Können die Wahlen in den USA manipuliert werden?

Der US-Wahlkampf, Verschwörungstheorien und Wahlgerechtigkeit

Die Über­dosis Trump, welche in Deutschland täglich über den USA-Wahl­kampf ver­breitet wird, wird noch erhöht, je näher der Wahl­termin rückt. Die Bitte von klugen Men­schen, doch bis zum Wahl­termin nicht jede neue Volte im US-Wahl­kampf hin­aus­zu­po­saunen und rauf und runter zu kom­men­tieren, ver­hallte erwar­tungs­gemäß ungehört.

Nun soll sich Trump zum wie­der­holten Mal end­gültig ins Aus kata­pul­tiert[1] haben, indem er im Duell mit seiner Kon­kur­rentin Clinton anzwei­felte, ob die Wahlen in den USA wirklich fair und demo­kra­tisch ver­laufen (Trump behält sich Anfechtung des Wahl­er­geb­nisses vor[2]). Trump hat aber kei­neswegs erklärt, die Wahlen »viel­leicht nicht aner­kennen zu wollen«[3], was ja die Frage auf­wirft, unter welchen Bedin­gungen. Doch die wird gar nicht erst gestellt.

Vielmehr sollen diese Äuße­rungen einmal mehr bestä­tigen, welch übler Ver­schwö­rungs­theo­re­tiker Trump ist, der sich jetzt sogar am Aller­hei­ligsten des west­lichen Wer­te­altars, den Wahlen in den USA ver­greift.

Dass Clinton mit der Aussage, Trump sei eine Mario­nette von Putin min­destens genau so kräftig ins Reper­toire der Ver­schwö­rungs­theorien gegriffen hat, wurde in der Bericht­erstattung, wenn über­haupt, nur am Rande ver­merkt.

Gab es in den letzten Jahrzehnten Anhaltspunkte für Wahlmanipulationen in den USA?

Niemand machte sich aber die Mühe, die Behauptung hinter Trumps Aussage zu prüfen. Dabei soll hier die Zer­schlagung der Black Panther Party durch die US-Geheim­dienste unbe­rück­sichtigt bleiben, die gerade mit ihrer Mischung aus kal­ku­lierter Militanz, Stadtteil- und Sozi­al­pro­grammen in der Schwarzen Com­munity und einer prag­ma­ti­schen Bünd­nis­po­litik auch mit weißen Linken zur Gefahr für die kapi­ta­lis­tische Gesell­schaft in den USA hätte ent­wi­ckeln können.

Bleiben wir doch im Jahr 2000, als der Kan­didat der Demo­kraten Al Gore die Wahlen gewonnen hätte[4], aber nie regieren durfte[5].

Dafür sorgte ein Wahl­com­puter im Bun­des­staat Florida[6]. Dieser Wahl­zirkus hat in den USA und darüber hinaus große Auf­merk­samkeit erregt. Haben das knapp 15 Jahre später wirklich alle ver­gessen, die jetzt unisono behaupten, wer behauptet, die US-Wahlen könnten mani­pu­liert sein, kann nur Ver­schwö­rungs­theo­re­tiker sein?

Wahlbeobachter für die USA?

Ist auch schon ver­gessen, dass die OSZE Wahl­be­ob­achter in die USA schicken wollte, weil der Aus­schluss von Teilen der Bevöl­kerung zuge­nommen hatte[7]. Der Grund lag in einem Licht­bild­ausweis, der nun für die Teil­nahme an den Wahlen ver­langt wurde. Die Kor­re­spon­dentin der Süd­deut­schen beschrieb die Folgen, die eine Studie[8] in den USA fest­hielt:

Das Problem: Jeder zehnte Ame­ri­kaner besitzt keinen Licht­bild­ausweis. Besonders sozial Schwache, Ein­wan­derer und alte Men­schen ver­fügen oft nicht über die benö­tigten Papiere und auch nicht über aus­rei­chend Infor­ma­tionen, Mobi­lität und Geld, um sich diese zu beschaffen​.SZ

Unterklassen von den Wahlen ausgeschlossen

Doch es gibt noch eine Mani­pu­lation der Wahlen, die im System selber liegt. Mil­lionen aus der Unter­klasse sind von den Wahlen aus­ge­schlossen, weil sie ent­weder keine gül­tigen Papiere haben oder inhaf­tiert sind, wie der US-Jour­nalist Mumia Abu Jamal, der für einen Poli­zis­tenmord, den er mut­maßlich nicht begangen hat, zum Tode ver­ur­teilt wurde.

Eine inter­na­tionale Soli­da­ri­täts­kam­pagne konnte ihm den elek­tri­schen Stuhl ersparen, nicht aber die lebens­lange Haft­strafe, zu der sein Todes­urteil umge­wandelt wurde, und die sys­te­ma­tische Nicht­be­handlung seiner Hepa­titis C. Auch im Gefängnis ist Mumia Abu Jamal ein uner­bitt­licher Kri­tiker der US-Gesell­schaft geblieben. Besonders geht er mit dem gefäng­nis­in­dus­tri­ellen Komplex in seinem Land ins Gericht[9].

Im inter­na­tio­nalen Ver­gleich leben in den USA nur etwa fünf Prozent der Welt­be­völ­kerung, aber von allen Gefäng­nis­in­sassen der Welt befinden sich 24 Prozent in den USA hinter Gittern. Nahezu einer von hundert US-Bürgern sitzt in der Zelle eines Unter­su­chungs- oder Straf­ge­fäng­nisses oder im Todes­trakt. Zu Beginn des Jahres 2008 waren 2,3 Mil­lionen Männer und Frauen ein­ge­sperrt. Kein anderes Land hat so viele Gefangene.Mumia Abu Jamal

Mumia Abu Jamal

Er benennt auch die Folgen für das Wahl­system:

Die meisten Gefäng­nisse liegen in den USA in abge­schie­denen länd­lichen und zumeist von Weißen bewohnten Gebieten. Diese kleinen weißen Gemeinden pro­fi­tieren von den vor­wiegend nicht­weißen Gefan­genen, weil diese dort amtlich gemeldet sind. In ihren Hei­mat­städten jedoch fehlen sie, was zur Redu­zierung der an der Ein­woh­nerzahl ori­en­tierten Aus­schüttung von Bun­des­mitteln an die kom­mu­nalen Haus­halte führt. Auf diese Weise werden die Ghettos nicht nur Schritt für Schritt ent­völkert und prak­tisch ganze Gesell­schafts­gruppen in Gefäng­nisse gesteckt, sondern ihnen werden auch die Etat­mittel ent­zogen, die so dringend gebraucht würden, um das weitere soziale Abdriften kom­pletter Stadt­teile zu ver­hindern.

Dra­ma­tisch sind die Folgen der Aberkennung des Wahl­rechts für Inhaf­tierte und Vor­be­strafte, weil Mil­lionen von Men­schen davon aus­ge­schlossen werden, sich auf der par­la­men­ta­ri­schen Ebene für eine Ver­än­derung ihrer Lebens­ver­hält­nisse ein­zu­setzen. Konkret sah das bei­spiels­weise bei der Prä­si­dent­schaftswahl des Jahres 2000 so aus, dass George W. Bush das von seinem Bruder Jeb regierte Florida mit weniger als 500 Stimmen Vor­sprung vor seinem Kon­tra­henten Al Gore gewann. Allein 50.000 Vor­be­strafte waren in Florida von der Wahl aus­ge­schlossen, und da die meisten von ihnen Afro­ame­ri­kaner waren, kann mit Fug und Recht behauptet werden, dass sie mehr­heitlich für die Demo­kra­tische Partei gestimmt hätten.Mumia Abu Jamal

Mumia Abu Jamal

Für die kom­mende Wahl kann das nicht mehr so unein­ge­schränkt behauptet werden. Gerade Mumia hat sich in den letzten Wochen mehrmals mit dem Pro­gramm von Clinton aus­ein­an­der­ge­setzt[10] und erklärt, dass es für ihn nicht einmal das kleinere Übel ist. Mit dieser Begründung rief kürzlich die bekannte US-Bür­ger­recht­lerin Angela Davis[11] zur Wahl der Demo­kratin auf[12].

Die Dis­kussion um die Mani­pu­lier­barkeit der Wahlen in den USA zeigt wieder mal, wie recht die Clinton-Kri­tiker haben. Wenn Trump von einer mög­lichen Mani­pu­lation der Wahlen redet, meint er aller­dings die von ihm und Sei­nes­gleichen her­bei­phan­ta­sierte Hege­monie einer links­li­be­ralen Öffent­lichkeit, die sogar in die Wahlen ein­greift. Das ist tat­sächlich Ausbund eines reak­tio­nären Res­sen­ti­ments.

Doch statt diese Behaup­tungen nur empört zurück­zu­weisen und sich als Ver­tei­diger einer angeblich unma­ni­pu­lier­baren US-Demo­kratie auf­zu­spielen, müssten die Trump-Kri­tiker daran erinnern, dass es Trump und seine poli­ti­schen Gesin­nungs­freunde sind, die Mil­lionen Men­schen an der Wahl­teil­nahme hindern, und dass es die Repu­bli­kaner unter Bush waren, die im Jahr 2000 den Demo­kraten den Wahlsieg unter dubiösen Umständen genommen haben. Von Clinton sind solche Äuße­rungen nicht zu erwarten, ob sie von Sanders gekommen wären, ist unsicher.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​9​/​4​9​7​5​8​/​1​.html

Peter Nowak

Anhang

Links

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http://​www​.deutsch​landfunk​.de/​l​e​t​z​t​e​s​-​t​v​-​d​u​e​l​l​-​i​m​-​u​s​-​w​a​h​l​k​a​m​p​f​-​t​r​u​m​p​-​w​i​l​l​-​w​a​h​l​e​r​g​e​b​n​i​s​.​1​8​1​8​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​3​69021

[2]

https://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​9​/​4​9745/

[3]

http://​www​.deutsch​landfunk​.de/​l​e​t​z​t​e​s​-​t​v​-​d​u​e​l​l​-​i​m​-​u​s​-​w​a​h​l​k​a​m​p​f​-​t​r​u​m​p​-​w​i​l​l​-​w​a​h​l​e​r​g​e​b​n​i​s​.​1​8​1​8​.​d​e​.​h​t​m​l​?​d​r​a​m​:​a​r​t​i​c​l​e​_​i​d​=​3​69021

[4]

https://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/0/0/

[5]

http://​www​.spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​a​u​s​l​a​n​d​/​u​s​-​w​a​h​l​-​a​b​s​t​i​m​m​u​n​g​s​-​c​h​a​o​s​-​i​n​-​f​l​o​r​i​d​a​-​a​-​1​0​1​8​9​6​.html

[6]

http://​www​.spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​a​u​s​l​a​n​d​/​u​s​-​w​a​h​l​-​a​b​s​t​i​m​m​u​n​g​s​-​c​h​a​o​s​-​i​n​-​f​l​o​r​i​d​a​-​a​-​1​0​1​8​9​6​.html

[7]

http://​www​.sued​deutsche​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​d​e​b​a​t​t​e​-​u​m​-​w​a​h​l​b​e​o​b​a​c​h​t​u​n​g​-​i​n​-​d​e​n​-​u​s​a​-​w​a​e​h​l​e​r​-​a​u​s​g​e​s​c​h​l​ossen

[8]

http://b.3cdn.net/advancement/18ff5be68ab53f752b_0tm6yjgsj.pdf

[9]

http://​www​.freedom​-now​.de/​n​e​w​s​/​a​r​t​i​k​e​l​6​4​1​.html

[10]

http://​www​.pri​son​radio​.org/​m​e​d​i​a​/​a​u​d​i​o​/​m​u​m​i​a​/​c​l​i​n​t​o​n​-​s​h​o​w​-​3​5​3​-​m​u​m​i​a​-​a​b​u​-​jamal

[11]

http://​www​.bio​graphy​.com/​p​e​o​p​l​e​/​a​n​g​e​l​a​-​d​a​v​i​s​-​9​2​67589

[12]

http://​www​.theroot​.com/​a​r​t​i​c​l​e​s​/​p​o​l​i​t​i​c​s​/​2​0​1​6​/​0​9​/​a​n​g​e​l​a​-​d​a​v​i​s​-​h​i​l​l​a​r​y​-​c​l​inton

Überdosis Trump in den deutschen Medien

- aber zu den Berliner Wahlen nur Kunstkritik?

Droht Anfang November ein Bun­des­prä­sident Trump? Diesen Ein­druck konnte man in den letzten Wochen haben. Fast täglich wurden wir mit den neu­esten Äuße­rungen des repu­bli­ka­ni­schen Prä­si­dent­schafts­kan­di­daten bom­bar­diert, die in der Regel mit dem Hinweis ver­sehen waren, nun habe Trump end­gültig seine Chancen auf einen Sieg ver­spielt. Wenn es doch anders kommt, wird der Großteil dieser Medien das alte Feindbild Amerika polieren, das unter Bush und Reagan so gut zog und unter Obama etwas floppte.

Was die angeblich kar­rie­rehem­menden Äuße­rungen Trumps betrifft, sei nur daran erinnert, dass Prä­sident Reagan zum Scherz vor einem nicht abge­schal­teten Mikrophon der Sowjet­union mal den Krieg erklärte. Beim kon­ser­va­tiven Wäh­ler­segment hat ihm das nicht geschadet. Was aber die »Über­dosis US-Wahlen« in den hie­sigen Medien betrifft, so hat Karsten Laske in der Wochen­zeitung Freitag treffend for­mu­liert[1]: »Eine Nach­richt, wer am Ende das Ding gewonnen hat und Prä­sident wird. Das nehme ich gern zur Kenntnis.«

Berlin-Wahl ent­scheidet über Kar­rie­re­knick von Gabriel

Bis dahin könnten wir uns ja mal daran erinnern, dass in den nächsten Wochen in Meck­lenburg Vor­pommern und Berlin Landtags- bzw. Abge­ord­ne­ten­haus­wahlen abge­halten werden, die durchaus nicht unwichtig für die reprä­sen­tative Politik in Deutschland sind. Hier könnte sich ent­scheiden, ob Sigmar Gabriel noch vor den Bun­des­tags­wahlen seinen inner­par­tei­lichen Absturz erlebt.

Obwohl viele Kon­kur­renten ihn gerne die Bun­des­tags­wahlen ver­lieren lassen würden, weil auch sie keine viel bes­seren Ergeb­nisse erzielen würden, wäre Gabriel wohl nicht mehr zu halten, wenn die Partei in Meck­lenburg Vor­pommern nicht mehr den Minis­ter­prä­si­denten stellen würde und auch in Berlin hinter die Union zurück fiele. Bisher liegt sie in Umfragen nur noch wenige Punkte vor der Henkel-CDU. Zudem dürfte sich bei beiden Land­tags­wahlen die Eta­blierung der rechts­po­pu­lis­ti­schen AFD fort­setzen, so dass sie dann auch für die Bun­des­tags­wahlen gute Aus­gangs­be­din­gungen hat.

In Meck­lenburg-Vor­pommern wird sich zeigen, ob daneben noch eine offen neo­na­zis­tische Partei eine Chance zum Einzug ins Par­lament hat. Die NPD liegt in den Umfragen in einem Bereich, der das nicht als unmöglich erscheinen lasst.

Kunst­kritik oder Wahl­kampf

Das müssten eigentlich Gründe genug sein, die hie­sigen Wahlen und nicht die neu­esten Trump-Äuße­rungen mehr in den Fokus der Bericht­erstattung zu stellen. Doch in den letzten Wochen hatte man den Ein­druck, es han­delte sich bei den Wahlen um eine Freiluft-Kunst­aus­stellung. Die Wahl­plakate der ver­schie­denen Par­teien wurden zum Gegen­stand ästhe­ti­scher Betrach­tungen, wie sie sonst bei Aus­stel­lungen erfolgen.

Dazu haben die Par­teien auch selber bei­getragen. So ver­zichtete die SPD auf ihren ersten großen Pla­kat­wänden ganz auf ihr Logo[2] und zeigte nur ihren Spit­zen­kan­di­daten Müller blass im Hin­ter­grund, während im Vor­der­grund das Leben einer Metropole vor­beizog, bei­spiels­weise eine Frau mit Kopf­tauch, die eine Roll­treppe hoch­fährt.

Die Pira­ten­partei, obwohl bei den Wahlen wohl chan­cenlos, hat im Bezirk Berlin-Fried­richshain das Thema Gefah­ren­gebiet[3] sogar mit Leucht­dioden zum Aus­druck gebracht. Mitt­ler­weile wurden diese Plakate aber wohl von Sammlern kur­zerhand ent­wendet. Damit hat die Partei nach den Wahlen zumindest nicht das Problem der Ent­sorgung ihrer eigenen Plakate. Vor allem kleine Par­teien erleben eine Über­ra­schung, wenn ihnen eine Rechnung ins Haus flattert, weil sie die ihre Werbung nicht frist­gemäß ent­sorgt haben.

Auch die AFD-Plakate waren Gegen­stand ästhe­ti­scher Betrach­tungen, weil sie Homo­se­xuelle Islam­kritik vor­tragen lassen. Dabei haben sie doch nur von ihren rechts­po­pu­lis­ti­schen Freunden aus anderen Ländern abge­schrieben, die etwa in Frank­reich und Belgien schon längst erkannt haben, dass man auch unge­liebte Min­der­heiten mal wahl­tak­tisch umarmen kann. Diese Avancen stoßen durchaus bei manchen in der Ziel­gruppe auf Zustimmung. Bei so viel Kul­tur­kritik im Wahl­kampf war man über­rascht, dass manchmal auch über Inhalte gestritten wurde.

So rekla­mierte die SPD »Oma Anni«, die für ein Plakat der Linken als Mietre­bellin[4] aus­ge­wiesen wird, für die Sozi­al­dem­ko­kraten[5].

Die Seniorin hat erklärt, dass sie schon so lange SPD wählt, dass sie das mit 95 nicht mehr ändern will. Zum Glück für die Linke hat sie aber der Partei die Zustimmung gegeben, ihr Kon­terfei für Wahl­kampf­zwecke zu ver­wenden. Die Frage wäre jetzt, ob Oma Anni der Aus­schluss drohen würde, wenn sie denn SPD-Mit­glied wäre. So ist der ganze Streit für die Linke sogar von Vorteil. Sie kann so auf­zeigen, dass sogar bei der SPD-Tra­di­ti­ons­wäh­ler­schaft die Vor­be­halte gegen die Links­so­zi­al­de­mo­kraten zurück­gehen und könnte damit ent­spre­chende Signale in die SPD-Stamm­wäh­ler­schaft senden.

Zudem hat die Linke damit klar­ge­stellt, dass sie tat­sächlich eine echte Mietre­bellin abge­lichtet haben, die mit anderen Senioren seit Jahren gegen massive Miet­stei­ge­rungen in der Siedlung am Steinberg am Rande von Ber­lin­kämpft. Andere Par­teien haben für ihre Figuren von pro­fes­sio­nellen Dar­stellern spielen lassen.

Dass die Debatte über die Ber­liner Wahlen in den Medien bisher mehr oder weniger unter Kunst­kritik lief, zeigt den Bedeu­tungs­verlust der Par­tei­en­po­litik. Wo scheinbar alles Event und Kunst wird, kann die Wahl natürlich keine Aus­nahme machen. Warum soll auch um poli­tische Inhalte gestritten werden, wenn prin­zi­piell alle Par­teien scheinbar das­selbe wollen, nämlich den Wirt­schafts­standort Deutschland stärken, und daher aus­tauschbar sind.

Weil die Zwänge der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft keine Expe­ri­mente erlauben und Justiz, Schul­den­bremse und EU-Ver­träge dafür sorgen, dass auf keinen Fall eine Reform ver­ab­schiedet wird, die nicht »der Wirt­schaft«, wohl aber der Mehrheit der lohn­ab­hän­gigen Bevöl­kerung Ver­bes­se­rungen bringt, gibt es auch keinen Grund mehr, bei Wahlen über Politik zu streiten.

Innere Sicherheit als Wahl­kampf­thema

Da kommen zumindest für die Sicher­heits­po­li­tiker aller Par­teien die Anschläge der letzten Wochen wie gerufen, um doch noch etwas Politik in den Wahl­kampf zu bringen. Die schon abge­schriebene Henkel-CDU hofft, mit For­de­rungen nach einem Burka-Verbot und nach der Rück­nahme der dop­pelten Staats­bür­ger­schaft noch auf­zu­holen.

Denn für ein Burka-Verbot sind auch viele Men­schen, die sich für eine säkulare Gesell­schaft ein­setzen[6] und nicht zu den tra­di­tio­nellen CDU-Wählern zählen. Tat­sächlich kann ein Bur­ka­verbot durchaus nicht einfach mit einer Law-and-Order-Politik gleich­ge­setzt werden und es wäre töricht von Grünen, Sozi­al­de­mo­kraten und Linken, wenn sie als Reflex die Burka ver­tei­digen würden und die Kritik von Femi­nisten und Säku­laren igno­rieren würden.

Für die Henkel-CDU ist es der letzte Versuch, doch mit dem Sicher­heits­thema bei den Ber­liner Wahlen zu punkten. In den letzten Wochen ist er mit seiner Politik gescheitert, soziale Kon­flikte um das linke Haus­projekt Rigaer Straße 94[7] zu einem Thema der Sicher­heits­po­litik zu machen. Doch zumindest in der unmit­tel­baren Nach­bar­schaft waren alle Ver­suche gescheitert, die Bewohner der Hauses, die in der Mehrheit Miet­ver­träge haben, als »Chaoten und Polit­kri­mi­nelle« zu figu­rieren. In den Tagen der Rund-um-die-Uhr-Bela­gerung des Hauses durch die Polizei wuchs die Soli­da­rität der Nach­bar­schaft[8].

Dadurch wurde auch die Gen­tri­fi­zierung im Stadtteil ein Thema für Men­schen, die sich bisher nicht poli­tisch arti­ku­lieren[9]. Nachdem die For­derung nach Ver­hand­lungen zwi­schen den Kon­flikt­par­teien in der Nach­bar­schaft immer lauter wurden, die Henkel-CDU aber dazu nicht bereit war, sorgte ein Gerichts­urteil für zeit­weilige Ent­spannung.

Die Räumung von einigen Räumen des Haus­pro­jekts wurde als rechts­widrig erklärt, die Bela­gerung beendet. Das Bei­spiel bestätigt die These, die die Poli­tik­wis­sen­schaft­lerin Anna Kern in ihrem jüngsten Buch Urbane Sicher­heits­regime im Neo­li­be­ra­lismus[10] aus­führlich begründete. Die Pro­duktion von Sicherheit und Unsi­cherheit ist gesell­schaftlich bedingt und es gibt durchaus nicht nur die Front­stellung repres­siver Staat gegen die Bevöl­kerung.

Wenn große Teile dieser Bevöl­kerung da nicht mit­machen, hat die Law-and-Order-Politik keine Grundlage. Das musste die Henkel-CDU im Fall der Rigaer Straße erfahren. Ob sie mit dem Versuch die Anschläge der letzten Wochen für Geset­zes­ver­schär­fungen mehr Erfolg hat, wird sich am Wahl­abend zeigen. Dann werden wir auch fest­stellen, dass die voll­mun­digen Erklä­rungen von Grünen und SPD, mit der Henkel-CDU kein Bündnis ein­zu­gehen, nur bis zum Wahl­abend gelten.

Ent­weder die CDU ist der große Ver­lierer, dann kommt es zu einer Koalition der Par­teien links von der Union. Sollte aber die CDU stärkste Partei werden, werden alle sagen, der Wähler hat eben anders ent­schieden. Zumindest hat die Debatte über die Innere Sicherheit dazu geführt, dass im Vorfeld der Ber­liner Wahlen nicht nur über die Ästhetik der Plakate gesprochen wird.

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Peter Nowak

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[5]

https://www.berlinonline.de/mitte/nachrichten/4519369–4015813-streit-um-oma-anni-aus-kleinkleckersdorf.html

[6]

http://​www​.a3wsaar​.de/​a​k​t​u​e​l​l​e​s​/​d​e​t​a​i​l​s​/​d​/​2​0​1​4​/​0​7​/​1​2​/​j​a​-​z​u​m​-​b​u​r​k​a​-​v​e​r​b​o​t​-​i​n​-​f​r​a​n​k​r​eich/

[7]

https://​rigaer94​.squat​.net

[8]

https://​nord​kiezlebt​.noblogs​.org/

[9]

http://​mie​ten​stopp​fried​richshain​.blog​sport​.de

[10]

http://​www​.dampfboot​-verlag​.de/​s​h​o​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​p​r​o​d​u​k​t​i​o​n​-​v​o​n​-​u​n​-​s​i​c​h​e​r​h​e​i​t​-​u​r​b​a​n​e​-​s​i​c​h​e​r​h​e​i​t​s​r​e​g​i​m​e​-​i​m​-​n​e​o​l​i​b​e​r​a​l​ismus