Beerensträucher statt Giftpflanzen!“


Eva Willig macht Kräu­ter­füh­rungen durch Neu­kölln. Nun hat sie ein Buch ver­öf­fent­licht, das essbare und giftige Wild­ge­wächse des Bezirks beschreibt

Über Groß­stadt­ge­wächse
Das Buch Eva Willig, 70, hat kürzlich im Eigen­verlag das Buch „Heil­sames Neu­kölln“ her­aus­ge­geben. Auf 175 Seiten werden Heil-, Gewürz-, Salatp anzen, Getreide, Bäume und Sträucher vor­ge­stellt, die in Neu­kölln wild wachsen, essbar sind und eine heilsame Wirkung haben sollen. Ein Kapitel behandelt Giftp anzen. Das Buch kann über ewil@​gmx.​de für18 Euro bestellt werden.
Der Spa­ziergang Von März bis Oktober lädt Eva Willig zu kosten- losen Kräu­ter­spa­zier­gängen in Neu­kölln und den angren­zenden Stadt­teilen ein. Der nächste Spa­ziergang beginnt am Samstag, dem 28. Juli 2018, 16 Uhr in Rudow an der Hal­te­stelle des Busses 271 „Am Großen Rohr­pfuhl“

taz: Frau Willig, wann begann Ihr Interesse an Neu­köllner Kräutern?
Eva Willig: Als ich zu früh in die Wech­sel­jahre rutschte und meinem Arzt nichts anderes einfiel, als mir Hor­mon­pillen zu ver­schreiben, erin­nerte ich mich an meine Kindheit auf dem Lande. Damals hieß es, ­gegen fast alles sei ein Kraut gewachsen. Ich besorgte mir dar­aufhin Bücher und stellte schnell fest, dass der Spruch auch für Berlin gilt.

Wann star­teten Sie mit den Kräu­ter­füh­rungen?
Die ersten Kräu­ter­spa­zier­gänge habe ich in den 1990er Jahren auf Kreta orga­ni­siert. Ich war auf Job­suche, fand aber nichts und hatte dann die Idee, Tou­ris­tInnen in die dortige Pflan­zenwelt ein­zu­führen. Seit zehn Jahren gehe ich in Berlin all­jährlich von März bis Oktober immer am letzten Samstag mit Inter­es­sierten spa­zieren und zeige ihnen Kräuter und andere Pflanzen. Um ein wenig legi­ti­miert zu sein, habe ich bei der IHK (Industrie- und Han­dels­kammer; d. Red.) sogar eine Prüfung für den Erlaub­nis­schein für frei­ver­käuf­liche Heil­mittel abgelegt.

Wer kommt zu den Spa­zier­gängen?
Das ist ganz unter­schiedlich. Über­wiegend sind es aber Frauen, junge und alte. Ich finde es immer sehr inter­essant, neue Leute ken­nen­zu­lernen. Nur mag ich es gar nicht, wenn Men­schen auf den Spa­zier­gängen mis­sio­na­risch auf­treten. Sei es, dass sie für vegane Ernährung oder irgend­welche eso­te­ri­schen Sachen werben.

Nun ist Ihr Buch „Heil­sames Neu­kölln“ erschienen. Ihr Ziel?
Ich will damit erreichen, dass die Men­schen die Pflanzen um sie herum besser wahr­nehmen, die Fotos ver­gleichen und ein anderes Ver­hältnis zur Natur in der Stadt bekommen. So emp­fehle ich Gue­rilla Gar­dening auf dem eigenen Balkon. Ich pflanze dort Wild­pflanzen, keine Geranien. So habe ich Hummeln, Wespen und Bienen mitten auf der Karl-Marx-Straße. Das ist ein Beitrag zur Pflan­zen­vielfalt.

Wieso haben Sie sich auf Neu­kölln fokus­siert?
Ich hatte auf der Web­seite mundraub​.org fest­ge­stellt, dass in dem Stadtteil, in dem ich lebe, keine Fund­stellen für Kräuter auf­ge­führt waren. Das hat mich ange­spornt, das Buch zu ver­öf­fent­lichen. Zudem hat Neu­kölln beim Thema „essbare Stadt“ noch starken Nach­hol­bedarf.

Können Sie ein Bei­spiel nennen?
Als ich auf der Les­singhöhe, einer der Neu­köllner Grün­flächen, Rucola ernten wollte, stellte ich fest, dass die Bepflanzung an den Weg­rändern weg­ge­si­chelt war. Das Grün­flä­chenamt teilte mir mit, man habe auf Wunsch der Polizei die Sicht unter die Büsche ver­bessern wollen, um zu ver­hindern, dass dort Woh­nungslose über­nachten. Des­wegen werden essbare Nutz­pflanzen ver­nichtet. Vor zwei Jahren lehnte die Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­sammlung in Neu­kölln einen Antrag der Grünen, die Ent­wicklung zur ess­baren Stadt zu unter­stützen, mit ähn­lichen Argu­menten ab. Pankow hat sich dagegen vor zwei Jahren zum ess­baren Bezirk erklärt und auch ent­spre­chende Maß­nahmen ein­ge­leitet. Daran kann sich Neu­kölln ein Bei­spiel nehmen.

Warum haben Sie neben Heil- auch Gift­pflanzen im Buch auf­ge­führt?
Seit Jahren fordere ich, dass in öffent­lichen Grün­an­lagen keine Gift­pflanzen stehen sollen, und wenn doch, dass sie gekenn­zeichnet werden. Am besten wäre es, auch um dem Ziel „essbare Stadt“ näher zu kommen, die Gift­pflanzen aus den Anlagen her­aus­zu­holen und durch essbare Bee­ren­sträucher zu ersetzen.

Können Sie ein Bei­spiel für eine solche gefähr­liche Pflanze in Neu­kölln nennen?
Kürzlich waren die Zei­tungen voll mit Mel­dungen über einen geplanten Anschlag mit Rizinus. Es wurde behauptet, dass die Samen­körner des Rizinus, auch Wun­derbaum genannt, aus dem Darknet oder aus Bau­märkten stammen sollen. Tat­sächlich kann man etwa im Neu­köllner Kör­nerpark die Samen von acht Wun­der­bäumen sammeln.

taz mittwoch, 11. juli 2018

Interview: Peter Nowak

Hinweis auf das Interview im Tages­spiegel:
Neu­köllner Kräuter. Eva Willig macht Kräu­ter­füh­rungen durch den Bezirk. Nun hat sie ein Buch ver­öf­fent­licht, das essbare und giftige Wild­ge­wächse des Bezirks beschreibt. Interview in der taz.

V-Maoisten

Anno­tiert

Der Autor des »Neue Deutschland« war empört über die KP Chinas. In einem 1963 ver­öf­fent­lichten Artikel bezich­tigte er jene, sich in die inneren Ange­le­gen­heiten der »Bru­der­par­teien« ein­zu­mi­schen. Zahl­reiche Mit­glieder der in der BRD ille­ga­li­sierten KP hatten Bro­schüren chi­ne­si­scher Kom­mu­nisten erhalten, in denen die Linie der ost­eu­ro­päi­schen Kom­mu­nisten als »Revi­sio­nismus« scharf kri­ti­siert worden ist. Der Streit zwi­schen der chi­ne­si­schen und der sowje­ti­schen KP eska­lierte damals, was an der Basis diverser kom­mu­nis­ti­scher Par­teien zu Ver­wirrung und Streit führte, dar­unter auch in der Bun­des­re­publik.

Was der empörte ND-Autor nicht wusste, offen­barte jetzt Mascha Jacoby einer grö­ßeren Öffent­lichkeit. Die Ham­burger His­to­ri­kerin forscht über die Rezeption des Mao­ismus in der BRD und stieß dabei eher zufällig auf die Hilfe des Ver­fas­sungs­schutzes in den frühen 1960er Jahren bei der Ver­breitung mao­is­ti­scher Schriften. In dem kürzlich im Verlag Matthes & Seitz erschie­nenen Band »Ein kleines rotes Buch – Die Mao-Bibel und die Bücher-Revo­lution der Sech­zi­ger­jahre« (28 €) fasste sie ihre Recherchen zusammen.

Der Ver­fas­sungs­schutz hatte Karten mit den Anschriften ihm bekannter KP-Mit­gliedern an die Bestell­adresse der chi­ne­si­schen Bro­schüren geschickt, die in west­deut­schen Zei­tungen, dar­unter in der »FAZ«, per Anzeigen beworben wurden. Es sei darum gegangen, die deut­schen Kom­mu­nisten zu unter­wandern, bekannte Anfang der 1970er Jahre der Prä­sident des Ver­fas­sungs­schutzes Günther Nollau diese unge­wöhn­liche Hilfe für Peking. Das Amt regis­trierte mit Genug­tuung, dass die chi­ne­si­schen Publi­ka­tionen tat­sächlich unter west­deut­schen Kom­mu­nisten intensiv dis­ku­tiert wurden. Manche der unfrei­wil­ligen Emp­fänger mel­deten die unge­betene Post aber auch sofort ihren füh­renden Genossen.

Der Ver­fas­sungs­schutz war ungemein kreativ bei der Ver­breitung des Mao­ismus in der Bun­des­re­publik. Laut Jacoby gründete er die – aller­dings kurz­lebige – Zeit­schrift »Der 3. Weg« als soge­nanntes Forum kri­ti­scher Kom­mu­nisten. Sogar eine Partei, die sich MLPD nannte, jedoch nichts mit der heute noch exis­tie­renden gleichen Namens gemein hatte, rief das Amt ins Leben. Sie hatte gesamt­deut­schen Anspruch, löste sich aber bald wieder auf. Lang­le­biger war eine vom nie­der­län­di­schen Geheim­dienst im Nach­barland gegründete mao­is­tische Partei.

Jacoby betont, dass der Auf­schwung mao­is­ti­scher Ideen in der Folge der Rebellion von 1968 nicht allein mit dem Agieren des Ver­fas­sungs­schutzes erklärt werden könne. Weltweit stießen während der chi­ne­si­schen »Kul­tur­re­vo­lution« mao­is­tische Vor­stel­lungen auf großes Interesse unter Linken. Wie der Ver­fas­sungs­schutz damit umging, harrt noch der For­schung. Fakt ist, dass die 68er nicht nur, wie oft zu hören und zu lesen, von der ost­deut­schen Stasi infil­triert worden sind.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​9​3​4​8​8​.​v​-​m​a​o​i​s​t​e​n​.html

Peter Nowak

Umgekehrter 68er


Den gesell­schaft­lichen Auf­bruch vor 50 Jahren erlebte Wolfgang Hien als junger Arbeiter.

Ich hatte das Gym­nasium nach der siebten Klasse abge­brochen. Tat­sächlich hatte ich kaum eine Chance, im Saarland mit der Schule wei­ter­zu­machen, was wohl auch damit zusam­menhing, dass meine Eltern keine Aka­de­miker waren, sondern, wie man so sagt, ein­fache Leute. Die Suche nach einer Lehr­stelle bei der BASF war die logische Folge, auch wenn man nicht gleich um die Ecke wohnte.« Als »umge­kehrten 68er« beschreibt Wolfgang Hien sich und seinen Lebensweg von der Fabrik, wo er 1965 eine Lehre als Laborant begann, an die Uni­ver­sität.

Von dem gesell­schaft­lichen Auf­bruch wurden er und ein Teil seiner Kolleg*innen in der Che­mie­fabrik beein­flusst. Sie dis­ku­tierten über Kriegs­dienst­ver­wei­gerung und die Aus­beutung im glo­balen Süden. Im Lehr­lings­wohnheim gründete Hien mit Kolleg*innen eine Kultur-AG, wofür sie anfangs Unter­stützung von der Heim­leitung bekamen. Die freute sich über junge Men­schen, die sich in der Freizeit wei­ter­bilden wollten. Doch die Poli­ti­sierung sorgte auch dafür, dass die kri­ti­schen Jungarbeiter*innen ihre Arbeits­be­din­gungen hin­ter­fragten. So ging Hien bald den Weg vieler Arbei­ter­ju­gend­lichen, die mit den Ideen von 1968 in Berührung gekommen waren. Sie ver­ließen die Fabriken, holten auf dem zweiten Bil­dungsweg das Abitur nach und begannen ein Studium.

Doch die Zeit bei BASF prägt Hien bis heute. Seine aka­de­mi­schen und poli­ti­schen Akti­vi­täten widmete er dem gesund­heit­lichen Schutz der Lohn­ab­hän­gigen. Über Jahre orga­ni­sierte er Kam­pagnen gegen eine »Kranke Arbeitswelt«, wie auch eines seiner Bücher heißt, das er im VSA-Verlag ver­öf­fent­licht hat. Lange Zeit pen­delte er zwi­schen ver­schie­denen Städten hin und her und hielt sich mit schlecht bezahlten aka­de­mi­schen Jobs über Wasser. Wich­tiger als eine Kar­riere war ihm sein poli­ti­sches Enga­gement in Koope­ration mit Umwelt­in­itia­tiven und kri­ti­schen Gewerkschafter*innen. Besonders der erste Alter­native Gesund­heitstag 1980 in Berlin gab Hien den Anstoß für sein Enga­gement, Betriebs­ba­sis­gruppen für Gesundheit auf­zu­bauen. Dabei ging es ihm um Men­schen­würde am Arbeits­platz und die Bedin­gungen, die Men­schen krank machen.

Anre­gungen für seine Tätigkeit holte sich Hien von ita­lie­ni­schen Aktivist*innen, die schon in den frühen 1960er Jahren skan­da­li­sierten, dass Arbeiter*innen in bestimmten Branchen wie der Che­mie­in­dustrie eine signi­fikant nied­rigere Lebens­er­wartung als der Bevöl­ke­rungs­durch­schnitt hatten. Inspi­ra­tionen holte sich Hien auch aus Schriften von Oskar Negt und Andre Gorz. Engen Kontakt hält er bis heute zu kri­ti­schen Gewerkschafter*innen, die auch in der Che­mie­in­dustrie in den 1980er Jahren noch grö­ßeren Ein­fluss hatten.

Zu seinen Kontrahent*innen gehörten aber nicht nur die Indus­trie­ver­bände, sondern oft auch Betriebsräte und Gewerkschafter*innen, die auf Sozi­al­part­ner­schaft setzten und in Hiens Enga­gement eine Kam­pagne gegen die Che­mie­in­dustrie sahen. »Solche, wie dich brauchen wir hier nicht.« Diesen Satz hörte Hien öfter, wenn er sich auf eine gewerk­schaft­liche Stelle oder um Pro­jekt­för­derung durch die gewerk­schaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung bewarb. Als er dann 2003 doch noch als Referent für Gesund­heits­schutz beim DGB-Vor­stand ange­stellt wurde, geriet er schnell in den Kon­flikt mit einer Gewerk­schafts­logik, die Arbeits­plätze vor Gesund­heits­schutz stellt. Hien setzte sich vehement dafür ein, dass auch die Lang­samen und chro­nisch Kranken im Arbeits­leben ihren Platz finden sollten. Doch damit machte er sich viele Gegner*innen.

Der Kon­flikt hatte für Hien gesund­heit­liche Kon­se­quenzen. Er brach im Büro zusammen und musste längere Zeit im Kran­kenhaus bleiben. Anschließend kün­digte er beim DGB und machte sich mit 57 Jahren selbst­ständig. Seitdem leitet er das For­schungsbüro für Arbeit, Gesundheit und Bio­grafie in Bremen. Dort setzt er sich für Lohn­ab­hängige und ihre Rechte ein. So beschäf­tigte er sich in einer Studie mit dem Schicksal der Beschäf­tigten der Bremer Vul­kan­werft, die 1997 geschlossen worden war. »Aus dem Regio­nal­ge­dächtnis war die Werft­schließung mehr oder weniger ver­schwunden«, erinnert sich Hien.

Daneben publi­ziert er Bücher, die sich mit seinem Lebens­thema »Gesundheit am Arbeits­platz« befassen. In dem Werk »Die Arbeit des Körpers« setzt er sich kri­tisch mit einer Arbei­ter­kultur aus­ein­ander, die das Leiden am Arbeits­platz als Härte ver­klärt und Men­schen, die das nicht aus­halten können oder wollen, als schwächlich abwertet. Was Hien bei seinem Enga­gement antreibt, steht im Titel eines Bandes, in dem er mit dem Sozi­al­wis­sen­schaftler Peter Birke über sein Leben spricht: »Es geht gegen die Zer­störung von Herz und Hirn der Men­schen«. Ein Thema, das im Zeit­alter von Com­puter- und Inter­net­ar­beits­plätzen noch dring­licher geworden ist.

Wolfgang Hien/​Peter Birke: Gegen die Zer­störung von Herz und Hirn. »68« und das Ringen um men­schen­würdige Arbeit. VSA Verlag, 256 S., 22,80 Euro.

Wolfgang Hien: Die Arbeit des Körpers von der Hoch­in­dus­tria­li­sierung in Deutschland und Öster­reich bis zur neo­li­be­ralen Gegenwart, Man­delbaum Verlag, 344 S., 25 €.


Am 3. Juli um 19 Uhr stellt Wolfgang Hien die Bücher im Regen­bo­genKino, Lau­sitzer Straße 22, in Berlin vor.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​9​2​7​5​1​.​w​o​l​f​g​a​n​g​-​h​i​e​n​-​u​m​g​e​k​e​h​r​t​e​r​-​e​r​.html

Peter Nowak

Nach den durchwachten Nächten

Zwei Büchern über die Sozi­al­pro­teste in Frank­reich

Die Welt oder nichts

Vor zwei Jahren sorgten in Frank­reich Mas­sen­pro­teste gegen das fran­zö­sische Arbeits­gesetz, das die pre­kären Arbeits­ver­hält­nisse in dem Land ver­tiefen und zemen­tieren sollte, für Schlag­zeilen. Vorbild für das „Loi Travail“ ist die Agenda 2010 in Deutschland. Der Pro­test­zyklus begann am 9. März und hielt bis zum 5. Juli an. „120 Tage und 16 ‚genehmigte‘Demonstrationen, die uns die soziale Zusam­men­setzung der Bewegung und ihre in stän­digem poli­ti­schen Fluss begriffene poli­tische Orga­ni­sierung gut vor Augen führen“ (S. 52), schreibt Davide Gallo Lassere. Der junge, prekär beschäf­tigte Sozi­al­wis­sen­schaftler war selbst auch anden Pro­testen beteiligt. Nachdem sie abgeebbt waren, hat Lassere einen in der fran­zö­si­schen Linken viel­dis­ku­tierten Text ver­fasst, der die Pro­teste von 2016 zum Aus­gangs­punkt für grund­sätz­li­chere Fra­ge­stel­lungen nimmt. Wie ist es in einer Gesell­schaft, in der Indi­vi­dua­li­sierung zur ‚totalen Insti­tution‘ geworden zu sein scheint, noch möglich, solche Sozi­al­pro­teste erfolg­reich zu führen? Welche Rolle können die Gewerk­schaften in einer Gesell­schaft spielen, in der vor allem viele junge Men­schen kei­nerlei Beziehung zu ihnen haben? Ist es in einer sol­cher­maßen dif­fe­ren­zierten und indi­vi­dua­li­sierten Gesell­schaft möglich, eman­zi­pa­to­rische For­de­rungen zu for­mu­lieren und zu erkämpfen? Diese Fragen for­mu­liert Lassere vor dem Hin­ter­grund seiner Erfah­rungen als Aktivist in der Bewegung gegen die Arbeits­ge­setze. Die Besetzung von Bahn­höfen, Häfen und Flug­häfen, die Störung von Per­sonen- und Güter­transport, die Beein­träch­ti­gungen im Dienst­leis­tungs­sektor, der Boykott von Ein­kaufs­zentren lassen für Lassere die Umrisse eines wirk­lichen „Gesell­schafts­streiks“ am Horizont auf­scheinen. Er knüpft damit an Debatten um Streiks an, die nicht nur die klas­si­schen Pro­duk­ti­ons­be­reiche von Waren, sondern auch den Repro­duk­ti­ons­be­reich und den Handel umfassen. Der Autor beschreibt den Moment der Befreiung, als die Men­schen im März 2016 wieder auf die Straße gingen, nachdem der isla­mis­tische Terror über Monate auch die sozialen Akti­vi­täten in Frank­reich gelähmt hatte. „Nicht von ungefähr erinnern wir an diese Kon­ti­nuität der Arbeits­kon­flikte und an die Dynamik auf dem besetzten Platz, die die Stimmung ver­än­derte – von der ersti­ckenden natio­nalen Einheit nach ‚Charlie Hebdo‘ und der ver­gleichs­weise posi­tiven Reaktion auf den Aus­nah­me­zu­stand hin zu einer Des­il­lu­sio­nierung über das poli­tische System.“ (S. 13)Mit den sich im März 2016 aus­brei­tenden nächt­lichen Platz­be­set­zungen, den Nuit debout, eroberten sich die Men­schen den öffent­lichen Raum wieder zurück. „Plötzlich hat man wie­derLuft zum Atmen“ (S. 52), beschreibt der Autor das Gefühl vieler Akti­vis­tInnen. „Die Welt oder nichts“ lautete eine viel­zi­tierte Parole, die dort getragen und vor­ge­tragen wurde. Sie ver­deut­lichte, dass es um mehr als die Arbeits­ge­setze ging.

Poesie der Revolte
„Die Welt oder nichts“ könnte auch die Parole jener poli­ti­schen Gruppen und Indi­viduen sein,deren Texte Sebastian Lotzer in seinem kleinen, anspre­chend gestal­teten Band „Winter is Coming“ ver­öf­fent­licht hat. Lotzer, der sich bereits mit seinem Buch „Begrabt mein Herz am Hein­rich­platz“ als Poet der auto­nomen und ant­ago­nis­ti­schen Linken einen Namen gemacht hat, sym­pa­thi­siert auch in Bezug auf Frank­reich mit den poli­ti­schen Kräften, die keine For­de­rungen an die Regierung stellen und sich klar von allen poli­ti­schen Par­teien und Gewerk­schaften abgrenzen. Es sind vor allem junge Leute, Schü­le­rInnen, Stu­den­tInnen, prekär Beschäf­tigte, die vom März bis Juli 2016 erstmals den poli­ti­schen Wider­stand aus­pro­bierten. Junge Men­schen, die in der wirt­schafts­li­be­ralen Kon­kur­renz­ge­sell­schaft auf­ge­wachsen sind, für die die kapi­ta­lis­ti­schen Dogmen zum All­tags­be­wusstsein gehören, werden plötzlich zum Subjekt von Kämpfen, die genau diese kapi­ta­lis­tische Gesell­schaft in Frage stellen. In vielen Texten kor­re­spon­diert eine Rhe­torik des radi­kalen Wider­stands mit Gedanken, die durchaus kom­pa­tibel mit dem Funk­tio­nieren im wirt­schafts­li­be­ralen Alltag sind. So heißt es in einem von Lotzer doku­men­tierten „Aufruf aus dem ant­ago­nis­ti­schen Spektrum“(S. 49ff.) zum Akti­onstag gegen das Arbeits­gesetz im März 2016: „Welchen Zusam­menhang gibt es zwi­schen den Parolen der Gewerk­schaften und der Schüler, welche ‚Die Welt oder gar nichts‘ sprühen, bevor sie plan­mäßig Banken angreifen? Über­haupt keinen. Oder höchstens den eines mise­rablen Ver­ein­nah­mungs­ver­suchs, durch­ge­führt von Zombies“. Was vor­der­gründig besonders radikal scheint, könnte auch dem Bemühung um Abgrenzung der eigenen bür­ger­kind­lichen Existenz und Haltung von den orga­ni­sierten Arbei­te­rInnen sein. Schließlich gibt es in Frank­reich seit Jahren sehr aktive Basis­ge­werk­schaften, die auch das Rückgrat der Pro­teste gegen das Arbeits­gesetz bil­deten. Das sehen auch einige der Jugend­lichen so, die sich mit ihren Klassen am Schul­streik betei­ligten und die mit kurzen Inter­views in dem Band zu Wort kommen. So kommt „Lucien“ vom Movement Inter Luttes Inde­pendant (MLI), einer auto­nomen Orga­ni­sierung von Ober­schü­le­rInnen, zu der fol­genden, sehr dif­fe­ren­zierten Ein­schätzung über die Rolle der Gewerk­schaften (S. 102):„Auf der einen Seite stimmt es, dass die Gewerk­schaften stark nach­ge­lassen haben. Ande­rer­seits sind es die­je­nigen, die die Massen auf die Straße bringen. Und es gibt einige gute Leute bei den Gewerk­schaften, wie etwa die SUD-RATP (Gewerk­schaften der Beschäf­tigten des öffent­lichen Nah­ver­kehrs in Paris), mit denen wir einige Über­ein­stimmung haben. Aber die Zusam­men­arbeit mit Gewerk­schaften ist immer kom­pli­ziert. Da kommt die CGT-Büro­kratie dazwischen.“Im Nachwort wirft Lotzer einen kri­ti­schen Blick auf das Agieren der radi­kalen Linken bei den G20-Pro­tesen im letzten Jahr in Hamburg. „‘Wie weiter nach Hamburg‘ fragten Autonome auf einem in ver­schie­denen Städten ver­klebten Plakat. Die Frage ist, ob diese Fra­ge­stellung über­haupt Sinn macht. (…) Viel­leicht geht es nicht darum, wie es wei­tergeht, solange man nicht in der Lage ist, sich über­haupt eine Begriff­lichkeit von dem zu schaffen, was eigentlich pas­siert ist“ (S. 133) – ohne diesem Anspruch aller­dings selbst gerecht zu werden. Zu sehr ver­bleibt die Text­sammlung hier in der Doku­men­tation von Hal­tungs­fragen – zwi­schen Akti­ons­mü­digkeit und roman­ti­scher Heroik – befangen. Dennoch: Beide Bücher liefern nicht nur anre­gende Gedanken und Über­le­gungen zu einer brei­teren Dis­kussion darüber, was in den Nuit debout pas­siert ist, sondern damit auch zur Frage, wie es nach den durch­wachten Nächten nun tagsüber weiter geht: schlaf­wan­delnd, tag­träu­me­risch oder mit geschärftem Blick.

Peter Nowak
Davide Gallo Lassere: „Gegen das Arbeits­gesetz und seine Welt“, Verlag Die Buch­ma­cherei, Berlin 2018, ISBN: 978−3−9819243−1−2, 10 Euro, 111 Seiten

Lotzer Sebastian: „Winter is Coming. Soziale Kämpfe in Frank­reich“, Bahoe Books, Wien 2018, ISBN: 978−3−9022−79−9 135 Seiten, 14 Euro

aus: express – Zeitung für sozia­lis­tische Betriebs- und Gewerk­schafts­arbeit

http://​www​.labournet​.de/​e​x​p​ress/
Peter Nowak

Die Ereignisse bei uns ähnelten einem Krimi“


Über den Arbeits­kampf der Beschäf­tigten im Bota­ni­schen Garten ist jetzt ein Buch erschienen. Die Geschichte dient gut als Fall­bei­spiel, sagt Betriebsrat Lukas S.

Das Buch zum Arbeits­kampf
Buch Jana Seppelt, Reinhold Niemerg u. a. (Hg.): „Der Auf­stand der Töchter, Bota­ni­scher Garten Berlin. Gemeinsam staatlich orga­ni­sierte prekäre Beschäf­tigung über­winden“, VSA-Verlag, 2018, 16 Euro

Inhalt: Im Buch wird beschrieben, wie es den aus­ge­glie­derten und von Lohn­dumping geplagten Beschäf­tigten des Bota­ni­schen Gartens gelungen ist, sich in den öffent­lichen Dienst zurück­zu­kämpfen.

Vor­stellung: Am 27.Juni wird das Buch um 19 Uhr in der Medi­en­ga­lerie des Hauses der Buch­drucker in der Duden­straße 10 in Schö­neberg vor­ge­stellt.

taz: Herr S., wie kam es über­haupt zu der Idee, ein Buch über Ihren Arbeits­kampf zu machen?

Lukas S.: Benedikt Hopmann und Reinhold Niemerg, die Rechts­an­wälte, die auch den Betriebsrat am Bota­ni­schen Garten ver­treten haben, brachten uns auf die Idee. Da die Ereig­nisse bei uns einem Krimi ähnelten, haben wir uns schnell über­zeugen lassen. Die Tat­sache, dass die Beschäf­tigten an einem Buch arbeiten, machte auch Druck. Wir hatten ja während des Arbeits­kampfes schon mit dem Schreiben begonnen, sodass sich das her­um­gespro- chen hatte. Wäre ich Arbeit­geber und würde erfahren, dass die Beleg­schaft ein Buch über mich schreibt, würde ich zu- sehen, dass es wenigstens ein Happy End hat, und so war es dann ja auch.

Was machte Ihren Arbeits­kampf so besonders, dass er für ein Buch taugt?

Erfahrene Gewerk­schaf­te­rInnen sagten uns, dass ihnen bisher kein Fall bekannt sei, in dem sich Beschäf­tigte durch einen Arbeits­kampf zurück in den öffent­lichen Dienst gekämpft haben. Unsere Geschichte dient auch gut als Fall­bei­spiel, da unsere Struk­turen im Ver­gleich zu anderen Unter­nehmen über- schaubar und gut auf den eigenen Betrieb über­tragbar sind.

Ihr Kon­trahent im Arbeits­kampf war die Leitung der Freien Uni­ver­sität Berlin (FU). Gab es Unter­stützung von Stu­die­renden?

Im Verlauf des Arbeits­kampfes haben wir nach und nach rea­li­siert, dass nicht nur die FU, sondern ein großer Teil der Ver­ant­wortung für das Lohn­dumping der Senat trug, weil er die Mittel für den Bota­ni­schen Garten dras­tisch gekürzt hatte. Der Senat war es am Ende auch, der auf­grund unseres aus­dau­ernden Pro­tests durch eine höhere Aus­fi­nan­zierung des Gartens das Lohn­dumping beendete. Die Stu­die­renden der FU waren stark in unseren Arbeits­kampf ein­ge­bunden. Bis heute gibt es Freund­schaften und gegen­seitige Unter­stützung.

In dem Buch wird auch selbst­kri­tisch erwähnt, dass es nicht gelungen ist, die Aus­glie­derung der Rei­ni­gungs­kräfte im Bota­ni­schen Garten zu ver­hindern. Wie sind deren aktuelle Arbeits­be­din­gungen und das Ver­hältnis zu anderen Kol­le­gInnen?

Unsere Rei­ni­gungs­kräfte arbeiten heute als Gar­ten­ar­bei­te­rInnen und blühen in diesem Beruf im wahrsten Sinne des Wortes auf. Schlechter sieht es für die Beschäf­tigten von Gegen­bauer aus, die jetzt die Rei­ni­gungs­ar­beiten durch­führen. Sie sind von der betrieb­lichen Gemein­schaft weit­gehend iso­liert. Sie können weder an Per­so­nal­ver­samm­lungen teil­nehmen oder sich an die zustän­digen Per­so­nalräte wenden. Sie pro­fi­tieren auch nicht von dem Tarif­vertrag der Länder (TV-L). Auch die haus­eigene Tisch­lerei und die Schmuck­gärten sind bis heute aus­ge­gliedert. Wir arbeiten daran, dass diese Dinge noch in Ordnung gebracht werden.

Der Titel „Der Auf­stand der Töchter“ bezieht sich auf die Aus­glie­derung des Bota­ni­schen Gartens in eine Toch­ter­ge­sell­schaft durch die FU. Wäre nicht auch die Rolle der Frauen im Arbeits­kampf inter­essant?

Die Frauen hatten in unserem Arbeits­kampf eine her­aus­ra­gende Rolle. Das kommt im Buch stark zum Aus­druck. Unsere Kol­le­ginnen waren ja durch das Out­sourcing der Rei­nigung besonders betroffen und am stärksten unter Druck. Aber auch die Töchter unseres Betriebs­grup­pen­vor­sit­zenden haben sich in den Arbeits­kampf ein­ge­schaltet und für das Buch ein lesens­wertes Interview gegeben.


Sie wurden von vielen anderen prekär Beschäf­tigten in Ver­ant­wortung des Ber­liner Senats unter­stützt. Sind Sie noch aktiv und haben Sie Tipps für die Kol­le­gInnen?

Ja, wir haben uns in der Ver­gan­genheit in die Arbeits­kämpfe der stu­den­ti­schen Beschäf­tigten, der Charité Facility Management und der Vivantes Service GmbH ein­ge­bracht. Das wird auch so bleiben, bis unsere Mit­strei­te­rInnen ihre Ziele erreicht haben. Ich kann prekär Beschäf­tigten von lan­des­ei­genen Betrieben nur emp­fehlen, den „Gewerk­schaft­lichen Akti­ons­aus­schuss“ zu besuchen. Dort gibt es eine fach­be­reichs­über­grei­fende Zusam­men­arbeit, die schon in meh­reren Betrieben zum Erfolg führte.

Lukas Schmolzi

ist beim Tech­ni­ker­service des Bota­ni­schen Gartens beschäftigt. Er war Betriebs­rats­vor­sit­zender sowie Mit­glied der Verdi-Tarif­kom­mission.

Interview Peter Nowak

aus. Taz vom 26.6.2018

Angriff auf die kapitalistische Verwertung

In diesem Jahr sind zwei Bücher über die Mas­sen­pro­teste von 2016 gegen das Arbeits­gesetz in Frank­reich erschienen. Beide Bücher geben gute Ein­blicke in eine soziale Bewegung in Frank­reich, die jederzeit seine Fort­setzung in dem Land finden könnte.

Vor zwei Jahren begannen in Frank­reich Mas­sen­pro­teste gegen das fran­zö­sische Arbeits­gesetz, das die pre­kären Arbeits­ver­hält­nisse in dem Land ver­tiefen und zemen­tieren sollte. Vorbild dafür ist die Agenda 2010 in Deutschland. Der Pro­test­zyklus begann am 9. März 2016 und hielt bis zum 5. Juli an. «120 Tage und 16 ‹geneh­migte› Demons­tra­tionen, die uns die soziale Zusam­men­setzung der Bewegung und ihre in stän­digen poli­ti­schen Fluss begriffene poli­tische Orga­ni­sierung gut vor Augen führen», schreibt Davide Gallo Lassere. Der junge prekär beschäf­tigte Sozi­al­wis­sen­schaftler hatte sich an den Pro­testen beteiligt. Nachdem sie abgeebbt waren, hat Lassere einen in der fran­zö­si­schen Linken viel­dis­ku­tierten Text ver­fasst, der die Pro­teste von 2016 zum Aus­gangs­punkt für grund­sätz­li­chere Fra­ge­stel­lungen nahm: Wie ist in einer total indi­vi­dua­li­sierten Gesell­schaft noch möglich, solche Sozi­al­pro­teste erfolg­reich zu führen? Welche Rolle können die Gewerk­schaften in einer Gesell­schaft spielen, in der vor allem viele junge Men­schen kei­nerlei Beziehung zu ihnen haben? Ist es in einer so dif­fe­ren­zierten Gesell­schaft möglich, eman­zi­pa­to­rische For­de­rungen zu for­mu­lieren und zu erkämpfen? Diese Fragen for­mu­liert Lassere mit den gesam­melten Erfah­rungen als Aktivist in der Bewegung gegen die Arbeits­ge­setze.

Gesell­schafts­streiks?
«Die Besetzung von Bahn­höfen, Häfen und Flug­häfen, die Störung von Per­sonen- und Güter­transport, die Beein­träch­ti­gungen im Dienst­leis­tungs­sektor, der Boykott von Ein­kaufs­zentren, all das lässt die Umrisse eines wirk­lichen ‹Gesell­schafts­streiks› am Horizont auf­scheinen», schreibt Lassere. Er knüpft damit an Debatten eines Streiks an, der nicht nur den klas­si­schen Pro­duk­ti­ons­be­reich von Waren, sondern auch den Repro­duk­ti­ons­be­reich und den Handel umfasst. Lassere spricht von einem «Angriff auf die kapi­ta­lis­tische Ver­wertung», der sich durch die Ver­bindung der Kämpfe in den unter­schied­lichen Sek­toren ergibt.
Nun darf man hier kein Handbuch für den kom­menden Wider­stand erwarten. Das Buch ist eher ein Essay, das von der Bewegung auf der Strasse inspi­riert wurde. Lassere beschreibt den Moment der Befreiung, als die Men­schen im März 2016 wieder auf die Strasse gingen. Es war das Ende «der Schock­starre, die den öffent­lichen Raum besonders in Paris nach den Atten­taten vom Januar und November leer­gefegt hatten». Gemeint sind die isla­mis­ti­schen Ter­ror­an­griffe auf eine Sati­re­zeitung im Januar 2015 und ver­schiedene Sport- und Frei­zeit­stätten im November des gleichen Jahres. Mit den sich im März 2016 aus­brei­tenden nächt­lichen Platz­be­set­zungen, den «Nuit debout», eroberten sich die Men­schen den öffent­lichen Raum wieder zurück. «Plötzlich hat man wieder Luft zum Atmen», beschreibt der Autor das Gefühl vieler Akti­vis­tInnen.

Linke Spektren
«Die Welt oder nichts», lautete eine viel­zi­tierte Parole, die dort getragen wurde. Sie ver­deut­lichte, dass es um mehr als die Arbeits­ge­setze ging. Nach einigen Wochen betei­ligten sich auch die zen­tralen fran­zö­si­schen Gewerk­schaften mit eigenen Aktionen an den Pro­testen. Eine Streik­welle begann und weitete sich im Mai und Juni aus. Selbst die Aktionen mili­tanter Gruppen konnten die Pro­test­dy­namik nicht brechen. Erst die Urlaubszeit und die 2016 in Frank­reich abge­haltene Fussball-Euro­pa­meis­ter­schaften sorgten für ein Abflauen. Linke Gruppen schei­terten mit dem Versuch, im Herbst 2016 die Pro­teste neu zu ent­fachen. Die Arbeits­ge­setze wurden von der Regierung durch­ge­setzt. Lassere skiz­ziert auch die Debatten in unter­schied­lichen Spektren der fran­zö­si­schen Linken danach. Im letzten Kapitel schlägt Lassere vor, die For­derung nach einem bedin­gungs­losen Grund­ein­kommen zu einer zen­tralen For­derung zu erheben, die für unter­schied­liche linke Spektren ein Bezugs­punkt sein könnte. Dem Verlag «Die Buch­ma­cherei» und der Über­set­zerin Sophie Deeg ist es zu ver­danken, dass wir jetzt auch hier an der Debatte par­ti­zi­pieren können.
«Diese Welt ist unglaublich zäh und wir sind manchmal müde vom Anrennen gegen die immer gleichen Bedin­gungen. Doch dann weht plötzlich der Windeine neue Melodie herüber und wärmt unsere Herzen. So war es im Frühjahr 2016, als aus dem Nichts die neue Bewegung in Frank­reich ent­stand, die auf den Strassen Einzug hielt», schreibt Sebastian Lotzer. Im Band «Winter ist Coming» doku­men­tiert er Texte von Gruppen und Ein­zel­per­sonen, die in den sozialen Kämpfen in Frank­reich nicht inter­ve­nieren, um For­de­rungen zu stellen oder mit der Macht zu ver­handeln. Für junge Leute, Schü­le­rInnen, Stu­den­tInnen, prekär Beschäf­tigte waren die Wochen vom März bis Juli 2016 eine besondere Schule des Wider­stands. Junge Men­schen, die in der wirt­schafts­li­be­ralen Kon­kurr­renz­ge­sell­schaft auf­ge­wachsen sind, für die die kapi­ta­lis­ti­schen Dogmen zum All­tags­be­wusstsein gehören, wurden plötzlich zum Subjekt von Kämpfen, die genau diese kapi­ta­lis­tische Gesell­schaft infrage stellten.
In vielen Texten werden alle Staats­ap­parate abge­lehnt, für die AutorInnen gehören dazu auch linke Par­teien und Gewerk­schaften. Das ist zu einem grossen Teil die Ablehnung einer Politik der Reprä­sentanz und die Angst vor Ver­ein­nahmung. Aber die teils sehr wort­ra­dikale Ablehnung auch linker Gewerk­schaften dürfte damit zu tun haben, dass die jungen Prot­ago­nis­tInnen der Kämpfe nie Erfah­rungen mit soli­da­ri­scher Gewerk­schafts­arbeit machen konnten. So heisst es in einem von Lotzer doku­men­tierten «Aufruf aus dem ant­ago­nis­ti­schen Spektrum» zum Akti­onstag gegen das Arbeits­gesetz im März 2016: «Welchen Zusam­menhang gibt es zwi­schen den Parolen der Gewerk­schaften und der Schüler, welche ‹Die Welt oder gar nichts› sprühen, bevor sie plan­mässig Banken angreifen? Über­haupt keinen. Oder höchstens den eines mise­rablen Ver­ein­nah­mungs­ver­suchs durch­ge­führt von Zombies.»

Revol­tie­rende Bür­ger­kinder
Was vor­der­gründig besonders radikal scheint, könnte auch die Abgrenzung von Bür­ger­kindern vor den orga­ni­sierten Arbei­te­rInnen sein. Die Frage, was haben wir mit den Gewerk­schaften und den For­de­rungen von Arbei­te­rInnen zu tun, konnte man schliesslich auch in Berlin bei den Uni­ver­si­täts­streiks vor mehr als 10 Jahren hören, von Stu­die­renden, die sich als künftige Élite emp­fanden und nicht mit den Pro­le­tInnen gemein machen wollten. Wenn in dem Aufruf aus dem ant­ago­nis­ti­schen Spektrum dann die You­tuber gelobt werden, die aus­serhalb jedes Rahmens und jeder Reprä­sentanz auf die Strasse gegangen sind, und die Jugend beschworen wird, die noch nicht im Sinne des Kapi­ta­lismus funk­tio­nieren, dann wird die klein­bür­ger­liche Tendenz dieser Art des Radi­ka­lismus unver­kennbar. Es ist eben ein Unter­schied, ob orga­ni­sierte Lohn­ab­hängige Wider­stand leisten oder ob Bür­ger­kinder gegen Auto­rität und Staat rebel­lieren. Diese Kritik äussert Lotzer nicht, der seine Grund­sym­pathie mit den ant­ago­nis­ti­schen Linken nicht ver­schweigt. Doch es ist ver­dienstvoll, dass Lotzer hier einige grund­le­gende Texte des oft nur als «Mili­tante» bekannt gewor­denen Spek­trums der radi­kalen Linken zugänglich macht. So hat man die Mög­lichkeit, Ideo­logie und Staats­ver­ständnis dieses Spek­trums besser ken­nen­zu­lernen, auch um es dis­ku­tieren und kri­ti­sieren zu können. Beide Bücher geben gute Ein­blicke in eine soziale Bewegung in Frank­reich, die jederzeit seine Fort­setzung in dem Land finden könnte.

Davide Gallo Lassere: Gegen das Arbeits­gesetz und seine Welt. Verlag Die Buch­ma­cherei, Berlin 2018. 10 Euro.
Lotzer Sebastian: Winter is Coming – Soziale Kämpfe in Frank­reich. Bahoe Books, Wien 2018. 14 Euro.

aus: Vorwärts/​Schweiz, 15.6.2018

Angriff auf die kapi­ta­lis­tische Ver­wertung


Peter Nowak

Schrecken nach der Abschiebung

Die Anti­ras­sis­tische Initiative Berlin hat Schicksale von abge­wie­senen Asyl­be­werbern in Afgha­nistan doku­men­tiert

Mitte Dezember 2016 haben die Abschiebung von Geflüch­teten aus Deutschland nach Afgha­nistan begonnen. Mitt­ler­weile sind sie zur Routine geworden. Ins­gesamt 13 Abschie­be­flüge gab es in den ver­gan­genen anderthalb Jahren. 234 Men­schen wurden aus­ge­flogen. Schlag­zeilen machen die Flüge in der Regel nur noch, wenn es einem Geflüch­teten gelingt, sich erfolg­reich einer Aus­weisung zu ent­ziehen. Jetzt hat die Anti­ras­sis­tische Initiative Berlin (ARI) an die Kon­se­quenzen dieser Abschie­bungen für die Betrof­fenen erinnert. Sie stehen im Mit­tel­punkt der aktua­li­sierten Doku­men­tation »Die bun­des­deutsche Flücht­lings­po­litik und ihre töd­lichen Folgen«, welche die ARI seit 1994 jährlich her­ausgibt. Dort sind die Men­schen benannt, die nach ihrer Abschiebung in Afgha­nistan ver­letzt oder getötet wurden.

Der 23-jährige Asyl­be­werber Ati­qullah Akbari war am 23. Januar 2017 abge­schoben worden. Zwei Wochen später wurde er durch einen Bom­ben­an­schlag in Kabul ver­letzt. Der 22 Jahre alte Farhad Rasuli wurde am 10. Mai 2017, drei Monate nach seiner Abschiebung aus Deutschland, in Afgha­nistan bei einem Anschlag durch die Taliban getötet. Der 23-jährige Abdull­razaq Sabier stirbt am 31. Mai bei einem Bom­ben­an­schlag im Diplo­ma­ten­viertel von Kabul. Sein Asyl­antrag in Deutschland war abge­lehnt worden. Nachdem die dritte Sam­mel­ab­schiebung statt­ge­funden hatte, gab er dem Abschie­bungs­druck der Behörden nach und war im März »frei­willig« nach Afgha­nistan zurück­ge­kehrt.

Elke Schmidt von der ARI macht im Gespräch mit »nd« darauf auf­merksam, dass die Mas­sen­ab­schie­bungen nicht nur in Afgha­nistan töd­liche Folgen haben können, sondern auch hier­zu­lande. »Min­destens acht Afghan_​innen, davon 3 Min­der­jährige, töteten sich in den Jahren 2016 und 2017 selbst. Es am zu 110 Selbst­ver­let­zungen und Sui­zid­ver­suchen«. Elke Schmidt geht von einer noch höheren Dun­kel­ziffer aus. Schließlich ver­öf­fent­licht die ARI in ihrer Doku­men­tation nur Mel­dungen, die gegen­re­cher­chiert und bestätigt wurden. So zündete sich am 2. Januar 2017 ein 19-jäh­riger Afghane im Waren­lager eines Super­markts im baye­ri­schen Gai­mersheim selbst an, nachdem er sich mit Benzin über­gossen hatte. Mit schweren Brand­ver­let­zungen wurde er ins Kran­kenhaus gebracht. Der baye­rische Flücht­lingsrat erin­nerte nach dem Vorfall daran, dass die Arbeits­verbote und die sich häu­fenden Abschie­bungen bei vielen Geflüch­teten aus Afgha­nistan Ängste auslöst, die bis zum Selbstmord führen können. Oft komme es auch zur Ret­rau­ma­ti­sierung bei Men­schen, die in Afgha­nistan und auf ihrer Flucht mit Gewalt und Miss­hand­lungen kon­fron­tiert wurden.

Die Doku­men­tation liefert viele erschre­ckende Bei­spiele über die töd­liche deutsche Flücht­lings­po­litik. Sie ist seit 1994 ein leider noch immer unver­zicht­bares Stück Gegen­öf­fent­lichkeit. Seit wenigen Wochen ist diese wohl umfang­reichste Doku­men­tation des deut­schen All­tags­ras­sismus auf einer Datenbank im Internet zu finden (www​.ari​-dok​.org). Durch die Online­da­tenbank hoffen Elke Schmidt und ihre Mitstreiter_​innen, dass noch mehr Men­schen auf die gesam­melten Daten zugreifen. In der letzten Zeit habe es ver­mehrt Anfragen von Schüler_​innen und Stu­die­renden gegeben.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​9​0​4​0​0​.​s​c​h​r​e​c​k​e​n​-​n​a​c​h​-​d​e​r​-​a​b​s​c​h​i​e​b​u​n​g​.html
Peter Nowak

»Alles andere als Wehrkraft­zersetzung«

Malte Meyer, Autor, im Gespräch über das Ver­hältnis von Gewerk­schaften zum Militär in Deutschlan
In seinem Buch »Lieber tot als rot« dekon­struiert Malte Mayer den Mythos, Gewerk­schaften seien Teil der Frie­dens­be­wegung gewesen. Ein Gespräch

Malte Meyer stu­dierte Poli­tik­wis­sen­schaft und Geschichte in Marburg und stieg über die dortige »Arbeits­ge­mein­schaft für gewerk­schaft­liche Fragen« in die Bil­dungs­arbeit ein. Im Verlag Edition Assem­blage ver­öf­fent­lichte er kürzlich sein Buch »Lieber tot als rot. Gewerk­schaften und Militär in Deutschland seit 1914«

»Frie­dens­po­litik war in ver­gan­genen Jahr­zehnten für die Gewerk­schafts­be­wegung zen­trales Anliegen«, behauptete der Vor­sit­zende der Links­partei, Bernd Riex­inger, Anfang März in einem Interview. Sitzt er damit einem Mythos auf?
Als ehe­ma­liger Verdi-Funk­tionär wie­derholt er eine Stan­dard­floskel aus ­gewerk­schaft­lichen Sonn­tags­reden und wahr­scheinlich tut er dies auch wider bes­seren Wissens. Die DGB-Spitzen haben die Kriegs­ein­sätze der Bun­deswehr im ehe­ma­ligen Jugo­slawien und in Afgha­nistan abge­segnet und hatten fak­tisch auch gegen die Remi­li­ta­ri­sierung deut­scher Außen­po­litik seit 1990 nichts ein­zu­wenden. Die IG Metall ist in der Rüs­tungs­branche ein zuver­läs­siger Ver­tei­diger von Stand­ort­in­ter­essen. Und auch Verdi betreibt als Inter­es­sen­ver­tretung von Bun­des­wehr­be­schäf­tigten alles andere als Wehr­kraft­zer­setzung. Das Ausmaß an Integra­tion in den Staats­ap­parat wird durch solche Aus­sagen über eine angeblich anti­mi­li­ta­ris­tische »Gewerk­schafts­be­wegung« nur ver­nebelt.

Warum hält sich trotzdem so hart­näckig die Vor­stellung, Gewerk­schaften seien Teil der Frie­dens­be­wegung?
Natürlich gibt es zu dem Thema ganze Pas­sagen in gewerk­schaft­lichen Grund­satz­do­ku­menten und wort­ra­di­kalen Sonn­tags­reden, ganz zu schweigen von Gewerk­schafts­fahnen auf den Oster­mär­schen oder lokalen Ver­an­stal­tungen zum Anti­kriegstag am 1. Sep­tember. Ich finde aber auch, dass man die Leicht­gläu­bigkeit von Teilen des Publikums nicht unter­schätzen sollte: Wer – wie zum Bei­spiel der Kölner DGB – einen Hashtag wie »#No2Percent« (gegen den Nato-Beschluss, die Mili­tär­aus­gaben auf zwei Prozent des Brutto­inlandsprodukts zu erhöhen, Anm. d. Red.) ver­breitet, spricht sich eben zunächst einmal nur gegen Auf­rüs­tungs­pläne aus. Gegen die Bun­deswehr, das der­zeitige Niveau der Mili­tär­aus­gaben oder auch UN-man­da­tierte Kriegs­einsätze ist mit so einer Kam­pagne noch gar nichts gesagt. Im Gegenteil: Solche mons­trösen Sachen werden von den­selben Men­schen für unab­än­derlich erklärt.

Was hat Sie moti­viert, mit dem Buch »Lieber tot als rot« diesen Mythos zu dekon­stru­ieren?
Unmit­tel­barer Anlass war 2013 das Ansinnen der dama­ligen DGB-Führung, zu einer neu­er­lichen gemein­samen Erklärung mit der Bun­deswehr zu kommen. Als für die anti­ka­pi­ta­lis­tische Praxis wenig hilf­reich empfand und emp­finde ich aber auch die Bereit­schaft vieler Linker, kri­tische Ein­sichten gegen etwas ein­zu­tau­schen, was man früher viel­leicht als Gewerkschafts­illusion bezeichnet hätte.

Eine radi­kale Linke, die sich rege­ne­rieren möchte, darf sich eben nicht an die Ge­werkschaftsapparate dran­hängen, ­sondern muss sich – theo­re­tisch wie prak­tisch – einen eigen­stän­digen Zugang zu Klas­sen­aus­ein­an­der­set­zungen erar­beiten.

»Deutsche Gewerk­schaften: Teil der Frie­dens­be­wegung oder ›Organe des impe­ria­lis­ti­schen Staates‹?« spitzen Sie auf dem Klap­pentext Ihre Fra­ge­stellung zu. Gibt es da keine Grautöne?
Sicherlich stimmt, was ein Befrei­ungs­theo­re­tiker einmal gesagt hat: Es gibt kor­rupte Leute in integren Orga­ni­sa­tionen genauso wie es integre Leute in kor­rupten Orga­ni­sa­tionen gibt. Dieser Sinn für real exis­tie­rende Wider­sprüche ver­pflichtet aber noch lange nicht dazu, sich die sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Gewerk­schaften oder den kapi­ta­lis­ti­schen Staat schön­zu­reden. Beide Insti­tu­tionen sind letztlich nicht dazu da, die bestehende Eigen­tums­ordnung zu besei­tigen, sondern sie zu kon­ser­vieren und mög­lichen Schaden von ihr abzu­wenden. Allen, die sich ernsthaft für die erste Ziel­setzung inter­es­sieren, dürfte mit nüch­terner Lage­be­ur­teilung besser gedient sein als mit mehr oder weniger raf­fi­nierter Gewerk­schafts­ideo­logie.

»Gewerk­schaften und kapi­ta­lis­ti­scher Staat sind letztlich nicht dazu da, die bestehende Eigen­tums­ordnung zu besei­tigen, sondern sie zu kon­ser­vieren und mög­lichen Schaden von ihr abzu­wenden.«

Sie zitieren Rosa Luxemburg, die während des Ersten Welt­kriegs vom »Sieg der Gewerk­schafts­be­amten« schrieb. Was meinte sie damit?
Luxemburg hat ganz klar gesehen, wie bereit­willig die Gewerk­schaften im Ersten Welt­krieg der impe­ria­lis­ti­schen Kriegs­ma­schi­nerie zuar­bei­teten. Als sie vom »Sieg der Gewerk­schafts­be­amten« sprach, meinte sie: Die anfänglich leichte Mobi­li­sier­barkeit großer Teile der deut­schen Arbei­ter­klasse für den Krieg war auch ein Ergebnis lang­jäh­riger gewerk­schaft­licher Schu­lungs­arbeit. Deren heim­licher Lehrplan habe – typisch deutsch, könnte man sagen – darin bestanden, die Organisa­tionsdisziplin zu ver­ab­so­lu­tieren und für Ver­trauen in die Weisheit der Füh­rungen zu werben. Auto­nomie, Eigen­in­itiative und kri­tische Aus­ein­an­der­setzung mit Auto­ri­täten sind unter diesen Bedin­gungen unter­ent­wi­ckelt geblieben.

Was ist von Rosa Luxem­burgs vor allem in den letzten Lebens­jahren geäu­ßerter Gewerk­schafts­kritik heut­zutage noch brauchbar?
Sie kri­ti­sierte die Gewerk­schaften nicht nur in ihren letzten Lebens­jahren. Die Ein­sicht, dass Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tionen nicht Pro­du­zen­tinnen, sondern Pro­dukte von Klas­sen­kämpfen sind, hat sie bereits in der Mas­sen­streik­de­batte for­mu­liert und damals auch schon vor dem struk­tu­rellen Kon­ser­va­tismus des gewerk­schaft­lichen Beam­ten­ap­parats gewarnt. In der Burgfriedensko­alition des Welt­kriegs hat sie dann eine neu­artige Form bür­ger­licher Herr­schaft erblickt. Als wich­tigstes Problem erschien ihr aber immer deut­licher der Unter­ta­nen­geist, den viele Mit­glieder der Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tionen gerade in Deutschland an den Tag legten. Bekanntlich konnte Luxemburg diese aus meiner Sicht sehr inter­es­santen An­sätze einer anti­au­to­ri­tären Gewerk­schafts­theorie nicht weiter aus­führen. Aber ihr Schüler Jacob Walcher zum Bei­spiel hat am »Roten Gewerk­schaftsbuch« mit­ge­ar­beitet.

Gibt es neben Rosa Luxemburg weitere Autorinnen und Autoren, die sich ähnlich zur Politik der Gewerk­schaften geäußert haben?
Die gab und gibt es, ganz klar. Neben den klas­si­schen Räte­kom­mu­nisten fallen mir bezogen auf die deutsche Gewerk­schafts­ge­schichte spontan vor ­allem Acht­und­sech­ziger wie Hannes Heer oder Karl Heinz Roth ein. Für meine Über­blicks­dar­stellung waren ihre Fall­studien zur gewerk­schaft­lichen Quer­front­po­litik Anfang der drei­ßiger Jahre bezie­hungs­weise zum Wider­stands­kämpfer Wilhelm Leu­schner überaus wertvoll. Aber auch der ehe­malige SDS-Vor­sit­zende und DFG-VK-Mit­be­gründer Helmut Schauer hat Ende der sech­ziger Jahre den Beitrag der Gewerk­schaften zum Kampf gegen die Not­stands­ge­setze aus meiner Sicht zutreffend bilan­ziert, als er von einer »hal­bierten Oppo­sition« der Gewerk­schaften sprach.

Sie beschäf­tigten sich mit den großen Gewerk­schaften ADGB und DGB. Gilt Ihre Kritik auch der anar­chis­ti­schen und kom­mu­nis­ti­schen Oppo­sition?
Meine Kritik gilt tat­sächlich auch ver­schie­denen Vari­anten par­tei­kom­mu­nis­ti­scher Praxis innerhalb der Gewerk­schaften und ich will wirklich nicht so tun, als sei der gewerk­schaft­liche Anti­kom­mu­nismus völlig gegen­standslos gewesen. Als die UdSSR im Juni 1953 die Arbei­ter­un­ruhen in der DDR mili­tä­risch nie­der­schlug, ver­spielte sie ja nicht nur den Rest dessen, was der Par­tei­kom­mu­nismus an anti­mi­li­ta­ris­ti­schem Kredit viel­leicht noch besaß, sondern untergrub auch den Einsatz west­deut­scher Kom­mu­nis­tinnen und Kom­mu­nisten gegen die Remi­li­ta­ri­sierung. Mit ihrer prin­zi­pi­ellen Skepsis gegenüber Par­tei­dis­ziplin, Staat und Militär waren anar­chis­tische Oppo­si­tio­nelle für mich dagegen eher eine Inspi­ra­ti­ons­quelle.

Ziehen Sie aus Ihrem Buch den Schluss, dass die DGB-Gewerk­schaften kein Feld für anti­mi­li­ta­ris­tische Po­litik sein können?
Ich stelle ihre para­staat­liche Inte­gration und For­mierung fest und ziehe daraus die Kon­se­quenz, dass Bünd­nis­po­litik von links sich über Sinn und Zweck dieser Orga­ni­sa­tionen unbe­dingt im Klaren sein sollte. Die För­derung anti­mi­li­ta­ris­ti­scher oder anti­ka­pi­ta­lis­ti­scher Umtriebe gehört nach meiner Ein­schätzung jeden­falls nicht dazu. Wer seine poli­ti­schen Energien nicht ver­geuden will, sollte derlei Dinge von den Gewerk­schaften folglich auch nicht erwarten, sondern besser nach geeig­ne­teren Mitteln und Wegen Aus­schau halten.

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​8​/​2​1​/​a​l​l​e​s​-​a​n​d​e​r​e​-​a​l​s​-​w​e​h​r​k​r​a​f​t​-​z​e​r​s​e​tzung

Interview: Peter Nowak

»Globales Festgelage des monetären Kapitals«

Achim Sze­panski im Gespräch über die Zukunft der Kapi­talak­ku­mu­lation
Der Label­be­treiber, Musiker und Theo­re­tiker Achim Sze­panski sieht in die Zukunft der Maschi­ni­sierung: Die pla­ne­ta­rische Arbei­ter­klasse habe den Tisch gedeckt, der über­morgen von Robotern abge­räumt werde.

Ange­sichts der vielen Neu­erschei­nungen zum 200. Geburtstag könnte man sagen: Marx lebt. Ein gutes Zeichen für Men­schen, die sich nicht nur zu Jubiläum mit ihm aus­ein­an­der­setzen?
Man könnte mit Wolfgang Pohrt ­argu­men­tieren, dass im Mar­xismus ins­besondere bei Jubiläen ganz ­signi­fikant wird, dass die ange­peilte Revo­lution aus­ge­blieben und die ­Papier­schleuder im Dau­er­be­trieb ange­worfen ist, wenn sie nicht sogar wie in Trier als Lut­scher mit Marx-Motiv ver­ramscht wird. Das System kann einfach nicht anders, man muss ver­suchen, alles und jedes zu kapi­ta­li­sieren.

Tragen Sie mit dem von Ihnen ver­öf­fent­lichten Buch »Kapital und Macht im 21. Jahr­hundert« nicht auch dazu bei?
»Macht und Kapital im 21. Jahr­hundert« ist vor allem kein phi­lo­so­phi­sches Buch über Marx. Man sollte endlich damit auf­hören, den Mar­xismus mit phi­lo­so­phi­schen Begriffen ver­bessern oder ihn dekon­stru­ieren zu wollen, um ihn in letzter Kon­se­quenz zu etwas zu machen, das entlang der zeit­ge­mäßen Anfor­de­rungen eines linken aka­de­mi­schen Publikums ver­handelt wird. Statt­dessen ist es längst über­fällig, den Mar­xismus, was seine phi­lo­so­phi­schen Kom­po­nenten anbe­langt, radikal zu ent­eignen. Fol­ge­richtig ist das Buch eine kri­tische polit­öko­no­mische Analyse der imma­nenten »Logik« des Kapitals, der ver­schie­denen Kapi­tal­formen, ins­be­sondere der Derivate, die einer­seits eine Macht­tech­no­logie, ande­rer­seits eine neue Form des spe­ku­la­tiven Kapitals dar­stellen, und schließlich der zeit­ge­nös­si­schen Aktua­li­sierung des Kapitals als Welt­öko­nomie.

»Ohne den Einsatz der kyber­ne­ti­schen Tech­no­logien wäre die sys­te­ma­tische globale Orga­ni­sation der Arbeit, ihre Fle­xi­bi­lität und Gra­nu­la­rität, ihre Pro­duktion und Zir­ku­lation nicht möglich gewesen.«#

Sie ver­treten die These, dass das finan­zielle Kapital his­to­risch die kapi­ta­lis­tische Pro­duk­ti­ons­weise von Anfang an begleitet hat. ­Richtet sich das gegen die weit­ver­breitete Vor­stel­lungen, dass das Finanz­ka­pital erst in den ver­gan­genen Jahr­zehnten im Zuge der Glo­ba­li­sierung eine besondere Bedeutung bekommen hat?
Begrifflich ist das Kapital tat­sächlich nicht als ein posi­tiver Wert zu ver­stehen, sondern als eine pro­zes­suale Relation, wobei das Negative – Schulden – als positive Bedingung für die kapi­ta­lis­tische Pro­duktion auf­zu­fassen ist. Kapital ist Schul­den­pro­duktion, wobei die Schulden mit den ­zukünftig zu pro­du­zie­renden Waren ver­si­chert und mit deren Rea­li­sierung abge­glichen werden. So ist der Platz des Kapitals, das erste G in der berühmtem Marx­schen Formel ­G-W-G‘, von zwei Sub­jekten besetzt, nämlich vom Geld­ka­pi­ta­listen und dem indus­tri­ellen Kapi­ta­listen. Und die Formel der mone­tären Kapi­tal­zir­ku­lation beinhaltet den pri­mären Mecha­nismus der Öko­nomie, der die Waren­pro­duktion als Pro­duktion-für-den-Profit und als Pro­duktion-für-die-Zir­ku­lation kon­stant begleitet und ein­schließt.

Sie kon­sta­tieren aber auch, dass sich in den ver­gan­genen Jahr­zehnten ein stei­gender Teil der Profite pri­vater Banken aus finan­zi­ellen Akti­vi­täten speist. Ist also doch was dran an der These von der wach­senden Bedeutung des Finanz­sektors?
Das finan­zielle Kapital ope­ra­tio­na­li­siert heute in enormen Summen Kredite, fik­tives und spe­ku­la­tives Kapital und weitere Kapi­tal­äqui­va­lente, die sich durch ihre hohe Liqui­dität, Mobi­lität und Kom­men­sura­bi­lität aus­zeichnen. Dabei sind die aus den Deri­vaten resul­tie­renden Gewinne nicht in einem vul­gären Sinn fiktiv, denn die Derivate werden ja in Geld rea­li­siert und besitzen damit poten­tiell alle Merkmale der Kapi­tal­macht, ins­be­sondere auch im Zugriff auf den abs­trakten Reichtum, der in einer Öko­nomie pro­du­ziert wird. Die Derivate haben zwar keinen unmittel­baren Bezug zur indus­tri­ellen Pro­duktion und zur Zir­ku­lation von klas­si­schen Waren. Dennoch besitzen sie ganz reale Wir­kungen auf die »Real­wirt­schaft«. Es gilt hier von vorn­herein zu berück­sich­tigen, dass der »Wert« einer finan­zi­ellen Anlage dem kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­prozess nicht nach­ge­ordnet ist, sondern ihm logisch vor­ausgeht.

Was bedeutet das?
Der Wert exis­tiert nicht, weil ent­weder Mehrwert pro­du­ziert oder eine ­andere Art des Ver­mögens an den Märkten rea­li­siert wurde, sondern weil das finan­zielle Kapital bis zu einem gewissen Maße zuver­sichtlich ist, dass die Rea­li­sierung von Ren­diten im Rahmen der Pro­duktion und Zir­ku­lation von Kapital in der Zukunft statt­finden und sich nach den Maß­stäben der erwei­terten Repro­duktion auch wie­der­holen wird. Wenn die Pro­duktion und Zir­ku­lation klas­si­scher Waren wie Kleidung, Nah­rungs­mittel oder Com­puter direkt durch ­einen Kredit affi­ziert werden kann und dieser sich wie­derum durch den Preis eines Derivats erheblich beein­flussen lässt, dann kann man die bis­herige hier­ar­chische Ordnung der Klassen von drei öko­no­mi­schen ­Objekten Ware, Kredit, Derivat nicht bei­be­halten.

Können Sie das an einem Bei­spiel ver­deut­lichen?
Ein Tisch ist ein Ding zur Bereit­stellung einer Mahlzeit, aber wenn ­Fak­toren wie Zins­raten auf die Kre­dite des Tische pro­du­zie­renden ­Unter­nehmens, Optionen und Ver­si­che­rungen auf den Holz­preis und schließlich Wäh­rungs­schwan­kungen mit den ent­spre­chenden Fak­toren in der Pro­duktion über­ein­ander geblendet sind und dies im Kontext der Pro­duktion wei­terer Güter und Dienst­leis­tungen geschieht, so wird doch auf dem beschei­denen Tisch ein glo­bales Fest­gelage des mone­tären Kapitals plat­ziert.

Sie gehen in dem Buch auf das Kre­dit­wesen ein und beschreiben die wach­sende Ver­schuldung von großen Teilen der
Lohn­ab­hän­gigen als eine Stra­tegie des ­Kapitals. Klingt das nicht nach ­einer Ver­schwö­rungs­theorie?
Die relative Mehr­wert­pro­duktion bezie­hungs­weise die tech­no­lo­gische Inno­vation ver­ringern den Wert der Waren, die für die Repro­duktion der Arbeiter not­wendig sind. Das­selbe gilt aber auch für finan­zielle Innova­tionen, mit denen die Real­löhne redu­ziert werden können, wenn bei­spiels­weise ein Auto, das Teil des Waren­korbs ist, durch einen Bank­kredit finan­ziert wird. Ein Aspekt der Finan­zia­li­sierung bestand vor der letzten Finanz­krise darin, dass höhere Risiken in den Immo­bi­li­en­sektor trans­fe­riert wurden. Dabei stieg nicht nur die private Ver­schul­dungs­quote der­je­nigen Haus­halte, die Hypo­the­ken­kredite auf­nahmen, sondern auch die Preise der auf die Immo­bilien bezo­genen Assets erhöhten sich. Die finan­zi­ellen Inno­va­tionen ermög­lichten also neue Spiel­räume für das Kapital, um Lohn­sen­kungen durch­zu­setzen. Die stei­gende Ver­schuldung der Lohn­ab­hän­gigen ist somit kein Resultat der Unter­kon­sumtion oder einer schwachen Per­fo­mance des Kapitals, vielmehr ver­weist der Auf­stieg des Finanz­systems auf einen kon­so­li­dierten Kapi­ta­lismus.

Sie schreiben, dass es heute eine »pla­ne­ta­rische Arbei­ter­klasse« gibt, »die sich selbst aus ihren Jobs her­aus­ar­beitet« und beziehen sich damit auf die Robotik. ­Gehen Sie da aber nicht den Ver­hei­ßungen der High-Tech-Indus­trie auf dem Leim, da in der Rea­lität der Einsatz von Robotern ­bisher nur sehr begrenzt gelingt?
Von 1980 bis 2010 ist der Korpus der pla­ne­ta­ri­schen Arbeits­kräfte von 1,2 Mil­li­arden auf drei Mil­li­arden Men­schen ange­stiegen. Dies war kei­neswegs allein die Folge des glo­balen Bevöl­ke­rungs­wachstums, sondern eine Folge der Ver­tiefung der Kapi­talak­ku­mu­lation und der Märkte im glo­balen Maßstab. Ohne den Einsatz der kyber­ne­ti­schen Tech­no­logien wäre die sys­te­ma­tische globale Orga­ni­sation der Arbeit, ihre Fle­xi­bi­lität und Gra­nu­la­rität, ihre Pro­duktion und Zir­ku­lation nicht möglich gewesen. In Zukunft wird sich die Kapi­talak­ku­mu­lation weniger um die Repro­duktion der Arbeits­kräfte drehen, sondern um die Repro­duktion der ­kyber­ne­ti­schen Systeme selbst. Die Ver­bindung von Glo­ba­li­sierung und Kyber­netik hat zwei Ten­denzen in der Dynamik des Kapi­talak­ku­mu­lation offen­gelegt: Zum einen die Erfassung der glo­balen Popu­lation durch Lie­fer­ketten und beweg­liche Pro­duktion, die die Arbeit für das ­Kapital auf einem pla­ne­ta­ri­schen ­Niveau ver­fügbar hält, und zum anderen der Drive hin zur Auto­mation, Algo­rith­mi­sierung, Robotik und digi­talen Netz­werken, womit eine für das Kapital nutzlose Sur­plus­be­völ­kerung erzeugt wird. Dieser »bewe­gende Wider­spruch« schafft Arbeits­plätze, aber er zer­stört auch welche – und dies kei­neswegs in einem gleich­ge­wich­tigen Prozess, sondern in einer spi­ral­för­migen Bewegung, die zu einer immer inten­si­veren Maschi­ni­sierung des Kapitals führt.

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​8​/​2​1​/​g​l​o​b​a​l​e​s​-​f​e​s​t​g​e​l​a​g​e​-​d​e​s​-​m​o​n​e​t​a​e​r​e​n​-​k​a​p​itals

Interview: Peter Nowak

Sze­panski Achim, Kapital und Macht im 21. Jahr­hundert
Erschienen Januar 2018, 20,00 €, 354 Seiten, ISBN:978–3-944233–901

Protestmarsch für bessere Pflege


Beim „Walk of Care“ am Samstag demons­trieren rund acht­hundert Men­schen für mehr Per­sonal und Geld in der Pfle­ge­branche

Mit Musik und Luft­ballons demons­trierten am Sams­tagnach- mittag Aus­zu­bil­dende und Pfle­ge­rInnen für bessere Bedin­gungen in ihrer Branche. Rund 800 Men­schen kamen beim „Walk of Care“ zusammen und zogen von Berlin-Mitte vorbei am Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terium hin zur Senats­ver­waltung für Gesundheit in Kreuzberg. Die Stimmung war fröhlich, bei einem Zwi­schen­stopp am Check­point Charlie wippten auch einige der zahl­reichen Pas­san­tInnen im Takt der Musik mit. Doch es ging nicht nur um Spaß beim zweiten Ber­liner Walk of Care.

Immer wieder skan­dierten die Demons­tran­tInnen „Die Pflege steht auf“. Der Ber­liner Pfle­ge­stamm­tisch nutzte den Inter­na­tio­nalen Tag der Pflege am 12. Mai, um die For­derung nach einer gesetz­lichen Per­so­nal­be­messung, mehr Raum für Pra­xis­an­leitung und guter Aus­bildung auf die Straße zu tragen. „Mehr Zeit für Pflege“ hatte eine Frau auf einen Karton geschrieben. Eine andere Demons­trantin for­derte „Respect Nurses.“

Mehr Zeit für Pflege“, hatte eine Frau auf einen Karton geschrieben

Der Walk of Care startete in unmit­tel­barer Nähe der Charité, wo es in den letzten Monaten Arbeits­kämpfe gab, die andere inspi­rierten. Markus Mai von der Pfle­ge­kammer Rheinland- Pfalz berichtete von ähn­lichen Demons­tra­tionen in ver­schie­denen Städten in Deutschland, aber auch in anderen euro­päi­schen Ländern am 12. Mai.

Für die Ber­liner Vor­be­rei­tungs­gruppe macht die große Resonanz des Walk of Care deutlich, dass sich in den letzten Jahren die unter­schied­lichen Pfle­ge­be­schäf­tigten gegen ihre schlechten Arbeits­be­din­gungen zu wehren begonnen haben. „Ältere Kol­le­gInnen haben oft noch die Vor­stel­lungen vom Ehrenamt im Kopf. Jüngere Beschäftige im Care-Bereich begreifen ihren Beruf als Arbeits­platz, der auch gut bezahlt werden muss“, benennt Valentin Her­furth vom Ber­liner Pfle­ge­stamm­tisch die Unter­schiede zwi­schen den Genera­tionen.

Dabei bekommen sie Unter­stützung aus der Bevöl­kerung, wie der aus­sichts­reiche „Volks­ent­scheid für gesunde Kran­ken­häuser“ zeigt, in dem mehr Per­sonal und höhere Inves­ti­tionen in Ber­liner Kran­ken­häusern gefordert werden. „Wir haben das nötige Quorum der Unter­schriften bereits erreicht, sammeln aber noch bis 11. Juni weiter“, sagte Dietmar Lange, der auf der Demons­tration für das Volks­be­gehren warb.

Soli­da­rität bekamen die Care- Beschäf­tigten auch von Feu­er­wehr­leuten, die kürzlich eine fünf­wö­chige Mahn­wache gegen schlechte Bezahlung, zu wenig Per­sonal und ver­altete Aus­rüstung vor dem Roten Rathaus be- endet haben. Dort ent­stand auch der Protest-Rap „Berlin brennt“, den der Feu­er­wehrmann Christian Köller am Samstag unter großem Applaus auf­führte.

Die Bran­den­burger Linke startete unter­dessen am Tag der Pflege eine Kam­pagne für mehr Per­sonal und eine bessere Bezahlung in den Pfle­ge­be­rufen. „Wir fordern einen Pfle­ge­min­destlohn von 14,50 Euro und einen flä­chen­de­ckenden Tarif­vertrag“, sagte Lan­des­ge­schäfts­führer Stefan Wol­lenberg zum Auftakt in Potsdam.

montag, 14. mai 2018 taz

Peter Nowak

Es war auch Traumabewältigung


Henning Fischer würdigt den Kampf und das Leid der Frauen von Ravens­brück

Diese Arbeit ist von einer großen Empathie für die Frauen der Lager­ge­mein­schaft Ravens­brück geprägt«, erklärte der His­to­riker Mario Keßler zur Buch­pre­miere im Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Jenen Anti­fa­schis­tinnen ist die Kol­lek­tiv­bio­grafie des His­to­rikers Henning Fischer gewidmet. Die Frauen, die in der Öffent­lichkeit als poli­ti­sches Kol­lektiv han­delten, beschreibt der Autor als Indi­viduen mit Ängsten und Sehn­süchten, Hoff­nungen und Ent­täu­schungen. 

Seit meh­reren Jahren forscht Fischer zur Geschichte des Frau­en­kon­zen­tra­ti­ons­lagers Ravens­brück. Er ver­folgte die Wege der ehe­ma­ligen deut­schen Häft­linge von ihrer Poli­ti­sierung in der Wei­marer Republik bis hin zu ihrem spä­teren Leben in der Bun­des­re­publik oder der DDR. Sehr anschaulich schildert er, wie diese Frauen nach 1933 eine soli­da­rische Gemein­schaft bil­deten, die sich aller­dings auf die eigene poli­tische Gruppe beschränken musste. Wer nicht auf der Par­tei­linie lag, hatte es schwer. Bei­spiels­weise Mar­ga­rethe Buber-Neumann, die im sowje­ti­schen Exil unter Stalin mit ihrem Mann als »Abweich­lerin« verfemt, ver­folgt und schließlich, nach dem deutsch-sowje­ti­schen Nicht­an­griffspakt 1939, an Nazi­deutschland aus­ge­liefert wurde. Bis zur Befreiung vom Faschismus war Buber-Neumann in Ravens­brück inhaf­tiert. Obwohl sie noch bis 1946 KPD-Mit­glied blieb, wurde sie von ihren Genos­sinnen und Genossen auch nach dem Krieg als Dis­si­dentin mit Argwohn beob­achtet. Nach ihrem Par­tei­aus­tritt schrieb sie ihre Erin­ne­rungen nieder, nicht nur an die Zeit unter Stalin, auch an ihre Haft im faschis­ti­schen KZ

Die meisten Ravens­brü­ck­e­rinnen stürzten sich in Ost- wie in West­deutschland sofort wieder in die poli­tische Arbeit, was der Autor auch als eine Form der Trauma­be­wäl­tigung deutet. Der Kalte Krieg führte dazu, dass die Ravens­brü­ck­e­rinnen in der BRD bald erneut gesell­schaftlich mar­gi­na­li­siert und oft kri­mi­na­li­siert wurden. Erst ab Mitte der 1980er Jahre konnten sie ihre Erfah­rungen als Zeit­zeu­g­innen an eine jüngere Generation ver­mitteln. Am Bei­spiel der Ärztin Doris Maase zeigt Fischer, wie ehe­malige NSDAP-Mit­glieder nun als Richter in der Bun­des­re­publik die Ver­folgung der Kom­mu­nis­tinnen fort­setzten. Doris Maase wurde die Rente gestrichen, die sie als NS-Ver­folgte erhielt. Schon erhaltene Gelder sollte sie zurück­zahlen, weil sie wei­terhin poli­tisch aktiv blieb.

Sen­sibel schildert Fischer auch den Prozess gegen die Kom­mu­nistin und Ravens­brück-Gefangene Ger­trude Müller, die 1947 ange­klagt war, jüdische Zwangs­ar­bei­te­rinnen geschlagen zu haben. Zunächst schuldig gesprochen und zu einer mehr­jäh­rigen Haft­strafe ver­ur­teilt, musste Müller ihre Zelle mit ehe­ma­ligen Auf­se­he­rinnen von Ravens­brück teilen. Welch eine Zumutung. In einem zweiten Prozess wurde sie schließlich frei­ge­sprochen. Fischer stellt fest, dass letztlich nicht mehr geklärt werden kann, was damals tat­sächlich geschah und wie es zu dem Vorwurf kam. Dass in ihrem ersten Prozess ein kom­mu­nis­ti­sches und zwei jüdische Opfer des NS-Systems gegen­ein­ander klagten, ist dessen unge­achtet tra­gisch. Gertrud Müller war noch bis ins hohe Alter in der Orga­ni­sation der NS-Ver­folgten tätig. In den 1980er Jahren lud sie ehe­malige Zwangs­ar­bei­te­rinnen zu einer Podi­ums­dis­kussion über die von der Bun­des­re­publik bis dato ver­wei­gerten Ent­schä­di­gungs­zah­lungen ein. 

In der DDR waren die Ravens­brü­ck­e­rinnen Teil der offi­zi­ellen Erzählung vom anti­fa­schis­ti­schen Staat, den viele von ihnen bedin­gungslos ver­tei­digten. Zwei der Frauen sahen auch ihre Arbeit für das MfS als eine Fort­setzung ihres kom­mu­nis­ti­schen Kampfes. Fischer weiß aber auch vom Eigensinn einer Frau zu berichten, der es gelungen ist, trotz par­tei­of­fi­zi­eller und staat­licher Vor­gaben in der Gedenk­arbeit eigene Akzente zu setzen. Es war Erika Buchmann, die sich hierbei selbst bei eins­tigen Lei­dens­ge­nos­sinnen nicht nur Freunde machte. Der Kampf um die Erin­nerung wurde unter den über­zeugten Kom­mu­nis­tinnen hart aus­ge­fochten. Schwer hatte es in der DDR zum Bei­spiel auch Johanna Krause, die unterm Haken­kreuz als Jüdin und Kom­mu­nistin ver­folgt wurde und später als »reni­tente Quer­trei­berin« aus der SED aus­ge­schlossen wurde. 

Fischer beschreibt die Frauen in all ihrer Wider­sprüch­lichkeit als selbst­ständig und selbst­be­wusst han­delnde Indi­viduen. Dieses Ein­füh­lungs­ver­mögen ließ die Lei­terin der Mahn- und Gedenk­stätte Ravens­brück, Insa Eschebach, bei der Buch­vor­stellung leider ver­missen. Sie sprach von einer tota­li­tären Ein­stellung ehe­ma­liger Ravens­brü­ck­e­rinnen in der DDR und warf jenen gar vor, ihre Ver­fol­gungs­bio­grafien retu­schiert zu haben. Anwe­sende Ange­hörige pro­tes­tierten – zu Recht.


Henning Fischer: Über­le­bende als Akteu­rinnen. Die Frauen der Lager­ge­mein­schaften Ravens­brück: Bio­gra­fische Erfahrung und poli­ti­sches Handeln, 1945 bis 1989. Uni­ver­si­täts­verlag Kon­stanz, 542 S., br. 29 €.

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​8​7​7​5​1​.​e​s​-​w​a​r​-​a​u​c​h​-​t​r​a​u​m​a​b​e​w​a​e​l​t​i​g​u​n​g​.html

Peter Nowak

Lieber tot als rot

»Frie­dens­po­litik war in ver­gan­genen Jahr­zehnten für die Gewerk­schafts­be­wegung ein zen­trales Anliegen«, behauptete der Vor­sit­zende der Links­partei Bernd Riex­inger Anfang März in einem Interview mit der Tages­zeitung junge Welt. Dieser These wider­spricht der Poli­tik­wis­sen­schaftler Malte Meyer in seinem Buch mit dem bezeich­nenden Titel »Lieber tot als rot« mit guten Argu­menten. Meyer unter­sucht das Ver­hältnis der großen Gewerk­schaften (ADGB in der Wei­marer Republik und DGB in der BRD) in Deutschland zum Militär in den letzten 100 Jahren. Ihre Inte­gration in den Staats­ap­parat und die Über­nahme der Staats­raison, wozu der Anti­kom­mu­nismus gehört, seien der Grund dafür gewesen, dass diese Gewerk­schaften die Armee voll­ständig akzep­tierten, so die These des Autors. In der noch immer gül­tigen gemein­samen Erklärung von DGB und Bun­deswehr aus dem Jahr 1981 bezeichnen sich beide als unver­zichtbare Säulen des Staates. Es ging eben nicht nur um die Ver­tei­digung von Arbeits­plätzen in der Rüs­tungs­in­dustrie, was linke Gewerkschafter_​innen gerne anführen, betont Meyer. Auch an der kom­mu­nis­ti­schen Strömung kri­ti­siert er einen Geist von Dis­ziplin und Unter­ordnung, der his­to­risch oft ein Ein­fallstor für Mili­ta­rismus war. Meyer tritt für eine bessere Koope­ration der kleinen anti­mi­li­ta­ris­ti­schen Szene ein und bezieht sich auf die vor allem in Deutschland mino­ritäre anti­au­to­ritäre Strömung in der Arbei­ter­be­wegung. Mit seinem Buch liefert er dazu wichtige his­to­risch unter­füt­terte Argu­mente.

https://​www​.akweb​.de/​a​k​_​s​/​a​k​6​3​7​/​0​5.htm

Peter Nowak


Malte Meyer: Lieber tot als rot, Gewerk­schaften und Militär in Deutschland seit 1914. Edition Assem­blage, Münster 2017, 335 Seiten, 19,80 EUR.

Ver­an­stal­tungs­hinweis zum Buch:

Dis­kussion mit Malte Meyer: Lieber tot als rot

Dienstag, 24. April 19:00 – 21:00
Baiz
Schön­hauser Allee 26a, 10435 Berlin

Antifaschismus aus der Gegenwart herleiten

Geschichte: Henning Fischer hat eine poli­tische Kol­lek­tiv­bio­grafie von kom­mu­nis­ti­schen »Ravens­brü­ck­e­rinnnen« geschrieben

Der Ber­liner His­to­riker Henning Fischer hat die Lebenswege von Frauen vor­gelegt, die die Lager­ge­mein­schaft Ravens­brück grün­deten. Er ver­folgt ihren Lebensweg von ihrer Poli­ti­sierung in der Wei­marer Republik und beschreibt ihr Enga­gement für den poli­ti­schen Umbruch, der in der völ­ligen Ent­rechtung des KZ-Systems endet. Sehr detail­liert beschreibt er die Hoff­nungen der Frauen nach der Befreiung sowie ihre dia­mental unter­schied­liche Geschichte in West- und Ost­deutschland. Während sie in der BRD bald an den Rand gedrängt und als Kom­mu­nis­tinnen wieder kri­mi­na­li­siert werden, werden sie in der DDR zur Teil der offi­zi­ellen Erzählung vom anti­fa­schis­ti­schen Staat.

*1.) Du hast über einen Zeitraum von meh­reren Jahren über die Geschichte der­Frauen der Lager­ge­mein­schaft Ravens­brück geforscht. Woher kommt Dein Interesse für das Thema? Und planst Du weitere his­to­rische Arbeiten zum NS-Wider­stand?**
Fischer: .Abge­sehen von den üblichen Zufäl­lig­keiten bei der The­menwahl rührte mein Interesse an der Geschichte der Lager­ge­mein­schaften von zwei Dingen. Erstens umfasst sie die Zeit vor und nach 1945 und damit den angeb­lichen Bruch der „Stunde Null“ zwi­schen Natio­nal­so­zia­lismus und Bun­des­re­publik. Zweitens ging es auch darum, etwas zur immer noch im Schatten ‚großer Männer‘ ste­henden Frau­en­geschichte bei­zu­tragen.


*2.) Welchen Stel­lenwert spielt Deine poli­tische Posi­tio­nierung bei Deiner Arbeit? *

Fischer: Weil sie unter anderem eine anti­fa­schis­tische Posi­tio­nierung ist, hat sie sicher zur The­menwahl bei­getragen. Außerdem hat sie das Span­nungsfeld der his­to­ri­schen Unter­su­chung bestimmt: Einer­seits in Form von geschicht­licher Empathie für die Prot­ago­nis­tinnen, ande­rer­seits als Kor­rektiv aus der Gegenwart, das eine Iden­ti­fi­zierung mit ihnen ver­meiden soll.


*3.) Wie war der Kontakt zu den noch lebenden Widerstandskämpfer_​innen und ihren Ange­hö­rigen?*

Sehr offen und hilf­reich. Mehrere Töchter und Söhne von Über­le­benden haben mir durch Gespräche und auch die Wei­tergabe von Unter­lagen sehr geholfen. Für Gespräche mit Über­le­benden selbst, die zum Buch viel hätten bei­tragen können, kam ich leider viel zu spät.

*4.) In dem Buch wird an meh­reren Stellen Deine Distanz zu tra­di­ti­ons­kom­mu­nis­ti­schen Poli­tik­vor­stel­lungen deutlich. Wie ist Dir trotzdem eine Beschreibung gelungen, die den Frauen als han­delnden Sub­jekten gerecht wird, obwohl sie zum großen Teil Kommunist_​innen waren?*
Fischer: Wenn mir diese Beschreibung gelungen ist, dann genau des­wegen: Als Teil linker Geschichte steht meine Arbeit den Lebens­ge­schichten der Frauen der Lager­ge­mein­schaften nahe. Meine his­to­rische und poli­tische Kritik
gegenüber tra­di­tio­nellen, zum Bei­spiel zen­tra­lis­ti­schen Poli­tik­formen hat dabei dann zur not­wen­digen Distanz bei­getragen, die eine his­to­rische Beschäf­tigung braucht.

*5.) Du bringst in Deiner Arbeit eine Gen­der­per­spektive ein, die die Frauen selber oft nicht hatten. Siehst Du darin nicht auch ein Problem, zumal die sozia­lis­ti­schen und kom­mu­nis­ti­schen Gleich­be­rech­ti­gungs­vor­stel­lungen nicht weiter aus­ge­führt werden? *
Fischer: Meine Arbeit nimmt keine explizite, aus­dif­fe­ren­zierte geschlech­ter­po­li­tische Position ein, in die die Lebens­ge­schichten der Über­le­benden ein­ge­zwängt würden. Geschlecht als Thema muss in der Geschichte der Lager­ge­mein­schaften aber präsent sein, da die Frauen in einer männlich domi­nierten (poli­ti­schen) Welt agieren mussten. Zudem waren die his­to­ri­schen Lager­ge­mein­schaften Ravens­brück ja Ver­bände von Frauen. Es braucht da also ein ‚Voka­bular‘ in der his­to­ri­schen Dar­stellung und eine ent­spre­chende Linse zum Ver­ständnis des Gesche­henen. Zudem gibt es in einigen Lebens­er­in­ne­rungen von Über­le­benden aus Ravens­brück deut­liche
Äuße­rungen, wie sie die Abwertung weib­licher poli­ti­scher Akti­vität selbst erfuhren, z.B. in der KPD und der SED. Es ist dann die Aufgabe der his­to­ri­schen Dar­stellung, diese Aspekte damit zusammen zu bringen, dass sich die meisten der beschrie­benen Prot­ago­nis­tinnen tat­sächlich eher als ‚Kom­mu­nis­tinnen‘, weniger als ‚Frau­en­kämp­fe­rinnen‘ sahen. Das ist sicher sehr inter­essant, weiter zu unter­suchen, auch im Hin­blick auf die
Vor­stel­lungen von Gleich­be­rech­tigung. Die Geschichte der Lager­ge­mein­schaften, die ich geschrieben habe, war aber zunächst eine ‚Gesamt­dar­stellung‘ und Längs­schnitt­studie, und dieser Aspekt ist einer von vielen innerhalb dieser Geschichte, der noch genauer beschrieben werden könnte.

*6.) An meh­reren Stellen schreibst Du, dass sich die Frauen nach ihrer Befreiung gleich wieder in die poli­tische Arbeit stürzten, wäre eine Form von Trauma­be­wäl­tigung gewesen. Gibt es dafür Belege bei den Frauen selber oder ist es DeineIn­ter­pre­tation?*
Fischer: Da Trauma­be­wäl­tigung ja von einem Schock­erlebnis und seiner Ver­drängung ausgeht, gibt es hier wenig Gesagtes und wenig kon­krete Belege. Auch des­wegen, weil sich die Lebens­er­zählung der Über­le­benden in der Regel auf das Poli­tische und die Betonung der eigenen gesell­schaft­lichen Akti­vität kon­zen­trierte. Die Phase nach 1945, wie ich sie im Buch rekon­struiere, und ihre his­to­rische Deutung ist also eine Inter­pre­tation. Aller­dings sind die Doku­mente, z.B. Briefe, und Erin­ne­rungs­be­richte der Über­le­benden in diesem Punkt unter­ein­ander so ähnlich und als Inter­pre­tament so deutlich, dass es mir sicher scheint, dass eine solche „Rum­ra­serei“ der poli­ti­schen
Akti­vität eine mög­liche Art des Umgangs mit dem erlebten Schrecken gewesen ist: Sie war gleich­zeitig Ver­drängung durch Neues und Ver­ar­beitung durch poli­tische wie per­sön­liche Sinn­gebung und Trau­er­arbeit.

*7.) Du sparst auch kri­tische Punkte nicht aus, wie den Umgang der Lager­ge­mein­schaft mit Frauen, die bei der Partei in Ungnade gefallen sind. Wares schwer, mit den Über­le­benden und ihren Ange­hö­rigen solche Punkte
anzu­sprechen?*

Fischer: Die Arbeit beruht ganz haupt­sächlich auf schrift­lichen Quellen, insofern gab es solche Situa­tionen kaum. In einem ersten Gespräch ging es aber zum Bei­spiel um die These einer „Mili­ta­ri­sierung“ des Gedenkens in der DDR.
Es war aber auch klar, dass es ein gemein­sames Interesse an der Geschichte der Lager­ge­mein­schaften gibt und unter­schied­liche Inter­pre­ta­tionen oder ‚kri­tische Punkte‘ Teil dieser Geschichte sein können. Über­le­bende wie
Rita Sprengel hatten zudem bereits in den 1990ern in Lebens­er­in­ne­rungen von Par­tei­aus­schluss und per­sön­lichen Ent­täu­schungen berichtet.


*8.) Eine dieser bei der Partei in Ungnade gefal­lenen Gefan­genen ist Mar­ga­re­t­he­Buber Neumann, die später poli­tisch in ultra­rechten Kreisen aktiv war. Hat es einen Grund, dass Du das nicht erwähnst?*

Das hat keinen anderen Grund als dass sich das Buch im Kern mit den Frauen der Lager­ge­mein­schaften beschäftigt – und Buber-Neumann gehörte eben nicht dazu. Es gibt viele Aspekte quer durch diese Jahr­hun­dert­ge­schichte, die nicht ange­messen präsent sein können. Zum Bei­spiel leider auch das ganze Thema der Frauen, die bei den
Inter­na­tio­nalen Bri­gaden oder als Anar­chis­tinnen im Spa­ni­schen Bür­ger­krieg gekämpft haben.

*9.) Es gibt kaum noch Zeitzeug_​innen aus dem Wider­stand gegen den NS. Welche Rolle kann die Geschichts­wis­sen­schaft dabei spielen, damit diese Erfah­rungen nicht ver­gessen werden? *
Solange die For­de­rungen des rus­si­schen Kos­mismus (Unsterb­lichkeit und Wie­der­auf­er­stehung für Alle!) nicht erfüllt sind, kann auch die Geschichts­wis­sen­schaft die Zeit nicht anhalten. Was sie kann, ist, durch kri­tische Rekon­struktion der Men­schen aus dem anti­fa­schis­ti­schen Wider­stand – ihres Han­delns, ihrer Umgebung, ihrer Mög­lich­keiten und Grenzen – sie selbst und ihre Erfah­rungen sozu­sagen anschaubar zu machen. Ob Geschichts­wis­sen­schaft viel mehr kann, weiß ich nicht – die „Lehren aus der Geschichte“ zum Bei­spiel sind oft eine ten­den­ziöse Ange­le­genheit, die sich aus der Ver­gan­genheit mora­lisch-rau­nende Legi­ti­mation holt. Anti­fa­schismus sollte sich ohne Wei­teres aus der Gegenwart her­leiten lassen.

Interview: Peter Nowak


Henning Fischer: Über­le­bende als Akteu­rinnen. Die Frauen der Lager­ge­mein­schaften Ravens­brück: Bio­gra­fische Erfahrung und poli­ti­sches Handeln, 1945 bis 1989. 542 Seiten, zahlr. Foto­grafien, 29 Euro, Uni­ver­si­täts­verlag Kon­stanz.


Am 21. und 22. April finden in der Gedenk­stätte Ravens­brück die Fest­lich­keiten zum 73. Jah­restag der Befreiung statt.

aus: ak 636, März 2018