Rote Fahnen auf Palästen

Peter Haumer erinnert an ein öster­rei­chi­sches Revo­lu­ti­ons­ka­pitel

Der bevor­ste­hende 100. Jah­restag der Novem­ber­re­vo­lution in Deutschland sollte nicht ver­drängen, dass 1918/19 auch andernorts eine eman­zi­pative Alter­native zur bür­ger­lichen Gesell­schaft auf der Tages­ordnung stand. Auch in Öster­reich wehten rote Fahnen über Adels­pa­lästen. Ende 1918 brach als Folge des Ersten Welt­kriegs die K.u.K.-Monarchie »ras­selnd zusammen«, wie Peter Haumer schreibt. Am Tag der Aus­rufung der Republik Öster­reich demons­trierten Tau­sende Arbeiter für eine sozia­lis­tische Republik. »Sie hatten ganz kon­krete Vor­stel­lungen, wie dies zu bewerk­stel­ligen sei: Selbst­or­ga­ni­sation in Form der Räte­be­wegung.« Mit seiner »Geschichte der F.R.S.I.« ent­reißt Haumer die Föde­ration Revo­lu­tio­närer Sozia­listen der Ver­ges­senheit, in die sie mit der Kri­mi­na­li­sierung und Ver­folgung ihrer Akteure nach der Zer­schlagung der Revo­lution geriet. Ihr Kampf um eine neue Gesell­schaft wurde zunächst von den Aus­tro­fa­schisten und nach dem »Anschluss« an das »Deutsche Reich« von den Nazis aus dem öffent­lichen Bewusstsein getilgt. Insofern ist dieses Buch eine ver­dienst­volle, not­wendige Pio­nier­arbeit.

Der Autor bietet Ein­blicke in die Vor­ge­schichte der Revo­lution, stellt Akteure vor, skiz­ziert die Ereig­nisse und benennt die Gründe für die Nie­derlage. Er beschreibt, wie schon 1915 linke Sozi­al­de­mo­kraten gegen die Burg­frie­dens­po­litik ihrer Par­tei­führung oppo­nierten. In ihrem macht­vollen Janu­ar­streik 1918 pro­tes­tierten Arbei­te­rinnen und Arbeiter wich­tiger öster­rei­chi­scher Rüs­tungs­be­triebe gegen die sinnlose Fort­setzung des Krieges und grün­deten Räte, die Grundlage für die F.R.S.I. Haumer ver­weist auf den Ein­fluss der rus­si­schen Okto­ber­re­vo­lution von 1917 auf auch Anar­chisten und Anar­cho­syn­di­ka­listen. Nach dem Janu­ar­aus­stand fielen die Linken wieder in gegen­seitige Schuld­vor­würfe zurück, bis im Laufe des Jahres 1918 die revo­lu­tionäre Welle erneut an Schwung gewann und For­de­rungen nach einem sofor­tigen Frieden ohne Anne­xionen arti­ku­liert wurden. Am 3. November 1918 gründete sich die Kom­mu­nis­tische Partei Deutsch-Öster­reich, Wochen vor der deut­schen KP. Doch nicht sie, sondern die F.R.S.I. war zunächst die trei­bende Kraft der Revo­lution in Öster­reich. Schon mit dem Begriff Föde­ration wird deutlich, dass es sich um einen dezen­tralen Zusam­men­schluss linker Gruppen han­delte, die für eine sozia­lis­tische Zukunft kämpften.

Julius Dickmann, einer der wich­tigen Ver­treter des Räte­ge­dankens in Öster­reich, beschrieb die Dif­fe­renzen zur KPÖ: »Auch wir sind Anhänger der kom­mu­nis­ti­schen Gedanken. Auch wir ori­en­tieren uns an der Rus­si­schen Revo­lution, aber wir lehnen es ab, den rus­si­schen Kom­mu­nismus fix und fertig auf unsere Ver­hält­nisse zu über­tragen.«

Haumer zeigt, wie eng das Schicksal der Revo­lution in Öster­reich mit der baye­ri­schen und unga­ri­schen Räte­re­publik ver­knüpft war. Deren blutige Zer­schlagung stärkte auch die reak­tio­nären Kräfte in Öster­reich, wor­aufhin die Mehrheit der F.R.S.I. im Mai 1919 die Fusion mit der KPÖ beschloss. Manche ihrer Akti­visten wie Julius Dickmann blieben jedoch par­teilos. Fast erblindet wurde der Räte­kom­munist 1942 von den Nazis ermordet.

Peter Haumer: Geschichte der F.R.S.I. Die Föde­ration Revo­lu­tio­närer Sozia­listen »Inter­na­tionale« und die öster­rei­chische Revo­lution 1918/19., Man­delbaum, 260 S., br., 17 €.

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Peter Nowak

Deutsch gegen Deutschland

Burkhart List erinnert an die »Affäre Deutsch« und einen der größten Raub­kunst­skandale der Nach­kriegszeit

Wenn sich Deutschland heute als Welt­meister bei der Auf­ar­beitung der NS-Ver­brechen feiern lässt, wird häufig ver­gessen, dass in West­deutschland bis in die 1980er Jahre hinein die NS-Opfer und ihre Unter­stützer bekämpft und ver­leumdet worden sind. Wie die wieder in Amt und Würden gelangte ehe­malige NS-Beam­ten­schaft dabei vorging, zeigt die Kam­pagne gegen den Rechts­anwalt Hans Deutsch.
Der 1906 in Wien Geborene schaffte es, nach dem Ein­marsch der Wehr­macht in Öster­reich recht­zeitig zu fliehen, seine jüdi­schen Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Nach der Befreiung kehrte Deutsch aus Tel Aviv nach Wien zurück, wo er in der Presse alsbald »Mister Wie­der­gut­ma­chung« genannt wurde. Der Rechts­anwalt kämpfte um finan­zielle Kom­pen­sa­tionen für die von den Nazis beraubten Jüdinnen und Juden. Dabei ging es um wert­volle Möbel und Kunst­werke, um Tep­piche und Por­zellan, die aus den Häusern jüdi­scher Familien in Deutschland und dann in sämt­lichen von der Wehr­macht besetzten Länder ver­schleppt worden sind. Mit einer israe­li­schen Voll­macht reichte Deutsch die ersten Sam­mel­klagen der Opfer ein. Pro­fi­teure des Raubes an jüdi­schem Eigentum erach­teten ihn natürlich als einen Feind, der zur Strecke gebracht werden müsse. Wie Büro­kraten, Poli­tiker und auch manche Medien ihn atta­ckierten, ist ein wahrer Polit­krimi, den der Publizist Burkhart List nunmehr spannend und kennt­nis­reich unter die Leser bringt. 1964 wurde Deutsch unter dem Vorwurf ver­haftet, er habe Beweis­ma­terial über die unga­rische Kunst­sammlung Hatvany gefälscht. Die Bilder seien nicht von der SS, sondern von der Roten Armee geraubt worden, so die Anklage. Deutsch wurde des Betrugs beschuldigt, weil er von der BRD hierfür Ent­schä­digung ein­klagte. List befasst sich akri­bisch mit den Gegen­spielern von Deutsch, nennt deren NSDAP-Mit­glieds­nummern und Nach­kriegs­kar­rieren. Bei­spiels­weise der ehe­malige SS-Unter­sturm­bann­führer und spätere Prä­sident des Bun­des­kri­mi­nalamt Paul Dickopf sowie der Beamte im Bun­des­fi­nanz­mi­nis­terium, Feaux de le Croix. Deutsch saß 18 Monaten in Unter­su­chungshaft, der Prozess führte erst nach neun Jahren zu einem Frei­spruch. Deutsch stritt bis zum Lebensende um seine Reha­bi­li­tation. Unter­stützt wurde er von einem kleinen Freun­des­kreis, der wie List betont, vor allem in Frank­reich aktiv war. In Deutschland kannte kaum jemand den Mann, der bis zu seinem Tod im Jahr 2002 die »deutsche Unver­schämtheit« anklagte, »die Mörder meines Volkes gegen mich auf­mar­schieren zu lassen«. Sein Sohn setzte den Kampf um Gerech­tigkeit fort. Mit dem 2005 erstellten Film »Deutsch gegen Deutschland« wurde ein Anfang gemacht. Und mit seinem Buch unter­stützt List, der über viele Jahre die »Affäre Deutsch« publi­zis­tisch u. a. für die »Süd­deutsche Zeitung« begleitete, diesen Kampf.

• Burkhart List: Die Affäre Deutsch. Braune Netz­werke hinter dem größten Raub­kunst-Skandal.
Das Neue Berlin, 496 S., br., 29 €.

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Peter Nowak

Buchtipp: Raul Zelik: Spanien. Eine politische Geschichte der Gegenwart

Es ist schon einige Jahre her, als Spanien an der Spitze einer EU-weiten Pro­test­be­wegung gegen die wesentlich von Deutschland aus­ge­hende Aus­teri­täts­po­litik stand. Mas­sen­de­mons­tra­tionen und Platz­be­set­zungen in vielen spa­ni­schen Städten wurden zum Vorbild für Pro­teste in anderen euro­päi­schen Ländern.
Besonders wichtig war, dass in Spanien auch die gewerk­schaft­lichen Akti­vi­täten spürbar zunahmen. Höhe­punkt war der trans­na­tionale Gene­ral­streik am 12.November 2012, an dem sich Gewerk­schaften aus Italien, Por­tugal, Grie­chenland und Zypern betei­ligten. Hier hatten sich Ansätze einer euro­päi­schen Wider­stands­be­wegung ent­wi­ckelt, die die Aus­teri­täts­po­litik infra­ge­stellte.
Warum ging der Impuls für diese Bewegung damals vor allem von Spanien aus? Und warum konnte sich die Bewegung nicht aus­breiten? Das sind einige der Fragen, die der Poli­tik­wis­sen­schaftler Raul Zelik in seinem neuen Buch Spanien – eine poli­tische Geschichte der Gegenwart stellt und teil­weise beant­wortet. Zelik, der sich seit langem mit der linken Bewegung im Spa­ni­schen Staat beschäftigt, beginnt mit seiner Geschichts­be­trachtung Mitte der 70er Jahre, beim als tran­sición bezeich­neten Übergang vom faschis­ti­schen Fran­co­staat zur bür­ger­lichen Demo­kratie, an dem sich die Kom­mu­nis­tische Partei Spa­niens (PCE) maß­geblich betei­ligte. Dieser Prozess ermög­lichte den Insti­tu­tionen des Franco-Regimes einen rei­bungs­losen Übergang und führte zu einer mas­siven Ent­täu­schung der damals starken außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken.
In den Fol­ge­jahren wech­selten sich die Post­fran­kisten und die Sozi­al­de­mo­kraten an der Regierung ab. Markt­li­be­ra­lismus und Repression gegen die Reste einer linken Oppo­sition waren die Kenn­zeichen der Politik beider Par­teien. Aus­führlich geht Zelik auf die von einer sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Regierung unter­stützten Todes­schwa­dronen der GAL ein, die zwi­schen 1983 und 1987 in Süd­frank­reich 29 Men­schen töteten, die dem Spektrum der bas­ki­schen Unab­hän­gig­keits­be­wegung zuge­rechnet wurden. «Die Attentate rich­teten sich gegen bas­kische Kneipen, Jour­na­lis­tInnen und Linke», beschreibt Zelik die Opfer des heute weit­gehend ver­ges­senen Staats­terrors in der Euro­päi­schen Gemein­schaft (EG). Repression und ein wirt­schaft­licher Auf­schwung auf Pump schien die linke Oppo­sition in Spanien still­gelegt zu haben.
Doch nicht erst mit dem Ban­ken­krach und der Immo­bi­li­en­krise begann die Rückkehr der Bewe­gungen, die Zelik mit viel Hin­ter­grund­wissen beschreibt. Die Bewegung V wie Vivenda mobi­li­sierte bereits 2006 Tau­sende Men­schen gegen die Woh­nungsnot ein­kom­mens­schwacher Mieter. «Die Bewegung, die diesen Zusam­menhang sichtbar machte, ent­stand ähnlich wie fünf Jahre später die 15M: scheinbar aus dem Nichts», schreibt Zelik.
Fünf Jahre lang gab die 15M-Bewegung Impulse in viele euro­päische Länder. Zelik beschreibt Auf­stieg und Nie­dergang der außer­par­la­men­ta­ri­schen Linken in Spanien sehr detail­liert. Nachdem die Poli­zei­re­pression gegen die Platz­be­set­zungen immer mas­siver wurde, ver­legten sich die Akti­visten auf den Kampf im Stadtteil.
Dort ent­standen auch die Kon­zepte von kom­mu­nalen und später auch lan­des­weiten Kan­di­da­turen, um der Pro­test­be­wegung auch eine Stimme in den Par­la­menten zu geben. So ent­stand die Partei Podemos, die mit der Parole «Den Himmel stürmen» ihre erste Wahl­kam­pagne begann. Auf soviel illu­sio­nären Über­schwang musste die Ent­täu­schung folgen, wenn die neue Partei in den Mühen der Ebenen refor­mis­ti­scher Real­po­litik ange­langt sein würde. Auch hier beschreibt Zelik kennt­nis­reich, wie schnell die Partei, die alles anders machen wollte, zu einer neuen Sozi­al­de­mo­kratie mutierte.
Im letzten Kapitel setzt sich Zelik dif­fe­ren­ziert mit dem Kampf der kata­lo­ni­schen Unab­hän­gig­keits­be­wegung aus­ein­ander. Dort sieht er viele eman­zi­pa­to­rische Poten­ziale, ver­schweigt aber auch die Gefahr nicht, dass am Ende nur ein bür­ger­licher Natio­na­lismus gestärkt werden könnte.
Zelik legt kein opti­mis­ti­sches, sondern ein rea­lis­ti­sches Buch vor. Es ist nützlich, weil es Erfah­rungen von Kämpfen mit ihren Erfolgen und Nie­der­lagen zusam­men­fasst. Daraus können die zukünf­tigen Pro­test­be­we­gungen lernen.

aus: SoZ, Sozia­lis­tische Zeitung

Buchtipp: Raul Zelik: Spanien. Eine poli­tische Geschichte der Gegenwart

Buchtipp: Raul Zelik: Spanien. Eine poli­tische Geschichte der Gegenwart
Berlin: Bertz+Fischer, 2018. 240 S., € 14

von Peter Nowak

„Asoziale“ und „Berufsverbrecher“

Die Täter hielten auch nach 1945 über ihre Opfer Gericht

„Der Deutsche Bun­destag soll die von der SS ‚Aso­ziale‘ und ‚Be- rufs­ver­brecher‘ genannten ehe­ma­ligen KZ-Häft­linge als Opfer des Natio­nal­so­zia­lismus aner­kennen“, lautet die For­derung einer Petition für die noch Unter­schriften im Internet gesammelt werden. (1)

Eine Initia­torin ist die His­to­ri­kerin und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lerin Dagmar Lieske. Sie hat in ihrem bereits 2016 im Metro- pol-Verlag erschie­nenen Buch „ Unbe­queme Opfer“ fak­ten­reich das Schicksal von Men­schen unter­sucht, die von den NS- Staats­ap­pa­raten als Berufs­ver­brecher klas­si­fi­ziert in das KZ- Sach­sen­hausen inhaf­tiert waren. Aber das Buch ist mehr als eine Lokal­studie. Lieske hat mit ihrer Arbeit Maß­stäbe gesetzt, wenn es um das Thema „Berufs­ver­brecher“ in Kon­zen­tra­ti­ons­lagern geht.

Legenden und Mythen

Über sie haben sich viele Mythen und Legenden gebildet. Dazu gehört auch die Vor­stellung, die „Berufs­ver­brecher“ hätten in den KZs im Sinne der Macht­haber gewirkt. Das wurde auch von vielen poli­ti­schen Häft­lingen weiter ver­breitet. Es ist gut möglich, dass solche Äuße­rungen eine Mischung aus eigenen Erfah­rungen und Res­sen­ti­ments waren. Lieske geht sehr dif­fe­ren­ziert mit dem Thema um. Sie zeigt auf, dass es „die„Berufsverbrecher“ nicht gab. Im Gegenteil, waren sie wohl die diver­seste Häft­lings­gruppe, weil anders als bei den aus poli­ti­schen oder reli­giösen Gründen Ver­folgten keine ein­heits­stif­tende Ideo­logie vor­handen war. Der Indi­vi­dua­lismus war also bei ihnen besonders aus­ge­prägt. Die Band­breite der von Lieske vor­ge­stellten Per­sonen, die als „Berufs­ver­brecher“ klas­si­fi­ziert ziert wurden, reicht von einem über­zeugten aber in Ungnade gefal­lenen Nazi, über Ärzte, die Abtrei­bungen vor­nahmen, bis zu Männern, die in den soge­nannten Ring­ver­einen auch Kon­takte zur KPD hatten. Daher war auch ihr Ver­halten im KZ sehr unter­schiedlich. Einige kol­la­bo­rierten mit der SS, andere ver­hielten sich soli­da­risch auch gegenüber anderen Häft­lings­gruppen. Etliche hielten sich aus allem raus und ver­suchten nur im KZ zu über­leben, was vielen nicht gelang. Lieske stellt die Ani­mo­si­täten zwi­schen unter­schied­lichen Häft­lings­gruppen in den Kontext der KZ-Bedin­gungen. Dort war es fast über­le­bens­not­wendig, sich um eine enge Gruppe zu scharen und die Kon­takte zu Außen­gruppen mög­lichst redu­ziert zu halten. Auch die „Berufs­ver­brecher“ han­delten so. Lieske liefert Material über negative Äuße­rungen von ihnen über die Gruppe der poli­ti­schen Gefan­genen. Das wird in der auf den Seiten 315 – 316 doku­men­tierten Ausgabe der Publi­kation „Wahrheit
und Recht“ deutlich, die 1946 von einigen ehe­ma­ligen als Berufs­ver­brecher klas­si­fi­zierten Häft­lingen her­aus­ge­geben wurde. „Und hattest Du das Pech Poli­ti­scher gewesen zu sein, dann istes doppelt fatal für Dich, wenn Du nicht früher Mit­glied der KPD gewesen bist, SPD geht zur Not noch, aber die schaut man schon über die Achsel an und ganz ver­loren ist dein Bemühen, wenn Du einer anderen Partei (von der NSDAP redenwir ja sowieso nicht), angehört hast“ (S. 315). Nur wenige Jahre später saßen viele der ehe­ma­ligen kom­mu­nis­ti­schen KZ-Häft­linge in West­deutschland bereits wieder in Gefäng­nissen, ihre Renten als Ver­folgte des NS-Regimes wurden ihnen aberkannt.


„Berufs­ver­brecher“ nach 1945 weiter ver­folgt

Dass soviel über die Ani­mo­si­täten zwi­schen „Berufs­ver­bre­chern“ und Poli­ti­schen in den KZ geredet wird, hat seinen Grund. Dann braucht nicht davon geredet zu werden, wie das Per­sonal, dass im NS die „Berufs­ver­brecher bekämpfte, nach 1945 in der BRD größ­ten­teils weiter bei der Polizei arbei­teten und ganz selbst­be­wusst auf ihre Arbeit zwi­schen 1933 und 1945 ver­weisen konnte. Am Fall des Kri­mi­na­listen Fritz Cor­nelly (S. 337 ff) wird diese Kon­ti­nuität bei Lieske auf­ge­zeigt. Ein solches Per­sonal lehnte schon mal ehe­malige „Berufs­ver­brecher“ als Zeugen in Pro­zessen gegen die KZ-Ver­waltung mit der Begründung ab, sie seien min­der­wertige Cha­raktere und daher für Zeu­gen­aus­sagen nicht geeignet. So konnten die Ver­folger noch mal über ihre Opfer zu Gericht sitzen. Dem­ge­genüber haben auch die poli­ti­schen Häft­linge, die sich in ihren Büchern über ihre KZ-Haft despek­tierlich über die „Berufs­ver­brecher“ äußerten, größ­ten­teils klar gestellt, dass sie genau wie sie zu Unrecht im KZ gesessen hätten. Auch der Gene­ral­bun­des­anwalt Karl S. Bader hat bereits 1946 klar­ge­stellt: „Viele kri­minell vor­be­strafte KZ-Insassen, auch viele Sicher­heits­ver­wahrte, haben (.…) unter den Ver­hält­nissen im KZ genauso gelitten wie die poli­ti­schen Häft­linge. Sie unter­lagen den­selben Lager­ge­setzen, der­selben Preisgabe der Men­schen­würde und Men­schen­ver­achtung, den­selben Schi­kanen, Strafen und – häufig genug – den­selben Todes­formen (S. 264).
Dieser Grundsatz gilt für sämt­liche von den NS-Repres­si­ons­or­ganen Betroffen und er ist, bis heute nicht überall Konsens. Daher ist das Buch von Dagmar Lieske so wichtig und ver­dient viele Lese- rInnen. Und daher sollte die von ihr mit initi­ierte Petition zur Aner­kennung vom im NS als „Aso­ziale oder Berufs­ver­brecher“ Ver­folgte viel Unter­stützung bekommen.
Peter Nowak

Anmerkung:

1) https://www​.change​.org/​p​/​d​e​u​t​s​c​h​e​r​-​b​u​ndes- tag-aner­kennung-von-asozo­zialen-und-berufsver- bre­chern-als-opfer-des-natio­nal­so­zia­lismus

Lese­tipps:

Lieske Dagmar: Unbe­queme Opfer? „Berufs­ver­brecher“ als Häft­linge im KZ Sach­sen­hausen, Metropol Verlag, Berlin 2016, 365 Seiten, ISBN 978–3-86331–297-9
Anne Allex (Hg.): ‚Sozi­al­ras­sis­tische Ver­folgung im deut­schen Faschismus, AG Spak Buch, Berlin 2017, 434 Seiten, 28 Euro

oktober 2018/432 gras­wur­zel­re­vo­lution

Peter Nowak

Die Poesie der Klasse

Der ent­ste­hende Kapi­ta­lismus brachte nicht nur mas­sen­haftes Elend hervor, mit ihm bil­deten sich in den unteren Klassen auch neue Formen der Dichtung und des Erzählens heraus, in denen die Misere der Gegenwart und Formen des Wider­stands ein­drücklich beschrieben werden. Nur wenige dieser Schriften sind heute noch bekannt.

Manche von ihnen wurden in den Schriften von Marx und Engels zitiert, bei­spiels­weise der Arbei­ter­dichter Wilhelm Weitling. Marx wür­digte ihn als einen der ersten, der sich für die Orga­ni­sierung des Pro­le­ta­riats ein­setzte. So heisst es auf der Homepage www​.marxist​.org über Weitling: «Trotz spä­teren Aus­ein­an­der­set­zungen ach­teten Marx und Engels den ‹genialen Schneider› (Rosa Luxemburg) sehr hoch und betrach­teten ihn als ersten Theo­re­tiker des deut­schen Pro­le­ta­riats.» Aller­dings wird gleich auch betont, dass Weit­lings Ansätze an theo­re­tische und prak­tische Grenzen stiessen. Inhaltlich gibt es für diese Kritik gute Gründe, doch hat der Umgang mit Weitling in der mar­xis­ti­schen Arbei­te­rIn­nen­be­wegung auch etwas Pater­na­lis­ti­sches. Schliesslich blieb Weitling sein Leben lang Schneider, hatte nie eine Uni­ver­sität besucht und schon deshalb hatten seine Arbeiten es schwerer, wahr­ge­nommen und gehört zu werden.

Träume und Sehn­süchte
Dabei gehört Weitling zu den wenigen Chronist-Innen der frühen Arbei­te­rIn­nen­be­wegung, deren Namen über­haupt einem grös­seren Kreis bekannt ist. Der Kultur- und Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Patrick Eiden-Offe hat in seinem Buch «Die Poesie der Klasse» viele der frühen Texte der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung dem Ver­gessen ent­rissen. Er beklagt, dass sie lange Zeit nur durch die Brille des Mar­xismus gesehen und als roman­ti­scher Anti­ka­pi­ta­lismus bei­seite gelegt wurden. Schon im Klap­pentext des Buches heisst es über die oft ver­ges­senen AutorInnen: «Die bunt­sche­ckige Erscheinung, die Träume und Sehn­süchte dieser allen stän­di­schen Sicher­heiten ent­ris­senen Gestalten fanden neue Formen des Erzählens in roman­ti­schen Novellen, Repor­tagen, sozi­al­sta­tis­ti­schen Unter­su­chungen, Monats­bul­letins. Doch schon bald wurden sie – unge­ordnet, gewaltvoll, nost­al­gisch, irr­lich­ternd und uto­pisch, wie sie waren – von den Vor­denkern der Arbei­ter­be­wegung als reak­tionär und anar­chisch ver­un­glimpft, weil sie nicht in die grosse lineare Fort­schritts­vision passen wollten.» So ver­dienstvoll es von Patrick Eiden-Offe ist, diese Texte wieder bekannt gemacht und mit grossem Enga­gement in einem Buch prä­sen­tiert zu haben, das auch für Nicht­aka­de­mi­ke­rInnen Freude und Erkennt­nis­gewinn bereitet, so muss man doch die Kritik des Autors an den Mar­xis­tInnen hin­ter­fragen. Gerade nach der Lektüre der Texte zeigt sich, dass diese Kritik oft berechtigt war.

Wider­stands­stra­tegien
Dabei ging und geht es gerade nicht darum, den Ver­fas­se­rInnen der Texte zu unter­stellen, sie wären reak­tionär. Es geht vielmehr darum, zu ana­ly­sieren, dass sie in ihren Texten ihre Vor­stel­lungen von der Welt und dem her­ein­bre­chenden Kapi­ta­lismus zum Aus­druck brachten. Sie nahmen dabei Gerech­tig­keits­vor­stel­lungen zum Massstab, die sie aus dem Feu­da­lismus und der stän­di­schen Gesell­schaft über­nommen hatten. Nur waren diese Vor­stel­lungen mit dem Einzug des Kapi­ta­lismus ver­dampft und obsolet geworden. Es war gerade das grosse Ver­dienst von Marx und Engels, dass sie die Aus­beutung und nicht den Wucher als zen­trales Unter­drü­ckungs­in­strument im Kapi­ta­lismus ana­ly­sierten. Das hatte auch Folgen für die Wider­stands­stra­tegien. An einem roman­ti­schen Kapi­ta­lismus fest­zu­halten, wäre dann nur ana­chro­nis­tisch und birgt noch die Gefahr einer reak­tio­nären Lesart der Kapi­ta­lis­mus­kritik, die die Schul­digen für die Misere nicht im kapi­ta­lis­ti­schen Kon­kurrenz- und Pro­fit­streben, sondern in Wuche­re­rInnen sieht. Das war übrigens ein Schwungrad für den modernen Anti­se­mi­tismus. Dem Autor sind solche Bestre­bungen fern. Dass Eiden-Offe auf diese Gefahren eines roman­ti­schen Anti­ka­pi­ta­lismus nicht besonders eingeht, liegt wohl vor allem daran, dass er vor­aus­setzt, dass seine Lese­rInnen mit der Pro­ble­matik einer reak­tio­nären Kapi­ta­lis­mus­kritik ver­traut sind.

Gegen den Klas­sen­kom­promiss
Ihm geht es um etwas anderes, wie er im letzten Kapitel des Buches, das unter dem Titel «Die Rückkehr des roman­ti­schen Anti­ka­pi­ta­lismus» steht, erläutert: Wenn es seit dem Vormärz eine Uni­for­mierung und Nor­mierung des Pro­le­ta­riats gegeben hat, dann wird diese Klas­sen­fi­gu­ration vom Gespenst des «vir­tu­ellen Paupers» ver­folgt, der durch keine sozi­al­staat­liche Absi­cherung und durch keine Ver­bür­ger­li­chung des sozialen Ima­gi­nären zu bannen ist. Par­allel zur Ein­hegung des Klas­sen­kampfs in den ent­wi­ckelten kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaften und zur Inte­gration der offi­zi­ellen Arbei­te­rIn­nen­be­wegung in die Gesell­schaft gibt es eine andere Geschichte, die Geschichte einer anderen Arbeiter-Innen­be­wegung, die Geschichte all jener sozialen Gestalten, in denen das Gespenst des «vir­tu­ellen Paupers sich im Laufe des 19. und 20. Jahr­hun­derts ver­körpert und die gehegte soziale Ordnung bespukt hat». Damit bezieht sich der Autor auf sozi­al­re­vo­lu­tionäre Debatten der 1970er Jahre, als der linke His­to­riker Karl­heinz Roth ein Buch mit dem Titel «Die andere Arbei­ter­be­wegung» ver­öf­fent­lichte, in dem er die Pau­pe­rierten zum neuen revo­lu­tio­nären Subjekt erklärte. Er setzte sie von den Teilen der Arbei­te­rIn­nen­klasse ab, die im Rahmen des natio­nalen Klas­sen­kom­pro­misses befriedet wurden. Man könnte auf sie den Begriff der Arbei­te­rIn­nen­a­ris­to­kratie anwenden.

Natio­na­lismus als Sarg­nagel
Eiden-Offe zeigt, wie sich auch dies Ein­hegung eines Teils des Pro­le­ta­riats in den zeit­ge­nös­si­schen Schriften nie­der­schlägt, bei­spiels­weise in Ernst Will­komms fünf­bän­digem Roman «Weisse Sclaven oder die Leiden des Volkes» von 1845. Hier ging es zum Schluss um die nationale Ein­hegung der Arbei­te­rInnen. Eiden-Offe beschreibt die Kon­se­quenzen sehr präzise: «Ab jetzt sollte es keine ‹vater­lands­losen Gesellen›, keine ‹hei­matlose Klasse› mehr geben, sondern nur noch ‹deutsche Arbeiter›». Die «vater­lands­losen Gesellen», die es natürlich wei­terhin gibt, werden mar­gi­na­li­siert und aus­ge­schlossen – ideo­lo­gisch wie mate­riell, wenn sie aus der staat­lichen Für­sorge raus­fallen. Der Autor beschreibt präzise, dass diese nationale Ein­hegung zum «Sarg­nagel des bunt­sche­ckigen Pro­le­ta­riats des Vormärz» wurde, dessen Geschichte in dem Buch erzählt wird. In einer Fussnote merkt Eiden-Offe an, dass die Erosion des natio­nal­staat­lichen Klas­sen­kom­pro­misses, den wir aktuell beob­achten, nicht bedeutet, dass damit Natio­na­lismus und Chau­vi­nismus in Teilen der Arbei­te­rIn­nen­klasse auto­ma­tisch auf dem Rückzug sind. Aller­dings zeigte sich in der letzten Zeit das ver­än­derte Gesicht der heu­tigen Arbei­te­rIn­nen­klasse, bei­spiels­weise bei den zahl­reichen Arbeits­kämpfen im Pflege- und Gesund­heits­be­reich, aber auch bei Kurier­diensten.

Es sind dort sehr viele Frauen aktiv und nicht wenige der Prot­ago­nis­tInnen dieser Kämpfe haben einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Viel­leicht wird hier in Ansätzen diese bunte und gar nicht so homogene Arbei­te­rIn­nen­klasse sichtbar, die in dem Buch so anschaulich beschrieben wird. «Es kommt darauf an, die Fäden neu zu ver­knüpfen – oder sie endlich beherzt zu kappen», schreibt der Autor im letzten Kapitel in Bezug auf die Geschichte der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung. Nun wird auch der Linken der Abschied vom Pro­le­tariat seit mehr als dreissig Jahren voll­zogen, mit dem Ergebnis, dass in vielen Ländern der Welt, die Linke nur noch iso­lierte Min­der­heiten und keine Klassen mehr kennen will. Die real exis­tie­renden Lohn­ab­hän­gigen werden dann rechts liegen gelassen. «Die Poesie der Klasse» aber bietet die Chance, sich auf eine neue Art und Weise auf die Lohn­ab­hän­gigen zu beziehen. Dadurch, dass in dem Buch auf­ge­zeigt wird, dass das Pro­le­tariat his­to­risch immer bunt war und sich nicht in auf die berühmt-berüch­tigten Stahl- und Berg­ar­beiter beschränkte, könnten den Mar­gi­na­li­sierten und Pre­ka­ri­sierten von heute die Mög­lichkeit geben, sich selber als Teil dieser Klasse zu erkennen.


Patrick Eiden-Offe: Die Poesie der Klasse, Roman­ti­scher Anti­ka­pi­ta­lismus und die Erfindung des Pro­le­ta­riats. Matthes & Seitz, Berlin. 30,00 Euro

aus: vor­wärts – Schweiz

Die Poesie der Klasse

Peter Nowak

Frauen im Anarchismus

Geht es um den spa­nische Anar­chismus, fällt stets der Name Buen­aventura Durruti. Doch wer kennt Amparo Poch y Gascón? Martin Bax­meyer hat nun eine lesen­werte Bio­graphie der 1968 in Frank­reich ver­stor­benen Mit­be­grün­derin der liber­tären Frau­en­or­ga­ni­sation Mujeres Libres ver­fasst, die auch deutlich macht, warum die Medi­zi­nerin und anar­chis­tische Publi­zistin heute wenig bekannt ist. Bax­meyer schildert den Kampf, den selbst­be­wusste Frauen aus­zu­fechten hatten, um sich innerhalb der män­ner­do­mi­nierten anar­chis­ti­schen Bewegung zu behaupten, und beschreibt den Ein­fluss des mili­tanten Anti­fe­mi­nismus des fran­zö­si­schen Sozio­logen Pierre-Joseph Proudhon auf die Bewegung. Doch auch nach dem Zurück­drängen dieser Strömung mussten die Mujeres Libres um Aner­kennung kämpfen. Die liber­tären Frauen lehnten den Femi­nismus als Bewegung wohl­ha­bender Frauen aus dem Bür­gertum ab.

Daher kri­ti­siert Bax­meyer den Begriff Anar­chofe­mi­nismus, mit dem die Mujeres Libres in den sieb­ziger Jahren eti­ket­tiert wurden. »Keine der Akti­vis­tinnen der drei­ßiger Jahre bezeichnete sich so«, betont der Autor. Kri­tisch geht er auch mit dem anar­chis­ti­schen Mythos der bewaffnet kämp­fenden Frau um. Auf den während der Spa­ni­schen Revo­lution ver­brei­teten Fotos seien Foto­mo­delle in Uniform abge­bildet gewesen. Mit der Rea­lität auch innerhalb der liber­tären Kolonnen, die gegen die Faschisten kämpften, habe das nur wenig zu tun gehabt.

Zu solchen Behaup­tungen hätte man sich mehr Belege gewünscht. Ins­gesamt aber gelingt Bax­meyer eine kri­tische Aus­ein­an­der­setzung mit Mythos und Rea­lität der liber­tären Bewegung. Poch y Gascón selbst sparte nicht mit Kritik. Davon zeugen einige im Buch doku­men­tierten ­Artikel der Publi­zistin. Dort spottete sie über die Büro­kratie der Bewegung und die Gepflo­genheit ihrer Genossen, Kon­flikte in ein eigens gegrün­detes Komitee abzu­schieben.

Martin Bax­meyer: »Amparo Poch y Gascón. Bio­graphie und Erzäh­lungen aus der spa­ni­schen Revo­lution«

https://​jungle​.world/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​8​/​3​9​/​f​r​a​u​e​n​-​i​m​-​a​n​a​r​c​h​ismus

Peter Nowak

Poesie der Klasse

Der ent­ste­hende Kapi­ta­lismus brachte nicht nur mas­sen­haftes Elend hervor. Mit ihm bil­deten sich in den unteren Klassen auch neue Formen der Dichtung und des Erzählens heraus, in denen die Misere der Gegenwart und Formen des Wider­stands ei drücklich beschrieben werden. Nur wenige dieser Schriften sind heute noch bekannt. Manche von ihnen wurden in den Büchern von Marx und Engels zitiert, bei­spiels­weise der Arbei­ter­dichter Wilhelm Weitling. Marx wür­digte ihn als einen der ersten, der sich für die Organi-ierung des Pro­le­ta­riats einsetz- te. So heißt es auf der Homepage www​.marxist​.org über Weitling: „Trotz spä­teren Aus­ein­an­der­set­zungen ach­teten Marx und Engels den ‚genialen Schneider‘ (Rosa Luxemburg) sehr hoch und betrach­teten ihn als ersten Theo­re­tiker des deut­schen Pro­le­ta­riats.“
Aller­dings wird gleich auch betont, dass Weit­lings Ansätze an theo­re­tische und prak­tische Grenzen gestoßen sind. Inhaltich gibt es für diese Kritik gute Gründe, doch hat der Umgang mit Weitling in der mar­xis­ti­schen Arbei­te­rIn­nen­be­wegung auch etwas Pater­na­lis­ti­sches. Schließlich blieb Weitling sein Leben lang Schneider, hatte nie eine Uni­ver­sität besucht und schon deshalb hatten seine Arbeiten es schwerer, wahr­ge­nommen und gehört zu werden. Dabei gehört er zu den wenigen Chro­nisten der frühen Arbei­ter­be­wegung, deren über­haupt ei- nem grö­ßeren Kreis bekannt ist. Der Kultur- und Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Patrick Eiden-Offe hat in seinem Buch „Die Poesie der Klasse“ viele der frühen Texte der Arbei­te­rIn­nen­be­wegung dem Ver­gessen ent­rissen. Er beklagt, dass sie lange Zeit nur durch die Brille des Mar­xismus gesehen und als roman­ti­scher Anti­ka­pi­ta­lismus bei­seite gelegt.

Schon im Klap­pentext des Buches heißt es über die AutorInnen: „Die bunt­sche­ckige Erscheinung, die Träume und Sehn­süchte dieser allen stän­di­schen Sicher­heiten ent­ris­senen Gestalten fanden neue Formen des Erzählens in roman­ti­schen Novellen, Repor­tagen, sozial- staat­lichen Unter­su­chungen, Monats­bul­letins. Doch schon bald wurden sie – unge­ordnet, gewaltvoll, nost­al­gisch, irr­lich­ternd und uto­pisch, wie sie waren – von den Arbei­ter­be­wegung als reak­tionär und anar­chis­tisch ver­un­glimpft, weil sie nicht in die große Fort­schritts­vision passen wollten“.
So ver­dienstvoll es von Patrick Eiden-Offe ist, diese Texte wie- der bekannt gemacht und mit großem Enga­gement in einem Buch prä­sen­tiert zu haben, dass auch für Nicht­aka­de­mi­ke­rInnen zu lesen Freude und Erkennt­nis­gewinn bereitet, so muss man doch die Kritik des Autors an den Mar­xis­tinnen hin­ter­fragen. Gerade, nach der Lektüre der Texte zeigt sich, dass diese Kritik oft berechtigt war. Dabei geht es gerade nicht darum, den Ver­fas­se­rInnen der Texte zu unter­stellen, sie wären reak­tionär. Es geht vielmehr darum, zu ana­ly­sieren, dass sie in ihren Texten ihre Vor­stel­lungen von der Welt und dem her­ein­bre­chenden Kapi­ta­lismus zum Aus­druck gebracht haben. Sie haben dabei Gerech­tig­keits­vor­stel­lungen zum Maßstab genommen, die sie aus dem Feu­da­lismus und der stän­di­schen Gesell­schaft über­nommen hatten. Nur waren diese Vor­stel­lungen mit dem Einzug des Kapi­ta­lismus obsolet geworden. Es war ein Ver­dienst von Marx und Engels, dass sie die Aus­beutung und nicht den Wucher als zen­trales Unter­drü­ckungs­in­strument im Kapi­ta­lismus ana­ly­siert haben. An einem roman­ti­schen Kapi­ta­lismus fest­zu­halten wäre dann nur ana­chro­nis­tisch und birgt noch die Gefahr einer reak­tio­nären Lesart der Kapi­ta­lis­mus­kritik, die die Schul­digen für die Misere nicht im kapi­ta­lis­ti­schen Kon­kurrenz- und Pro­fit­streben, sondern in Wucherern sieht. Das war übrigens ein Schwungrad für den modernen Anti­se­mi­tismus. Dem Autor sind solche Bestre­bungen fern. Dass Eiden-Offe auf diese Gefahren eines roman­ti­schen Anti­ka­pi­ta­lismus nicht besonders eingeht, liegt wohl vor allem daran, dass er vor­aus­setzt, dass seine Lese­rInnen mit der Pro­ble­matik einer reak­tio­nären Kapi­ta­lis­mus­kritik ver­traut sind.

Die Rückkehr des vir­tu­ellen Pauper

Ihm geht es um etwas Anderes, wie er im letzten Kapitel des Bu- ches, das unter dem Titel „Die Rückkehr des roman­ti­schen Anti­ka­pi­ta­lismus“ steht, erläutert: Wenn es seit dem Vormärz eine Uni­for­mierung und Nor­mierung des Pro­le­ta­riats gegeben hat, dann wird diese Klas­sen­fi­gu­ration vom Gespenst des „vir­tu­ellen Paupers“, der durch keine sozi­al­staat­liche Absi­cherung und durch keine Ver­bür­ger­li­chung des sozialen Ima­gi­näten zu bannen ist. Par­allel zur Ein­hegung des Klas­sen­kampfs in den ent­wi­ckelten kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaften und zur Inte­gration der offi­zi­ellen Arbei­ter­be­wegung in die Gesell­schaft gibt es eine andere Geschichte, die Geschichte einer anderen Arbei­ter­be­wegung, die Geschichte all jener sozialen Gestalten, in denen das Gespenst des „vir­tu­ellen Paupers sich im Laufe des 19. und 20. Jahr­hun­derts ver­körpert und die gehegte soziale Ordnung bespukt hat“. Damit bezieht sich der Autor auf sozi­al­re­vo­lu­tionäre Debatten der 1970er Jahre, als der linke His­to­riker Karl­heinz Roth ein Buch mit dem Titel „Die andere Arbei­ter­be­wegung“ ver­öf­fent­lichte, in dem er die Pau­pe­rierten zum neuen revo­lu­tio­nären Subjekt erklärte. Er setzte sie von den Teilen der Arbei­ter­klasse ab, die im Rahmen des natio­nalen Klas­sen­kom­pro­misses befriedet wurden. Man könnte auf sie den Begriff der Arbei­ter­aris­to­kratie anwenden. Eiden-Offe zeigt, wie sich auch diese Ein­hegung eines Teils des Pro­le­ta­riats in den zeit­ge­nös­si­schen Schriften nie­der­schlägt, bei­spiels­weise in Ernst Will­komms Roman „Weisse Sclaven oder die Leiden des Volkes“ von 1845. Hier ging es zum Schluss um die nationale Ein­hegung der Arbei­te­rInnen. Eiden-Offe beschreibt die Kon­se­quenzen präzise: „Ab jetzt sollte es keine ‚vater­lands­losen Gesellen‘, keine ‚hei­matlose Klasse‘ mehr geben, sondern nur noch ‚deut- sche Arbeiter‘, die vater­lands- losen Gesellen‘, die es natürlich wei­terhin gibt, werden mar­gi­na­li­siert und aus­ge­schlossen: ideo­lo­gisch wie mate­riell, wenn sie aus der staat­lichen Für­sorge raus­fallen“.
Der Autor beschreibt präzise, dass diese nationale Ein­hegung zum „Sarg­nagel des bunt­sche­ckigen Pro­le­ta­riats des Vormärz“ wurde, dessen Geschichte in dem Buch erzählt wird. Aller­dings zeigte sich in der letzen Zeit das ver­än­derte Gesicht der heu­tigen Arbei­te­rIn­nen­klasse, bei­spiels­weise bei den zahl­reichen Arbeits­kämpfen im Pflege- und Gesund­heits­be­reich, aber auch bei Kurier­diensten. Es sind dort sehr viele Frauen aktiv, und nicht wenige der Prot­ago­nis­tInnen dieser Kämpfe haben einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Viel­leicht wird hier in Ansät- zen diese bunte, gar nicht so hete­rogene Arbei­te­rIn­nen­klasse sichtbar, die in dem Buch so anschaulich beschrieben wird.

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gras­wur­zel­re­vo­lution oktober 2018/432

Peter Nowak

Technologie von links

Eine Digitalisierung von unten ist denkbar

Im Zusam­men­schluss ZET suchen Wis­sen­schaftler nach eman­zi­pa­to­ri­schen Per­spek­tiven in der Tech­nik­for­schung

Simon Schaupp ist Arbeits- und Tech­nik­so­ziologe an der Uni­ver­sität Basel. Er ist Mit­be­gründer des »Zen­trums eman­zi­pa­to­rische Tech­nik­for­schung« (ZET). Mit ihm sprach für »nd« Peter Nowak.


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