Fragend schreiten sie im Kreis

Ein neues Buch zur linken Geschichtsdebatte

Lou­ka­nikos hieß der Stra­ßenhund, der während der Mas­sen­pro­teste in Grie­chenland 2012 und 2013 auf unzäh­ligen Fotos zu sehen war. Sein Tod im ver­gan­genen Jahr war der »Süd­deut­schen Zeitung« sogar einen Artikel wert. Doch das Tier schrieb noch auf eine andere Weise Geschichte. Nach ihm benannten sich fünf His­to­ri­ke­rinnen und His­to­riker, die Dis­kus­sionen über den Umgang der Linken mit Geschichte vor­an­treiben. Unter dem Titel »History is unwritten« hat der Arbeits­kreis Lou­ka­nikos jetzt ein Buch her­aus­ge­geben, das auf einer Kon­ferenz beruht, und doch weit über die dama­ligen Bei­träge hinaus geht. Die 25 Auf­sätze geben einen guten Über­blick über den Stand der linken Geschichts­de­batte in Deutschland.

Die Suche nach einer neuen linken Per­spektive in der geschichts­po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­setzung und die Frage, welche Bedeutung linken Mythen hierbei zukommt, benennen die Her­aus­geber als roten Faden des Buches. Die His­to­rikern Cor­nelia Siebeck erteilt jeg­lichen linken Geschichts­mythen eine Absage: »Was eman­zi­pa­to­rische Zukunfts­po­litik ganz sicher nicht braucht, ist die eine his­to­rische Erzählung, um ihre Anliegen zu begründen.« Ihr wider­spricht der His­to­riker Max Lill. »Viele Intel­lek­tuelle der radi­kalen Linken laben sich am Miss­trauen gegenüber jedem Versuch, größere Zusam­men­hänge her­zu­stellen. Fragend schreiten sie im Kreis«, kri­ti­siert er die Ver­suche einer post­mo­dernen Geschichts­de­kon­struktion.

Der His­to­riker Ralf Hoff­rogge, der in den ver­gan­genen Jahren ver­gessene Teile der Geschichte der Arbei­ter­be­wegung in Deutschland erforschte, plä­diert in seinen »Fünf Thesen zum Kampf um die Geschichte« dafür, die sozia­lis­tische Bewegung als Tra­dition anzu­nehmen und in der Kritik an den geschei­terten linken Bewe­gungen beschei­dener zu sein. »Auch wir werden im poli­ti­schen Leben Fehler machen und unseren Ansprüchen nicht gerecht werden, das richtige Leben im Fal­schen nicht erreichen, und die Abschaffung des ganzen Fal­schen wohl auch nicht.«

Ein eigenes Kapitel ist geschichts­po­li­ti­schen Initia­tiven in Deutschland gewidmet. Die Gruppe audio­script stellt einen Stadt­rundgang vor, der über die Ver­folgung und Ver­nichtung der Jüdinnen und Juden zwi­schen 1933 und 1945 in Dresden infor­miert. Sie kri­ti­siert damit auch den in der säch­si­schen Stadt herr­schenden Erin­ne­rungs­diskurs, der vor allem die deut­schen Bom­ben­opfer von 1945 in den Mit­tel­punkt stellt. Die Anti­fa­schis­tische Initiative Moabit (AIM) aus Berlin betont in ihrem Beitrag die Aktua­lität anti­fa­schis­ti­scher Geschichts­po­litik in einer Zeit, in der die »deutsche Erin­ne­rungs­land­schaft gepflastert ist mit Stol­per­steinen und Orten der Erin­nerung an die Opfer der NS-Ver­brechen«. Als Bei­spiel für gelungene Erin­ne­rungs­arbeit führt die AIM die »Fragt uns Bro­schüren« an, in denen junge Anti­fa­schisten die letzten noch lebenden Wider­stands­kämpfer und NS-Ver­folgten inter­viewen. Vor­ge­stellt wird zudem die Initiative für einen Gedenkort an das ehe­malige KZ Uckermark, wo zwi­schen 1942 und 1945 Mädchen und junge Frauen ein­ge­pfercht wurden, weil sie nicht in die NS-Volks­ge­mein­schafts­ideo­logie passten. Mit femi­nis­ti­schen Bau- und Begeg­nungs­camps hat die Initiative den Ort bekannt gemacht und erschlossen.

Autor_​innenkollektiv Lou­ka­nikos (Hg.): History is unwritten. Linke Geschichts­po­litik und kri­tische Wis­sen­schaft, Edition Assem­blage, 400 Seiten, 19,80 Euro.

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Peter Nowak