Charta 2017 – Nach rechts weit offen

Die Unter­schrif­ten­aktion zugunsten rechter Verlage auf der Frank­furter Buch­messe benennt sich nicht zu Unrecht nach einer Aktion ost­eu­ro­päi­scher Dis­si­denten. Für die war die Rechte schon immer zumindest ein Bünd­nis­partner

Man muss den hilf­losen Anti­fa­schismus nun wahrlich nicht ver­tei­digen, der sich auf der Frank­furter Buch­messe zeigte und den Gegen­stand der Kritik, Götz Kubit­schek und Ellen Kositza sowie eine kleinen Gruppe rechter Verlage, erst so richtig ins Ram­pen­licht setzte. Daher können ihre rechten Gesin­nungs­freunde auch gar nicht genug Videos über die Pro­test­kund­ge­bungen posten.

Nun können sie noch einen Erfolg feiern. Eine Reihe rechter und kon­ser­va­tiver Publi­zisten wollen mit einer Petition unter dem Titel Charta 2017 gegen eine angeb­liche Gesin­nungs­dik­tatur in Deutschland pro­tes­tieren. Dort heißt es: »Wehret den Anfängen – für gelebte Mei­nungs­freiheit, für ein demo­kra­ti­sches Mit­ein­ander, für respekt­volle Aus­ein­an­der­set­zungen!«

Die gesam­pelten Wort­hülsen sind ver­schie­denen linken Kon­texten ent­nommen. »Wehret den Anfängen« war die Parole der Nazi­gegner, als sich in den 1950 Jahren wieder Rechte ver­sam­melten, und die anderen Wort­hülsen werden auch von der nicht­rechten Zivil­ge­sell­schaft immer wieder benutzt. So haben Kositza und Friends, nachdem sie schon eine rechte APO aus­ge­rufen haben, auch das Mittel der Unter­schrif­ten­steller von den Linken über­nommen. Denn bisher kur­sierten zu unter­schied­lichen Anlässen Unter­schrif­ten­listen, die von mehr oder weniger bekannten Libe­ralen diesen oder jenen Sach­verhalt anpran­gerten und skan­da­li­sierten.

Solche Appelle waren vor allem dazu da, die öffent­liche Meinung zu beein­flussen. Genau dazu dient auch die Petition, die sich mit ihren Namen Charta 2017 ganz bewusst an die tsche­chische Charta 77 anlehnt, die als zen­trales oppo­si­tio­nelles Dokument nach dem Ende des soge­nannten Prager Früh­lings und dem Beginn einer anti­kom­mu­nis­ti­schen Zivil­ge­sell­schaft in Ost­europa gilt. Besonders die damals gerade ent­ste­hende grüne Bewegung sah dort ein wich­tiges Betä­ti­gungsfeld und so ist auch der Taz-Kom­men­tator empört, dass die Charta 2017-Ver­fasser diesen Begriff über­nehmen.

Die Krone des Ganzen aber: »Charta 2017«! Echt? Es ist mehr als Stil­kritik, diesen Namen als abstoßend zu emp­finden. Er zeigt etwas von der Hybris, die hinter dieser Petition steckt. Sich unter­stützend hinter solche Verlage wie Antaios zu stellen, um den es auf der Buch­messe Aus­ein­an­der­set­zungen gab, ist frag­würdig genug. Sich damit auch noch in eine Reihe mit der Tra­dition der Dis­si­denten gegen die dik­ta­to­ri­schen Systeme des Ost­blocks stellen zu wollen ist die nackte Über­heb­lichkeit. Und es ist geschichts­ver­gessen.

Taz

Doch der Kom­mentar ver­gisst, dass ein großer Teil der ost­eu­ro­päi­schen Dis­si­den­ten­szene von Anfang nach rechts weit offen war. Das begann mit den DDR-Auf­stand von 1953, in denen auch Anti­fa­schisten drang­sa­liert und NS-Täter bejubelt wurden und setzt sich in der tsche­chi­schen, rus­si­schen und pol­ni­schen Oppo­si­ti­ons­be­wegung fort. Ein Rechter hat dort schon mal den Bonus, schon immer gegen den Kom­mu­nismus oder das, was so dafür­ge­halten wurde, gewesen zu sein. Und die Mei­nungs­freiheit, die man für diese Rechten ein­fordert, würde man den Linken kei­nes­falls gewähren. Doch natürlich gab es in all diesen Ländern auch eine linke Oppo­sition, die gegen die sta­li­nis­tische und post­sta­li­nis­tische Nomen­klatura nicht deshalb pro­tes­tierte, weil diese Kom­mu­nisten oder Linke waren, sondern weil sie es real gerade nicht waren. Sie for­derten einen wirk­lichen Sozia­lismus gegen die Par­tei­bü­ro­kratie und nicht Betä­ti­gungs­freiheit für die Rechten.

Rechte Bür­ger­rechtler gegen linke DDR-Oppo­si­tio­nelle

Am Bei­spiel der Buch­messe zeigt sich diese Spaltung besonders. Als zivil­ge­sell­schaft­liche Antwort auf die Rechten hatte die Buch­mes­sen­leitung einen Stand der Antonio-Amadeu-Stiftung ganz in deren Nähe genehmigt. Die Grün­derin Annetta Kahane, die oft und gerne auf ihre kurze Sta­si­mit­arbeit fest­gelegt wird, war in der Wen­dezeit ent­schiedene Geg­nerin des SED-Regimes und ist bis heute eine unver­söhn­liche Kri­ti­kerin geblieben. Doch gerade sie wird von den alten und neuen Rechten als Kinder einer jüdi­schen kom­mu­nis­ti­schen Familie, als ent­schiedene Ver­tei­di­gerin Israels und dafür ange­griffen, dass sie alle Spiel­arten des rechten Gedan­kenguts für bekämp­fenswert hält. Ein Kom­mentar der DDR-Bür­ger­recht­lerin und nach 1989 rechten Bür­gerin Vera Lengsfeld ist direkt gegen die Stiftung gerichtet:

Wenn extre­mis­tische Grup­pie­rungen, noch dazu aus einem Regie­rungs­pro­gramm finan­zierte, bestimmen sollen, wer in unserem Land noch Bücher aus­stellen darf und wer nicht, ist die Gesin­nungs­dik­tatur schon unter uns. Wer etwas dagegen tun möchte, sollte diese Charta unter­zeichnen.

Vera Lengsfeld

Bündnis von rechten Bürgern

Neben ihr haben die Charta 2017 weitere Per­sonen unter­schrieben, die man als rechte Bürger bezeichnen kann. Etwa Susanne Dagen, die in der »Zeit« als Buch­händ­lerin des Dresdner Bür­gertums bezeichnet wurde und Gegenwind bekam, als sie sich zu Pegida bekannte. In der Zeit heißt es über das Ambiente ihres Buch­ladens: »Die Turm­ge­sell­schaft, wie sie Uwe Tellkamp 2008 in seinem Roman Der Turm beschrieb – diese Gesell­schaft kauft ihre Bücher hier, bei ihr. Susanne Dagens Groß­vater war Arzt, ihre Groß­mutter Sän­gerin. Der Vater war Che­miker, die Mutter Gale­ristin. In ihrer Kindheit war Dagen von Künstlern, von Kul­tur­bür­gertum umgeben.«

Der besagte Uwe Tellkamp hat die Charta 2017 eben­falls unter­schrieben. Sie stört es auch nicht, dass mit Michael Klonowsky ein AfD-Pro­pa­gandist und mit Heimo Schwilk ein lang­jäh­riger Autor der Jungen Freiheit und Pro­pa­gandist der selbst­be­wussten deut­schen Nation zu den Mit­un­ter­zeichnern gehören. Auch schon lange nach rechts gewendete Ex-68er wie Cora Stephan gesellen sich dazu.

Hier haben wir eine Liste rechter Bürger, die aber ihr Rechtssein heute nicht mehr ver­stecken, sondern so bekennen, wie es lang ver­meint­liche Linke taten, wenn sie Unter­schrif­ten­listen unter­zeich­neten. Als während der Buch­messe Kubit­schek einen »Weg­weiser für das rechts­in­tel­lek­tuelle Milieu« mit Namen von Autoren nicht­rechter Verlage ver­teilte, die der rechten Sache nutzten, gaben sich liberale Kom­men­ta­toren empört und wollten die Autoren vor angeb­licher Ver­ein­nahmung schützen. Von keinem der Genannten war eine Distan­zierung zu hören gewesen. Doch einige von ihnen sind Mit­un­ter­zeichner der Charts 2017.

Auch DGB München wollte sich schon von Antifa distan­zieren

So wird durch die Charta 2017 nur einmal mehr deutlich, dass die Rechte im Moment in der Offensive ist und sich nicht mehr ver­steckt. Die­je­nigen, die sich dagegen wehren wollen, werden erkennen müssen, dass ein hilf­loser Anti­fa­schismus den Rechten eher nutzt als schadet, wie sich am Bei­spiel der Buch­messe zeigt. Ein Ruf wie »Nazis raus« war ja in Deutschland schon immer frag­würdig. 2017 ist er aber geradezu wie aus der Zeit gefallen.

Schon kuscht der Münchner DGB vor einer Kam­pagne von rechten Medien und Poli­zei­ge­werk­schaft und kün­digte einem Anti­fa­kon­gress erst einmal die Räume. Es beginnen Zeiten, wo man nicht mehr mit der Antifa in Ver­bindung gebracht werden will. Doch noch wirkt die linke und links­li­berale Zivil­ge­sell­schaft. Der Kon­gress kann nach einer Über­ein­kunft zwi­schen Ver­an­staltern und DGB nun doch in den gewerk­schaft­lichen Räumen statt­finden.

Peter Nowak
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[1] http://​www​.open​pe​tition​.de/​p​e​t​i​t​i​o​n​/​o​n​l​i​n​e​/​c​h​a​r​t​a​-​2​0​1​7​-​z​u​-​d​e​n​-​v​o​r​k​o​m​m​n​i​s​s​e​n​-​a​u​f​-​d​e​r​-​f​r​a​n​k​f​u​r​t​e​r​-​b​u​c​h​m​e​s​s​e​-2017
[2] http://​www​.pi​-news​.net/​c​h​a​r​t​a​-​2​0​1​7​-​e​i​n​-​a​p​p​e​l​l​-​f​u​e​r​-​d​i​e​-​f​r​e​i​h​e​i​t​-​v​o​n​-​m​e​i​n​u​n​g​-​u​n​d​-​k​unst/
[3] http://​www​.bpb​.de/​a​p​u​z​/​2​8​5​4​5​/​e​l​i​t​e​n​-​u​n​d​-​z​i​v​i​l​g​e​s​e​l​l​s​c​h​a​f​t​-​i​n​-​o​s​t​m​i​t​t​e​l​e​uropa
[4] http://​www​.taz​.de/​!​5​4​5​6188/
[5] http://​www​.amadeu​-antonio​-stiftung​.de
[6] http://​www​.amadeu​-antonio​-stiftung​.de/​a​k​t​u​e​l​l​e​s​/​2​0​1​7​/​z​u​r​-​b​u​c​h​m​e​s​s​e​-​w​a​r​u​m​-​e​i​n​e​-​d​i​s​k​u​s​s​i​o​n​-​a​u​f​-​a​u​g​e​n​h​o​e​h​e​-​m​i​t​-​d​e​n​-​n​e​u​e​n​-​r​e​c​h​t​e​n​-​n​i​c​h​t​-​f​u​n​k​t​i​o​niert
[7] http://​www​.tages​spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​a​m​a​d​e​u​-​a​n​t​o​n​i​o​-​s​t​i​f​t​u​n​g​-​s​t​r​e​i​t​-​u​m​-​d​i​e​-​s​t​a​s​i​-​v​e​r​g​a​n​g​e​n​h​e​i​t​-​v​o​n​-​a​n​e​t​t​a​-​k​a​h​a​n​e​/​1​4​9​6​6​4​2​2​.html
[8] http://​vera​-lengsfeld​.de/​2​0​1​7​/​1​0​/​1​7​/​c​h​a​r​t​a​-​2​0​1​7​-​g​e​g​e​n​-​w​i​l​l​k​u​e​r​-​a​u​f​-​d​e​r​-​f​r​a​n​k​f​u​r​t​e​r​-​b​u​c​h​messe
[9] http://​www​.zeit​.de/​2​0​1​7​/​1​3​/​s​u​s​a​n​n​e​-​d​a​g​e​n​-​d​r​e​s​d​e​n​-​p​e​g​i​d​a​-​b​u​c​h​h​a​e​n​d​l​e​r​i​n​-​b​u​e​r​g​ertum
[10] http://​www​.michael​-klo​n​ovsky​.de
[11] http://​www​.michael​-klo​n​ovsky​.de
[12] http://​www​.zvab​.com/​b​u​c​h​-​s​u​c​h​e​n​/​t​i​t​e​l​/​d​i​e​-​s​e​l​b​s​t​b​e​w​u​s​s​t​e​-​n​a​tion/
[13] http://​www​.tages​spiegel​.de/​k​u​l​t​u​r​/​f​r​a​n​k​f​u​r​t​-​w​i​e​-​d​i​e​-​b​u​c​h​m​e​s​s​e​-​m​i​t​-​r​e​c​h​t​s​e​x​t​r​e​m​e​n​-​v​e​r​l​a​g​e​n​-​u​m​g​e​h​t​/​2​0​4​4​4​0​8​4​.html
[14] http://​www​.labournet​.de/​i​n​t​e​r​v​e​n​t​i​o​n​e​n​/​a​n​t​i​f​a​/​a​n​t​i​f​a​-​i​n​i​/​d​g​b​-​m​u​e​n​c​h​e​n​-​v​e​r​b​i​e​t​e​t​-​a​n​t​i​f​a​-​k​o​n​g​r​e​s​s​-​i​h​r​e​n​-​r​a​e​u​m​e​n​-​n​a​c​h​-​r​a​d​i​k​a​l​-​r​e​c​h​t​e​r​-​g​e​g​e​n​k​a​m​p​a​g​n​e​-​a​u​c​h​-​d​e​r​-​g​e​w​e​r​k​s​c​h​a​f​t​-​d​e​r​-​p​o​l​izei/
[15] http://​anti​fa​kon​gress​.blog​sport​.eu

Interviewt die Rechten, wo Ihr sie trefft?

Über den Drang linker und libe­raler Autoren und Redak­tionen, mit Per­sonen aus dem Umfeld der AfD und der Neuen Rechten ins Gespräch zu kommen

Der links­re­for­me­rische Publizist Thomas Wagner hat kürzlich unter dem Titel »Die Angstmacher«[1] ein Buch her­aus­ge­bracht, das mit dem Anspruch auf­tritt, ganz neue Erkennt­nisse vor allem über die Neue Rechte und die 68er-Bewegung zu liefern. So heißt es in den Verlagsinformationen[2].

Mit dem Auf­kommen der AfD droht die Neue Rechte breite bür­ger­liche Schichten zu erfassen. Wer sind ihre Ide­en­geber, und worin haben sie ihre Wurzeln? Thomas Wagner stellt erst­malig heraus, wie wichtig »1968« für das rechte Lager war, weil es einen Bruch in der Geschichte des radi­kal­rechten poli­ti­schen Spek­trums mar­kiert, der bis heute nach­wirkt. Das zeigen unter anderem die Gespräche, die Wagner mit den Prot­ago­nisten und Beob­achtern der Szene geführt hat, dar­unter Götz Kubit­schek, Ellen Kositza, Martin Sellner, der inzwi­schen ver­storbene Henning Eichberg, Alain de Benoist, Falk Richter und Frank Böckelmann. Wagners Buch liefert eine span­nende Über­sicht über die Kräfte und Strö­mungen der Neuen Rechten und ihre Ursprünge.

Was hat die Neue Rechte mit der 68er-Bewegung zu tun?

Nun gibt es aller­dings schon viel Lite­ratur, die sich damit beschäftigt, dass die außer­par­la­men­ta­rische Rechte sich einige Akti­ons­formen der 68er-Bewegung ange­eignet und auch den ita­lie­ni­schen Theo­re­tiker Antoni Gramsci und dessen Hege­mo­nie­konzept stu­diert hat, der aller­dings kein 68er war. Nur sagt das wenig über die völlig kon­trären Inhalte beider Bewe­gungen aus.

Ver­wir­render wird das Ganze noch, wenn Wagner den Grün­dungs­mythos einer außer­par­la­men­ta­ri­schen Rechten auf den 21. Mai 1970 legt. Damals ran­da­lierten Rechte jeg­licher Couleur in Kassel gegen das Treffen von Willi Brandt mit dem DDR-Poli­tiker Willi Stoph. Die Ablehnung der Aner­kennung der DDR und damit die zumindest zeit­weilige Akzeptanz der deut­schen Teilung einte Rechts­kon­ser­vative, Ver­trie­be­nen­funk­tionäre und Neo­nazis. Sie grün­deten die »Aktion Wider­stand« und schrien Parolen wie »Brandt an die Wand«.

Neben Brandt und anderen Ent­span­nungs­po­li­tikern hassten sie die 68er-Bewegung in all ihren Aus­prä­gungen. Sie sahen sich sogar als Stoß­trupp gegen die Ideen der 68er-Bewegung und fei­erten den Dutschke-Atten­täter.

Die NPD hat in diesen Kreisen damals rapide an Ein­fluss nicht aus ideo­lo­gi­schen Gründen ver­loren, sondern weil sie den Einzug in den Bun­destag 1969 knapp ver­fehlt hat. Die Neue Rechte steht also nicht im Kontext der 68er-Bewegung, sondern ist eine ihrer größten Feinde. Doch ein Buch ver­kauft sich allemal besser, wenn nun auch ein linker Autor die 68er und die Rechte von heute irgendwie in Ver­bindung bringt. Poli­tisch ist das so falsch, wie wenn man die NSDAP mit der Novem­ber­re­vo­lution kurz­schließt und nicht erwähnt, dass die Vor­läufer der Nazis in jenen Frei­korps bestanden, die Tod­feinde der Revo­lu­tionäre waren. Sie waren in den Jahren 1918/19 an vielen Mas­sakern und Erschie­ßungen von auf­stän­di­schen Arbeitern beteiligt.

Tabu­bruch: Frag die Rechten

Eine weitere ver­kaufs­för­dernde Maß­nahme besteht dahin, Tabu­brüche zu insze­nieren. Dazu gehören im Fall von Wagner aus­führ­liche Inter­views mit füh­renden Ver­tretern der Neuen Rechten in und außerhalb der AfD. »Damit haben Sie fast gegen so einen links­li­be­ralen Konsens ver­stoßen und mit den Rechten gesprochen. Hat das etwas gebracht«, wird Wagner von einem NDR-Jour­na­listen gefragt[3]. Die Antwort wirft weitere Fragen auf:

Mir hat es gebracht, genauer zu ver­stehen, wer was wo von wem gelernt hat – also zunächst ein his­to­ri­sches Interesse, wie es wirklich gewesen ist. Wenn man ver­steht, wie diese Pro­vo­ka­ti­ons­me­thoden funk­tio­nieren, und dass es ganz ähn­liche Pro­vo­ka­ti­ons­me­thoden sind, die auch von der Neuen Linken seit den 60er-Jahren ver­wendet wurden, dass man dann viel­leicht die Mög­lichkeit hat, gelas­sener darauf zu reagieren – und nicht so hys­te­risch wie es derzeit zum Teil der Fall ist.

Thomas Wagner

Zunächst einmal hat Wagner Recht, wenn er sich gegen manche anti­fa­schis­tische Kurz­schluss­re­aktion wendet, die jede Pro­vo­kation eines AfD-Poli­tikers so auf­bläst, dass sie erst richtig bekannt wird und damit der Rechts­partei eher nützt. Zudem bedeuten auch zwei­stellige Wahl­er­geb­nisse für die AfD noch keine Wie­derkehr von Wei­marer Ver­hält­nissen. Doch Wagners Argu­men­tation ist nicht schlüssig.

Wenn er wirklich der Meinung ist, dass die Neuen Rechten die Erben 68er sind, wäre das ja kaum Grund für Gelas­senheit. Schließlich haben die 68er kul­turell die Republik ver­ändert – und es ist kei­neswegs beru­higend, wenn das der Apo von Rechts auch gelänge. Denn Wagner sieht völlig von den unter­schied­lichen Ziel­stel­lungen ab. Die Rechten wollen die letzten Reste von 68 aus der Gesell­schaft tilgen, die es ja sowieso nur auf kul­tu­rellem Gebiet gab. Es wurden nur die Teile des 68er-Auf­bruchs adap­tiert, die dem Kapi­ta­lismus nützen.

Zudem ist nicht erkennbar, warum Wagner mit den Rechten reden muss, um ihre Stra­tegie und Taktik zu ver­stehen. Denn solche Inter­views sind zunächst und vor allem Selbst­dar­stel­lungen. Das zeigt sich an dem Gespräch mit Ellen Kositza[4], einer der Theo­re­ti­ke­rinnen der Neuen Rechten in der Wochen­zeitung Freitag. »Es geht sehr launig und zivi­li­siert zu in der Aus­ein­an­der­setzung mit der Rechten. Gab es eine bestimmte Sorte Tee und Kuchen dazu?« fragte eine Leserin sehr treffend.

Denn obwohl der Freitag-Jour­nalist Michael Angele seine Distanz zu den Rechten in seinen Fragen deutlich werden ließ, gelang es nicht, die medi­en­er­fahrene Kositza wirklich grund­legend aus der Reserve zu locken. Dabei bot sie genügend Anknüp­fungs­punkte, wo sie die Vor­stellung der Gleichheit aller Men­schen als lang­weilig bezeichnete und sich damit nicht nur gegen Men­schen aus anderen Ländern, sondern auch gegen Lohn­ab­hängige wandte, die sich gewerk­schaftlich für ihre Inter­essen ein­setzen: »Ich denke auch, das heutige Pro­le­tariat ist nicht, was es war. Heute sehe ich da dicke Men­schen mit Plas­tik­über­zügen am Leib und Tril­ler­pfeife im Mund vor mir. Da emp­finde ich wenig Soli­da­rität.«

Diese Plau­derei über das Land­leben im Harz jeden­falls sagt weniger über die Rechte aus als ein Buch, in dem Autorinnen und Autoren deren Stra­tegie und Taktik ana­ly­sieren und in den gesell­schaft­lichen Kontext rücken.


Hätte die Welt­bühne Hitler inter­viewen sollen, um das 3. Reich zu ver­hindern?

Es wird so getan, als würde der Auf­stieg der Rechten dann gestoppt, wenn wir die nur aus­führlich inter­viewen und auch in linken und libe­ralen Medien selber zu Wort kommen lassen.

Hätte man die Nazis von der Macht fern­halten können, wenn Hitler und Co. auch in der Welt­bühne, einer bekannten links­li­be­ralen Zeitung der Wei­marer Republik, zu Wort gekommen wären, muss man sich hier fragen. Dabei waren damals Gespräche zwi­schen NSDAP-Mit­gliedern und ent­schie­denen Nazi­gegnern Teil der poli­ti­schen Kultur. Nicht nur die KPD betei­ligte sich an öffent­lichen Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tungen mit Nazis, die nach genauen Rege­lungen abliefen und trotzdem oft in Saal­schlachten endeten. Auch Anar­chisten wie Rudolf Rocker und Erich Mühsam betei­ligten sich zwi­schen 1930 und 1933 an Dis­kus­sionen mit den Nazis in und außerhalb der NSDAP, wie eine kürzlich von der Initiative für ein Gustav-Landauer-Denkmal in Berlin[5] erstellte Bro­schüre zur Geschichte des Anar­chismus in Berlin-Kreuzberg[6] mit Quellen belegt.

Diese Gespräche waren also nicht einfach einer Wende der KPD zum Natio­na­lismus hin geschuldet, sondern gehörten zur poli­ti­schen Kultur der Nazi­gegner vor 1933. Nur hat sie die Nazis nicht von der Macht fern­ge­halten. Daraus sollten die Gegner der Rechten von heute ihre Schlüsse ziehen. Inter­viewt die Rechten, wo er sie trefft, ist zumindest keine anti­fa­schis­tische Stra­tegie.

»Keine Bühne für die AfD und die Neue Rechte«

Einen anderen Weg gehen Künstler, die sich in einem Offenen Brief dagegen wenden, dass Ver­treter der AfD und der Neuen Rechten zu Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tungen in Theater und andere Kul­tur­ein­rich­tungen ein­ge­laden werden. Sie haben sich in Offenen Briefen[7] dagegen gewandt, dass den Rechten so eine Bühne geboten wird.

Diese Initiative hat eine große Resonanz[8] erfahren und wie­derum zu Debatten[9] geführt. In der Jungle World haben zwei der Künstler, die den Offenen Brief initiiert haben, ihre Wei­gerung, den Rechten eine Bühne zu bieten, noch einmal verteidigt[10].

»Ich denke, man sollte sich einem vor­geb­lichen Dialog mit den Rechten ver­weigern. Erstens ist dazu schon viel gesagt worden und die Posi­tionen sind klar. Zweitens sollte das Völ­kische auch nicht dis­ku­tierbar werden. Ich sehe das eher als unpro­duktive Debatte. Wer etwas davon hat, sind die Rechten: Sie bekommen eine Bühne und somit auch die Legi­ti­mation, ihre Parolen und Thesen zu ver­breiten«, erklärt die Thea­ter­re­gis­seurin Kon­stanze Schmitt[11]. Das gilt nicht nur für das Theater, sondern ist auch eine Kritik an libe­ralen und linken Autoren und Medien, die unbe­dingt mit Rechten reden wollen.

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Peter Nowak
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[1] http://​www​.aufbau​-verlag​.de/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​/​d​i​e​-​a​n​g​s​t​m​a​c​h​e​r​.html
[2] http://​www​.aufbau​-verlag​.de/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​/​d​i​e​-​a​n​g​s​t​m​a​c​h​e​r​.html
[3] https://​www​.ndr​.de/​k​u​l​t​u​r​/​T​h​o​m​a​s​-​W​a​g​n​e​r​-​u​e​b​e​r​-​s​e​i​n​-​B​u​c​h​-​D​i​e​-​A​n​g​s​t​m​a​c​h​e​r​,​j​o​u​r​n​a​l​9​6​4​.html
[4] https://​www​.freitag​.de/​a​u​t​o​r​e​n​/​m​i​c​h​a​e​l​-​a​n​g​e​l​e​/​d​i​e​-​r​e​c​h​t​e​-​i​n​-​d​e​r​-​r​ichte
[5] https://​gustav​-landauer​.org/​b​l​o​g​s​/​d​e​n​k​m​a​l​i​n​i​t​i​ative
[6] https://​gustav​-landauer​.org/​c​o​n​t​e​n​t​/​v​e​r​a​n​s​t​a​l​t​u​n​g​-​a​u​f​-​d​e​n​-​s​p​u​r​e​n​-​e​i​n​e​r​-​v​e​r​g​e​s​s​e​n​e​n​-​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​n​-​b​e​w​e​g​u​n​g​-​d​i​e​-​a​n​a​r​c​h​i​s​t​ische
[7] https://​natio​na​lis​mu​sist​kei​ne​al​ter​native​.net/​o​f​f​e​n​e​r​-​b​r​i​e​f​-​a​n​-​d​a​s​-​t​h​a​l​i​a​-​t​h​e​a​t​e​r​-​k​e​i​n​e​-​b​u​e​h​n​e​-​f​u​e​r​-​d​i​e​-​a​f​d​-​k​e​i​n​-​p​o​d​i​u​m​-​f​u​e​r​-​r​a​s​s​i​s​t​e​n​-​l​a​d​e​t​-​b​a​u​m​a​n​n​-aus/
[8] https://nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=13646:kritik-an-geplanter-diskussionsveranstaltung-mit-afd-chefideologen-in-zuerich&catid=126:meldungen‑k&Itemid=100089
[9] http://www.zeit.de/2017/10/zuerich-afd-marc-jongen-auftritt-proteste/seite‑2
[10] https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​7​/​3​4​/​i​s​t​-​d​a​s​-​e​i​n​-​h​u​n​g​e​r​-​n​a​c​h​-​r​e​a​l​itaet
[11] http://​www​.kon​stan​ze​schmitt​.net/