Soros und der israelbezogene Antisemitismus

Warum gibt es in Deutschland wenig Empörung, wenn die Soros-Stiftung aus einem EU-Land ver­trieben wird?

Die Soros-Stiftung hat vor einigen Tagen in Berlin ihre Arbeit auf­ge­nommen, nachdem sie in Ungarn wegen stän­diger Anfein­dungen nicht mehr arbeiten konnte. Eigentlich hätte die Meldung für Schlag­zeilen sorgen müssen. Denn damit hatte eine maß­geblich von der rechten unga­ri­schen Regierung insze­nierte Kam­pagne Erfolg.

In Ungarn war der jüdische Holo­caust-Über­le­bende zum Staatsfend Nr.1 erklärt worden. Die Regierung ver­ab­schiedete zahl­reiche Gesetze, um die libe­ralen Vereine zu ilie­ga­li­sieren. Im Juni etwa hatte das das Par­lament in Budapest ein »Stop-Soros«-Gesetz ver­ab­schiedet. Dem­zu­folge werden unter anderem Flücht­lings­helfer mit Gefäng­nis­strafen bedroht. Andere Gesetze rich­teten sich zuletzt gegen die von Soros finan­zierte Central European Uni­versity, die aller­dings weiter in Budapest bleiben soll. Es stellte sich schon die Frage, warum die Ver­treibung einer libe­ralen Insti­tution durch eine anti­se­mi­tische Kam­pagne in Deutschland nicht mehr Empörung her­vorruft? Schließlich reagiert man doch sehr sen­sibel auf jede anti­se­mi­tische Äußerung, wenn sie von paläs­ti­nen­si­scher oder ara­bi­scher Seite kommt.

Wie der Anti­se­mi­tis­mus­diskurs ver­schoben wurde

Der Grund, warum die Ver­treibung der Soros-Insti­tu­tionen aus Ungarn wenig Resonanz erzeugte, liegt in einer Ver­schiebung des Anti­se­mi­tis­mus­be­griffs. Der Fokus liegt auf den israel­be­zo­genen Anti­se­mi­tismus. Tat­sächlich war es richtig, diese Kate­gorie ein­zu­führen. Israel war zum »Juden unter den Völkern« geworden und wurde wie diese dif­fa­miert und dele­gi­ti­miert. Es gibt heute noch immer wieder Bei­spiele, wo eine ver­meint­liche Kritik an der Politik der israe­li­schen Regierung zu einem Gene­ral­an­griff auf den Staat Israel wurde.

Doch neben dem israel­be­zo­genen Anti­se­mi­tismus gab und gibt es in Deutschland den klas­si­schen Anti­se­mi­tismus, der sich im Res­sen­timent gegen reiche Ban­kiers und jeden Kos­mo­po­liten richtet, die angeblich kein Vaterland haben und die Nationen zer­stören wollen. So wurde den Soros-Ein­rich­tungen von der unga­ri­schen Regierung vor­ge­worfen, mit der Unter­stützung von mos­le­mi­schen Migranten zur Zer­störung des christ­lichen Europa bei­zu­tragen.

Das ist auch ein wich­tiges Element der derzeit in West­europa domi­nanten rechten Strö­mungen. Sie gehen sich betont israel­freundlich, was sie nicht selten mit Israel­fahnen beweisen wollen (Die Rechte und die Isra­el­so­li­da­rität [1]). Sie sehen Israel als Vor­posten im Kampf gegen den Islam. Soros und seine Unter­stützer hin­gegen sind für sie typische Ver­treter von libe­ralen Kos­mo­po­liten, die sich in aller Welt für Men­schen­rechte ein­setzen und sich die Natio­na­listen aller Länder zum Feind machen.

Das anti­se­mi­tische Topoi von den »wur­zel­losen Kos­mo­po­liten« ist ein wich­tiger Bestandteil aller Natio­na­lismen auch derer, die sich links tra­pieren. Das zeigte sich in der Sta­linära, in der die anti­na­tionale Pro­gram­matik der Bol­schewiki, die als Teil des linken Flügels der euro­päi­schen Arbei­ter­be­wegung kein Vaterland kannte, buch­stäblich liqui­dierte. Viele der Expo­nenten dieses inter­na­tio­na­lis­ti­schen Flügels wurden ver­folgt, in Lager ver­bannt, nicht wenige hin­ge­richtet. Gleich­zeitig wurde in der Sta­linära der groß­rus­sische Natio­na­lismus wieder reak­ti­viert. Diese Ent­wicklung beschreibt Isaac Deut­scher [2] in seiner Stalin-Bio­graphie [3], die auch nach 50 Jahren noch lesenswert ist.

Der Topos vom wur­zel­losen Kos­mo­po­liten ist in der Geschichte des Anti­se­mi­tismus fest ver­ankert und wird im Fall Soros noch von einer anti­se­mi­tisch grun­dierten Kapi­ta­lis­mus­vor­stellung ergänzt. Da stellt sich schon die Frage, warum es nicht mehr Empörung gibt, wenn ein solches Pro­gramm im EU-Land Ungarn von der Regierung in Gesetze gegossen wird. Warum schweigt dazu auch die israe­lische Regierung? Bei einem Besuch Orbans in Israel wurde der unga­rische Premier von seinem Kol­legen Net­anyahu als Freund emp­fangen. Und warum gelingt es Rechten überall in Europa, Orban zu kopieren? Sie gerieren sich als die besten Freunde Israels und bekämpfen umso vehe­menter gegen Soros und die angeblich von ihm beein­flussten Insti­tu­tionen.

Für Anti­se­mi­tis­mus­kri­tiker sollte es nicht schwer sein zu erklären, dass sie damit klas­si­schen Anti­se­mi­tismus prak­ti­zieren, der eben auf Israel bezogen ist, sondern eben die alten Topoi vom wur­zel­losen Juden bedient. Das war ja der vor­herr­schende Anti­se­mi­tismus vor der Gründung Israels. Vorher gab es schon den christ­lichen Anti­se­mi­tismus, in dem Juden als Jesus-Mörder gebrand­markt wurden. Auch den gibt es noch in Teilen des ultra­kon­ser­va­tiven christ­lichen Milieus. Nur ist er nicht mehr der domi­nante Strang, sondern wurde von den Topoi des jüdi­schen Kos­mo­po­liten und Ban­kiers überholt und in den letzen Jahren vom israel­be­zo­genen Anti­se­mi­tismus.

Warum ist fast nur noch von israel­be­zo­genen Anti­se­mi­tismus die Rede?

Wenn in Deutschland und den meisten EU-Ländern in der letzten Zeit von Anti­se­mi­tismus geredet wird, ist fast nur noch vom letz­teren die Rede. Denn damit kann man im Zweifel die Linke treffen. Das ist in Groß­bri­tannien besonders deutlich, wo Corbyn Pre­mier­mi­nister werden könnte, der zurück zur Sozi­al­de­mo­kratie der 1970er Jahre will. Dass kann man mit Recht als illu­sionär kri­ti­sieren, wie auch seinen tra­di­tio­nellen Anti­zio­nismus, wo er wohl wenig Berüh­rungs­ängste zu regres­siven paläs­ti­nen­si­schen Orga­ni­sa­tionen wie der Hamas hatte. Ihn aber nun zu einer Bedrohung für das jüdische Leben in Groß­bri­tannien zu sti­li­sieren, ist nur poli­tisch zu ver­stehen. Man will eben Corbyn als Pre­mier­mi­nister ver­hindern.

In Deutschland hat die fast aus­schließ­liche Kon­zen­tration auf den israel­be­zo­genen Anti­se­mi­tismus die Funktion, sich als Welt­meister in Geschichts­be­wusstsein feiern zu können. Schließlich gehört das Bekenntnis zu Israel zur Staats­raison, was die Poli­tiker aller Par­teien immer wie­der­holen. Anti­se­mi­tisch sind dann nur die­je­nigen, die bei­spiels­weise zu Boy­kott­ak­tionen israe­li­scher Waren auf­rufen. Tat­sächlich handelt es sich hier oft um einen regres­siven Anti­zio­nismus, der wenig Trenn­schärfe zum Anti­se­mi­tismus hat. Doch es wäre falsch, diese Dif­fe­ren­zierung zu ver­gessen. Man kann da dem Sozi­al­wis­sen­schaftler und Publi­zisten Micha Brumlik nur zustimmen, der, obwohl erklärter BdS-Kri­tiker, in der Taz warnte [4]: »Die Antwort auf Judenhass darf nicht die Neu­auflage des McCar­thy­ismus sein.« Brumlik führt einige Bei­spiele für den Bei­spiele für den neuen McCar­thy­ismus auf.

Für eine Anti­se­mi­tis­mus­kritik, die nicht von Rechts instru­men­ta­li­siert werden kann

Die Schärfung bzw. die Aktua­li­sierung einer eman­zi­pa­tiven Anti­se­mi­tis­mus­kritik ist umso dring­licher, weil die Rechten unter­schied­lichen Couleur längst als besonders eifrige Vor­kämpfer gegen den israel­be­zo­genen Anti­se­mi­tismus her­vor­treten. Sie sprechen von einem impor­tierten Anti­se­mi­tismus und meinen damit die ara­bische Migranten.

Da nun mal in Israel zwei Bevöl­ke­rungs­gruppen, Juden und Paläs­ti­nenser, um das das gleiche Ter­ri­torium streiten, sind sie es dann, die als Träger des israel­be­zo­genen Anti­se­mi­tismus gebrand­markt werden. Das kann dann auch Gruppen und Men­schen pas­sieren, die für sich für einen gemein­samen Staat aller dort lebenden Men­schen ein­setzen. Dabei ist dies For­derung nicht anti­se­mi­tisch, wenn dahinter eine linke Utopie steht, nach der eben nicht Ethnie und Nation das Leben der Men­schen bestimmen sollen. Es muss nur klar sein, dass die Umsetzung einer solchen For­derung nur möglich ist, wenn auch der isla­mis­tische und pan­ara­bische Anti­se­mi­tismus über­wunden wird. Beide müssen auch schon hier und heute benannt und bekämpft werden.

Nun haben die ver­schie­denen rechten Gruppen an einer staats­über­win­denden Utopie kein Interesse. Sie stellen sich hinter Israel, weil sie es als Modell eines Natio­nal­staats sehen. »Die Rechts­ex­tremen ver­suchen sich Israel anzu­biedern – und werden von Netanjahu ja nicht gerade abge­lehnt, siehe Orban. Man kann gleich­zeitig anti­se­mi­tisch sein und sich Israel anbiedern, um damit wieder mög­lichst anti­mus­li­misch zu sein«, hat Ruth Beckermann, die Regis­seurin des kürzlich auch in deut­schen Kinos ange­lau­fenen Films »Wald­heims Walze« [5] in einem Taz-Interview [6] erklärt. Viele derer, die sich jetzt als Freunde Israels gerieren, haben in den 1980er Jahren auf die inter­na­tionale Kritik an Wald­heims NS-Ver­gan­genheit mit anti­se­mi­ti­schen Aus­fällen reagiert, wie der Film zeigt [7].

Sogar ein Rechts­ter­rorist wie Anders Breivig hat bei seinem Mas­saker bewusst das Camp einer sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Jugend­or­ga­ni­sation gewählt, die auch über den Israel­boykott dis­ku­tierte. In dem kürzlich auch in Deutschland ange­lau­fenen Film Utoya 22. Juli [8] erleben wir noch einmal 72 Minuten Faschismus in Aktion mit. Was oft ver­gessen wird: Breivig kommt aus der Strömung der Ultra­rechten, die sich hinter Israel stellen. Sein Anti­se­mi­tismus richtete sich gegen die Kul­tur­mar­xisten der Frank­furter Schule.

Die Nor­ma­li­sierung der legi­timen Soros-Kritik

Es ist also in der Zeit, auch die heute weit­gehend ver­ges­senen Ele­mente des Anti­se­mi­tismus wieder stärker in den Fokus zu nehmen. Jörn Schulz hat in Jungle World her­aus­ge­ar­beitet [9], wie diese Version des Anti­se­mi­tismus gerade nach der Ban­ken­krise in allen Ländern ange­wachsen ist:

Wur­zel­loser Kos­mo­po­li­tismus und jüdische Zer­set­zungs­arbeit – diese Klas­siker des Anti­se­mi­tismus sind bereits bis weit ins kon­ser­vative Milieu hinein anschluss­fähig. In Deutschland ist die Hemm­schwelle noch zu hoch, als dass die CSU, die mit großer Mehrheit zu Orban hält und immer stärker zu dessen »illi­be­raler Demo­kratie« ten­diert, sie selbst offen pro­pa­gieren würde. Ähn­liches gilt für die popu­lis­tische und hei­mat­treue Linke, deren Kritik am »Glo­ba­lismus« sich bislang meist in einer dif­fusen kul­tur­kämp­fe­ri­schen Eli­ten­kritik erschöpft. Nach aller his­to­ri­schen Erfahrung ist jedoch zu erwarten, dass die Nor­ma­li­sierung der »legi­timen Soros-Kritik« die Hemm­schwelle weiter sinken lassen wird.

Jörn Schulz

Dieser Nor­ma­li­sierung einer anti­se­mi­tisch grun­dierten Soros-Kritik ent­ge­gen­zu­treten, müsste ebenso die Aufgabe einer eman­zi­pa­to­ri­schen Bewegung sein, wie die Zurück­weisung jeg­licher Dele­gi­ti­mierung Israels.

Peter Nowak

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[2] http://​www​.rosa​-luxemburg​-club​.de/​f​i​l​e​a​d​m​i​n​/​r​l​s​_​u​p​l​o​a​d​s​/​p​d​f​s​/​9​7​_​8​_​B​e​r​g​m​a​n​n.pdf
[3] http://www.socialiststories.com/liberate/Stalin%20-%20Isaac%20Deutscher.pdf
[4] http://​www​.taz​.de/​!​5​5​2​1294/
[5] http://​www​.the​wald​heim​waltz​.com/​d​e​/​home/
[6] http://​www​.taz​.de/​R​e​g​i​s​s​e​u​r​i​n​-​u​e​b​e​r​-​R​e​c​h​t​e​-​i​n​-​O​e​s​t​e​r​r​e​i​c​h​/​!​5​5​3​7913/
[7] http://​www​.spiegel​.de/​k​u​l​t​u​r​/​k​i​n​o​/​w​a​l​d​h​e​i​m​s​-​w​a​l​z​e​r​-​e​i​n​-​m​a​n​n​-​e​i​n​-​t​i​s​c​h​-​e​i​n​e​-​f​a​h​n​e​-​d​o​k​u​-​u​e​b​e​r​-​k​u​r​t​-​j​o​s​e​f​-​w​a​l​d​h​e​i​m​-​a​-​1​2​3​1​4​9​1​.html
[8] https://​www​.imdb​.com/​t​i​t​l​e​/​t​t​7​9​5​9216/
[9] https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​8​/​3​9​/​d​i​e​-​k​r​i​s​e​-​d​e​r​-​v​e​r​n​unftl

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Mit Druck und Drohungen für und gegen Israel?

Nun hat sich das Kampffeld auf die Kul­tur­in­dustrie erweitert

Bisher konnte man davon aus­gehen, dass Kon­zert­ab­sagen von Bands per­sön­lichen oder wirt­schaft­lichen Gründen geschuldet sind. Doch in letzter spielt dabei auch der Nah­ost­kon­flikt zunehmend eine Rolle. So sagten beim Berlin-Pop-Festival[1] Ende August einige Bands ab, weil die israe­lische Botschaft[2] die Rei­se­kosten der israe­li­schen Künst­lerin Riff Cohen bezu­schusst hat.

Der Boykott ist ein Bei­spiel für eine regressive Israel­kritik und wurde so zu Recht scharf kri­ti­siert. Schließlich wurde kein anderes Land, sondern aus­schließlich Israel an den Pranger gestellt. Und es grenzt tat­sächlich an Anti­se­mi­tismus, wenn im Land der Shoah die Teil­nahme israe­li­scher Künst­le­rinnen und Künstler und die Unter­stützung durch eine Behörde ihres Landes skan­da­li­siert wird.

Durch die Absage der Künstler wurde auch die BDS-Kampagne[3] einer grö­ßeren Öffent­lichkeit bekannt. Das Kürzel bedeutet Boykott, Des­in­ves­tionen und Sank­tionen und steht für ein welt­weites Bündnis, die die israe­lische Regierung mit diesen Mitteln unter Druck setzen wollen und sich auf einen Aufruf[4] der paläs­ti­nen­si­schen Zivil­ge­sell­schaft bezieht.

Das Bündnis ist ein­deutig pro-paläs­ti­nen­sisch und stellt sich im Kon­flikt zwi­schen Israel und den ara­bi­schen Ländern klar auf einer Seite. Men­schen­rechts­ver­let­zungen im Gaza und der Westbank werden dort ebenso wenig öffentlich doku­men­tiert, wie die Ter­ror­ak­tionen von isla­mis­ti­schen, aber auch ara­bisch-natio­na­lis­ti­schen Gruppen gegen Israelis.

Wie aus einem Rei­se­zu­schuss für eine israe­lische Künst­lerin eine israe­lische Unter­stützung wurde

Die BDS-Kam­pagne hat mit einen Offenen Brief[5] an die Betei­ligten des Ber­liner Pop-Fes­tivals die Absagen zu ver­ant­worten. Dass sie dabei auch mit Falsch­mel­dungen arbeite, zeigt die nach­träg­liche Richtigstellung[6].

Wir haben geschrieben: »Das Kultur- und Music Fes­tival ‚Pop Kultur‘, das Ende August in Berlin statt­findet, wird von der israe­li­schen Bot­schaft mit­or­ga­ni­siert.« Das ist falsch. Richtig ist, dass die Kul­tur­ab­teilung der israe­li­schen Bot­schaft dem Fes­tival Pop Kultur 2017 500 Euro als Rei­se­kos­ten­zu­schuss für Künstler*innen zur Ver­fügung gestellt hat und daher auf der Web­seite des Fes­tivals gelistet ist, wie alle anderen Kultur-Partner auch.

BDS-Kam­pagne

Wenn es gegen Israel geht, nimmt man es mit der Wahrheit nicht so genau

Diese Kor­rektur nach der großen öffent­lichen Auf­merk­samkeit, die die BDS-Kam­pagne durch den Rückzug zahl­reicher Künst­le­rinnen und Künstler von dem Pop-Fes­tival aus­gelöst hatte, müsste für die BDS-Orga­ni­sa­toren Anlass einer Kritik ihrer Prä­missen sein. Denn die Fak­tenlage hat sich nicht geändert. Wie konnte aus einem Rei­se­zu­schuss für eine israe­lische Künst­lerin eine Mit­or­ga­ni­sation des Fes­tivals durch die israe­lische Bot­schaft werden?

Und warum fiel den BDS-Orga­ni­sa­toren erst jetzt auf, dass viele andere Künstler auch von staat­lichen Insti­tu­tionen »ihrer Länder« Zuschüsse für die Rei­se­kosten bekommen haben? Wird hier nicht die der BDS-Kam­pagne unter­stützte Dis­kri­mi­nierung und Dämo­ni­sierung Israels deutlich? Und warum haben die Orga­ni­sa­toren die Rich­tig­stellung nicht mit einer Ent­schul­digung und dem klaren Rückzug des Boykott-Aufrufs ver­bunden?

Das wäre doch eigentlich die logische Kon­se­quenz ihrer Fest­stellung, dass sie eine Fake-News einer angeb­lichen Mit­or­ga­ni­sation der israe­li­schen Bot­schaft ver­breitet haben. Auf dieser Grundlage haben einige Bands ihre Teil­nahme abgesagt. Schließlich war die angeb­liche Mit­or­ga­ni­sation der israe­li­schen Bot­schaft die zen­trale Aussage des Aufrufs.

»Beenden Sie die Part­ner­schaft mit der israe­li­schen Bot­schaft«, heißt es dort[7]. Die For­derung konnte gar nicht ein­gelöst werden, weil es diese Part­ner­schaft nie gab.

Eine Band hat all­gemein gesagt, dass sie sich wegen der durch den Boy­kott­aufruf aus­ge­lösten Debatte um das Fes­tival zurück­ge­zogen hat. Doch diese Kon­se­quenz, ihren Aufruf zurück­zu­ziehen und um Ent­schul­digung für ihre Falsch­aus­sagen und die Folgen zu bitten, sucht man in der BDS-Erklärung ver­geblich. Die lapi­daren Sätze der Rich­tig­stellung zeigen, dass ent­weder die Orga­ni­sa­toren die Trag­weite der Folgen nicht begriffen habe, die ihre Falsch­aus­sagen aus­gelöst haben oder es ist ihnen schlicht egal.

Wenn es gegen Israel geht, nimmt man es mit der Wahrheit nicht so genau. Da wird ein Rei­se­zu­schuss für eine israe­lische Künst­lerin gleich zu einem Fes­tival, an dem die israe­lische Bot­schaft beteiligt ist. Dieser laxe Umgang mit der Wahrheit und die feh­lende Bereit­schaft, die Prä­missen der eigenen Arbeit selbst­kri­tisch zu hin­ter­fragen, waren dann auch der Anlass, dass der Gegenwind gegen die BDS-Kam­pagne wuchs.

In meh­reren Städten wie Frankfurt/​Main und München wurden ihr städ­tische Räume ver­weigert. Auch Linke wie Jutta Dit­furth positionierten[8] sich klar gegen die BDS-Kam­pagne. Weniger bekannt ist das sehr dif­fe­ren­zierte Grundsatzpapier[9] der Öko­lo­gi­schen Linken zum Israel-Palästina-Kon­flikt.

Ist die BDS-Kam­pagne anti­se­mi­tisch?

Denn so berechtigt die Kritik an der BDS-Kam­pagne ist, so ver­kürzt ist es, sie pau­schal als anti­se­mi­tisch zu bezeichnen. Das wird der Tat­sache nicht gerecht, dass an der Kam­pagne weltweit sehr unter­schied­liche Men­schen mit sehr unter­schied­lichen Moti­va­tionen beteiligt sind. Der BDS-Kri­tiker Micha Brumlik, ist einer der wenigen, der hier sehr klar zu dif­fe­ren­zieren in der Lage ist.

Er ver­tei­digte bei­spiels­weise die Adorno-Preis­trä­gerin Judith Butler gegen den Vorwurf des Antisemitismus[10] . Heute wird das Adjektiv »anti­se­mi­tisch« im Zusam­menhang mit der BDS-Kam­pagne sehr frei­giebig ver­wendet und oft nicht einmal mehr begründet. So hat man den Ein­druck, bei der Eti­ket­tierung wird von­ein­ander abge­schrieben.

Die Mühe, die sich vor einigen Jahren noch die Kri­tiker der BDS-Kam­pagne gemacht haben, ihre Beur­teilung nach­voll­ziehbar zu machen, unter­bleibt. Das ist auch einem Schwarz-Weiß-Denken auf beiden Seiten geschuldet. Warum soll es nicht möglich sein, die BDS-Kam­pagne zu kri­ti­sieren, ohne sie gleich als anti­se­mi­tisch zu eti­ket­tieren?

Tat­sächlich gibt es bei der BDS-Kam­pagne starke Anleihen an einem regres­siven Anti­zio­nismus, der offene Flanken zum Anti­se­mi­tismus hat. Des­wegen sind nicht alle Men­schen, die diese Kam­pagne unter­stützen Anti­se­miten. Diese Dif­fe­ren­zierung hat Kon­se­quenzen bei der Behandlung der Men­schen, die die BDS-Kam­pagne unter­stützen.

Künst­lerin wurde unter Druck gesetzt, weil sie angeblich BDS-Kam­pagne unter­stützt

Das zeigte sich im Umgang mit der Rap­perin Kate Tempest[11]. Sie war schon für einen Gig in der Volks-Bühnen-Dependance[12] am ehe­ma­ligen Flug­hafen Tem­pelhof in Berlin gebucht, als sie sich zur Absage des Kon­zerts ent­schlossen. Der Grund liegt im Streit um den Umgang mit Israel.

Die Ber­liner Zeitung schreibt[13] über die Absage der Künst­lerin:

Tem­pests Absage ist doppelt schade und zugleich sym­pto­ma­tisch für das erheb­liche kul­tur­po­li­tische Stör­po­tenzial, dass die BDS-Akti­vi­täten inzwi­schen auch für den hie­sigen Kul­tur­be­trieb dar­stellen.

Ber­liner Zeitung
Doch diese Dar­stellung ist zumindest irre­führend. Denn tat­sächlich ging der Absage von Tempest mas­siver Druck auf die Künst­lerin voraus, dieses Mal von Kri­tikern der BDS-Kampagne[14]:

Wie aus einer Pres­se­mit­teilung der Volks­bühne her­vorgeht, ver­öf­fent­lichte ihr Management fol­gendes Statement: »Wir erhalten wei­terhin per­sön­liche Dro­hungen via E-Mail oder sozialer Netz­werke und das ist keine akzep­table Umgebung, um unser Konzert zu prä­sen­tieren. Kate will in einer der­artig aggres­siven Atmo­sphäre nicht auf­treten und ich will kein wei­teres Risiko über ihre mentale Gesundheit oder die Sicherheit unseres Teams ein­gehen.« 

Gegenüber der Zeit[15] erklärte die Künst­lerin: »Ich möchte klar­stellen, dass ich über die Hand­lungen der israe­li­schen Regierung gegen die paläs­ti­nen­sische Bevöl­kerung ent­setzt bin. Ich habe lange darüber nach­ge­dacht und mich, gemeinsam mit vielen anderen Künst­le­rinnen und Künstlern, die ich respek­tiere, als Akt des Pro­testes dem kul­tu­rellen Boykott ange­schlossen. Ich bin eine Person jüdi­scher Abstammung und zutiefst von den Vor­würfen, ich würde eine anti­se­mi­tische Orga­ni­sation unter­stützen, ver­letzt. Die israe­lische Regierung ist nicht die einzige Stimme des Judentums. Dieser Auf­tritt war dazu gedacht, darauf auf­merksam zu machen, welchen Horror Migran­tinnen und Migranten auf der Suche nach einem bes­seren Leben durch­machen müssen und Soli­da­rität mit ihnen als Men­schen zu zeigen und ich bin darüber ent­täuscht, dass daraus ein poli­ti­scher Spielball gemacht wurde. Ich bedauere, dass ich den Auf­tritt abgesagt habe, aber ich hatte das Gefühl, dass es weder ein ange­mes­sener noch ein sicherer Rahmen für mich wäre, meine Kunst zu prä­sen­tiere.«

laut.de[16]

Das war eine sehr dif­fe­ren­zierte Stel­lung­nahme, die die BDS-Kri­tiker zur Kenntnis nehmen sollten, denen es wirklich um den Kampf gegen Anti­se­mi­tismus geht. Denn es gibt neben den von ihnen mit Recht her­aus­ge­stellten israel­be­zo­genen Anti­se­mi­tismus wei­terhin den gegen Linke, Anti­na­tionale und Kos­mo­po­liten.

Vor allem der Teil der Rechten, die Israel als Vor­posten des Kampfes gegen den Isla­mismus schätzen gelernt hat, kon­zen­triert sich bei ihren Anti­se­mi­tismus jetzt auf die Hetze gegen israel­kri­tische Jüdinnen und Juden. Daher wäre es ange­bracht, wenn diese BDS-Kri­tiker sich klar von der Hetze gegen Tempest distan­zieren würden.

Die Taz hat da auch Ross und Reiter genannt[17] bei­spiels­weise den Ber­liner SPD-Jung­po­li­tiker Sercan Aydilek. Er wird mit diesem Twitter-Posting[18] an Tempest zitiert: »Jetzt weißt du, dass dein Dreck in Berlin nicht will­kommen ist.«

Jetzt sollten die BDS-Kri­tiker Aydilek deutlich machen , dass er mit diesen Statement seinen eigenen Grundsatz »Gegen jeden Anti­se­mi­tismus«, selber nicht gerecht geworden ist und eine Ent­schul­digung fällig wäre.

Eine andere Kritik der BDS-Kam­pagne ist möglich

Dass man eine Kritik am regres­siven Anti­zio­nismus auch ohne Dif­fa­mierung der Gegner führen kann, zeigte die kleine Basis­ge­werk­schaft Wooblies[19]. Sie erstellte ein Dossier[20]. Dort zeigte sie auf, wieso die trans­na­tional arbei­tende Gewerk­schaft die BDS-Kam­pagne einst unter­stützte und wo die Kri­tik­punkte liegen.

Dabei machte sie auch deutlich, dass kri­tische Artikel[21] den internen Dis­kus­si­ons­prozess beför­derten. Die Ver­fasser kommen zu dem Schluss, dass es die Aufgabe einer Gewerk­schaft nicht sein kann, Aus­schlüsse und Spal­tungen durch Boy­kott­aufrufe, die sich in einem natio­nalen Kon­flikt ein­seitig auf eine Seite stellen, zu befördern.

Vielmehr müsste es konkret für die Region Israel/​Palästina darum gehen, Orga­ni­sa­tionen und Gewerk­schaften zu unter­stützen, die Lohn­ab­hängige bina­tional orga­ni­sieren und gemeinsam im Kampf für bessere Arbeits­be­din­gungen und bessere Löhne unter­stützen.

Ein solche Ori­en­tierung schließt natürlich auch eine Absage ein an jede Unter­stützung der Politik der israe­li­schen Regierung wie jeder Staats- und Regie­rungs­in­ter­essen. Es wäre zu wün­schen, wenn sich die BDS-Kri­tiker an den Umgang der Woo­blies mit der The­matik ein Bei­spiel nehmen würden und nicht ihrer­seits zu Druck und Belei­di­gungen greifen würden.

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Peter Nowak
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[3] http://​bds​-kam​pagne​.de
[4] http://​bds​-kam​pagne​.de/​a​u​f​r​u​f​/​a​u​f​r​u​f​-​d​e​r​-​p​a​l​s​t​i​n​e​n​s​i​s​c​h​e​n​-​z​i​v​i​l​g​e​s​e​l​l​s​c​haft/
[5] http://​bds​-kam​pagne​.de/​2​0​1​7​/​0​8​/​1​5​/​o​f​f​e​n​e​r​-​b​r​i​e​f​-​a​n​-​a​l​l​e​-​b​e​t​e​i​l​i​g​t​e​n​-​g​r​u​p​p​e​n​-​a​u​s​-​u​k​-​a​m​-​b​e​r​l​i​n​-​p​o​p​-​k​u​l​t​u​r​-​2​0​1​7​-​f​e​s​t​ival/
[6] http://​bds​-kam​pagne​.de/​2​0​1​7​/​0​8​/​1​7​/​r​i​c​h​t​i​g​s​t​e​l​l​u​n​g​-​z​u​-​u​p​d​a​t​e​-​w​e​i​t​e​r​e​-​k​u​e​n​s​t​l​e​r​i​n​n​e​n​-​z​i​e​h​e​n​-​i​h​r​e​-​t​e​i​l​n​a​h​m​e​-​a​m​-​p​o​p​-​k​u​l​t​u​r​-​f​e​s​t​i​v​a​l​-​2​0​1​7​-​z​u​r​ueck/
[7] http://​bds​-kam​pagne​.de/​2​0​1​7​/​0​8​/​1​8​/​i​s​r​a​e​l​i​s​c​h​e​n​-​b​u​e​r​g​e​r​i​n​n​e​n​-​a​n​-​d​i​e​-​v​e​r​a​n​s​t​a​l​t​e​r​-​d​e​s​-​p​o​p​-​k​u​l​t​u​r​-​f​e​s​t​i​v​a​l​s​-​i​n​-​b​e​r​l​i​n​-​b​i​t​t​e​-​b​e​e​n​d​e​n​-​s​i​e​-​i​h​r​e​-​p​a​r​t​n​e​r​s​c​h​a​f​t​-​m​i​t​-​d​e​r​-​i​s​r​a​e​l​i​s​c​h​e​n​-​b​o​t​s​c​haft/
[8] http://​www​.jutta​-dit​furth​.de/​d​l​/​d​l​.​p​d​f​a​?​d​o​w​n​l​o​a​d​=​D​i​t​f​u​r​t​h​-​B​D​S​-​H​a​m​a​s​-​2​0​1​7​0​6​0​9.pdf

[9] http://​www​.oeko​lo​gische​-linke​.de/​d​l​/​d​l​.​p​d​f​a​?​d​o​w​n​l​o​a​d​=​O​e​k​o​l​o​g​i​s​c​h​e​-​L​i​n​k​e​_​2​0​1​7​0​6​1​9​_​P​o​s​i​t​i​o​n​-​z​u​-​I​s​r​a​e​l.pdf
[10] https://​www​.heise​.de/​t​p​/​n​e​w​s​/​V​e​r​d​i​e​n​t​-​J​u​d​i​t​h​-​B​u​t​l​e​r​-​d​e​n​-​A​d​o​r​n​o​-​P​r​e​i​s​-​1​9​9​3​0​7​9​.html
[11] https://​www​.kate​tempest​.co​.uk
[12] https://​www​.volks​buehne​.berlin/​d​e​/​s​e​r​v​i​c​e​/​p​r​e​s​s​e​/​4​1​8​/​k​a​t​e​-​t​e​mpest
[13] http://​www​.ber​liner​-zeitung​.de/​2​8​4​46252
[14] http://www.laut.de/News/Israelkritik-Kate-Tempest-rechtfertigt-Berlin-Absage-22–09-2017–14006
[15] http://www.zeit.de/kultur/2017–09/israelkritik-konzert-absage-kate-tempest-volksbuehne/seite-2
[16] http://www.laut.de/News/Israelkritik-Kate-Tempest-rechtfertigt-Berlin-Absage-22–09-2017–14006
[17] http://​www​.taz​.de/​!​5​4​46621
[18] https://​twitter​.com/​A​y​d​i​l​e​k​S​e​r​c​a​n​/​s​t​a​t​u​s​/​9​1​1​2​8​6​9​3​5​5​9​9​1​12192
[19] https://​www​.wob​blies​.org/​C​M​S​/​d​o​s​s​i​e​r​-​b​d​s​-​i​srael

Abkehr von der Zweistaatenlösung

Trumps Vorstoß könnte Chancen für eine Lösung im Kon­flikt zwi­schen Israel und Palästina eröffnen

Wie bei vielem, was zurzeit über die Trump-Admi­nis­tration berichtet wird, ist auch die Dis­kussion um die Zwei­staa­ten­lösung im Kon­flikt Israel-Palästina mit viel Alar­mismus ver­knüpft. Tat­sächlich hat Trump erklärt, nicht mehr auf einer Zwei­staa­ten­lösung zu bestehen, sondern die Kon­flikt­par­teien ohne vor­herige Fest­legung eine Lösung finden zu lassen.

Diese Position klingt doch erst einmal ganz ver­nünftig. Schließlich hat die Fest­legung auf diese Zwei­staa­ten­lösung nicht zum Frie­dens­prozess bei­getragen. Die Fest­legung stammt noch aus der Zeit, als mit dem Osloer Abkommen eine Frie­dens­lösung auf der Grundlage von zwei Staaten in abseh­barer Zeit möglich erschien. Seitdem wird das Mantra der Zwei­staa­ten­lösung immer wieder hoch gehalten und jede Seite wirft der anderen vor, dagegen ver­stoßen zu haben.

So wird Israels Sied­lungs­po­litik immer als größtes Hin­dernis für diese Zwei­staa­ten­lösung bezeichnet. Israels Minis­ter­prä­sident lenkt dem­ge­genüber den Fokus auf die Akti­vi­täten ver­schie­dener bewaff­neter Gruppen unter den Paläs­ti­nensern, auf ihre Ver­bin­dungen zur Hamas, aber auch zur Abbas-Regierung, die sich eigentlich längst hätte Wahlen stellen müssen. Wegen des Dau­er­kon­flikts zwi­schen der PLO und der Hamas wurden die immer wieder abgesagt.

Genauso waren die ver­schie­denen Ver­suche, Hamas und PLO wieder zu einer Ein­heits­re­gierung zu bringen, nur Show. Dass sie nicht funk­tio­niert, zeigt auch die Schwäche einer paläs­ti­nen­si­schen Staat­lichkeit. Es fehlt einfach eine bür­ger­liche Schicht, die der Kitt für einen solchen Staats­aufbau ist. Selbst das gemeinsame Feindbild Israel hat es nicht ver­mocht, Hamas und PLO an einen Regie­rungs­tisch zu bringen. Im Gegenteil, beide haben sich einen blu­tigen und bru­talen Krieg geliefert. Pro­pa­gan­dis­tisch ver­suchen beide Seiten natürlich Israel die Schuld zu geben, dass es zu keiner Einigung kommt. Damit wird der Frage aus­ge­wichen, warum nicht mal die Geg­ner­schaft zu Israel dieses Staats­be­wusstsein schafft.

Es gab eine Zeit. als die israe­lische Arbei­ter­partei an der Regierung war, und auch in den letzten Jahren der Scharon-Regierung, wo eine Zwei­staa­ten­lösung große Aus­sicht auf Erfolg gehabt hätte, wenn auf paläs­ti­nen­si­scher Seite Gesprächs­partner vor­handen gewesen wären, die gangbare Wege dazu auf­ge­zeigt und auch der israe­li­schen Seite das Ver­trauen gegeben hätten, dass sie sich damit nicht nur neue Rake­ten­ab­schuss­basen an ihrer Grenze ein­handeln.

Es wird bei der schon ritu­ellen Schuld­zu­weisung an Israel bei der Frage nach dem Scheitern der Zwei­staa­ten­lösung ver­gessen, dass diese Rake­ten­an­griffe sowie die Selbst­mord­at­tentate ein wesent­licher Grund dafür waren, dass große Teile der israe­li­schen Gesell­schaft von der Zwei­staa­ten­lösung keine Kon­flikt­lösung erwarten. Dieser Rechtsruck drückt sich natürlich in der Zusam­men­setzung der israe­li­schen Regierung aus.

Doch von paläs­ti­nen­si­scher Seite gab es zu der Zeit, als Israel bereit für eine solche Lösung war, kei­nerlei tak­tische Über­le­gungen, diese mode­raten Kräfte zu stärken. Im Gegenteil, Attentate und Rake­ten­an­griffe haben im Vorfeld von Wahlen die Rechten gefördert und das Ver­trauen in eine Zwei­staa­ten­lösung mini­miert.

Zudem gibt es die Erfahrung mit dem ein­sei­tigen Rückzug Israels aus dem Gaza­streifen unter der Regierung von Scharon, der als Ultra­rechter begann und sich zur Mitte bewegte. Dort hätte eine paläs­ti­nen­sische Staat­lichkeit in Minia­turform ent­stehen und daran gezeigt werden können, dass sie in der Praxis möglich und gewollt ist.

Doch bereits wenige Stunden nach dem Abzug machten isla­mis­tische Kräfte Tabula rasa, zer­störten die Häuser und Syn­agogen, die nach dem Rückzug noch vor­handen waren, bauten den Gaza­streifen zur Abschuss­rampe für Raketen aus, Tunnel wurden gegraben und schließlich eta­blierte sich das Hamastan, das wir jetzt kennen und manchen Paläs­ti­nenser ins­geheim nach den Zeiten der israe­li­schen Besatzung nach­trauern lässt. Die Willkür ist heute größer.

Ein Modell für eine Zwei­staa­ten­lösung im großen Maßstab ist also der Gazarückzug nicht geworden. Mitt­ler­weile sind viele Israelins der Meinung, wenn es kein Über­ein­kommen gibt, dann wird der Kon­flikt einfach ein­ge­froren. Das nutzen natürlich ideo­lo­gisch moti­vierte Gruppen, die den Sied­lungs­ausbau vor­an­treiben und damit auch fak­tisch die Grundlage für eine Zwei­staa­ten­lösung schmälern. Denn die Vor­stellung, tau­sende Siedler ließen sich nach einer Ver­ein­barung räumen, ist naiv.

Ande­rer­seits wird eine Frage zu wenig gestellt. Warum wird vor­aus­ge­setzt, dass ein zu grün­dender paläs­ti­nen­si­scher Staat judenfrei sein muss? Warum wird nicht an ein Sze­nario gedacht, dass eben ein solcher Staat genauso mul­ti­eth­nisch wie Israel sein kann. Dort leben neben Juden auch Paläs­ti­nenser und andere Araber und haben bei Dis­kri­mi­nie­rungen in bestimmten Bereichen ins­gesamt mehr Rechte als die Men­schen in den meisten umlie­genden ara­bi­schen Staaten, die nicht mal bür­ger­liche Demo­kratien genannt werden können.

Wenn man sich einen solchen paläs­ti­nen­si­schen Staat als judenfrei denken kann, geht man auch davon aus, dass der Kon­flikt nicht gelöst, nicht einmal befriedet, sondern nur auf eine staat­liche Ebene geschoben würde. Das hätte aber mög­li­cher­weise fatale Kon­se­quenzen. Krie­ge­rische Kon­flikte sind immer möglich, und auch unterhalb dieser Schwelle würde ein per­ma­nenter kalter Krieg toben. Von einer Politik der Koope­ration könnte dann kaum die Rede sein.

In einem solchen Klima gedeiht auch regressiv anti­zio­nis­tische und anti­se­mi­tische Pro­pa­ganda, wie sie heute auch in paläs­ti­nen­si­schen Schul­bü­chern und Medien nicht nur im Gaza­streifen, sondern auch im West­jordan ver­breitet wird. Auf israe­li­scher Seite würde eine solche Per­p­etu­ierung des Kon­flikts auch jene ultra­rechten Kräfte[1] stärken, die sich an vor­derster Front in einem welt­weiten Krieg gegen den Islam wähnen. Ultra­rechte in Europa haben daher mitt­ler­weile ihren Anti­se­mi­tismus tak­tisch gezügelt und wollen ein Bündnis mit Israel im Kampf gegen den Islam[2]. Sie haben in Israel Ansprech­partner. Doch die Mehrheit der Israelis ist zu solchen Posi­tionen bisher nicht bereit

Auch wenn Israels Rechte darüber jubelte[3], dass die US-Admi­nis­tration die Zwei­staa­ten­lösung nicht mehr als einzige Grundlage für Ver­hand­lungen aner­kennt, so kommt auch von anderer Seite Unter­stützung. Linke ara­bische Abge­ordnete haben schon mal ange­kündigt, dass sie in einem Jahr­zehnt für die israe­lische Prä­si­dent­schaft kan­di­dieren wollen und sich Chancen aus­rechnen.

Der Hin­ter­grund ist die demo­gra­fische Ent­wicklung, die auch der Grund war, warum Kon­ser­vative wie Scharon die Zwei-Staaten-Lösung favo­ri­sierten. Sie wollten ver­hindern, dass in einem gemein­samen Staat die Juden in der Min­derheit sind. Denn nach den Erfah­rungen der Shoa wurde Israel als jüdi­scher Staat zu einem Schutzraum für diese von Anti­se­mi­tismus in aller Welt bedrohten Men­schen.

Das war auch der Grund, warum die Ein­staa­ten­lösung, die immer von linken Gruppen in Palästina und Israel gefordert wurde, von isra­el­so­li­da­ri­schen Kreisen vehement abge­lehnt wurde. Es wurde gesagt, dass damit eben die Existenz von Israel als jüdi­scher Staat infrage gestellt würde.

Tat­sächlich würde eine Ein­staa­ten­lösung die Frage auf­werfen, wie die unter­schied­lichen Ethnien zusammen oder zumindest mit­ein­ander leben. Ein Abrücken vom Besat­zungs­status und das Prinzip einer gleichen und geheimen Wahl wären dafür die Grund­lagen. Hier aber könnte sich ein Vorteil gegenüber der Zwei­staa­ten­lösung aus­zahlen. Die Men­schen leben in einem Staat, haben auch gemeinsame Pro­bleme und Inter­essen, bei­spiels­weise am Arbeits­platz oder bei anderen Situa­tionen im Lebens­alltag. Dadurch könnte die aus­schließlich eth­nische Zuordnung auf­ge­weicht werden.

Dass solche Pro­zesse auch heute schon in Israel von statten gehen, aber hier­zu­lande kaum wahr­ge­nommen werden, zeigt eine Meldung[4] vom letzten Jahr, dass die israe­lische Regierung mehr ara­bische Men­schen in den Staats­ap­parat und die Ver­waltung inte­grieren möchte. Das kann ein Schritt für ein gemein­sames bina­tio­nales Bewusstsein sein.

Im Gegensatz zur Zwei­staa­ten­lösung, wo die gegen­seitige Abgrenzung fast schon zum Nati­on­buildung mit seinen Aus­schlüssen gehört, könnte eine anvi­sierte Ein­staa­ten­lösung also tat­sächlich auf mittlere Frist eine Koope­ration fördern. Dabei könnten die zivil­ge­sell­schaft­lichen Orga­ni­sa­tionen in Israel eine wichtige Rolle spielen. Daher ist es umso fataler, dass Teile der gegen­wär­tigen Regierung in diesen Orga­ni­sa­tionen ein Feindbild sehen und mit Schwarzen Listen und ähn­lichen Mitteln ein Klima der Ein­schüch­terung gegen eine kri­tische Szene ent­falten wollen.

Dabei haben viele dieser Orga­ni­sa­tionen Erfah­rungen in der Koope­ration von Paläs­ti­nensern, Juden und Men­schen, die sich in diesen Kate­gorien nicht defi­nieren. Wenn eine Ein­staa­ten­lösung zumindest nicht mehr undenkbar ist, könnten diese Orga­ni­sa­tionen eine wichtige Rolle spielen. Denn eine wichtige Vor­aus­setzung wäre dann auf paläs­ti­nen­si­scher Seite die Zurück­drängung der isla­mis­ti­schen und anti­se­mi­ti­schen Kräfte und auf israe­li­scher Seite die Iso­lierung einer Rechten, die das Land als Vor­posten im Kampf gegen den Isla­mismus begreifen.

Isra­el­so­li­da­rische Kreise haben die Ein­staa­ten­lösung immer vehement abge­lehnt, weil sie eben mit der Gefahr ver­bunden ist, dass Israel seinen Cha­rakter als jüdi­scher Staat ver­liert. Aller­dings hat sich etwa der Sozi­al­wis­sen­schaftler Micha Brumlik in letzter Zeit positiv auf die Ein­staa­ten­lösung bezogen[5]. Tat­sächlich könnte sich die Dis­kussion auch in der isra­el­so­li­da­ri­schen Linken ver­ändern, wenn die Zwei­staa­ten­lösung nicht mehr als allei­niger Lösungs­ansatz ver­handelt wird.

Dass und wie sich die Dis­kussion um Anti­se­mi­tismus und Anti­zio­nismus wandelt, wenn sich das poli­tische Koor­di­na­ten­system ändert, hat die Sozi­al­wis­sen­schaftler Sina Arnold[6] in ihrem kürzlich in der Ham­burger Edition erschie­nenen Buch »Das unsichtbare Vorurteil«[7] nach­ge­zeichnet, in dem sie sich mit den Anti­se­mi­tis­mus­dis­kursen der US-Linken befasst.

Anders als der Titel ver­muten lässt, beginnt Arnold mit ihrer Analyse schon vor dem 1. Welt­krieg. Die Autorin weist auf regressiv anti­zio­nis­tische und auch offen anti­se­mi­tische Dis­kurse in Teilen der US-Linken hin. Doch sie skiz­ziert immer den gesell­schaft­lichen Kontext, in dem diese Dis­kurse ent­stehen konnten und zeigt auch, wie und warum sich die Dis­kurse über Israel und Anti­se­mi­tismus in den USA wandeln. In der alten Linken war jeg­licher Bezug auf eth­nische, nationale und reli­giöse Beson­der­heiten verpönt.

Linke Jüdinnen und Juden sahen sich als Kos­mo­po­liten und wollten ihre Her­kunft nicht the­ma­ti­sieren. In der Neuen Linken hin­gegen bekamen eth­nische, reli­giöse und nationale Beson­der­heiten eine Bedeutung, wenn es sich um Ange­hörige von unter­drückten Min­der­heiten han­delte. Doch Jüdinnen und Juden gehörten nicht zu dieser Gruppe. Sie wurden und werden in großen Teilen der US-Linken nicht als Opfer, sondern als Täter gesehen.

Dafür führt Arnold unter­schied­liche Erklä­rungs­an­sätze an. So war offener Anti­se­mi­tismus in den 1950er Jahren in der USA nur in wenigen rechten Refugien zu finden. Nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 galt Israel für viele Akti­visten der Neuen Linken als Vor­posten der USA im Nahen Osten und wurde bekämpft. Ähn­liche Ent­wick­lungen gab es zeitlich auch in der außer­par­la­men­ta­ri­schen Bewegung der BRD und West­berlin.

Arnold zeichnet kri­tisch nach, welche Aus­wir­kungen das Wachsen des Dschi­ha­dismus, die isla­mis­ti­schen Anschläge vom 11. Sep­tember und die staat­lichen Reak­tionen auf den Anti­se­mi­tis­mus­diskurs in den USA hatten. Viel­leicht könnte in einigen Jahren For­schungs­arbeit im Sinne von Sina Arnold eru­ieren, wie sich die Haltung zu Israel und die Debatte über Anti­se­mi­tismus ver­ändern, wenn die Zwei­staa­ten­lösung nicht mehr als der einzige Weg zur Lösung des Nah­ost­kon­flikts dar­ge­stellt wird.


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[3] http://www.zeit.de/politik/ausland/2017–02/israel-donald-trump-zwei-staaten-loesung-alternativen-annexion
[4] http://​www​.welt​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​a​u​s​l​a​n​d​/​a​r​t​i​c​l​e​1​6​0​5​2​1​8​9​5​/​S​o​-​s​o​l​l​e​n​-​A​r​a​b​e​r​-​u​n​d​-​J​u​d​e​n​-​s​i​c​h​-​n​a​e​h​e​r​k​o​m​m​e​n​.html
[5] http://michabrumlik.de/?s=Einstaatenl%C3%B6sung
[6] https://​www​.euro​ethno​.hu​-berlin​.de/​d​e​/​i​n​s​t​i​t​u​t​/​p​e​r​s​o​n​e​n​/​a​rnold
[7] http://www.his-online.de/verlag/9010/programm/detailseite/publikationen/das-unsichtbare-vorurteil/?sms_his_publikationen%5BbackPID%5D=1252&cHash=f52971f68ac0d29416cce48c863e8b24

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[4]

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[5]

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[6]

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[7]

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[8]

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[9]

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