G20-Riots und Revolution

Bei den linken Stel­lung­nahmen zu den Pro­testen gegen den G20-Gipfel in Hamburg gibt es eine Leer­stelle: Es wird nicht gefragt, welche Auf­gaben sich für eine radikale Linke aus Auf­ständen ergeben. Und der Bezug zur Okto­ber­re­vo­lution vor hundert Jahren wurde bisher nicht her­ge­stellt.

In den ver­gan­genen Wochen gab es in Deutschland eine mediale Hetzjagd auf Linke, die mehr wollen, als das Land nach den Bun­des­tags­wahlen im Bündnis mit Grünen und SPD zu ver­walten. Anlass für die aktuelle Hetze waren die mas­siven Pro­teste der mili­tanten radi­kalen Linken gegen den G20-Gipfel in Hamburg. «Bevor etwas ver­standen wird, wird über die mora­lische Empörung schon die End­stufe der Aus­ein­an­der­setzung mit den Ereig­nissen defi­niert. Das ist Herr­schafts­po­litik: Das Her­stellen einer Situation des Bekennt­nis­zwangs und der Druck zur staats­treuen Kon­for­mität», so die Kritik des Ham­burger Ver­legers Karl­heinz Dellwo. Er gehörte zu den wenigen Linken, die nach den mili­tanten Aus­ein­an­der­set­zungen in Hamburg erst einmal ver­stehen wollten, was da geschehen ist, während andere Linke sofort von Kri­mi­nellen redeten, mit denen man nichts zu tun haben wollte. Dabei roman­ti­sierte Dellwo die Riots kei­neswegs. Doch er stellte eine Fest­stellung an den Anfang, die die poli­tische Dimension des Geschehens skiz­zierte: «Im neuen euro­päi­schen Zen­tral­staat Deutschland, öko­no­misch stabil wie kein anderes Land der west­lichen Hemi­sphäre, brach im Rahmen des grossen Pro­testes gegen den G20-Gipfel ein Riot in einer Dimension aus, die man bisher hier nicht kannte und nur in anderen Ländern ver­mutete mit grös­seren Pro­blemen an Armut und der Migration.»

Es gab kein ruhiges Hin­terland
Eine oft ver­wendete Parole in der Linken lautete schliesslich: «Es gibt kein ruhiges Hin­terland». Der Riot in Hamburg hat bewiesen, dass es mehr als ein Spruch ist. Trotz aller poli­zei­lichen Auf­rüstung war das Hin­terland des G20-Gipfels in Deutschland nicht ruhig. Das müsste doch für Linke, die sich selber ernst nehmen, kein Grund zur Trauer und der Distan­zierung sein. Das bedeutet natürlich nicht, dass man sich mit den kon­kreten Ereig­nissen in Hamburg nicht kri­tisch aus­ein­an­der­setzen sollte. Da kann man sich an der detail­lierten Schil­derung von Dellwo ein Bei­spiel nehmen; er schrieb über die Riots im Schan­zen­viertel: «Am Ende wurden die Hand­lungen von denen geprägt, die die meiste Wut, den meisten Mut oder manchmal auch nur die grösste Blödheit auf ihrer Seite hatten. Gleichwohl kann man diesen her­ge­stellten anar­chis­ti­schen Frei-Raum nicht als ‹rechtsfrei› bezeichnen. Gegenüber der herr­schenden Gesell­schafts­ordnung ist er im Bruch mit dem Eigentum und dem Zwang des Selbst­ver­kaufs irre­gulär, aber auch diese Ver­hält­nisse über­schreitend. Als instabile Selbst­ordnung enthält die Situation die Tendenz der Ent­grenzung. Aber die Akteure, völlig uner­fahren und des­wegen auch unfähig, gegen­ge­sell­schaft­liche Struk­turen in Rea­lität zu setzen, agierten unter­ein­ander doch auf der Suche nach einem Kon­sens­prinzip. Schon mittags, als ein junger Ran­da­lierer mit dem Metall­pfosten eines Stras­sen­schildes den Vodafone-Laden auf­brechen wollte und von einer wütenden Ein­woh­nerin zur Rede gestellt wurde, legte er langsam, als wolle er keinen Krach mehr machen, die Metall­stange auf den Boden, trottete von dannen und zog dabei die Maske vom Gesicht.»


Welche Aufgabe stellt sich?

Doch bei Dellwo fällt wie bei allen linken Stel­lung­nahmen, die die Riots von Hamburg ver­stehen wollen, eine Leer­stelle auf. Es wird nicht die Frage gestellt, welche Auf­gaben sich für eine radikale Linke aus Auf­ständen ergeben. Schliesslich sind durch die G20-Pro­teste, bei denen die Riots nur ein Teil waren, Tau­sende Men­schen in poli­tische Aus­ein­an­der­set­zungen ver­strickt worden. Viele von ihnen waren bisher poli­tisch nicht aktiv. Sie haben sich jetzt theo­re­tisch mit der Kritik an Staat, Nation und Kapi­ta­lismus befasst, nicht wenige haben bei den Aus­ein­an­der­set­zungen auf der Strasse die Erfahrung machen müssen, dass die Grenzen der so hoch­ge­lobten bür­ger­lichen Demo­kratie, wenn es ernst wird, vom Poli­zei­recht defi­niert werden. Doch was folgt darauf? Wie können die durch die Ereig­nisse von Hamburg poli­ti­sierten Men­schen Orte finden, an denen sie in ihrem Alltag, am Arbeits­platz, im Stadtteil oder wo auch immer den Wider­stand fort­setzen können? Hier läge die Aufgabe einer Linken, diese Orte zu schaffen. Welche Form von Orga­ni­sation wird gebraucht, um diese Erfah­rungen wei­ter­zu­geben, ohne in Büro­kra­tismus und Zen­tra­lismus zu ver­fallen? Das wäre eine ent­schei­dende Frage, der sich die radikale Linke unserer Tage theo­re­tisch und prak­tisch stellen müsste. Sonst waren die Riots von Hamburg Epi­soden, über die einige Betei­ligte noch ihren Enke­lInnen erzählen können. Nur hat das dann für die Her­aus­bildung einer linken Per­spektive kei­nerlei Relevanz.

Ein revo­lu­tio­närer Bruch
Dabei wäre eine Ver­bindung zu einem welt­his­to­ri­schen Ereignis, das sich dieses Jahr zum hun­dertsten Mal jährt, ange­bracht. Es gibt nur wenige Linke, die die Okto­ber­re­vo­lution gegen den linken Main­stream ver­tei­digen und nicht von einem bol­sche­wis­ti­schen Putsch gegen die bür­ger­liche Demo­kratie sprechen. Diesen Mythos, dem Teile der Sozi­al­de­mo­kra­tInnen und Anar­chis­tInnen seit 1917 anhängen, wurde durch den His­to­riker Alex­ander Rabi­no­witch gründlich widerlegt. Er hat anhand vieler zuvor nicht zugäng­licher Quellen in rus­si­schen Archiven akri­bisch nach­ge­zeichnet, dass die Bol­schewiki im Herbst 1917 an der Spitze einer revo­lu­tio­nären Mas­sen­be­wegung gestanden haben und es ihnen als einzige poli­tische Kraft im dama­ligen Russland gelungen ist, die Inter­essen der Pro­le­ta­rie­rInnen und der rebel­li­schen Bäue­rInnen für einen kurzen Moment zusam­men­zu­bringen. Das ist ihnen deshalb gelungen, weil sie sich geweigert haben, im bür­ger­lichen Polit­zirkus mit­zu­machen. Sie waren die Kraft der Negation und konnten so zum Pool des revo­lu­tio­nären Bruchs werden. Zudem zeigt Rabi­no­witch auch auf, dass die Alter­native zu der Okto­ber­re­vo­lution weder eine bür­ger­liche Demo­kratie noch eine libertäre Gesell­schaft gewesen ist, wie es manche Sozi­al­de­mo­kra­tInnen und Anar­chis­tInnen bis heute annehmen. Die Alter­native zum Roten Oktober war die kon­ter­re­vo­lu­tionäre Unter­drü­ckung sämt­licher revo­lu­tio­närer Bestre­bungen in ganz Russland, wie es mit dem Kor­nilov-Putsch schon ver­sucht wurde. Die rus­sische Reaktion bereitete sich mit Unter­stützung aus dem Ausland auf einen neuen, besser orga­ni­sierten Coup vor. Der Mehring-Verlag hat die Bücher von Rabi­no­witch unter dem Titel «Die Revo­lution der Bol­schewiki» und «Das erste Jahr» auf Deutsch ver­öf­fent­licht. Allen, die sich Wissen über die kon­kreten Ereig­nisse vor hundert Jahren in Russland aneignen wollen, ist die Lektüre dieser beiden Bücher emp­fohlen.

Keine Herren und Knechte
Zu den wenigen Linken, die sich mit den Ereig­nissen von vor hundert Jahren ohne deren Ver­dammung aus­ein­an­der­setzten, gehört der vor­wärts mit seiner Arti­kel­reihe über die ver­schie­denen Aspekte der Okto­ber­re­vo­lution. Sie machen deutlich, welch grosser gesell­schaft­liche Auf­bruch mit der Über­nahme der Macht der Sowjets vor­an­ge­trieben war. Ob auf dem Gebiet der Rechte der Frauen, der Kinder und Jugend­lichen, überall setzte der Rote Oktober Stan­dards, die bis heute weltweit nicht wieder erreicht wurden. Dass seine Aus­wir­kungen in die ganze Welt hinaus strahlten, war nicht ver­wun­derlich. Die Bol­schewiki waren damals, wie alle revo­lu­tio­nären Linken ihrer Zeit, von dem Auf­stieg und den blu­tigen Ende der Pariser Kommune geprägt. Sie hatten sich mit der Okto­ber­re­vo­lution von Anfang an in diese Tra­dition gestellt und fei­erten, als die Sowjet­macht einen Tag länger als die Pariser Kommune über­lebte. Dass ihr das gelingen würde, war damals selbst bei den Bol­schewiki völlig ungewiss. Auch das können wir bei Rabi­no­witch nach­lesen. Mit der Okto­ber­re­vo­lution war ein Gedanke in der Welt, den die Kom­mu­nard­Innen in Paris kurz auf die Tages­ordnung gesetzt hatten: dass es auf dieser Welt keine Herren und keine Knechte mehr geben muss. Davon zehrten in den fol­genden Jahr­zehnten revo­lu­tionäre Bewe­gungen in aller Welt, auch solche, die sich kri­tisch mit der Gesell­schaft aus­ein­an­der­setzten, die sich später in der Sowjet­union ent­wi­ckelte.

Von Vene­zuela bis Occupy
Mit diesem Impetus sollte die Linke heute die Okto­ber­re­vo­lution wieder als Inspi­ration sehen. Daher ist es besonders ver­wun­derlich, dass sich selbst der radikale Flügel der G20-Pro­teste nicht auf die Ereig­nisse von vor hundert Jahren in Bezug setzt. Und nicht nur sie. Wenn eine ganz grosse Koalition von rechts bis links sich darüber empört, dass in Vene­zuela ein Par­lament, das in der Hand der Kon­ter­re­vo­lution ist, von einer Ver­fas­sungs­ge­benden Ver­sammlung ersetzt wird, in der bisher gesell­schaftlich Aus­ge­schlossene viel grössere Par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­keiten haben, dann könnte einen doch das Bei­spiel des Roten Oktober vor Augen stehen. Schon damals wurde erkannt, dass man über den bür­ger­lichen Par­la­men­ta­rismus hin­aus­gehen muss, um die gesell­schaft­liche Eman­zi­pation vor­an­zu­treiben.
In den letzten Jahren zeigt das schnelle Abebben von Pro­test­be­we­gungen wie Occupy oder der Platz­be­set­zungen in ver­schie­denen Ländern im Rahmen der Kri­sen­pro­teste die Grenzen der viel­ge­rühmten Pro­teste ohne jeg­liche Orga­ni­sation. Das haben übrigens mitt­ler­weile auch die post­mo­dernen Pro­test­theo­re­tiker Toni Negri und Michael Hardt aner­kannt, die in ihren letzten Schriften von der Not­wen­digkeit einer hori­zon­talen Orga­ni­sierung aus­gehen. Es ist also hohe Zeit, hundert Jahre nach den Roten Oktober an die dama­ligen Erfah­rungen anzu­knüpfen, ohne sie einfach zu kopieren. «Wir leben in einer Zeit, in der sich die Zukunft vom Uto­pi­schen zum Dys­to­pi­schen ver­schoben hat. Der sowje­tische Schlachtruf ‹Den Himmel stürmen!› gilt nicht mehr. An seine Stelle ist eine Zukunft der Erschöpfung getreten», schreibt der bri­tische Soziologe Nick Srnicek. Das poli­tische Ver­mächtnis des Roten Oktober anzu­eignen, heisst heute die linke Erschöpfung abzu­streifen und den revo­lu­tio­nären Bruch mit dem Kapi­ta­lismus vor­zu­be­reiten mit dem Ziel eines Kom­mu­nismus des 21. Jahr­hun­derts.

G20-Riots und Revo­lution

100 Jahre Staatskapitalismus

Neue Literatur zum hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution

Charles Bet­telheim: Klas­sen­kämpfe in der UdSSR. Die Buch­ma­cherei, Berlin 2016, 666 Seiten, 24 Euro, ISBN 978–3‑00–052633‑6

Anté Ciliga: Im Land der ver­wir­renden Lüge. Die Buch­ma­cherei, Berlin 2016, 304 Seiten, 15 Euro, ISBN 9783000314681

Rabi­no­witch Alex­ander: Die Revo­lution der Bol­schewiki 1917. Mehring-Verlag, Essen 2016, 602 Seiten, 34,90 Euro, ISBN 978–3‑88634–097‑2

Rabi­no­witch Alex­ander: Das erste Jahr. Mehring Verlag, Essen 2016, 677 Seiten, 34,90 Euro, ISBN 978–3‑88634–090‑3

Zum hun­dertsten Jah­restag der Okto­ber­re­vo­lution wird uns eine Flut von Büchern erwarten, deren AutorInnen uns erklären werden, dass deren Scheitern nur beweist, dass es jen­seits von Kapi­ta­lismus und Markt­wirt­schaft keine Alter­na­tiven gibt.

Alle Ver­suche, aus der Kapi­tal­logik aus­zu­brechen, würden nur in Des­potie und letztlich im Sta­li­nismus enden. So wird mit dem auto­ri­tären Staats­so­zia­lismus jede anar­chis­tische, räte- und links­kom­mu­nis­tische Kritik gleich mit beerdigt. Daher ist dem kleinen Ber­liner Verlag »Die Buch­ma­cherei« zu danken, dass sie ein zen­trales Buch des fran­zö­si­schen Sozio­logen Charles Bet­telheim ins Deutsche über­setzt haben.

Der 1913 in Paris geborene und dort 2006 ver­storbene Intel­lek­tuelle hatte sich in den 1970er Jahren als linker Kri­tiker der Sowjet­union einen Namen gemacht. Lange Zeit hat er sich auch deutlich gegen den Nomi­nal­so­zia­lismus und Kapi­ta­lismus gewandt. Dabei bewegte er sich aber, um gleich auch den zen­tralen Kri­tik­punkt anzu­sprechen, im Gedan­ken­ge­bäude des auto­ri­tären Sozia­lismus. So kri­ti­siert Bet­telheim in den 1970er Jahren die Sowjet­ge­sell­schaft vom mao­is­ti­schen Stand­punkt aus, unter­stützte einige Jahre die Kul­tur­re­vo­lution in China, bevor er in den 1980er Jahren mit den soge­nannten Neuen Phi­lo­sophen in China die auto­ri­tären Sozia­lis­mus­vor­stel­lungen selber einer kri­ti­schen Prüfung unterzog. Die aber suchten dann den Ausweg eben­falls nicht in anar­chis­ti­schen oder dis­si­denten kom­mu­nis­ti­schen Vor­stel­lungen, sondern wurden oft zu Ver­tei­di­ge­rInnen der Tota­li­ta­ris­mus­theorie und zu Apo­lo­ge­tInnen des Kapi­ta­lismus. Diese kri­tische Ent­wicklung kann man in den von Andreas Förster ins Deutsche über­setzten Bänden 3 und 4 von Bet­tel­heims Monu­men­talwerk »Die Klas­sen­kämpfe in der UdSSR« gut nach­ver­folgen.

Bet­tel­heims besondere Stärke waren seine pro­funden Kennt­nisse der öko­no­mi­schen Ver­hält­nisse in der Sowjet­union und den nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Staaten. Er argu­men­tierte nicht mora­lisch, sah den Wider­spruch zwi­schen Anspruch und Rea­lität in der nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Öko­nomie. Wer heute das nur noch anti­qua­risch erhält­liche, 1970 erschienene Buch »Öko­no­mi­sches Kalkül und Eigen­tums­formen« liest, bekommt eine gute Ein­führung in die präzise Argu­men­ta­ti­ons­weise von Bet­telheim. Dort weist er über­zeugend nach, dass es falsch ist, Sozia­lismus mit Plan­wirt­schaft und Ver­staat­li­chung und Kapi­ta­lismus mit Markt gleich­zu­setzen. Bet­telheim erklärt, dass die for­mal­ju­ris­tische Ebene noch keinen Auf­schluss über die realen Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nisse gibt und Staats­ei­gentum keine wirk­liche Ver­ge­sell­schaftung bedeute. Es können auch in einer ver­staat­lichen Öko­nomie kapi­ta­lis­tische Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nisse vor­herr­schen, so Bet­tel­heims Argu­mente, die sich auf Texte von Marx und Engels stützten.

graswurzelrevolution


417 märz 2017

http://​www​.gras​wurzel​.net/​4​1​7​/​o​k​t​o​b​e​r.php

Peter Nowak

Eine besondere Form von Staatskapitalismus

In den nun in der Buch­ma­cherei her­aus­ge­ge­benen Bänden 3 und 4 der »Klas­sen­kämpfe in der UDSSR« spitzt Bet­telheim seine Kritik am sowje­ti­schen Modell zu. Er bezeichnet es als einen Staats­ka­pi­ta­lismus, der wei­terhin auf Aus­beutung von Arbeits­kraft basiert. Dabei kann sich der Soziologe nicht nur auf Marx berufen, sondern auch auf Lenin. Der hat mehrmals erklärt, dass die Bol­schewiki in der Sowjet­union nicht den Sozia­lismus auf­bauen, sondern den Kapi­ta­lismus ent­wi­ckeln. Dabei argu­men­tierte er rein öko­no­misch. Nachdem alle anderen Räte­re­pu­bliken, die in den Jahren 1918 bis 1920 ent­standen waren, von den alten Mächten blutig zer­schlagen worden waren, war es natürlich absurd zu glauben, dass aus­ge­rechnet das kapi­ta­lis­tisch noch kaum ent­wi­ckelte Russland das Modell für den Aufbau des Sozia­lismus werden konnte. Wie weit die zen­tra­lis­ti­schen Revo­lu­ti­ons­vor­stel­lungen der Bol­schewiki diesen Versuch von Anfang an ver­un­mög­lichten, ist eine Streit­frage, die unter den linken Kri­ti­ke­rInnen der Ent­wicklung in der Sowjet­union (SU) seit 100 Jahren dis­ku­tiert wird. Für die Dis­kussion dieser Frage emp­fiehlt sich die Lektüre der beiden im Mehring-Verlag auf deutsch erschie­nenen Bände »Die Revo­lution der Bol­schewiki 1917« und »Das erste Jahr«, in denen die Ent­wicklung akri­bisch und mit viel Quel­len­ma­terial nach­ge­zeichnet wird.

Bet­telheim ana­ly­siert, wie mit der Eta­blierung eines beson­deren Typs von Staats­ka­pi­ta­lismus in der UdSSR die Arbei­te­rInnen mehr und mehr ent­machtete. Dabei macht er aber auch deutlich, dass dieser Prozess kei­neswegs rei­bungslos verlief und sich große Teile der bol­sche­wis­ti­schen Basis gegen diesen Kurs wehrten. Darin sieht Bet­telheim auch einen Grund für die Schau­pro­zesse und den Terror gegen Kom­mu­nis­tInnen der ersten Stunde, die sich bald mit anderen Kri­ti­ke­rInnen in den Gefäng­nissen wie­der­fanden. Bet­telheim zeigt in dem Buch auf, dass nach der Revo­lution die Macht der Arbei­te­rInnen enorm aus­ge­weitet worden war. Er sieht im Sta­li­nismus den großen Rollback am Werk, mit dem die Arbei­te­rInnen wieder zu Rädchen in der nun staats­ka­pi­ta­lis­ti­schen Maschine gemacht worden sind.

Seine Kennt­nisse der sowje­ti­schen Ver­hält­nisse und besonders der Öko­nomie zeigen sich da, wo Bet­telheim die Debatte über die Betriebs­lei­te­rInnen nach­zeichnet. Die hatten nach der Revo­lution massiv an Auto­rität ein­gebüßt. Statt­dessen haben die Arbei­ter­ko­mitees viel Ein­fluss gehabt. Der wurde immer mehr beschnitten, doch auch dieser Prozess war kei­neswegs linear. Es gab noch in den 1930er Jahren Wider­stand gegen die Ein­schränkung der Arbei­te­rIn­nen­rechte, auch in den Reihen der Bol­schewiki.

Klassengesellschaft neuen Typs

Dif­fe­ren­ziert betrachtet Bet­telheim auch die Stachanow-Bewegung. Dabei habe es sich zunächst um eine Initiative gehandelt, die bei Seg­menten der Fach­ar­bei­te­rInnen ent­standen ist, die die Mög­lich­keiten der Arbei­ter­In­nen­macht nutzten, die es nach der Okto­ber­re­vo­lution gegeben hat. Doch bald wurde diese Initiative von der Staats­partei ver­ein­nahmt und ver­fälscht. Auf einmal wurden überall Stachanow-Wett­be­werbe aus­ge­rufen, die meist kei­nerlei Erfolge brachten.

So wurde eine Initiative von Unten abge­würgt. Teile des Pro­le­ta­riats reagierten darauf all­er­gisch, weil damit die Arbeits­normen erhöht wurden. Bet­telheim kommt zu dem Schluss, dass die bol­sche­wis­tische Basis durchaus aus einem Teil der Fach­ar­bei­te­rInnen bestand. Es gab erfolg­reiche Kam­pagnen, um mehr Arbei­te­rInnen in die Partei auf­zu­nehmen. Aller­dings sei ein Teil der Neu­mit­glieder gleich in Funk­tio­närs­posten auf­ge­rückt und habe sich so von der pro­le­ta­ri­schen Her­kunft ent­fernt. Bet­telheim zeigt auch auf, dass das Nomen­kla­tura­system hier­ar­chisch gegliedert war und es unter­schied­liche Zugänge zu Ver­güns­ti­gungen aller Art gab. So bildete sich eine Klas­sen­ge­sell­schaft neuen Typs heraus. Ein Teil der alten Fach­ar­bei­te­rInnen wurde zur Nomen­klatura und beutete andere Arbei­te­rInnen aus, die oft erst aus der Land­wirt­schaft mehr oder weniger freilich abwan­derten. Die rigide Politik gegen die Bäue­rinnen und Bauern erinnert auch an die ursprüng­liche Akku­mu­lation im Kapi­ta­lismus, wo das Bau­ern­leben ein wich­tiger Bestandteil war. Diese Aspekte werden von Bet­telheim in klarer Diktion benannt. Sie werden für eine hof­fentlich kon­tro­verse Debatte sorgen.

Propaganda und Realität der Zwangsarbeit in der Sowjetunion

Ein­dringlich schildert Bet­telheim den Prozess der Her­aus­bildung des Fabrik­des­po­tismus der Zwangs­arbeit in der SU. Die mas­sen­hafte Ver­wendung von Zwangs­ar­bei­te­rInnen setzte in den Jahren 1930 und 1931 beim Bau des Kanals zwi­schen der Ostsee und dem Weißen Meer ein. »Sei­ner­seits wird die Erfüllung dieser Arbeit von gewissen sowje­ti­schen Schrift­stellern als Epos dar­ge­stellt, aber sie schwiegen über die viele Toten, die es auf dieser und auf so vielen anderen Bau­stellen gegeben hat«, kri­ti­siert Bet­telheim Schrift­steller wie Gorki. Die offi­zielle Par­tei­ge­schichte zitiert Bet­telheim mit dieser Apo­logie der Zwangs­arbeit: »Der gran­diose Sieg des Sozia­lismus an allen Fronten macht die breite Beschäf­tigung der Arbeits­kraft von Kri­mi­nellen in der Haupt­straße des sozia­lis­ti­schen Aufbaus möglich. Mit dem Ein­tritt der UdSSR in die Periode des Sozia­lismus ist die Mög­lichkeit der Anwendung von Straf­maß­nahmen durch Zwangs­arbeit unendlich ange­wachsen.« Kein erklärter Anti­kom­munist hätte die Idee des Sozia­lismus mehr per­ver­tieren können, als die Ver­fas­se­rInnen dieser Zeilen.

Von den neuen Philosophen kontaminiert

Das Erschrecken über die Erkenntnis, einen Sozia­lis­mus­modell ange­hangen zu haben, das sich selber damit preist, die Mög­lich­keiten der Zwangs­arbeit unendlich aus­ge­weitet zu haben, hat wohl dazu bei­getragen, dass in den 1980er Jahren manche der ex-sta­li­nis­ti­schen und exmao­is­ti­schen Intel­lek­tu­ellen zu Apo­lo­ge­tInnen des Kapi­ta­lismus geworden sind. Leider ist auch das Buch vor allem im letzten Teil von diesen soge­nannten Neuen Phi­lo­so­phInnen kon­ta­mi­niert, die ein Loblied auf den freien Westen und die Seg­nungen des Kapi­ta­lismus singen. Warum soll das Buch trotz dieser Kritik zur Lektüre emp­fohlen werden?

Zunächst domi­niert Bet­tel­heims Kritik am Nomi­nal­so­zia­lismus und der öko­no­mische Nachweis, dass der mit Marx nichts zu tun hatte, den Hauptteil des Buches. Er tritt überall dort in die Fallen des Tota­li­ta­rismus, wo er statt dieser kri­ti­schen Analyse einen all­ge­meinen Rund­um­schlag in die Welt­po­litik wagt. Zudem kann man am Bei­spiel von Bet­telheim sehen, wie kurz der Weg vom auto­ri­tären Sozia­lismus zur Apo­logie der freien Welt ist, wenn man räte­kom­mu­nis­tische und anar­chis­tische Ansätze aus­blendet.

Bei Bet­telheim wird das Adjektiv »anar­chis­tisch« selten ver­wendet, wenn doch, dann im bür­ger­lichen, fal­schen Sinn als chao­tische Situation. Dabei werden von Bet­telheim mit Victor Serge und Ante Ciliga auch zwei Zeit­zeugen des Über­gangs der Okto­ber­re­vo­lution zum Zwangs­system als Quellen zitiert, die sich zumindest zeit­weise als Anar­chisten ver­standen haben. Wobei aller­dings bei Ciliga nicht uner­wähnt bleiben soll, dass er ab Ende der 1930er mit dem faschis­ti­schen Ustascha-Régime kol­la­bo­rierte und noch in den letzten Monaten des NS-Regimes nach Deutschland reiste.

Das ent­wertet nicht seine Kritik am Sta­li­nismus, die er in seinem 1936 ver­öf­fent­lichten Buch »Im Land der ver­wir­renden Lüge« ver­öf­fent­lichte. Es wurde 2010 eben­falls im Verlag »Die Buch­ma­cherei« wieder auf­gelegt. Die Bio­graphie Ciligas zeigt auch, wie not­wendig eine scho­nungslose Kritik nicht nur gegenüber den Apo­lo­ge­tInnen des auto­ri­tären Sozia­lismus ist. Auch dessen Kri­ti­ke­rInnen können auf unter­schied­lichen rechten Abwegen landen.

Peter Nowak

Gegen die Ideologie des innerstaatlichen Burgfriedens