»Für einen libertären Marxismus«

Linke wollen mit einem Buch über das Ver­hältnis von Anar­chisten und Mar­xisten eine Brücke zwi­schen den Strö­mungen schlagen

Der ehe­malige fran­zö­sische Prä­si­dent­schafts­kan­didat Oliver Besan­cenot und Phi­losoph Michael Löwy bieten die ana­ly­tische Basis für Koope­ra­ti­ons­mög­lich­keiten.

»Die Schwarze Front und die Rote Front sind wir«. Dieser Refrain eines Liedes der Band »Ton-Steine-Scherben« wird noch immer auf linken Demons­tra­tionen ange­stimmt. Daher dürfte das kürzlich im Verlag »Die Buch­ma­cherei« erschienene Buch mit dem Titel »Revo­lu­tionäre Annä­herung – unsere roten und schwarzen Sterne« zumindest vom Titel her auf Zustimmung stoßen. Schließlich ver­wenden auch anar­cho­syn­di­ka­lis­tische Orga­ni­sa­tionen und die Basis­ge­werk­schaft FAU diese Farben.

Den beiden Buch­au­toren geht es jedoch um einen Dialog zwi­schen den Mar­xisten und Anar­chisten. Auf dem Cover wird das etwas miss­ver­ständlich mit einer Soli­da­rität zwi­schen den beiden linken Strö­mungen beschrieben. Doch Soli­da­rität ange­sichts von Repression oder rechten Angriffe kann auch linken Strö­mungen gelten, mit denen man ansonsten poli­tisch nicht viel zu tun hat.

Den Autoren Oliver Besan­cenot und Michal Löwy ging es im Kern darum, »eine Brücke zwi­schen den beiden großen revo­lu­tio­nären Tra­di­tionen zu schlagen«. Das unter­streichen sie besonders im letzten Teil des Buches, der die Über­schrift »Für einen liber­tären Mar­xismus« trägt. Beide kommen aus der antis­ta­li­nis­ti­schen fran­zö­si­schen Linken, die stark von Trotzki beein­flusst war. Michael Löwy befasste sich zudem früh mit öko­so­zia­lis­ti­schen Themen. Besan­cenot ist Brief­träger und war als Prä­si­dent­schafts­kan­didat der Neuen Anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Linken (NPA) bei den vor­letzten Prä­si­dent­schafts­wahlen lan­desweit bekannt geworden. Ihm ist es zu ver­danken, dass Thesen der radi­kalen Linken in grö­ßeren Kreisen der Gesell­schaft dis­ku­tiert wurden. Doch die Hoffnung, dass die NPA, die von einem Teil der trotz­kis­ti­schen Linken gegründet wurde, zu einem Bünd­nis­projekt einer neuen Linken werden könnte, die sich sowohl von der Sozi­al­de­mo­kratie als auch den Erben des Sta­li­nismus abhebt, erfüllte sich nicht. Oliver Besan­cenot lehnte bei den letzten Prä­si­den­ten­wahlen trotz Bitten seiner Partei eine erneute Kan­di­datur ab. Er arbeitet statt­dessen wieder an der Basis. Mit dem Buch, das in Frank­reich bereits 2014 erschienen ist, knüpfen beide Autoren an den Grün­dungs­vor­stel­lungen der NPA an.

Der größte Teil des Buches befasst sich mit his­to­rische Ereig­nissen wie der Pariser Commune und den Mär­tyrern von Chicago, sieben Arbeiter, die 1886 wegen eines Anschlags, mit dem sie nichts zu tun hatten, hin­ge­richtet wurden. Die II. Inter­na­tionale rief ihnen zum Gedenken den 1. Mai als Inter­na­tio­nalen Kampftag aus.

Auch die his­to­ri­schen Bege­ben­heiten, die zum Zer­würfnis zwi­schen Anar­chisten und Mar­xisten führten, werden aus­führlich behandelt. So gibt es etwa eine Analyse zu dem Auf­stand der Kron­städter Matrosen gegen die Sowjet­re­gierung im März 1921. Trotzki gehörte sei­nerzeit zu den Befür­wortern der Nie­der­schlagung des Auf­stands. Ver­mitt­lungs­ver­suche von Anar­chisten wie Emma Goldmann wurden igno­riert. Damals zerriss das Band zwi­schen Anar­chisten und Anar­cho­syn­di­ka­listen auf der einen Seite und der kom­mu­nis­ti­schen Mehr­heits­strömung, die sich mit der SU iden­ti­fi­zierte, auf der anderen.

Die Autoren ent­werfen ein dif­fe­ren­ziertes Bild dieser Gescheh­nissen und kri­ti­sieren auch die Rolle Trotzkis. Der hatte noch 1937 im Exil die Nie­der­schlagung des Auf­stands ver­teidigt. Kurz vor seiner Ermordung ver­fasste er gemeinsam mit Andre Breton ein »Manifest für eine freie revo­lu­tionäre Kultur«, in dem es heißt: »Die Revo­lution muss von Anfang an für das künst­le­rische Schaffen ein anar­chis­ti­sches Régime per­sön­licher Freiheit schaffen und garan­tieren«.

In Kurz­bio­grafien werden von Emma Goldmann über den spa­ni­schen Anar­chisten Dur­rutti bis zu Walter Ben­jamin linke Per­sön­lich­keiten vor­ge­stellt, die eine Koope­ration zwi­schen Anar­chismus und Kom­mu­nismus befür­wor­teten. Etwas zu knapp werden dagegen die der­zei­tigen Kämpfe the­ma­ti­siert. Dabei sollte sich die rot-schwarze Koope­ration gerade in den aktu­ellen poli­ti­schen Fragen bewähren. Nichts­des­to­trotz bietet das die Basis für eine fun­dierte Debatte über Koope­ra­ti­ons­mög­lich­keiten. Der Verlag »Die Buch­ma­cherei« hat in der Ver­gan­genheit schon Bücher her­aus­ge­geben, die Gemein­sam­keiten zwi­schen Mar­xisten und Anar­chisten aus­loten. Bei den beiden Über­setzern des Buches ist die Koope­ration auch prak­tisch gelungen. Andreas Förster ist in der FAU aktiv und Elfriede Müller gehört zu den Unter­stützern der NPA.

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Peter Nowak

Löwy Michael/​Besan­cenot Oliver, Revo­lu­tionäre Annä­herung: Unsere roten und schwarzen Sterne, Die Buch­ma­cherei, Berlin 2016, 167 Seiten, 12 Euro, ISBN: 978–300-053364–8

Mutige Sieben

Seit Jahr und Tag kämpft die stadt­po­li­tische Gruppe »Dra­go­polis« gegen den Bau teurer Eigen­tums­woh­nungen auf dem Dra­goner­ge­lände in Berlin-Kreuzberg. Jüngst aber widmete sie sich einem geschichts­po­li­ti­schem Thema. Gemeinsam mit der “Initiative Gedenkort Janu­ar­auf­stand“ erin­nerten sie an einen unge­sühnten Mord vor 97 Jahren. Am 11. Januar 1919 sind sieben unbe­waffnete Besetzer der SPD-Zeitung Vor­wärts feige ermordert worden . Sie waren von den Ver­tei­digern des Domizils der SPD-Zeitung »Vor­wärts« auf jenem Areal während der Janu­ar­kämpfe aus­ge­sandt, um die Kapi­tu­lation mit den Regie­rungs­sol­daten aus­zu­handeln. Die Opfer waren der Jour­nalist Wolfgang Fernbach, der Mecha­niker Karl Gru­busch, der Schmied Walter Heise, der Kut­scher Erich Kluge, der Klempner Werner Möller, der Werk­zeug­macher Arthur Schöttler und der Schlosser Paul Wackermann. Auf der Gedenk­ver­an­staltung wurde aus zeit­ge­nös­si­schen Doku­menten zitiert, dar­unter den aus Erin­ne­rungen der per­sön­lichen Ver­trauten und Nach­lass­ver­wal­terin Rosa Luxem­burgs, Mat­hilde Jakob, wie auch aus der drei­bän­digen „Geschichte der Novem­ber­re­vo­lution“, die der Vor­sit­zende der betrieb­lichen Räte­or­ga­ni­sation „Revo­lu­tionäre Obleute“ Richard Müller Mitte der 20er Jahre ver­öf­fent­lichte ( 2011 im Verlag „Die Buch­ma­cherei“ wieder auf­gelegt). Müller beschrieb detail­liert, wie die sieben Par­la­mentäre gezwungen wurden, sich vor ihrer er Ermordung zu ent­kleiden; die Sol­daten nahmen ihnen zudem alle Wert­sachen ab. Als anschließend die Ver­tei­diger des »Vor­wärts« mit erho­benen Händen aus dem Gebäude kamen, wurden sie »unter scheuß­lichen Miss­hand­lungen« in die Dra­go­ner­ka­serne getrieben und dort zunächst in einem Stall inter­niert.….

Auf enigen zeit­ge­nös­si­schen Fotos, die auf der Gedenk­ver­an­staltung prä­sen­tiert wurden, waren bereits auf Fahr­zeugen der Frei­korps gemalte Haken­kreuze zu sehen. Der Jour­na­liist und His­to­rikers Sebastian Haffner l sah in der bru­talen Gewalt gegen die Arbeiter, die im Januar 1919 ihre Revo­lution – auch wieder die SPD-Führung – retten und fort­führen wollten, den Auftakt ür die vielen Morde n in den fol­genden Jahren sowie ein Menetel für den Staats­terror in der NS-Zeit. Dies läßt sich gut am Schicksal on Mat­hilde Jakob ablesen. Mehrfach bereits in der Wei­marer Republik ver­haftet, wurde sie von den Nazis als Jüdin nach The­re­si­en­stadt depor­tiert, wo sie mit 70 Jahren starb. Mitt­ler­weile trägt ihren Namen ein Platz in Moabit, wo sie lange wohnte– An die ermor­deten Vor­wärts-Par­la­mentäre erinnert bis nur eine Tafel am Eingang des auf dem Dra­goner­ge­lände befind­lichen Finanzamt Fried­richshain-Kreuzberg. Das soll sich ändern. »Dra­go­polis« will sich dafür ein­setzen, dass bis zum 100ten Jah­restag des feigen Mordes vom 11. Januar Wege auf dem weit­räu­migen Dra­goner-Gelände nach den Opfern benannt werden.

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Peter Nowak

Erwitte feiert Jubiläum

Neues Buch zu erster Fabrikbesetzung in der BRD

»Keiner, auch der Seibel nicht, keiner schiebt uns weg«. Das von der Lie­der­ma­cherin Fasia Jansen umfor­mu­lierte Streiklied erinnert an einen beson­deren Arbeits­kampf in der nord­rhein­west­fä­li­schen Klein­stadt Erwitte. 150 Beschäf­tigte hatten dort am 10. März 1975 das Zementwerk Seibel & Söhne besetzt, um gegen Mas­sen­ent­las­sungen zu pro­tes­tieren.

40 Jahre später hat Dieter Braeg im Verlag »Die Buch­ma­cherei« ein Buch her­aus­ge­geben, das an den bun­desweit ersten Arbeits­kampf erinnert, bei dem eine Beleg­schaft ihre Fabrik besetzt. »Das ging alles Ruck zuck. Nach fünf Minuten kam keiner mehr rein und keiner mehr raus«, erinnert sich ein betei­ligter Ver­trau­ensmann an die ent­schei­denden Minuten. Was die Beschäf­tigten nicht ahnten, war die Resonanz, die die Beset­zungs­aktion aus­lösen würde. Dass Arbeiter nicht mehr vor den Fabrik­toren stehen blieben, sondern mit der Fabrik­be­setzung den Einsatz von Streik­bre­chern ver­hin­derten, mobi­li­sierte am 1. Mai 1975 Tau­sende in das kleine kon­ser­vative Erwitte.

Im Buch wird beschrieben, wie ent­setzt die bür­ger­liche Öffent­lichkeit der Stadt über die vielen roten Fahnen auf der Kund­gebung war. Die Arbeiter hatten danach die Sym­pathie mancher Hono­ra­tioren ver­loren, die zwar Fir­men­eigner Clemens Seibel als zu auto­ri­tären Unter­nehmer ablehnten, aber über den Kapi­ta­lismus nicht reden wollten. Dafür hatten die Fabrik­be­setzer viele neue Freunde auch außerhalb Deutsch­lands gewonnen. Auch die Beleg­schaft der fran­zö­si­schen Uhren­fabrik Lip, die zur gleichen Zeit in Selbst­ver­waltung die Pro­duktion wie­der­auf­ge­nommen hatte, gehörte dazu. Nach knapp sechs Wochen been­deten die Arbeiter die Besetzung. Während lokale Prot­ago­nisten der IG Chemie-Papier-Keramik die Kol­legen unter­stützten, wollte der Gewerk­schafts­vor­stand den Kon­flikt in juris­tische Bahnen lenken.

Im Buch wird auch eine Rede des dama­ligen DGB-Vor­sit­zenden Heinz Oskar Vetter doku­men­tiert, in der er sich zwar von linken Unter­stützern distan­ziert. Doch heute klingen seine For­de­rungen nach Zurück­drängung der Unter­nehmer- und Kon­zern­macht fast schon links­ra­dikal. Trotz breiter Unter­stützung haben die Beschäf­tigten den Kon­flikt nicht gewonnen. Viele sahen in der Ent­scheidung, die Besetzung nach sechs Wochen zu beenden, einen großen Fehler. Die Arbeiter gewannen viele Pro­zesse, doch Seibel igno­rierte die Urteile. Er stellte eine neue Beleg­schaft zusammen und ließ einen neuen, ihm erge­benen Betriebsrat wählen.

Eine wahre Fund­grube sind die Pro­to­kolle der Frau­en­gruppe der Beschäf­tigen. Sie wurde bald zum eigent­lichen Motor des Arbeits­kampfes. Die Frauen kri­ti­sierten die Gewerk­schaft­s­taktik, während die Männer hilflos die Fäuste ballten. Die Frau­en­gruppe wollte auch nicht akzep­tierten, dass der Gewerk­schafts­vor­stand linke Gruppen, die sich mit der Besetzung soli­da­ri­sierten, aus­grenzen wollte. Die Frauen betei­ligten sich noch jah­relang an poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zungen. So ist das Buch nicht nur ein Zeugnis für Uni­on­busting vor 40 Jahren sondern auch ein Dokument einer Eman­zi­pation im und durch den Streik.

Die Buch­ma­cherei hat sich schon in der Ver­gan­genheit große Ver­dienste bei der Doku­men­tierung wich­tiger Arbeits­kämpfe erworben. Das neue Buch kann daran anknüpfen.

Dieter Braeg (Hg.), Erwitte – »Wir halten den Betrieb besetzt«. Geschichte und Aktua­lität der ersten Betriebs­be­setzung in der Bun­des­re­publik. Die Buch­ma­cherei, Berlin. 19,90 Euro, 258 Seiten. Direkt­bezug: www​.die​buch​ma​cherei​.de

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Peter Nowak

»Solidarität hilft siegen«

ARBEITS­KAMPF Die Aus­ein­an­der­setzung mit BMW vor 30 Jahren sieht der damalige Betriebsrat Rainer Knirsch auch als Übung für heute

taz: Herr Knirsch, Mitte der acht­ziger Jahre standen Sie als BMW-Betriebsrat im Mit­tel­punkt hef­tiger Aus­ein­an­der­set­zungen, die jetzt in dem Buch »Macht und Recht im Betrieb« doku­men­tiert sind. Warum wollte das BMW-Management Sie und Ihre beiden Betriebs­rats­kol­legen los­werden?

Rainer Knirsch: Weil wir unser Amt als Betriebsräte ernst nahmen: für höheres Urlaubsgeld, für Lohn­grup­pen­er­hö­hungen, gegen Krank­heits­kün­di­gungen. Eine Ratio­na­li­sie­rungs­studie haben wir abge­lehnt und damit etwa 50 Arbeits­plätze gesi­chert. Wir waren Gewerk­schafter, die auch als Betriebsräte ihr Recht auf Orga­ni­sierung der Beleg­schaft und auf Teil­nahme an Streiks aus­übten.

Was hat Sie moti­viert, den Kampf gegen die Ent­lassung über drei Jahre zu führen?

Unsere gewerk­schaft­liche Ein­stellung lautet: Wir wollen »Recht, Gerech­tigkeit und Demo­kratie, die nicht am Werkstor endet!« Die IG-Metall-Schulung für Betriebsräte haben wir umge­setzt, in der gewarnt wird vor Kor­rum­pier­barkeit und Verrat an den abhängig Beschäf­tigten. Außerdem waren wir ver­bunden mit den Beschäf­tigten im Betrieb und unter­stützt durch ein Soli­da­ri­täts­ko­mitee von zuletzt über 2.000 Men­schen.

Welche Rolle spielte dieses Soli­da­ri­täts­ko­mitee bei Ihrem Erfolg, der Wie­der­ein­stellung?

Es schuf Öffent­lichkeit, ver­breitete die Infor­ma­tionen an Medien, Ein­zel­per­sonen und die Leute im Werk. Es orga­ni­sierte poli­tische und finan­zielle Soli­da­rität außerhalb des Betriebes. Das war maß­geblich für unseren Erfolg.

Was ist nach 30 Jahren an Ihrem Fall noch inter­essant?

Das »Union Busting« der acht­ziger Jahre war der Anfang: Die sys­te­ma­tische Bekämpfung von uns aktiven Gewerk­schaftern durch ins­gesamt 20 ket­ten­artige Kün­di­gungen; durch Insze­nierung einer het­ze­ri­schen Betriebs­ver­sammlung zur Amts­ent­hebung, zuletzt durch Einsatz einer Detektei und Rufmord über Presse und Rundfunk. Ähn­liche Methoden der Arbeit­geber erleben wir heute ständig, etwa gegen Betriebsräte bei Neupack oder Enercon.

Gibt es Par­al­lelen zu dem Soli­da­ri­täts­ko­mitee, das die Ent­lassung der Kas­sie­rerin Emmely wegen angeblich nicht abge­rech­neter Kas­senbons erfolg­reich bekämpfte?

Auch diese Soli­da­ri­täts­arbeit war bei­spielhaft, gerade für die Kol­legin, die bestraft wurde, weil sie bis zuletzt an den Streiks ihrer Gewerk­schaft teil­ge­nommen hatte: Soli­da­rität hilft siegen!

Rainer Knirsch

69, begann 1975 als Mon­ta­ge­ar­beiter im BMW-Motor­radwerk und war seit 1978 Betriebsrat, von 1994 bis 2002 Betriebs­rats­vor­sit­zender. Heute ist er ehren­amt­licher Bil­dungs­re­ferent der IG Metall.

Der »Fall BMW-Berlin«

Das Buch »Macht und Recht im Betrieb. Der Fall BMW-Berlin« ist eine Doku­men­tation einer drei­jäh­rigen Aus­ein­an­der­setzung um die Kün­digung von drei unlieb­samen IG-Metall-Betriebs­räten des BMW-Motor­rad­werks in Spandau. Von 1984 bis 1987 kämpften die drei gegen ihre Ent­lassung – bis sie vor Gericht siegten und wieder ein­ge­stellt werden mussten.

Das im Verlag Die Buch­ma­cherei erschienene Buch stellt den Fall auch als ein frühes Bei­spiel des »Union Busting« vor, also der sys­te­ma­ti­schen Bekämpfung, Unter­drü­ckung und Sabotage von Arbeit­neh­mer­ver­tre­tungen. Heute am Montag prä­sen­tiert es Rainer Knirsch, einer der drei dama­ligen Betriebsräte, um 19 Uhr im Café Commune, Rei­chen­ber­gerstr. 157.

INTERVIEW PETER NOWAK

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bl&dig=2015%2F03%2F16%2Fa0142&cHash=e0bc5fe5af503aba9b09251b3fcc0198

Zurück in die Gegenwart

Von 1984 bis 1987 kämpften Rainer Knirsch, Hans Köbrich und Peter Vollmer gegen ihre Ent­lassung. Das Management des BMW-Motor­rad­werks in Berlin Spandau wollte die drei kämp­fe­ri­schen Betriebsräte los­werden, weil sie sich dem Kuschelkurs mit dem Unter­nehmen ver­wei­gerten. Zuvor hatte BMW die Betriebs­ratswahl in dem Werk massiv mani­pu­liert und eine von ihnen gespon­serte »Liste der Ver­nunft« instal­liert. Weil die drei abge­wählten Betriebsräte dagegen klagten, wurden sie gekündigt. Wenn sie in einer Instanz gewannen, schoben die Manager gleich die nächste Kün­digung nach. Gleich­zeitig insze­nierte die unter­neh­mer­freund­liche Betriebs­rats­gruppe Mit­ar­bei­ter­ver­samm­lungen, bei denen die Ent­las­senen als rote Ideo­logen dif­fa­miert wurden, die die Arbeits­plätze der Kol­legen gefährden würden.

Drei Jahre konnten Knirsch, Köbrich und Vollmer das Werk nicht betreten, dann geschah das Uner­wartete: Sie siegten vor Gericht und mussten wieder ein­ge­stellt werden. Andern­falls hätte dem BMW-Vor­stands­vor­sit­zenden ein Zwangsgeld von 100 000 DM gedroht. Auch die mani­pu­lierte Betriebs­ratswahl musste wie­derholt werden und die kämp­fe­ri­schen Betriebsräte gewannen mit großem Vor­sprung. Ent­scheidend für den Erfolg war ein Soli­da­ri­täts­ko­mitee, das von dem Ber­liner Poli­to­logen Bodo Zeuner geleitet wurde. Es machte den Fall »BMW-Berlin« zu einem Thema, das die Öffent­lichkeit inter­es­sierte. Spä­testens nach ihrem Sieg gegen den Welt­konzern waren die drei Betriebsräte über West­berlin hinaus bekannt. Im Gegensatz zur IG Metall im Bund hielt sich die Ber­liner Gewerk­schafts­glie­derung damals mit der Unter­stützung zurück. So schloss sie bei­spiels­weise die unter­neh­mer­freund­lichen Betriebsräte nicht aus, die Unter­schriften gegen die Wie­der­ein­stellung der drei Kol­legen sam­melten und sogar mit Streiks drohten.

Jetzt hat der Verlag »Die Buch­ma­cherei« diese außer­ge­wöhn­liche Geschichte noch einmal doku­men­tiert. Die zwei von den Unter­stützern einst erstellten Bro­schüren lesen sich dabei noch heute erstaunlich aktuell. Das Vorwort des Buches bringt auf den Punkt, warum: Die Geschichte mar­kiere die Anfänge des »Union Busting« in Berlin, heißt es da, und sie zeige, dass und wie es möglich ist, sich dem mit Erfolg zu wider­setzen.Peter Nowak

Frank Steger (Hg.): Macht und Recht im Betrieb. Der Fall BMW-Berlin, Die Buch­ma­cherei 2014, 352 S., 14,95 Euro. Am 16.3. stellt einer der betrof­fenen Betriebsräte das Buch in Berlin-Kreuzberg vor

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​9​6​4​6​5​3​.​m​o​b​b​i​n​g​-​v​o​n​-​g​a​n​z​-​o​b​e​n​.html

Peter Nowak

Wilder Streik der Migrantinnen


Vor 40 Jahren traten Arbei­te­rinnen von Pierburg in den Aus­stand – ein Buch ver­sammelt Zeit­zeugen und Doku­mente

Eine Mark mehr Lohn und die Abschaffung der Leicht­lohn­gruppe lau­teten die zen­tralen For­de­rungen eines Streiks, der vor 40 Jahren die damalige Linke jen­seits aller Dif­fe­renzen mobi­li­sierte. Es waren über­wiegend migran­tische Frauen, die bei der Auto­zu­be­hör­firma Pierburg in Neuss in den Arbeits­kampf getreten sind ohne auf die Gewerk­schafts­bü­ro­kratie zu warten und sogar erfolg­reich haben. Dabei hat der im Natio­nal­so­zia­lismus wie in der BRD erfolg­reiche Unter­neh­mer­pa­triarch Alfred Pierburg die strei­kenden Frauen hart bekämpft. Unter­stützt wurde er dabei von den Neusser Poli­zei­prä­si­denten Günther Knecht, der die Knüp­pel­ein­sätze gegen die strei­kenden Frauen mit dem Satz recht­fer­tigte. „Wilder Streik, das ist Revo­lution“.
Dieses Zitat wurde zum Titel für einen Doku­men­tenband über den Pierburg-Streik, das der damalige oppo­si­tio­nelle Betriebsrat des Unter­nehmens Dieter Braeg kürzlich im Ber­liner Verlag „Die Buch­ma­cherei“ her­aus­ge­geben hat. Er hat dort zahl­reiche zeit­ge­nös­sische Berichte über den Streik und den 40minütigen Film „Ihr Kampf ist unser Kampf“ erneut zusam­men­ge­stellt.

Hinter der Ein­schätzung von Dieter Braeg, der Pierburg-Streik sei ein Bei­spiel für „eine andere deutsche Arbei­te­rinnen – und Arbei­ter­be­wegung“ muss aller­dings ein großes Fra­ge­zeichen gesetzt werden. Mit einer viel grö­ßeren Berech­tigung könnte der Streik als Bei­spiel für einen selbst­or­ga­ni­sierten Kampf migran­ti­scher Frauen ange­führt waren. Die in dem Buch auf­ge­führten Doku­mente machen deutlich, wie die im Natio­nal­so­zia­lismus sozia­li­sierten Vor­ar­beiter auf den Kampf der Frauen reagierten. „Ihr seit doch das auf­säs­sigste Pack, was mir je unter­ge­kommen ist“, ihr Scheiß­weiber“, schrie einer der Pierburg-Vor­ar­beiter eine grie­chische Beschäf­tigte an und drohte ihr mit Schlägen, weil sie sich bei dem Betriebsrat über die Arbeits­be­din­gungen beschwert hatte. Die Doku­mente zeigen auch, die Ignoranz mancher Betriebsräte, denen die Pflege der Trikots der fir­men­ei­genen Fuß­ball­mann­schaft wich­tiger als die Inter­es­sen­ver­tretung der Kol­le­ginnen war. Die IG-Metall-Führung ver­suchte den Streik in insti­tu­tio­nelle Bahnen zu lenken. Nachdem der Aus­stand erfolg­reich abge­schlossen war, überzog das Unter­nehmen vier oppo­si­tio­nelle Betriebsräte mit lang­wie­rigen Gerichts­pro­zessen, bei denen sie sich für Soli­da­ri­täts­be­suche bei anderen Betrieben recht­fer­tigen mussten. Braeg ordnet den Pierburg-Streik in den poli­ti­schen Kontext jener Jahre ein. Mit den Sep­tem­ber­streiks von 1969 begann ein Auf­be­gehren von Lohn­ab­hän­gigen, die sich nicht mehr in DGB-kon­forme Ver­tre­tungs­in­stanzen pressen lassen wollten. Daran waren migran­tische Beschäf­tigte feder­führend beteiligt. Höhe­punkt war der Streik und die Besetzung der Kölner Ford­werke im August 1973. Als die Polizei die Fabrik mit Gewalt räumte, zahl­reiche Strei­kende festnahm und mehrere der migran­ti­schen Akti­visten als angeb­liche Rädels­führer abschieben ließ, titelte die Sprin­ger­presse: „Deutsche Arbeiter kämpfen Ford frei“.
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Peter Nowak

Braeg Dieter, Wilder Streik, Der Streik der Arbei­te­rinnen bei Pierburg in Neuss 1973, Die Buch­ma­cherei, ISBN 978–3‑00–039904‑6, 13, 50 Euro
Der Her­aus­geber stellt das Buch und den Film am Samstag, 06. Juli, um 15 Uhr im Ber­liner Mehringhof Gnei­sen­austr. 2a vor

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Streiken geht auch anders

Der Streik migran­ti­scher Arbei­te­rinnen bei einem Auto­mo­bil­zu­lie­ferer im Jahr 1973 erhält zum Jubiläum wieder Auf­merk­samkeit.

Wer an Streiks in Deutschland denkt, dem kommen bunte Plas­tik­leibchen, Tril­ler­pfeifen, hohle DGB-Rhe­torik und Tarif­ab­schlüsse in den Sinn, die man nur mit viel Mühe als Erfolg ver­kaufen kann. Dass auch in Deutschland Arbeits­kämpfe möglich sind, die anders ver­laufen, zeigt der Pierburg-Streik. 1973 streikten die Arbei­te­rinnen beim Auto­mo­bil­zu­lie­ferer Pierburg im nord­rhein-west­fä­li­schen Neuss für die Abschaffung aller Leicht­lohn­gruppen, die dafür sorgten, dass Frauen weniger als Männer ver­dienten, und für eine Erhöhung des Stun­den­lohns um eine Mark.

Wie groß das Interesse an dem Streik damals war, zeigt sich an den zahl­reichen Büchern und Filmen, die sich dem Aus­stand widmen. Anfang der acht­ziger Jahre, als ein Großteil der Linken seinen Abschied vom Pro­le­tariat nahm, geriet auch der Pierburg-Streik in Ver­ges­senheit. Doch nun macht ein Buch mit dem Titel »Wilder Streik, das ist Revo­lution«, das im Ber­liner Verlag »Die Buch­ma­cherei« erschienen ist, wieder auf den Arbeits­kampf auf­merksam. Der Her­aus­geber Dieter Braeg, damals einer der oppo­si­tio­nellen Betriebsräte in dem Unter­nehmen, hat das anste­hende Jubiläum zum Anlass genommen, einige Doku­mente erneut zu ver­öf­fent­lichten.

Dazu gehört auch der 40minütige Film »Pierburg – ihr Kampf ist unser Kampf«, der immer noch sehenswert ist, vor allem aus einem Grund: Es ist sinnvoll, daran zu erinnern, dass es in Deutschland auch Kämpfe von Lohn­ab­hän­gigen gab, die sich nicht in den von den DGB-Vor­ständen vor­ge­ge­benen Bahnen bewegen. Bei Pierburg war das der Fall: »Wilder Streik, das ist Revo­lution« – so begründete der Neusser Poli­zei­prä­sident Günther Knecht damals den Einsatz von knüp­pelnden Poli­zisten gegen die Strei­kenden.

Braegs Ein­schätzung, der Pierburg-Streik sei ein Bei­spiel für »eine andere deutsche Arbei­te­rinnen- und Arbei­ter­be­wegung«, kann man aller­dings Skepsis ent­ge­gen­bringen. Mit einer viel grö­ßeren Berech­tigung kann der Streik als Bei­spiel für einen selbst­or­ga­ni­sierten Kampf migran­ti­scher Frauen ange­führt waren. Sie traten nicht nur gegen den Unter­nehmer Alfred Pierburg an, der eine ein­fluss­reiche Stellung in der Kriegs­wirt­schaft des Natio­nal­so­zia­lismus inne gehabt hatte und in der Bun­des­re­publik Träger zahl­reicher Orden inklusive des Bun­des­ver­dienst­kreuzes war. Die Doku­mente verdeut­lichen auch, wie die strei­kenden Frauen mit dem Ras­sismus der im NS sozia­li­sierten Vor­ar­beiter kon­fron­tiert wurden. »Ihr seid doch das auf­säs­sigste Pack, was mir je unter­ge­kommen ist, ihr Scheiß­weiber«, schrie einer der Pierburg-Vor­ar­beiter eine grie­chische Beschäf­tigte an und drohte ihr mit Schlägen, weil sie sich beim Betriebsrat über die Arbeits­be­din­gungen beschwert hatte. Die Doku­mente zeigen aber auch die Ignoranz mancher Betriebsräte, denen die Pflege der Trikots der fir­men­ei­genen Fuß­ball­mann­schaft wich­tiger war als die Inter­es­sen­ver­tretung der Kol­le­ginnen. Auch die Taktik der IG-Metall-Führung wird deutlich. Sie tat alles, um den Streik wieder in die insti­tu­tio­nellen Bahnen zu lenken, und die Justiz überzog die oppo­si­tio­nellen Betriebsräte mit lang­wie­rigen Gerichts­pro­zessen.

Dieter Braeg ordnet den Pierburg-Streik in das poli­tische Geschehen jener Jahre ein. Mit den Sep­tem­ber­streiks von 1969 begann ein Auf­be­gehren von Lohn­ab­hän­gigen, die sich nicht mehr von DGB-kon­formen Instanzen ver­treten lassen wollten. Daran waren migran­tische Beschäf­tigte feder­führend beteiligt. Höhe­punkt waren der Streik und die Besetzung der Kölner Ford-Werke im August 1973. Als die Polizei die Fabrik mit Gewalt räumte, zahl­reiche Strei­kende festnahm und mehrere migran­tische Arbeiter als angeb­liche Rädels­führer abschieben ließ, titelte die Bild-Zeitung: »Deutsche Arbeiter kämpfen Ford frei«. Zuvor hatten Bür­ger­wehren die Strei­kenden mehrmals ange­griffen. So wurde unter tat­kräf­tiger Mit­hilfe von Betriebs­räten der pro­le­ta­rische Eigensinn gebrochen.

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Peter Nowak

Zwei große Familien

Unter den Büchern, die sich in der letzten Zeit mit der kom­mu­nis­ti­schen Geschichte jen­seits von nost­al­gi­schen Avancen an den unter­ge­gan­genen Nomi­nal­so­zia­lismus beschäf­tigen, ragt der von Philippe Kel­lermann her­aus­ge­gebene Band »Anar­chismus, Mar­xismus, Eman­zi­pation« heraus. Dort sind Gespräche des Her­aus­gebers mit Men­schen abge­druckt, die sich in den letzten Jahren mit der Rekon­struktion linker Geschichte und Gegenwart befasst haben. Aus­gangs­punkt ist dabei die Frage, ob sich Kom­mu­nis­tInnen und Anar­chis­tInnen heute noch als feind­liche »ideo­lo­gische Familien« gegen­über­stehen, »die sich niemals richtig ver­stän­digen konnten«, wie es Michel Fou­cault 1981 beschrieben hat, oder ob sich diese Front­stellung nach 1989 auf­zu­lösen beginnt.
Kel­ler­manns Methode, diese Fragen im Dialog mit unter­schied­lichen Gesprächs­part­ne­rInnen zu erörtern, ist reizvoll. Der Her­aus­geber hat sie nach dem Kri­terium aus­ge­wählt, dass sie sich Themen linker Geschichte und Gegenwart aus einem mar­xis­ti­schen Blick­winkel nähern. Doch ihre Her­an­ge­hens­weise ist denkbar unter­schiedlich. Bini Adamczak ist als Her­aus­ge­berin zahl­reicher Bücher über Geschichte und Aktua­lität des Kom­mu­nismus wohl am bekann­testen. Hendrik Wallat ist das Ver­dienst zuzu­schreiben, mit dem in der Edition Assem­blage her­aus­ge­ge­benen Buch »Staat oder Revo­lution« Texte zur lange ver­schol­lenen linken Bol­sche­wis­mus­kritik wieder zugänglich gemacht zu haben. Der Basis­ge­werk­schaftler Jochen Gester, der nach seinen Erfah­rungen mit dem KBW eine Abneigung gegen hier­ar­chische Orga­ni­sa­tionen hat, sieht heute die Rolle linker Ein­zel­per­sonen und Initia­tiven in der Unter­stützung von Men­schen, die sich orga­ni­sieren. »Es gibt keinen ver­nünf­tigen Grund, warum undog­ma­tische Anar­chis­tInnen und kri­tische Mar­xis­tInnen dies nicht glei­cher­maßen über­zeugend prak­ti­zieren können«, schreibt Gester.
Auch der eme­ri­tierte Poli­tik­wis­sen­schaftler Joachim Hirsch lehnt es ab, sich im Koor­di­na­ten­system Anar­chismus versus Mar­xismus zu ver­orten, betont aber, was für eine linke Bewegung vom Anar­chismus zu lernen wäre: »… dass soziale Eman­zi­pation nicht von Avant­garden, Par­teien und Staaten aus­gehen kann, sondern eine unmit­telbare Ange­le­genheit der Men­schen sein muss.«
Mit dem ak-Autor Gerhard Han­loser setzt sich Kel­lermann auch kri­tisch über Theorie und Praxis des Anar­chismus aus­ein­ander. Aus­gangs­punkt ist das in anar­chis­ti­schen Kreisen kon­trovers dis­ku­tierte Buch »Gegen die Arbeit« von Michael Seidmann. Dieser bescheinigt den spa­ni­schen Anar­cho­syn­di­ka­lis­tInnen, als Anhän­ge­rInnen einer pro­duk­ti­vis­ti­schen Ideo­logie viele Gemein­sam­keiten mit den Kom­mu­nis­tInnen gehabt zu haben. Hier bekundet Han­loser, er habe ein »Ver­ständnis für die Situation der Arbei­ter­anar­chisten, die ja meistens noch nicht voll von der Basis abge­kop­pelte Kader waren, ent­wi­ckelt, ein Ver­ständnis, das ich merk­wür­di­ger­weise keinem Indus­tria­li­sie­rungs­apostel des ML ent­ge­gen­bringen würde«. Hier wären weitere kri­tische Nach­fragen inter­essant gewesen. Denn die Pro­bleme, vor denen diese Arbei­ter­anar­chis­tInnen standen, sollte man den meisten Kom­mu­nis­tInnen in der Sowjet­union und den anderen nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Ländern zumindest in den Anfangs­jahren auch zuge­stehen.
Hier wird ein Schwach­punkt des Buches deutlich. Kel­lermann wie seine Gesprächs­part­ne­rInnen behandeln die Bol­schewiki und die sich auf sie bezie­henden Kom­mu­nis­tInnen als Täte­rInnen, die sich recht­fer­tigen müssen, warum sie den hehren Thesen und Vor­stel­lungen der Theo­re­ti­ke­rInnen nicht gerecht geworden sind. Dass sie als han­delnde Sub­jekte unter objek­tiven Bedin­gungen agierten, die sie sich nicht aus­ge­sucht haben, wird dabei fast kom­plett aus­ge­blendet.
Hieraus ergeben sich in einigen For­mu­lie­rungen auch tota­lis­mus­theo­re­tische Anklänge. Wenn Hendrik Wallat Kolyma, den Ort sta­li­nis­ti­scher Ver­folgung, neben Auschwitz stellen will, wird der Unter­schied zwi­schen poli­ti­scher Ver­folgung und Mas­sen­ver­nichtung ver­wischt. Diese und viele andere in dem Buch auf­ge­worfene Pro­bleme ver­dienen eine gründ­liche Debatte.

Philippe Kel­lermann (Hg.): Anar­chismus, Mar­xismus, Eman­zi­pation, Gespräche über die Geschichte und Gegenwart der sozia­lis­ti­schen Bewe­gungen. Verlag Die Buch­ma­cherei, Berlin 2012. 166 Seiten, 10 EUR.
http://​www​.akweb​.de/
aus: ak – analyse & kritik Nr. 577, 16.11.2012

Peter Nowak