»Wir wollen unabhängig bleiben«

MAGAZIN In den späten Achtzigern war der »telegraph« eine wichtige Stimme der linken DDR-Opposition. Und noch immer findet die im Selbstverlag herausgegebene Zeitschrift ihre Leser. Ein Gespräch mit den Machern

taz: Herr Wolf, Herr Schreier, beim 25. Jah­restag zur Mau­er­öffnung kam die linke Oppo­sition für eine eigen­ständige DDR nicht vor. Fühlen Sie sich manchmal auf ver­lo­renem Posten?

Andreas Schreier: Viele der Haupt­for­de­rungen von 1989 sind unein­gelöst geblieben. Wir haben sie auch nach dem Dieb­stahl unserer Revo­lution durch die Medien und Par­teien der BRD nicht ver­gessen. Damals wollten wir ein Ende der Über­wa­chung und bekamen neue und viel per­fektere Formen der Über­wa­chung. Wir waren gegen Mili­ta­ri­sierung, heute wird eine neue deutsche Ver­ant­wortung in der Welt gepredigt und an der Grenze zu Russland kräftig gezündelt. Das Recht auf Rei­se­freiheit endet heute vor Lam­pedusa und Demo­kratie, wenn über­haupt, vor den Toren der Banken und Kon­zerne.

Vor einigen Monaten hieß es, der tele­graph sei in der lite­ra­risch-poli­ti­schen Zeit­schrift Abwärts auf­ge­gangen. Wieso pro­du­zierten Sie nun doch wieder eine eigene Ausgabe?

Andreas Schreier: Die tele­graph-Redaktion beteiligt sich an der Zeit­schrift Abwärts, die im März dieses Jahres das erste Mal erschienen ist. Doch eine Ein­stellung des tele­graphs war nie beab­sichtigt. Einige miss­ver­ständ­liche For­mu­lie­rungen im Abwärts haben einen fal­schen Ein­druck hin­ter­lassen. Seit dem Erscheinen der aktu­ellen Nummer gab es viele freudige Reak­tionen von Lese­rInnen, die froh sind, dass es uns noch gibt.

Dietmar Wolf: Wir wurden von der Lite­ra­ten­szene in Prenz­lauer Berg um Bert Papenfuß ange­fragt, ob wir uns an der Her­ausgabe des Abwärts betei­ligen wollen. Schließlich kennen und schätzen wir uns seit sehr vielen Jahren.

Ist also die viel dis­ku­tierte Krise der linken Medien an Ihnen vor­bei­ge­gangen?

Andreas Schreier: Nein, wir hatten zwi­schen­zeitlich tat­sächlich überlegt, den tele­graph ins Internet zu ver­legen. Wir haben viel Druck von unseren Lese­rInnen bekommen, die wei­terhin eine gedruckte Ausgabe in den Händen halten wollten. Das moti­vierte uns natürlich bei der Her­stellung der aktu­ellen Ausgabe. Wir werden aller­dings unser Angebot im Internet aus­weiten und dort auch Artikel zur nicht­kom­mer­zi­ellen Nutzung ver­fügbar machen.

Im Impressum des tele­graphs findet sich kein Ver­lags­hinweis. Gibt es keine Verlage, die die Zeit­schrift drucken wollen?

Dietmar Wolf: Es wäre kein Problem, einen Verlag zu finden. Doch wir wollen unsere Unab­hän­gigkeit behalten. Die Umwelt­blätter, aus denen der tele­graph her­vor­ge­gangen ist, wurden als Samisdat her­ge­stellt, also im Selbst­verlag. Diesen Anspruch halten wir auch heute auf­recht. Der tele­graph ist Hand­arbeit von der Planung bis zum Ver­trieb. Dazu kommt, dass niemand in der Redaktion daran ver­dient. Wir kümmern uns um den tele­graph neben unserer Lohn­arbeit.

Andreas Schreier: Natürlich bedeutet das auch, dass sich die Redaktion um die nicht ganz ein­fache Frage des Ver­triebs und um die Frage der Finan­zierung kümmern muss.

Der Unter­titel des tele­graphs lautete lange Zeit »ost­deutsche Zeit­schrift«. Wollten Sie sich damit gegen die West­ber­liner Linke abgrenzen?

Dietmar Wolf: Der Unter­titel hat 1998 beim tele­graph Einzug gehalten. Damals pro­du­zierten wir eine Ausgabe mit dem pro­vo­kanten Titel »Kolonie Ost­deutschland«. Wir beschäf­tigten uns darin mit unserer ost­deut­schen Sozia­li­sation und den Folgen der Über­nahme unserer Betriebe, unserer Häuser und unserer Kul­tur­ein­rich­tungen durch West­in­ves­to­rInnen.

Andreas Schreier: Die damalige Abgrenzung gegen Bayern- oder Schwaben-Yuppies war aus unserem Blick­winkel nicht frem­den­feindlich, sondern eher eine Form des Klas­sen­kampfs. Mit den West­ber­liner Linken hatte das nur in sofern etwas zu tun, als sie in einigen Fällen uns gegenüber ähnlich raum­greifend und ignorant auf­traten wie diese west­deut­schen Geld­säcke.

Warum haben Sie diesen Unter­titel wieder fallen gelassen?

Dietmar Wolf: Der Unter­titel ist weg, doch der tele­graph bleibt eine ost­deutsche Zeit­schrift. Wir sind spä­testens mit der Einheit unwi­der­ruflich zu Ost­deut­schen gemacht worden, das lässt sich nicht ändern.

Andreas Schreier: In Zeiten, in denen eine Bun­des­kanz­lerin und ein Bun­des­prä­sident aus dem Osten kommen, lässt sich über diesen Begriff schwer etwas Gesell­schafts­kri­ti­sches trans­por­tieren. Mitt­ler­weile kennen wir auch viele west­deutsche Linke, mit denen uns mehr ver­bindet als mit, sagen wir mal, dem neu­reichen Vil­len­be­sitzer in Dresden.

Es ist auch auf­fällig, dass im aktu­ellen Heft nicht in das Loblied auf die frei­heit­liche Maidan-Bewegung ein­ge­stimmt wird.

Dietmar Wolf: Wir werfen großen Teilen der Linken und auch der anti­fa­schis­ti­schen Bewegung vor, dass sie bis auf wenige Aus­nahmen die Augen vor den faschis­ti­schen Ten­denzen in der heu­tigen Ukraine ver­schließt. Wenn wir die benennen, recht­fer­tigen wir nicht Putins Politik. Wir fordern eine eigen­ständige Posi­tio­nierung der unab­hän­gigen Linken ein.

Enga­giert sich die tele­graph-Redaktion neben der Her­ausgabe der Zeit­schrift poli­tisch?

Andreas Schreiner: Wir orga­ni­sieren seit fast 15 Jahren regel­mäßig am 8. Mai im Haus der Demo­kratie ein Fest zur Befreiung vom Natio­nal­so­zia­lismus. Dafür erhielten wir in den letzten Jahren viel Zustimmung, aber auch Kritik.

Wie kann man etwas dagegen haben, das Ende des Natio­nal­so­zia­lismus zu feiern?

Dietmar Wolf: Das haben wir uns auch gefragt. Doch es gab einige NGOs und Ein­zel­per­sonen, die mit einem Fest an diesem beson­deren Tag nichts anfangen konnten. Nach langen Dis­kus­sionen hoffen wir nun, mit den Fest­vor­be­rei­tungen zum 70. Jubiläum am 8. Mai 2015 beginnen zu können. Wir wollen an dem Tag mit den Opfern des NS die Befreiung feiern.

Wird bis dahin eine neue tele­graph-Ausgabe erscheinen?

Dietmar Wolf: Lassen wir uns über­ra­schen. Es kann sein, dass wir in einem Monat das nächste Heft her­aus­geben oder auch erst in einem Jahr. Wenn wir der Meinung sind, wir haben genug Stoff für ein gutes Heft, wird es erscheinen.

Der aktuelle telegraph ist in ausgesuchten Buchhandlungen und über www​.tele​graph​.cc erhältlich

Andreas Schreier

50, ist Diplom-Inge­nieur und tele­graph-Redakteur. 1989 war er Mit­ar­beiter in der Arbeits­gruppe Sicherheit am Zen­tralen Runden Tisch der DDR.

Dietmar Wolf

50, ist Web-Pro­gram­mierer. Er hat im April 1989 die Ost­ber­liner Autonome Antifa mit­be­gründet und ist seit 25 Jahren tele­graph-Redakteur.

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2014%2F12%2F04%2Fa0199&cHash=a6c9237dbf291509383fdd159e5e6118

INTERVIEW PETER NOWAK

Zwischen allen Stühlen

Linke DDR-Oppo­si­tio­nelle orga­ni­sieren Debatten auch heute noch nach einem alten Prinzip
DDR-kri­tisch, links, libertär und mar­xis­tisch, weder Partei noch autonom – frühere DDR-Dis­si­denten bilden ein Netzwerk, das sich kaum einem poli­ti­schen Spektrum zuordnen lässt. Das ist so gewollt.

Was tun mit Kom­mu­nismus? Dieser etwas sperrige Titel war das Motto einer Ver­an­stal­tungs­reihe, die poli­tische Spektren zusam­men­brachte, die sonst selten gemeinsam dis­ku­tieren. Der autonome Aktivist Hauke Benner debat­tierte mit der säch­si­schen Links­par­tei­ab­ge­ord­neten Monika Runge und das Mit­glied der His­to­ri­schen Kom­mission der Links­partei, Helmut Bock, saß mit dem liber­tären Publi­zisten Ralf Land­messer in einer Dis­kus­si­ons­runde. Zum Abschluss trafen Lucie Redler von der trotz­kis­ti­schen SAV, Christian Frings und die auto­nomen Aktivsten und Theo­re­tiker Detlef Hartmann und Michael Wilk auf­ein­ander.

Orga­ni­siert wurden die Ver­an­stal­tungen in Berlin von einem Kreis, der sich als »zweifach quo­tiert« beschreibt: Ost und West, Mar­xisten und Libertäre. Einen wesent­lichen Anteil am Zustan­de­kommen dürften die linken DDR-Oppo­si­tio­nellen in der Vor­be­rei­tungs­gruppe gehabt haben. Als festen Zusam­men­schluss mit Vereins- und Inter­net­adresse gibt es sie nicht mehr. Doch nach wie vor exis­tiert ein Freundes- und Bekann­ten­kreis, der bei der Orga­ni­sierung von Debatten nach dem Prinzip »Zwi­schen allen Stühlen« ver­fährt. Ihnen geht es nicht um Orga­ni­sa­ti­ons­iden­ti­täten, weder um die von Par­teien noch von auto­nomen Gruppen.

Dieser Ansatz hat Geschichte. Bereits 1990 grün­deten Linke aus Ost und West eine Gruppe mit dem zun­gen­bre­che­ri­schen Namen Zasilo, das Kürzel für »zwi­schen allen Stühlen«. Sie hatten zum Teil schon vor dem Mau­erfall Kon­takte geknüpft, als auf beiden Seiten der Stadt gegen die IWF-Tagung 1988 in West­berlin pro­tes­tiert wurde. »Die Selbst­ver­stän­digung unter­ein­ander ist bescheiden und unbe­scheiden zugleich. Bescheiden, weil die Teil­nehmer keine besondere Orga­ni­sation anstreben, die Zuge­hö­rigkeit nicht durch for­melle Mit­glied­schaften ent­scheiden wollen; unbe­scheiden, weil sie die momen­tanen Orga­ni­sa­ti­ons­grenzen nicht aner­kennen und quer zu den Par­tei­läden mit Men­schen aus unter­schied­lichen Zusam­men­hängen zusam­men­ar­beiten wollen«, diese Grund­satz­er­klärung der Zasilo-Gruppe 1990 behält auch zwei Jahr­zehnte später bei den Neu­for­mie­rungs­ver­suchen einer linken Oppo­sition ihre Gül­tigkeit.

Das damalige Scheitern von linken Koope­ra­ti­ons­an­sätzen wird von vielen als ver­passte Chance gesehen. Schließlich setzten sich noch bis zum Sommer 1990 viele Fabrik­be­leg­schaften in der DDR für eine Arbei­ter­selbst­ver­waltung ein, wie sie auch die VL for­derte. Der einzige VL-Abge­ordnete im Bun­destag, Thomas Klein, schrieb damals unmit­telbar nach den Wahlen vom 18. März 1990: »Die Abwahl der DDR haben wir nicht ver­hindern können … Die sozialen Kämpfe sind bereits in Sicht … Geben wir uns nochmals die Chance zusam­men­zu­gehen und nicht wieder einzeln geschlagen zu werden.« Klein bezog damals die »Kräfte der Erneuerung in der PDS« in sein Bünd­nis­an­gebot aus­drücklich mit ein.

Die Zusam­men­setzung der Ver­an­stal­tungs­reihe, bei der auch Klein refe­rierte, erscheint wie eine Fort­führung dieses Ansatzes. In der Vor­be­rei­tungs­gruppe war mit Bernd Gehrke ein Mit­be­gründer der Ver­ei­nigten Linken (VL) in der DDR beteiligt. Gehrke arbeitet als Teamer für Gewerk­schaften und bezeichnet sich als Öko­so­zialist. Dass sich derzeit in vielen Teilen der Welt Men­schen auf die Suche nach einem Ausweg aus dem Kapi­ta­lismus machen, sehen Gehrke und seine Mit­streiter mit großer Sym­pathie. »Die Ver­an­stal­tungen sollten auch ver­hindern, dass diese jungen Akti­visten in die Sack­gasse auto­ri­tärer staats­so­zia­lis­ti­scher Modelle tappen«, meint Anne Seeck, libertäre Dis­si­dentin in der DDR und heute Erwerbs­lo­sen­ak­ti­vistin. Sie wollten ihre Erfah­rungen aus mehr als zwei Jahr­zehnten Wider­stand wei­ter­geben. Schließlich setzten sie sich nach dem Ende der DDR nicht zur Ruhe. Sie waren an der von Ost­berlin aus­ge­henden Mie­ter­be­wegung »Wir bleiben alle« ebenso beteiligt wie an den Demons­tra­tionen der »Wider­spens­tigen«. So nannten sich linke Akti­visten und Gewerk­schafter aus Ost und West, die mehrere Jahre am 1. Mai eine Demons­tration orga­ni­sierten. Sie fanden sich in den braven DGB-Demons­tra­tionen ebenso wenig wieder wie in den sub­kul­turell geprägten Auf­zügen der Auto­nomen. Zwi­schen allen Stühlen war auch hier ihre Ver­ortung. Hat Zasilo 2011 noch eine Chance? Die Frage bleibt offen. Die Ver­an­stal­tungs­reihe zeigte aber, dass dieser Ansatz auf Interesse stößt.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​1​0​6​9​1​.​z​w​i​s​c​h​e​n​-​a​l​l​e​n​-​s​t​u​e​h​l​e​n​.html

Peter Nowak