Wie Denkfabriken in die Klimadiskussion eingreifen

Eine Strategie des Leugnens

Anders als in den USA wollen in Europa neo­li­berale und kon­ser­vative Klimaschutzbremser*innen nicht mit der offen rechten Klimaleugner*innenszene öffentlich in Ver­bindung gebracht werden«, beschrieb die Jour­na­listin Susanne Götze ihre Beob­ach­tungen.

Nach dem Euro und der Zuwan­derung soll der Kampf gegen den Umwelt­schutz das dritte große Thema für die AfD werden, erklärte der Chef der Rechts­partei, Alex­ander Gauland, vor einigen Tagen. Das ist nicht über­ra­schend. Denn die AfD hat schon länger ver­schie­denen Klimawandelskeptiker*innen und ‑leugner*innen Podien geboten. So hatte die AfD bereits im Juni 2017 eine gemeinsame Pres­se­kon­ferenz mit dem .…

„Eine Stra­tegie des Leugnens“ wei­ter­lesen

Im Zweifel für den Zweifel

History is unwritten - AutorInnenkollektiv Loukanikos (Hg.)
AutorIn­nen­kol­lektiv Lou­ka­nikos (Hg.)
History is unwritten
Linke Geschichts­po­litik und kri­tische Wis­sen­schaft

Ein Kreis linker Historiker_​innen und poli­ti­scher Aktivist_​innen dis­ku­tiert über den Stel­lenwert von Geschichte.

Lou­ka­nikos hieß der Stra­ßenhund, der während der Zeit der grie­chi­schen Mas­sen­pro­teste in den Jahren 2012 und 2013 auf vielen Fotos zu sehen war. Der Hund schrieb Geschichte, und sein Tod im letzten Jahr war der Süd­deut­schen Zeitung sogar einen eigenen Artikel wert. Doch das Tier schrieb auch auf eine ganz besondere Weise Geschichte. Nach ihm benannte sich eine Gruppe von fünf Historiker_​innen, die in den letzten Jahren Dis­kus­sionen über den linken Umgang mit Geschichte vor­an­ge­trieben haben. Das AutorIn­nen­kol­lektiv Lou­ka­nikos, bestehend aus Henning Fischer, Uwe Fuhrmann, Jana König, Eli­sabeth Steffen und Till Sträter, gab 2012 den Sam­melband „Zwi­schen Ignoranz und Insze­nierung. Die Bedeutung von Mythen und Geschichte für die Gegenwart der Nation“ heraus (siehe Rezension in kri​tisch​-lesen​.de #26). Daran schloss sich eine längere Dis­kussion über den Stel­lenwert der Geschichte für eine eman­zi­pative Politik an, die 2012 und 2013 in der Monats­zeitung analyse und kritik (ak) geführt wurde. Die ak-Redaktion hat eine Son­der­beilage mit den Debat­ten­bei­trägen her­aus­ge­geben, die mitt­ler­weile ver­griffen ist.

Der Gegen­stand der Debatte ver­schob sich mitt­ler­weile. Über die Kritik an den Geschichts­mythen von Staat und herr­schender Politik gibt es in den unter­schied­lichen Frak­tionen der Linken grund­sätz­liche Dif­fe­renzen. Bei der Frage, ob nicht auch alle linken Geschichts­mythen dekon­struiert werden müssten, bietet sich ent­spre­chend reichlich Zünd­stoff. „Was macht die Linke mit Geschichte?“ lautete denn auch die Fra­ge­stellung einer Kon­ferenz, die das AK Lou­ka­nikos im Dezember 2013 in Berlin orga­ni­sierte. Ein­ge­laden waren neben Historiker_​innen und Soziolog_​innen auch poli­tische Aktivist_​innen.

Unter dem Titel „History is unwritten“ hat das AK Lou­ka­nikos kürzlich im Verlag edition assem­blage ein Buch her­aus­ge­geben, das mehr ist als der erwei­terte Kon­fe­renz­be­richt. Die 25 dort ver­öf­fent­lichten Auf­sätze geben einen guten Über­blick über den Stand der linken Geschichts­de­batte in Deutschland.

Einige der Auf­sätze befassen sich mit einem Teil­be­reich linker Geschichte. So widmet sich der Gewerk­schafts­his­to­riker Wolfgang Uel­lenberg-van Dawen der Geschichte der Deut­schen Gewerk­schaften im Ersten Welt­krieg. Dabei zeigt er auf, wie die Politik des Burg­friedens die Sozi­al­part­ner­schaft zwi­schen Kapital und Arbeit ein­leitete, die auch nach 1918 fort­ge­führt wurde. Hierin liegt auch die massive Ablehnung der Räte­struk­turen durch die Gewerk­schaften begründet, die sich während der Novem­ber­re­vo­lution gebildet hatten. Unver­ständlich bleibt, warum „die harten Bedin­gungen und die wirt­schaft­lichen Folgen des Ver­sailler Ver­trags die Politik der Lan­des­ver­tei­digung im Nach­hinein […] recht­fer­tigen“ (S. 87). Unab­hängig von der unter Historiker_​innen strit­tigen Frage, ob der Ver­sailler Vertrag besonders harte Bedin­gungen ent­hielt, müssten hier ent­schiedene Kriegsgegner_​innen argu­men­tieren, dass es ohne den maß­geblich von Deutschland ent­fachten Welt­krieg keinen Ver­sailler Vertrag gegeben hätte. Doch solche Detail­fragen ließen sich im Kontext der Kon­ferenz nicht klären.

Brauche ich die Vergangenheit, um eine linke Politik zu begründen?

Der Beitrag von Susanne Götze zur Bedeutung des mar­xis­ti­schen Phi­lo­sophen Henri Lef­ebvre und Dominik Nagels Aufsatz über den bri­ti­schen His­to­riker Edward P. Thompson widmen sich zwei linken Wis­sen­schaftlern, die sich der Erneuerung der mar­xis­ti­schen Theorie ver­schrieben haben. Neben den Bei­trägen, die sich einer Person oder einem bestimmten Teil­be­reich in der linken Geschichte widmen, stellen andere Artikel die Frage, ob die Linke eigene Mythen braucht. Dazu gehört auch die Maxime, „wer sich nicht an die Ver­gan­genheit erinnern kann, ist dazu ver­dammt, sie zu wie­der­holen“, die in linken Kreisen häufig ver­wendet wird. Der Publizist Bernd Engelmann gebrauchte den Satz gleich mehrmals in seinen in den 1970er Jahren popu­lären Anti-Geschichts-Büchern. Vor allem an die Geschichte von Gewalt und Krieg sollte erinnert werden, um sie für die Zukunft aus­zu­schließen.

Wenn irgendwo auf der Welt wieder massive Men­schen­rechts­ver­let­zungen bekannt werden, lautet ein Vorwurf, man habe aus der Geschichte nichts gelernt. Die His­to­ri­kerin Cor­nelia Siebeck unter­zieht das gesamte Konzept vom Lernen aus der Geschichte in ihrem „Plä­doyer für eine post-apo­dik­tische Geschichts­po­litik“ (S. 373) einer scharfen Kritik. Dabei beruft sie sich auf post­mo­derne Theoretiker_​innen wie Ernesto Laclau und Chantal Mouffe. Für sie gibt es keine letzte Schlacht, die „wir“ gewinnen und auch keine „Enkel“, die es besser aus­fechten, womit sich viele Linke nach einer poli­ti­schen Nie­derlage trösten. Siebeck kri­ti­siert ein linkes Geschichts­modell, das die Ver­gan­genheit her­an­zieht, um Lehren für die Zukunft zu ziehen. „Was eman­zi­pa­to­rische Zukunfts­po­litik ganz sicher nicht braucht, ist die eine his­to­rische Erzählung, um ihre Anliegen zu begründen“ (S. 370). Für Siebeck sind deshalb auch alle Denk­mäler frag­würdig, mögen sie auch einem noch so guten Zweck dienen, bei­spiels­weise der Beschwörung einer Welt ohne Krieg und Faschismus. Sinnbild eines in ihrem Sinne posi­tiven Denkmals ist ein leerer Sockel.

Dieser totalen Geschichts­de­kon­struktion wider­sprechen andere Autor_​innen aus unter­schied­lichen Gründen. So plä­diert der His­to­riker Ralf Hoff­rogge in seinen „Fünf Thesen zum Kampf um die Geschichte“ (S. 114) dafür, „die sozia­lis­tische Bewegung als Tra­dition künftig anzu­nehmen“ (S. 115) und auch in der Kritik an den geschei­terten linken Bewe­gungen beschei­dener zu sein. „Auch wir werden im poli­ti­schen Leben Fehler machen und unseren Ansprüchen nicht gerecht werden, das Richtige Leben im Fal­schen nicht erreichen, und die Abschaffung des ganzen Fal­schen wohl auch nicht“ (S. 119). Für Hoff­rogge ist diese kri­tische Ergänzung aller­dings kein Anlass für Resi­gnation. Daher beendet er seinen Aufsatz auch mit der alten linken Parole „Vor­wärts und nicht ver­gessen“.

Fragend schreitend im Kreise?

Die schärfste Kritik an Sie­becks post­mo­derner Geschichts­de­kon­struktion liefert der His­to­riker Max Lill. „Viele Intel­lek­tuelle der radi­kalen Linken laben sich − inzwi­schen buch­stäblich seit Jahr­zehnten – am Miss­trauen gegenüber jedem Versuch, größere Zusam­men­hänge her­zu­stellen. Fragend schreiten sie im Kreis“ (S. 327). Lill wendet sich mit Verweis auf die Geschichte der US-Bür­ger­rechts­be­wegung gegen ein Mythen­verbot in der linken Geschichts­wis­sen­schaft.

„Die vor neuen Impulsen vibrie­renden Gegen­kul­turen waren auch, besonders zu Beginn, auf paradoxe Weise geprägt von einem tiefen Gefühl der Nost­algie und der Iden­ti­fi­kation mit ihren sozial und his­to­risch scheinbar fern lie­genden Akteur_​innen. Die eigenen, anfangs in noch roman­tisch gefärbter Inner­lichkeit gärenden Ent­frem­dungs­er­fah­rungen und Sehn­süchte wurden auf die alte Arbei­ter­be­wegung oder die anti­fa­schis­ti­schen und anti-kolo­nialen Kämpfe pro­ji­ziert. Sie arti­ku­lieren sich mit­unter sogar in einer Adaption der Sprache der christ­lichen Befrei­ungs­theo­logie, wie sie für die Bür­ger­rechts­be­wegung prägend war. Alle mög­lichen sozialen Rand­exis­tenzen rücken in den Mit­tel­punkt der herauf quel­lenden Phan­tasien einer durch Bil­dungs­ex­pansion sozial auf­stei­genden Jugend: eine Ent­grenzung der Empathie- und Ein­bil­dungs­kraft“ (S. 330).

Was Lill hier anspricht, betrifft viele eman­zi­pa­to­rische Bewe­gungen überall auf der Welt. So bezogen sich femi­nis­tische Kämpfe auf Frauen, die in ihrer Zeit als Hexen ver­folgt wurden. Regionale öko­lo­gische Initia­tiven in Bayern benannten sich nach der Bunt­schuh­be­wegung des Spät­mit­tel­alters, um gegen eine Mer­cedes-Test­strecke zu pro­tes­tieren. Natürlich ist der Hinweis richtig, dass bei solchen Bezug­nahmen über die Jahr­hun­derte hinweg immer Pro­jek­tionen und Kon­struk­tionen im Spiel sind. Es gab in der Zeit der Bunt­schuh­be­wegung keine Autos, und daher ist es müßig, darüber nach­zu­denken, ob und wie sich die Bewegung zur Mer­cedes-Test­strecke posi­tio­niert hätte. Das ist aber auch den Aktivst_​innen bewusst. Es ging den Aktivist_​innen aber um ein wider­stän­diges Ver­halten gegenüber der jewei­ligen Obrigkeit und Respekt vor Men­schen, die in der Ver­gan­genheit mit Ver­folgung bis zum Tod kon­fron­tiert waren. Daraus kann selbst­ver­ständlich auch eine pro­ble­ma­tische Über­iden­ti­fi­kation werden. Das kann man an der Geschichte der jün­geren Frau­en­be­wegung beob­achten. Der Respekt vor den als Hexen ver­folgten Frauen endete in manchen femi­nis­ti­schen Kreisen damit, dass man einen Hexenkult eta­blierte, der durchaus reli­giöse Formen annehmen konnte. In dem Film „Die Rit­te­rinnen“ schil­derte die Regis­seurin Barbara Teufel diese Ent­wicklung exem­pla­risch anhand der Ent­wicklung einer femi­nis­ti­schen Wohn­ge­mein­schaft in Berlin-Kreuzberg der späten 1980er Jahre.

So werden im Buch „History is unwritten“ tat­sächlich für eine eman­zi­pative Theorie und Praxis wichtige Fragen gestellt. Es bleibt zu hoffen, dass die Debatte auch mit den poli­ti­schen Aktivist_​innen fort­ge­setzt wird, die trotz guter Vor­sätze auf der Kon­ferenz nur sehr begrenzt möglich war. Erfreu­li­cher­weise wird dieser Kri­tik­punkt im Buch an meh­reren Stellen klar benannt. „Für einen Aus­tausch, bei den alle ein­be­zogen werden sollen, waren die Vor­träge nicht geeignet“(S. 172), kri­ti­siert Chris Rotmund von der Initiative für einen Gedenkort ehe­ma­liges KZ Uckermark den aka­de­mi­schen Dis­kus­si­onsstil auf der Kon­ferenz. Mit dem Buch sind aber die Grund­lagen für eine Debatte gelegt, die aus diesen Fehlern lernt. Dem dürften selbst die Autor_​innen zustimmen, die die Geschichte nicht als Lern­an­stalt betrachten.

http://www.kritisch-lesen.de/rezension/im-zweifel-fur-den-zweifel‑1

Peter Nowak