li­sches Dampfboot das Buch 30 Jahre Antifa in Ost­deutschland. Per­spek­tiven auf eine eigen­ständige Bewegung her­aus­ge­geben. Seitdem wurde auf zahl­reichen Ver­an­stal­tungen an das 30.Jubiläum der Unab­hän­gigen Antifa in der DDR erinnert und auch die Pots­damer Tagung hätte es ohne das Buch nicht gegeben.

Auf der Auf­takt­ver­an­staltung dis­ku­tierten Refe­renten über die Hin­ter­gründe des anti­fa­schis­ti­schen Enga­ge­ments in einem Staat, der den Anti­fa­schismus zur Staats­doktrin erklärt hatte. Der Theologe und Poli­tik­wis­sen­schaftler David Ber­gerich stellte in seinem Beitrag die allzu simple Vor­stellung von der «bösen» Regierung und der guten Bevöl­kerung in Frage. Er erin­nerte daran, dass die KZ-Über­le­benden in der Regierung einer großen Masse von NS-Mit­läufern in der Bevöl­kerung gegen­über­standen. Das Ver­wenden von NS-Sym­bolen, besonders bei Fuß­ball­spielen, war eine klare Pro­vo­kation gegen die DDR-Regierung und ihre füh­rende Partei. Doch die direkten Opfer waren Jüdinnen und Juden und die wenigen Nicht­deut­schen in der DDR.

Die Film­wis­sen­schaft­lerin Angelika Nguyen berichtete, wie sie in der Schulzeit dem ras­sis­ti­schen All­tags­terror ihrer Mit­schüler aus­ge­setzt war. Während in sal­bungs­vollen Reden die inter­na­tionale Soli­da­rität mit Vietnam beschworen wurde, wurde sie wegen ihrer Her­kunft aus diesem Land beleidigt und gede­mütigt.

Die His­to­ri­kerin und Publi­zistin Annette Leo, die in der End­phase der DDR über die Unab­hängige Antifa berichtet hat, setzte sich sehr dif­fe­ren­ziert mit der Rolle des Anti­se­mi­tismus in der DDR aus­ein­ander. Sie erin­nerte an die Kam­pagne gegen Jüdinnen und Juden Anfang der 50er Jahre, die mit Stalins Tod beendet wurde. Auch die anti­is­rae­lische Politik der DDR und aller War­schauer-Ver­trags­staaten sei nicht frei von anti­se­mi­ti­schen Ele­menten gewesen. Der Mit­be­gründer der Ost­ber­liner Antifa, Dietmar Wolf, ging auf die kurze Geschichte dieser unab­hän­gigen Bewegung in ver­schie­denen Städten der DDR ein. Nach der Wende zer­streuten sich viele Gruppen, doch ihre Mit­glieder blieben aktiv gegen die Neo­na­zi­be­wegung, die seit Herbst 1989 anwuchs.

In der anschlie­ßenden Dis­kussion mel­deten sich auch DDR-Bürger zu Wort, die sich kri­tisch zur auto­ri­tären SED-Politik äußerten, aber für eine dif­fe­ren­zierte Sicht­weise warben, wenn es um den Umgang mit Opfern der Shoah in der DDR geht. So berichtete ein Mann, dass er als Stu­die­render in den 80er Jahre mit seinen Kom­mi­li­tonen jüdische Friedhöfe in Berlin betreut und gepflegt habe. Das sei eine offi­zielle, auch von der DDR-Politik geför­derte Aktion gewesen. Auch habe es in der DDR Bücher und Filme gegeben, die den Mas­senmord an den euro­päi­schen Jüdinnen und Juden the­ma­ti­sierten. Nur der Begriff Holo­caust wurde dafür nicht ver­wendet.

Ins­gesamt hätte man den Ver­an­staltern mehr Mut für eine auch kon­tro­verse Debatte gewünscht. Der Mode­rator hat manche Fragen als State­ments qua­li­fi­ziert, die dann nicht weiter dis­ku­tiert wurden. Auch einige Refe­renten wie David Begerich schienen wenig Interesse an einer Dis­kussion ihrer Thesen gehabt zu haben und igno­rierten Nach­fragen aus dem Publikum.

Am Samstag wurden in einer Arbeits­gruppe auch die Kon­flikte mit der West-Antifa ange­sprochen, die dazu führten, dass sich nicht nur die ost­deutsche Antifa separat orga­ni­sierte. Andrej Holm erklärte, dass die radikale Linke in der Ost­deutschland sich in unter­schied­lichen Bereichen vor der west­deut­schen Dominanz und deren «kolo­nialem Ver­halten» schützen wollte. Zur Her­aus­bildung einer eigen­stän­digen ost­deut­schen Linken sei es aller­dings nicht gekommen. Als posi­tives Gegen­bei­spiel nannte Isa­bella Wohmann die Umland-Antifa, wo Ber­liner Gruppen Initia­tiven ohne Metro­po­lenar­roganz unter­stützten.

Die Tagung soll im nächsten Jahr fort­ge­setzt werden. Dann soll die aktuelle Ver­netzung von Initia­tiven im Mit­tel­punkt stehen. Auf https://​afa​-ost​.de/​l​i​t​e​ratur
finden sich zahl­reiche Doku­mente über den Kampf gegen Rechte in der DDR und die Anfänge der Antifa-Ost.

aus: SoZ, Sozia­lis­tische Zeitung Januar 2018

Antifa Ost …

Peter Nowak

Ostdeutsche Antifa blickt zurück

Auf einer Tagung dis­ku­tierten Akti­visten über linke Politik in der DDR- und Wen­dezeit

Eine Gruppe Punks und alter­na­tiver Jugend­licher sitzt um eine Schreib­ma­schine und ist mit der Her­stellung eines Flug­blatts beschäftigt. Die Szene stammt aus einen Kurzfilm, der vor 30 Jahren in Potsdam ent­standen ist. Mit­glieder der damals in der Stadt gegrün­deten »unab­hän­gigen Antifa« wollten damit die Bevöl­kerung über ihre Arbeit infor­mieren.

Am ver­gan­genen Freitag wurde mit diesem Kurzfilm im Pots­damer Rechen­zentrum die Tagung »30 Jahre Antifa in Ost­deutschland« ein­ge­leitet. Einige der Jugend­lichen aus dem Film gehörten zu den Mit­or­ga­ni­sa­toren. Für manche war es ein Wie­der­sehen nach vielen Jahren. Auch zahl­reiche junge Men­schen waren aber darüber hinaus zu der Tagung gekommen, die mit über 200 Teil­nehmern gut besucht war. »Ich bin anti­fa­schis­tisch aktiv und ich will mich infor­mieren, wie in der DDR, in der Wen­dezeit und in den 1990er Jahren der Kampf gegen Neo­nazis orga­ni­siert wurde«, sagte ein Besucher, der seinen Namen nicht nennen will, zum »nd«.

Die Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin Christin Jänicke wollte sich dagegen mit der unab­hän­gigen Antifa in der DDR beschäf­tigen, weil diese in Büchern über die autonome Anti­fa­be­wegung oft nicht erwähnt werde. »Die Geschichte der Antifa wurde fast aus­schließlich aus West­per­spektive geschrieben«, sagte Jänicke. Sie hat vor einigen Monaten gemeinsam mit Ben­jamin Paul-Siewert im Dampf­boot­verlag das Buch »30 Jahre Antifa in Ost­deutschland, Per­spek­tiven auf eine eigen­ständige Bewegung« her­aus­ge­geben. Seitdem erin­nerten die Autoren auf zahl­reichen Ver­an­stal­tungen an das 30-jährige Jubiläum der unab­hän­gigen Antifa in der DDR. Auch die Tagung am Wochenende hätte es ohne das Buch nicht gegeben. 

Auf der Auf­takt­ver­an­staltung dis­ku­tierten die Teil­nehmer über die Hin­ter­gründe des selbst­or­ga­ni­sierten anti­fa­schis­ti­schen Enga­ge­ments in einem Staat, der den Anti­fa­schismus selbst zur Staats­doktrin erklärt hatte. Der Theologe und Poli­tik­wis­sen­schaftler David Ber­gerich stellte in seinen Beitrag die allzu simple Vor­stellung von der »bösen« Regierung und der »guten« Bevöl­kerung in Frage. Er erin­nerte daran, dass die Über­le­benden der Kon­zen­tra­ti­ons­lager in der Regierung einer großen Masse von NS-Mit­läufen in der Bevöl­kerung gegen­über­standen. 

Das Ver­wenden von NS-Sym­bolen besonders bei Fuß­ball­spielen wäre so eine klare Pro­vo­kation gegen die DDR und ihre füh­rende Partei gewesen. Doch die direkten Opfer waren Juden und die wenigen Nicht­deut­schen in der DDR.

Die Film­wis­sen­schaft­lerin Angelika Nguyen berichtete weiter, wie sie in der Schulzeit dem ras­sis­ti­schen All­tags­terror ihrer Mit­schüler aus­ge­setzt war. Während in sal­bungs­vollen Reden die inter­na­tionale Soli­da­rität mit Vietnam beschworen wurde, habe man sie wegen ihrer Her­kunft aus diesem Land gede­mütigt. 

Die His­to­ri­kerin und Publi­zistin Annette Leo, die in der DDR über die unab­hängige Antifa berichtet hatte, setzte sich weiter dif­fe­ren­ziert mit der Rolle des Anti­se­mi­tismus in der DDR aus­ein­ander. Sie erin­nerte an die Kam­pagne gegen Juden Anfang der 1950er, die mit Stalins Tod beendet wurde. Auch die anti­is­rae­lische Politik der DDR und aller War­schauer-Ver­trags­staaten sei nicht frei von anti­se­mi­ti­schen Ele­menten gewesen. 

Der Mit­be­gründer der Ost­ber­liner Antifa Dietmar Wolf ging derweil auf die kurze Geschichte der unab­hän­gigen Bewegung in den Städten der DDR ein. Nach der Wende zer­streuten sich laut ihm wieder viele Antifa-Gruppen, doch ihre Mit­glieder blieben oft aktiv gegen die seit 1989 anwach­sende Neo­na­zi­be­wegung.

Am Samstag wurden in einer Arbeits­gruppe auch die Kon­flikte zwi­schen west­deut­schen und ost­deut­schen Anti­fa­schisten, die zu einer sepa­raten Orga­ni­sierung führten, ange­sprochen. Der Stadt­so­ziologe Andrej Holm erklärte, dass sich die radikale Linke in den ver­schie­denen Bereichen vor der west­deut­schen Dominanz und deren »kolo­nialen Ver­halten« schützen wollte. Zur Her­aus­bildung einer eigen­stän­digen ost­deut­schen Linken sei es aller­dings nicht gekommen. 

Als posi­tives Gegen­bei­spiel benannte Isa­bella Wohmann die »«Umland-Antifa, wo Ber­liner Gruppen Initia­tiven ohne »Metro­po­lenar­roganz« unter­stützten. Die Tagung soll im nächsten Jahr mit wei­teren Treffen fort­ge­setzt werden.

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Peter Nowak