»Nicht aufmuksen«

»Georbeit’ hamma viel.« Dieser Satz ist der rote Faden der 1988 von der öster­rei­chi­schen His­to­ri­kerin Ingrid Bauer ver­öf­fent­lichten Studie über die Ziga­ret­ten­ar­bei­te­rinnen im Städtchen Hallein im Salz­burger Land. Der Verlag »Die Buch­ma­cherei« hat mit der Neu­auflage ein Zeit­do­kument der Frau­en­geschichte wieder zugänglich gemacht. Im Zentrum von Bauers Inter­views stehen 18 Frauen aus Hallein. Zwölf von ihnen ­haben von 1921 bis zur Schließung 1940 in der Ziga­ret­ten­fabrik ge­arbeitet. Die in öster­rei­chi­schem Dialekt belas­senen Inter­view­pas­sagen und die Erläu­te­rungen von Bauer ermög­lichen einen Ein­blick in das ­Leben einer Frau­en­gene­ration, das haupt­sächlich aus Unter­ordnung, Demut und viel Arbeit bestand. Schon in jungen Jahren mussten sie zu Hause mit anpacken und sich später als Bedienstete bei reichen Leuten ver­dingen. Daher emp­fanden viele die ­Arbeit in der Ziga­ret­ten­fabrik als Befreiung. In den Gesprächen wird der Stolz deutlich, für ihre Arbeit ent­lohnt zu werden und sich mit ihren Kol­le­ginnen aus­tau­schen zu können. Dabei ging es auch um damals tabui­sierte Themen wie Schwan­ger­schafts­ver­hütung. Noch 50 Jahren später ­erinnern sich die Frauen an kleine Akte der ­Soli­da­rität in der Fabrik und als Höhe­punkt an den kurzen Streik ­gegen den Aus­tro­fa­schismus 1934. Es war ein kurzes Inter­mezzo des Wider­stands. Die Zusam­men­arbeit des Unter­nehmens mit dem national­sozialistischen Régime ist gut doku­men­tiert. Wurden die Frauen in den Inter­views jedoch dazu befragt, seien sie aus­ge­wichen, so Bauer. »Nicht auf­muksen« war die Devise. Eine der wenigen Aus­nahmen ist die kom­mu­nis­tische Gewerk­schaf­terin Agnes Pri­mocic, über deren ­wider­stän­diges Leben ein Doku­men­tarfilm infor­miert, der auf einer DVD dem Buch bei­gelegt ist.

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Peter Nowak

Ingrid Bauer, Tschik­weiber haus uns g‘nennt…«, Die Ziga­ret­ten­ar­bei­te­rinnen von Hallein, Die Buch­ma­cherei Berlin 2015, 325 Seiten, 20 Euro, ISBN: 978–3‑00–049940‑1