Von Brüsewitz bis Lanzmann

Die neue Ausgabe des »Telegraph« überzeugt mit Tiefgang und Witz

Kurz vor Jah­resende ist die neue Ausgabe der Zeit­schrift »tele­graph« erschienen, gegründet als Sprachrohr der linken DDR-Oppo­sition, die 1989 nicht auf die Straße gegangen ist, um in der BRD anzu­kommen. Auch in der aktu­ellen Dop­pel­nummer werden den Lesern auf 184 Seiten viele Argu­mente gegen die herr­schenden Ver­hält­nisse geboten. Statt einer Ein­leitung wird ein Aus­schnitt aus dem Kom­mu­nis­ti­schen Manifest abge­druckt, in dem beschrieben wird, wie die zur Macht gelangte Bour­geoisie sämt­liche feu­dalen, patri­ar­chalen Ver­hält­nisse zer­stört. Thomas Konicz ist mit einem Vor­ab­druck seines in den nächsten Monaten erschei­nenden Buches »Kapi­tal­kollaps« ver­treten. Dort klas­si­fi­ziert er den Isla­mismus und die natio­na­lis­ti­schen Bewe­gungen in vielen euro­päi­schen Ländern als »zwei glei­cher­maßen irre Ideo­logien, die auf den unver­stan­denen Kri­sen­prozess mit ver­stärkter Iden­ti­täts­pro­duktion, mit einer erz­re­ak­tio­nären Sehn­sucht nach der herbei hal­lu­zi­nierten heilen Ver­gan­genheit und dem eli­mi­na­to­ri­schem Hass auf alles Anders­artige reagieren«.

Obwohl die »telegraph«-Herausgeber mitt­ler­weile auf den Zusatz »ost­deutsche Zeit­schrift« ver­zichten, behandeln viele Bei­träge Themen aus Ost­deutschland und Ost­europa. So gibt es ein Interview mit Akti­visten der Inter­ven­tio­nis­ti­schen Linken (IL), die ihre Kindheit und Jugend in der späten DDR ver­brachten. Der Mit­gründer der Ost­ber­liner Antifa, Dietmar Wolf, geht auf die Räumung der besetzten Mainzer Straße vor 25 Jahren ein und beschreibt die Kon­flikte in der linken DDR-Oppo­sition, die sich am Umgang mit mili­tantem Wider­stand ent­zün­deten. Der auch als nd-Autor bekannte Karsten Krampitz widmet sich Pfarrer Oskar Brü­sewitz aus Zeitz, dessen Selbst­ver­brennung sich am 18. August 2016 zum 40. Mal jährt. Dabei legt Krampitz bisher wenig bekannte Quellen offen, die Brü­sewitz als christ­lichen Fun­da­men­ta­listen und Anti­se­miten zeigen, der die NS-Juden­ver­nichtung als Gottes Wille begrüßte. Krampitz zeigt, wie ein anonymer ND-Kom­mentar, in dem Brü­sewitz als Pfarrer bezeichnet wurde, »der nicht alle fünf Sinne bei­sammen hatte« nicht nur wütende Leser­briefe, sondern auch Redak­ti­ons­be­suche und eine Anzeige empörter Christen in der DDR zur Folge hatte.

Weitere Artikel widmen sich dem Balkan und Trans­nis­trien. Unter den zahl­reichen Kul­tur­bei­trägen ver­dient die Wür­digung des jüdi­schen Regis­seurs Claude Lanzmann zu seinem 90. Geburtstag durch die Fil­me­ma­cherin Angelika Nguyen besondere Erwähnung. Die Taxi­ge­schichten von Yok und die Fuß­ball­ge­schichte von Florian Ludwig sind Bei­spiele für gut geschriebene Unter­haltung mit Witz und Tiefgang.

tele­graph 131/132, 184 Seiten, 9 Euro, beziehbar über

http://​tele​graph​.cc/​t​e​l​e​g​r​a​p​h​-​1​3​1​1​3​2​-​e​r​s​c​h​i​enen/

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​9​7​8​1​7​.​v​o​n​-​b​r​u​e​s​e​w​i​t​z​-​b​i​s​-​l​a​n​z​m​a​n​n​.html

Von Peter Nowak