Journalisten als Unternehmer

Linke Medienakademie diskutierte über neue journalistische Bezahlmodelle

ch dachte mir, wow, es funk­tio­niert wirklich. Die Leute zahlen für Jour­na­lismus. « So beschrieb Sebastian Esser Ende März auf einer Ver­an­staltung der Linken Medi­en­aka­demie (Lima) in Berlin seine Erfah­rungen als Mit­be­gründer des Pro­jekts Kraut­re­porter. Das ist ein digi­tales Magazin für Wirt­schaft, Politik und Gesell­schaft, das aus­schließlich von den Lesern finan­ziert wird. Essers damit gemachte Erfah­rungen dürften von großem Interesse in einer Zeit sein, da die Frage heftig dis­ku­tiert wird, wie man die Leser moti­viert, für Artikel
im Internet zu bezahlen. Doch Esser warnte auch vor einer Roman­ti­sierung des Crowd­funding, wie das Ein­treiben von Geldern via Internet auch heißt. Der Kraut­re­porter stellte dabei klar, dass es sich damit nicht um Spenden handelt. »Die Unter­stützer erwarten Gegen­leistung, und das sind Zei­tungs­ar­tikel.« Daran schließen sich weitere Fragen an. »Was pas­siert, wenn den Lesern die inhalt­liche Tendenz des Artikels nicht passt? Sorgt nicht allein die Angst, dass finan­zielle Unter­stützung weg­fallen könnte, dafür, dass Jour­na­listen
dann vor allem das schreiben, was den zah­lenden Lesern ver­meintlich gefällt? Wie unab­hängig und wie kri­tisch kann ein solcher Jour­na­lismus sein? Diese Fragen bleiben auch nach der Ver­an­staltung offen. Zudem betonte Esser, dass Crowd­funding in abseh­barer Zeit nicht solche Honorare ermög­lichen wird, mit denen Jour­na­lis­tinnen und Jour­na­listen aus­kommen können. »Bekommen Medi­en­ver­treter bei Recher­che­reisen Spesen für Hotels gezahlt?« lautete eine Frage aus dem Publikum. »Sie müssen wohl eher Couch­surfing bei Freunden machen«, lautete Essers ernüch­ternde Antwort. »Beim Crowd­funding sind Jour­na­listen gleich­zeitig Unter­nehmer«, beschrieb Stefan Nig­ge­meier die nicht unpro­ble­ma­tische Dop­pel­rolle. Er ist Mit­be­gründer des digi­talen Magazins Über­medien, das sich der Medi­en­kritik
widmet und eben­falls aus­schließlich von Lesern finan­ziert wird. Die Ver­an­staltung war im besten Sinne auf­klä­re­risch, weil die neuen Bezahl­mo­delle im Medi­en­be­reich nicht unkri­tisch abge­feiert werden. Sowohl die Gefahren für die sozialen Stan­dards als auch die für kri­ti­sches Bericht­erstatten wurden deutlich.

https://​medien​-kunst​-industrie​-bb​.verdi​.de/​a​k​t​u​e​l​l​e​s​/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​+​+​c​o​+​+​6​2​2​9​6​4​f​6​-​2​6​6​a​-​1​1​e​6​-​9​d​5​0​-​5​2​5​4​0​0​e​d87ba

aus: s p r a c h roh r 2 | 16

Peter Nowak

Der Eventjournalismus und seine bedrohten Spielplätze

Beim aktu­ellen Böh­mermann-Hype sollte auch ein Jour­na­lismus kri­ti­siert werden, dem es in erster Linie um Krawall und weniger um Inhalte geht

Vor 40 Jahren fühlten sich manche kri­ti­schen Men­schen besonders mutig und ver­folgt, wenn sie aus der SPD aus­ge­schlossen werden sollten. Das war in den 1960er und 1970er Jahren nicht schwer.

Ein Aus­schluss­ver­fahren bekam man schon, wenn man sich an den Oster­mär­schen oder anderen poli­ti­schen Akti­vi­täten betei­ligte, die dem SPD-Vor­stand nicht behagten. Auch die Unter­zeichnung des Aufrufs des Komitees für Frieden, Abrüstung und Zusam­men­arbeit konnte einen SPD-Aus­schluss nach sich ziehen. Denn dort waren ja auch Kom­mu­nisten ver­treten und mit denen durfte das gemeine SPD-Mit­glied auf keinen Fall koope­rieren, zumindest wenn sie poli­tisch so mar­ginal waren, wie in West­deutschland.

Die vielen Mel­dungen mehr oder weniger bekannter linker Publi­zisten, Gewerk­schafter und Akti­visten zogen bald Spott nach sich. Die wollen wohl ein SPD-Aus­schluss­ver­fahren ehren­halber, wurde manch einem nach­gesagt, die sich besonders bemühten, beim SPD-Vor­stand für Auf­merk­samkeit zu sorgen. Wenn heute jemand einen SPD-Aus­schluss ver­melden wollte, würden viele mit einem Gähnen reagieren. Andere würden den Betref­fenden beglück­wün­schen und ihn fragen, was ihn über­haupt in die Partei getrieben hat. In einer Zeit, wo ein Par­teibuch, ein sozi­al­de­mo­kra­ti­sches zumal, eher auf Miss­trauen stößt, muss man sich heute schon mehr ein­fallen lassen, um Gegen­stand einer Soli­da­ri­täts­kam­pagne zu wehren.

»Ich habe keine ihrer Sen­dungen gesehen, aber ich finde Sie gut«

Jan Böh­mermann ist da schon auf den rich­tigen Weg. Als typi­scher Ver­treter des post­mo­dernen Event­jour­na­lismus weiß er sich in Szene zu setzen. Da muss ein mit ras­sis­ti­schen Ste­reo­typen durch­setztes Gedicht her­halten und schon bekommt er Soli­da­ri­täts­briefe von Men­schen, die seine Arbeit bisher als Gos­sen­jour­na­lismus bezeichnet hätten und selber vor Gericht klagen würden, wenn sie Gegen­stand einer solchen Form von Schmähung würden.

Der Auf­sichts­rats­vor­sit­zende der Springer AG Mat­thias Döpfner ist dafür ein gutes Bei­spiel. Die Welt ver­öf­fent­lichte seinen Offenen Brief[1], der so beginnt:

Lieber Herr Böh­mermann, wir kennen uns nicht, und ich habe leider auch bisher Ihre Sen­dungen nicht sehen können. Dennoch wende ich mich in einem offenen Brief an Sie, denn es ist auf­schluss­reich, welche Reak­tionen Ihre Satire aus­gelöst hat. Ein Kris­tal­li­sa­tions- und Wen­de­punkt.

Deutlich könnte man nicht zum Aus­druck bringen, um was es bei dem ganzen Hype um diesen Event­jour­na­lismus geht. Man will poli­tisch auf der rich­tigen Seite sein, wenn man sich jetzt mit Böh­mermann soli­da­ri­siert, obwohl man mit ihm und seiner Arbeit bisher nichts zu tun haben wollte und sie auch poli­tisch abge­lehnt hat.

Die Raa­bi­sierung des Jour­na­lismus

Die Gründe für diese Distanz sind viel­fältig. Sicher spielen auch poli­tische Gründe eine Rolle. Aber es gibt auch gute Gründe, unab­hängig vom Inhalt, Jour­na­lismus à la Böh­mermann kri­tisch zu sehen. Er mag, wie bei der Satire um den Stin­ke­finger des grie­chi­schen Ministers Varo­fakis, manchmal auch kri­tische Inhalte damit ver­binden.

Doch letztlich geht es um einen Event, der mit mehr oder weniger Krawall ver­bunden ist. Die Inhalte sind aus­tauschbar, mal lacht der Linke, mal die Rechte und immer steht die Person im Mit­tel­punkt. Schon Stefan Raab stand an der Schnitt­stelle zwi­schen Event­mar­keting und Jour­na­lismus und Böh­mermann und andere sind da nur die Fort­setzung.

Aller­dings will die Selbst­ver­marktung auch gekonnt sein und da ist Böh­mermann ein Meister. Des­wegen war es auch nur noch peinlich, dass selbst ein Didi Hal­ler­vorden vom Böh­mermann-Hype pro­fi­tieren und eben­falls Erdogan belei­digen wollte (Hal­ler­vorden: »Erdogan, zeig mich an!«[2]). Am Ende war er selber der Bla­mierte. Diese Art von Jour­na­lismus lebt von Event und Krawall.

Die Kehr­seite ist jener Wohl­fühl­jour­na­lismus, der im Zeit­alter vom Label Cor­porate Publi­shing um sich greift. Jour­na­lismus soll gute Nach­richten ver­breiten und den Wohl­fühl­faktor der Lesenden erhöhen. In manchen Artikeln wird gleich in jeden zweiten Satz das Wort toll ein­ge­ar­beitet, wenn es auch nur um den Bericht über einen Kon­gress geht. Die Aus­breitung solcher Jour­na­lis­mus­formen, die die Leser nicht mehr mit den Zuständen auf der Welt über­fordern wollen, ist die Krise der Medi­en­wirt­schaft.

Da die alten Bezahl­mo­delle nicht mehr funk­tio­nieren, werden neue Formen erprobt. Vom Stif­tungs- und Spen­den­jour­na­lismus über Mit­glieder-bzw. Leser­fi­nan­zierung bis hin zum Inter­net­be­zahl­mo­dellen reichen die Modelle. Wie kri­tisch ein solcher Jour­na­lismus noch ist, war auch Thema auf der Linken Medi­en­aka­demie[3] Anfang April in Berlin.

Tat­sächlich zeigt sich aber, dass Wohlfühl- und Event­jour­na­lismus ein Ergebnis dieses Umbruchs in der Medi­en­land­schaft sind. Damit werden bestimmte Leser­in­ter­essen befriedigt. Gemeinsam ist ihnen, dass es nicht um kri­tische Reflexion mit der Welt geht, sondern um die eigene kleine Welt der jewei­ligen Ziel­gruppen der Medien. Da platze dann auf einmal die Rea­lität in der Welt rein und daraus wurde dann der Böh­mermann-Hype.

Die Debatte gehört in die Gesell­schaft, nicht ins Feuil­leton

Von den Ver­fassern einer Soli­da­ri­täts­er­klärung an Böh­mermann, die gestern in der Zeit ver­öf­fent­licht[4] und von zahl­reichen Künstlern unter­zeichnet wurde, ist anzu­nehmen, dass zumindest einige schon mal seine Sendung gesehen haben.

Zunächst ist die Über­schrift »Liebe Regierung, jetzt mal ruhig bleiben« sym­pa­thisch. Tat­sächlich wäre es ein gutes Ergebnis des Böh­mermann-Hypes, wenn die Son­der­re­ge­lungen abge­schafft werden, die Staat­chefs einen beson­deren Schutz vor Belei­di­gungen bieten sollen und das in der Ver­gan­genheit oft getan haben.

Aller­dings muss das dann für alle gelten, auch für Joachim Gauck. Dass die sich beleidigt Füh­lenden dann immer noch als Pri­vat­per­sonen Anzeige erstatten können, was Erdogan auch schon gemacht hat, ist ihnen unbe­nommen und gehört auch zu ihren Recht. Daher ist es irre­führend, wenn es in dem Aufruf heißt, die Debatte gehöre nicht in den Gerichtssaal. Zudem ist es ver­wun­derlich, dass sie ins Feuil­leton ver­bannt und damit ent­po­li­ti­siert werden soll. Schließlich ist in vielen Feuil­letons zu lesen, was in den Innen­po­litik- und Wirt­schafts­teilen der Zei­tungen nie ver­öf­fent­licht würde.

Mit der For­derung, die Debatte soll wieder ins Feuil­leton gesperrt werden, bekennt man sich dazu, nicht gesell­schaftlich wirken zu wollen. Wir machen nur Kunst und keine Politik, lasst uns gefäl­ligst diese Spiel­wiese, ist die Aussage. Dagegen müsste die For­derung stehen, dass die Debatte in die Gesell­schaft gehört und dass es dabei nicht nur um Kritik in Richtung der tür­ki­schen Regierung gehen muss. Es sollte auch über die Funktion eines kra­wal­ligen Event­jour­na­lismus à la Böh­mermann dis­ku­tiert werden, der sich, wenn es Ernst wird, auf seinen Spiel­platz Feuil­leton zurück­ziehen will. Diese Gele­genheit haben kri­tische Jour­na­listen in der Türkei und Kur­distan und vielen anderen Ländern in der Regel nicht. Sie werden ver­haftet, ange­klagt und ver­schwinden über Jahre in Gefäng­nissen. Die meisten der­je­nigen, die jetzt mit Offenen Briefen an Böh­mermann wieder eine Gele­genheit finden, ihren Namen in der Öffent­lichkeit zu lesen, findet man in der Regel nicht, wenn es um Soli­da­rität für die wirklich vom tür­ki­schen Régime Ver­folgen geht

Liebe Böh­mermann-Freunde, jetzt mal ruhig bleiben

Beim ganzen Hype um Böh­mermann wird das gerne ver­gessen. Dabei könnte doch die Causa Böh­mermann sogar als Expe­riment gesehen werden, wie Erdogan sich um die viel­zi­tieren west­lichen Werte bemüht. Schließlich ist nicht bekannt, dass er zu einer Fatwah gegen ihn auf­ge­rufen hat, sondern er beschreitet den Rechtsweg und unter­scheidet sich damit nicht von vielen anderen, die in ähn­licher Situation ebenso reagieren würden.

Die Auf­regung der letzten Tage ist also schwer zu ver­stehen. Man könnte daher einen Satz aus dem in der Zeit abge­druckten Brief der Böh­mermann-Freunde auch auf sie selbst und ihr Umfeld münzen: »Jetzt mal ruhig bleiben.« Vor allem sollte auch mal reflek­tiert werden, welche poli­ti­schen Kräfte den Böh­mermann-Hype nutzen, um ihre poli­ti­schen Zwecke vor­an­zu­treiben. Dazu gehören all jene, für die Türkei sowieso in Europa nichts zu suchen hat und die wieder nach einen Prinz Eugen rufen, der »die Türken« ver­treibt.

Wenn der rechts­li­berale bel­gische Poli­tiker Guy Vor­hof­stadt mit dem Satz zitiert[5] wird: »Wir haben Sultan Erdogan schon den Schlüssel zu Europas Toren gegeben, nun laufen wir Gefahr, ihn auch unsere Redak­tionen und Medien kon­trol­lieren zu lassen«, dann ver­wendet er Kern­ele­mente dieses rechts­po­pu­lis­ti­schen Dis­kurses.

Tat­sächlich haben die euro­päi­schen Instanzen die Türkei bekniet, dass sie ihnen die Migranten fernhält. Wenn der Tor­wächter dann aber noch Rechte bean­sprucht, die nur der Herr­schaft gebühren, dann greifen manche wieder zu einer Rhe­torik, als stünden die Türken vor Wien.

Anhang

Links

[0]

https://​de​.wiki​pedia​.org/​w​i​k​i​/​T​e​s​t​b​i​l​d​#​/​m​e​d​i​a​/​F​i​l​e​:​S​W​_​T​e​s​t​b​i​l​d​_​a​u​f​_​P​h​i​l​i​p​s​_​T​D​1​4​1​0​U.jpg

[1]

http://​www​.welt​.de/​d​e​b​a​t​t​e​/​k​o​m​m​e​n​t​a​r​e​/​a​r​t​i​c​l​e​1​5​4​1​7​1​2​8​1​/​S​o​l​i​d​a​r​i​t​a​e​t​-​m​i​t​-​J​a​n​-​B​o​e​h​m​e​r​m​a​n​n​.html

[2]

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​7​/​4​7919/

[3]

http://​www​.lin​ke​me​di​en​aka​demie​.de/​h​i​g​h​l​i​g​h​t​s​/​3​1​-​d​o​n​n​e​r​s​t​a​g​/​w​i​e​-​k​r​i​t​i​s​c​h​-​i​s​t​-​u​n​a​b​h​a​e​n​g​i​g​e​r​-​j​o​u​r​n​a​l​i​s​m​u​s​-​w​i​e​-​u​n​a​b​h​a​e​n​g​i​g​-​i​s​t​-​k​r​i​t​i​s​c​h​e​r​-​j​o​u​r​n​a​l​i​smus/

[4]

http://www.zeit.de/kultur/film/2016–04/jan-boehmermann-satire-solidaritaet-prominente-offener-brief

[5]

http://​dere​dactie​.be/​c​m​/​v​r​t​n​i​e​u​w​s​.​d​e​u​t​s​c​h​/​E​U​/​1​.​2​5​95324

[6]

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​e​b​o​o​k​/​e​b​o​o​k​_​2​7​.html

Wenn Konzerne zu Protestberatern werden

Eine Tagung in Berlin beschäftigte sich mit der Tatsache, dass auf der »Wiese der Zivilgesellschaft« auch wirtschaftsfinanzierte und beeinflusste Akteure grasen

Wer den Beginn Astroturf [1] hört, denkt an Eso­terik. Doch tat­sächlich ist der Begriff mitt­ler­weile in das Voka­bular von Akti­visten von sozialen Bewe­gungen und Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen ein­ge­gangen. Damit wird die nicht über­ra­schende Tat­sache beschrieben, dass Kon­zerne und kon­zernnahe Institute eifrig auf den Feldern der Zivil­ge­sell­schaft mit­mi­schen, sich dort also als Akteure auf­spielen, wie es im NGO-Sprech heißt.

Sie unter­stützen dabei natürlich Posi­tionen, die den Inter­essen des ent­spre­chenden Kon­zerns nützen. Nicht immer sind solche kon­zern­be­ein­flussten Initia­tiven so leicht zu erkennen wie beim Verein Bürger für Technik [2], deren Mit­glieder in Leser­briefen an ver­schiedene Zei­tungen regel­mäßig Stimmung gegen die Ener­gie­wende machen [3].

Ein eif­riger Leser­brief­schreiber ist auch der Mit­be­gründer des Vereins Ludwig Lindner. Nach Angaben des lob­by­kri­ti­schen Nach­schla­gewerk Lob­by­pedia [4] war Linder bis 2004 Sprecher von »Nutzen der Kern­technik« bei der Kern­tech­ni­schen Gesell­schaft [5].

Oft ist die Ein­fluss­nahme der Industrie nicht so einfach zu erkennen. Dabei ist das Tätig­keitsfeld sehr groß. Sie kümmern sich um die Wiki­pedia-Seiten bestimmter Kon­zerne ebenso wie um die Orga­ni­sierung von Pro-Kohle oder Pro-AKW-Demons­tra­tionen, bei denen die Mit­ar­beiter der Firmen und ihre Ange­hö­rigen eine große Rolle spielen.

Am gest­rigen Samstag widmete sich im Rahmen der Linken Medi­en­aka­demie [6] eine Tagung unter dem mehr­deu­tigen Titel »Kon­zern­protest« [7] dem Phä­nomen des Kunst­rasens, wie Astro­turfing über­setzt heißt. Schon der Begriff ist vor­aus­set­zungsvoll.

Dahinter steht das Bild eines blü­henden wild­wa­chenden Rasens, der die soziale Bewegung und Zivil­ge­sell­schaft dar­stellen soll. Kunst­rasen wird es nach dieser Vor­stellung dann, wenn Kon­zerne und Wirt­schafts­lob­by­isten diese Wiese eben­falls abgrasen. Im Publikum, das über­wiegend aus Akti­visten und NGO-Ver­tretern aus dem Umwelt­be­reich bestand, wurde diesen ein­fachen Blick aller­dings auch wider­sprochen.

Keine Marionetten der Wirtschaft

So warnte ein Teil­nehmer davor, die Akti­visten dieser wirt­schafts­nahen NGOs nur als Mario­netten der Kon­zerne zusehen. Viele teilen die Über­zeu­gungen der Wirt­schaft und sehen in deren Unter­stützung eine will­kommene Hilfe. In den Arbeits­gruppen wurde deutlich, dass die Situation im Detail noch kom­pli­zierter sein kann.

Wenn Kon­zerne gemeinsam mit DGB-Gewerk­schaften zur Groß­de­mons­tration für den Erhalt der Koh­le­industrie nach Berlin auf­rufen, spielt natürlich der Angst vor Arbeits­platz­ver­lusten für die Beschäf­tigten ebenso eine Rolle wie ein Stand­ort­na­tio­na­lismus, der die Inter­essen der Kon­zerne unhin­ter­fragt ver­in­ner­licht.

Die Vor­stellung, dass ein Beschäf­tigter von EON, Vat­tenfall und RWE nicht mit dem Konzern iden­tisch ist sondern nur seine Arbeits­kraft dort ver­kauft, ist vielen von ihnen fremd. Wenn nun Vat­tenfall in der Lausitz ganze Dörfer abbaggert und in der struk­tur­schwachen Region als Sponsor von Schulen, Kin­der­gärten und Biblio­theken auf­tritt, so wird deutlich, dass eine wirt­schafts­li­berale Politik, die sich im Zeit­alter der Schul­den­bremse selbst aus dem Erhalt einer mini­malen sozialen Infra­struktur zurück zieht, die Kon­zerne geradezu einlädt, als Spon­soren auf­zu­treten und sich damit Ein­fluss und Macht in der Region zu sichern.

Denn, wenn die Kon­zern­pläne nicht genug gewürdigt werden, drohen nicht nur Arbeits­platz­ver­luste, sondern auch die Schließung von Schulen und Biblio­theken. So wird schnell deutlich, dass das Problem weniger daran besteht, dass auch die Wirt­schaft ihre Inter­essen im Rahmen der Zivil­ge­sell­schaft durch­setzen will.

Kri­ti­siert werden müssten poli­tische Ver­hält­nisse, die es den Kon­zernen so leicht machen, diese Inter­essen umzu­setzen, weil sie Macht und Ein­fluss haben. Unter­schied­liche Teil­nehmer sprachen auch das Wirt­schafts­system an. Ein Aktivist warb für die Stärkung der Umwelt­ge­werk­schaft [8], mit der eine ver­stärkte Koope­ration zwi­schen Gewerk­schaften und Umwelt­be­wegung ange­strebt wird.

Gewerkschafter fehlten auf der Tagung

Tat­sächlich wurde als Manko der Tagung das Fehlen vor allem von Gewerk­schaften genannt. Dabei geht es nicht um die Vor­stände, sondern um enga­gierte kri­tische Gewerk­schafter, die sich oft auch gegen die Vor­stände ihrer eigenen Ver­bände durch­setzen müssen. Es gibt zwi­schen dem Astro­turfing und der Unter­stützung von Kon­zernen bei der Eta­blierung wirt­schafts­freund­licher Pseu­do­ge­werk­schaften durchaus Par­al­lelen.

Lange Zeit gab es in vielen großen Betrieben soge­nannte »gelbe Gewerk­schaften«, die mit dem Management und Teilen der Ange­stellten sowie wenigen Arbeitern vor allem in Betrieben ein­ge­richtet wurden, wo kämp­fe­rische DGB-Gewerk­schafter aktiv waren. In dem Buch »Der Fall BMW – Macht und Recht im Betrieb« [9], das kürzlich im Verlag Die Buch­ma­cherei [10] erschienen ist, wurde an einen lang­an­dau­ernden Arbeits­kon­flikt vor 30 Jahren erinnert, bei der diese Kon­zern­stra­tegie eine wichtige Rolle spielte.

Es wäre sicher sinnvoll gewesen, zu der Tagung einige der aktiven Kol­legen ein­zu­laden, die jah­relang gegen die Eta­blierung kon­zern­ge­steu­erter Gewerk­schaften in ihren Betrieben nicht ohne Erfolg kämpften, wenn es darum gegangen wäre, den Kontakt zu Gewerk­schaftern aus­zu­bauen. Aber das war sicher nicht das Hauptziel aller Teil­nehmer.

So wurde von einigen auf die Bei­träge der »Taz zum Wandel« [11] am 5. Sep­tember 2015 hin­ge­wiesen, in der gewerk­schaft­liche Kämpfe nur am Rande vor­kamen. Statt­dessen domi­nierte dort der Wunsch nach einem sanften Kapi­ta­lismus, gar­niert mit anthro­po­so­phi­schen Kon­zepten und Eso­terik. Sicher haben diese Akteure weniger Ein­fluss und Macht als große Wirt­schafts­kon­zerne. Doch auch eine Beein­flussung von NGOs durch sie wäre sicher kein Fort­schritt.

Öfter mal eine Mitmachfalle umgehen

Viele Tagungs­teil­nehmer wehrten sich gegen den Ein­druck einer all­mäch­tigen Industrie, die nun auch noch die sozialen Netz­werke und die NGO-Szene kapert. Michael Wilk, der lange in der Bewegung gegen die Startbahn-West aktiv ist, beschreibt [12], wie Media­tionen und andere Gesprächs­an­gebote zu Instru­menten werden, die Aus­bau­pläne der Flug­ha­fen­be­treiber wider­stands­loser durch­setzen können.

Solche Erfah­rungen mussten auch die Kri­tiker von Stuttgart 21 machen. Wilk rät selbst­be­wusst seinen Mit­streitern aus NGO und sozialen Initia­tiven, öfter mal nein zu sagen, und solche Media­ti­ons­an­gebote abzu­lehnen, wenn deutlich wird, dass nur die Wirt­schaft davon pro­fi­tiert.

Besonders großen Anklag fand ein Workshop des Ber­liner PENG-Kol­lektivs [13], auf dem Bei­spiele ihrer Kom­mu­ni­ka­ti­ons­gue­rilla gegen große Kon­zerne vor­ge­stellt wurden. So endete ein von der Firma Shell gespon­serter Science Slam, auf dem junge Wis­sen­schaftler umwelt­freund­liche Pro­dukte vor­stellen sollten, im Chaos [14].

Bei der Vor­führung explo­dierte scheinbar der Motor und ver­spritzte liter­weise Öl. »Mit dem Spruch, hier können sie den Stecker ziehen, in der Arktis nicht«, outeten sich die ver­meint­lichen Wis­sen­schaftler als Umwelt­ak­ti­visten. Die Aktion sorgte wie alle wei­teren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­gue­rilla-Aktion des Peng-Kol­lektivs für eine große Medi­en­öf­fent­lichkeit [15].

Shell-Kampagne vor 30 Jahren und heute

Aller­dings machten die Akti­visten auch klar, dass eine zeit­auf­wendige Vor­arbeit für diese Aktionen nötig gewesen sei. Die Tagungs-Teil­nehmer waren begeistert. »Hier wird nicht darüber geklagt, wie schlimm die Kon­zerne sind. Hier drehen wir den Spieß um und stellen sie in der Öffent­lichkeit bloß«, sagte ein Aktivist des Peng-Kol­lektivs unter großen Applaus.

So wurde das Bedürfnis vieler Teil­nehmer befriedigt, endlich selber Themen zu setzen und nicht immer auf die Kon­zerne zu reagieren. Dabei muss man sich doch tat­sächlich fragen, ob der Aufwand für die Aktion bei Shell die reale Wirkung lohnt. Schließlich kommt für viele Zei­tungs­leser nur rüber, hier wäre ein Motor explo­diert und die Wis­sen­schaftler waren gar nicht echt.

Wird hier wirklich für größere Teile der Bevöl­kerung Auf­klärung über das Agieren des Konzern betrieben oder ist die Aktion so vor­aus­set­zungsvoll, dass nur Men­schen, die sich bei­spiels­weise mit Green-Washing-Stra­tegien von Kon­zernen befasst haben, die Moti­vation ver­stehen, eine Ver­an­staltung zu chao­ti­sieren, mit dem ein Konzern vor­geblich For­schung prä­miert, die umwelt­freund­liche Pro­dukte pro­du­zieren soll?

Schließlich könnte sich auch die Frage stellen, ob die außer­par­la­men­ta­rische Kam­pagne »Shell to Hell«, mit der in den 80er und 90er Jahren mit unter­schied­lichen Aktionen gegen die Politik von Shell vor allem in Ländern des glo­balen Südens agiert [16] wurde, durchaus auch Erfolge zeigte und auch von Men­schen prak­ti­ziert werden konnte, die eben nicht gleich Wis­sen­schaftler und ein­ge­bettete Jour­na­listen auf­treiben können.

So wirft die Prä­sen­tation des Peng-Kol­lektivs und die große Zustimmung des Tagungs­pu­blikums auch Fragen hin­sichtlich der Per­spektive von außer­par­la­men­ta­ri­schen Pro­testen auf. Wenn der Aufwand so groß wird, braucht der auch Spon­soren und För­derer und ist daher auf soli­da­rische Struk­turen ange­wiesen.

Aller­dings zeigte das Peng-Kol­lektiv mit einer gefakten Vat­tenfall-Erklärung [17] und noch mehr mit ihrer jüngsten sehr erfolg­reichen Aktion Flucht​helfer​.in [18], dass es auch Mög­lich­keiten gibt für Ein­zel­per­sonen oder keine Gruppen, sich an Aktionen zu betei­ligen.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​n​e​w​s​/​W​e​n​n​-​K​o​n​z​e​r​n​e​-​z​u​-​P​r​o​t​e​s​t​b​e​r​a​t​e​r​n​-​w​e​r​d​e​n​-​2​8​2​6​9​5​4​.html

Peter Nowak

Links:

[1]

https://​lob​by​pedia​.de/​w​i​k​i​/​A​s​t​r​o​t​u​rfing

[2]

http://​www​.buerger​-fuer​-technik​.de/

[3]

http://​www​.zeit​.de/​2​0​0​8​/​1​7​/​A​t​o​m​lobby

[4]

https://lobbypedia.de/wiki/B%C3%BCrger_f%C3%BCr_Technik

[5]

http://​www​.ktg​.org/​ktg/0

[6]

http://​www​.lin​ke​me​di​en​aka​demie​.de/

[7]

http://​www​.kon​zern​protest​.de/

[8]

http://​www​.umwelt​ge​werk​schaft​.org/​i​n​d​e​x​.​p​h​p/de/

[9]

http://​www​.labournet​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​u​p​l​o​a​d​s​/​2​0​1​4​/​1​0​/​b​m​w​_​b​u​c​h.pdf

[10]

http://​die​buch​ma​cherei​.de/

[11]

http://​www​.taz​.de/​!​1​6​0910/

[12]

http://​umwelt​fai​ra​endern​.de/​2​0​1​4​/​0​3​/​l​e​s​e​n​-​w​i​e​-​p​r​o​t​e​s​t​b​e​w​e​g​u​n​g​e​n​-​m​a​n​i​p​u​l​i​e​r​t​-​w​e​r​d​e​n​-​u​e​b​e​r​-​m​e​d​i​a​t​i​o​n​e​n​-​r​u​n​d​e​-​t​i​s​c​h​e​-​e​i​n​e​-​b​u​c​h​e​r​v​e​r​o​e​f​f​e​n​t​l​i​c​hung/

[13]

https://​www​.pen​.gg/

[14]

http://​www​.peng​-collective​.net/​p​r​e​s​s​/​s​l​a​m​s​h​e​l​l​_​P​R​_​d​e​u​t​s​c​h.pdf

[15]

http://​www​.spiegel​.de/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​a​k​t​i​o​n​e​n​-​g​e​g​e​n​-​k​o​n​z​e​r​n​e​-​s​h​e​l​l​-​a​l​s​-​o​p​f​e​r​-​b​e​i​m​-​s​c​i​e​n​c​e​-​s​l​a​m​-​a​-​9​6​5​1​5​1​.html

[16]

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d‑9198944.html

[17]

https://​www​.youtube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​Z​p​4​H​x​3​ZTZ98

[18]

http://​www​.flucht​helfer​.in/
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