Mieter und Künstler stellen die Wohnungsfrage

Mit der Aus­stellung im Haus der Kul­turen der Welt wird deutlich, dass der kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­zwang das größte Hin­dernis für alter­native Wohn­mo­delle dar­stellt

Der tür­kische Tee­kocher mit dem Auf­kleber der Kreuz­berger Stadt­teil­in­itiative Kotti & Co. gehört zum Inventar des Protest-Gece­condo[1], das die Mieter im Mai 2012 am Kott­buser Tor errichtet haben. Nun findet sich der Tee­kocher auch im Haus der Kul­turen der Welt[2]. Dort wurde im Rahmen der Aus­stellung »Woh­nungs­frage«[3], die am 22.Oktober eröffnet wurde, die Pro­test­hütte nach­gebaut.

»Das HKW hat uns die Mög­lichkeit gegeben, mit dem Archi­tekten Teddy Cruz und der Wis­sen­schaft­lerin Fonna Forman[4] aus San Diego eine Antwort auf die Frage des Wohnens zu suchen. Sehr schnell waren wir uns einig, dass die Frage des Wohnens niemals nur eine räum­liche /​architektonische ist, sondern immer auch eine poli­tische und eine öko­no­mische Frage«, erklärt Sandy Kal­tenborn von Kotti & Co gegenüber Tele­polis.

Im Rahmen der Aus­stellung wird die tem­poräre Hütte nicht nur im HKW zu sehen sein. Vom 6. bis 8. November wird sie neben der Pro­test­hütte am Kott­buser Tor auf­gebaut. Dort wird auch die 50minütige Film­in­stal­lation »Miete essen Seele auf«[5] von Angelika Levi[6] zu sehen sein, in der die Geschichte des sozialen Woh­nungsbaus in Kreuzberg ver­ar­beitet wird.

Auch die Senioren der Stillen Straße[7], die 2012 mit der Besetzung[8] ihres von Schließung bedrohten Treff­punkts in Pankow für Auf­merk­samkeit sorgten, sind Koope­ra­ti­ons­partner der Aus­stellung. Gemeinsam mit ihnen ent­wi­ckelte das Lon­doner Archi­tek­turbüro Assemble die Instal­lation Teil­wohnung[9]. So ist ein Wohn­komplex ent­standen, der im Erd­ge­schoss kol­lektiv genutzte Gemein­schafts­räume und Werk­stätten beher­bergt. Die anderen Etagen sind den pri­vaten Räumen der Bewohner vor­be­halten.

»Der Entwurf ermög­licht ein gemein­sames und zugleich selbst­be­stimmtes Wohnen von Men­schen jeden Alters und stellt damit einen Gegen­entwurf zu den iso­lierten Wohn­an­lagen dar », betont einer der Archi­tekten.

Mie­ten­kämpfe, wenn der kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­zwang weg­fällt

In der Eröff­nungs­an­sprache benannte der Intendant des HKW Bernd Scherer die Fak­toren, die die Ver­breitung solcher men­schen­freund­lichen Alter­na­tiven behindern. »Woh­nungen werden nicht nur gebaut, um darin zu wohnen, sondern um Geld anzu­legen und mit den wach­senden Preisen und Mieten zu spe­ku­lieren«, benannte er eine Situation, die heute Mieter mit geringen Ein­kommen leidvoll erfahren.

In der Aus­stellung wird an Bei­spielen aus ver­schie­denen Teilen der Welt gezeigt, wie Woh­nungen für die All­ge­meinheit errichtet werden können, wenn der kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­zwang zurück­ge­drängt ist. So zeigt der Doku­men­tarfilm »Häuser für die Massen« wie in Por­tugal nach der Nel­ken­re­vo­lution 1974 die Mieter- und Stadt­teil­be­wegung SAAL[10] Teil eines all­ge­meinen gesell­schaft­lichen Auf­bruchs wurde. Hier wird deutlich, mit welcher Begeis­terung, Men­schen, die jahr­zehn­telang mar­gi­na­li­siert worden waren, die indi­vi­duelle und gesell­schaft­liche Befreiung in die eigenen Hände nahmen.

Das Künst­lertrio Lisa Schmidt-Colinet, Florian Zeyfang und Alex­ander Schmoeger doku­men­tiert die Geschichte des Woh­nungsbaus in Kuba seit der Revo­lution. Im Zentrum stehen die aus Arbeitern bestehenden Micro­bri­gaden[11], die mit Material von der Regierung ihre eigenen Woh­nungen und daneben auch kom­munale Gebäude wie Schulen und Kran­ken­häuser errichten. In dem Film werden auch aber die Pro­bleme benannt, die durch den Mangel an Roh­stoffen nach dem Ende des nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Lagers, aber auch die diri­gis­tische Politik der kuba­ni­schen Regierung ent­standen sind.

Die Men­schen wollen an der Basis ent­scheiden und nicht bevor­mundet werden, sagt in dem Film ein kuba­ni­scher Architekt. Sie wollen sich auch nicht von scheinbar objek­tiven Markt­ge­setzen unter­werfen. Das ist eine Erkenntnis, die sich aus der hoch­in­ter­es­santen Aus­stellung gewinnen lässt. Es ist bemer­kenswert, dass schon im Aus­stel­lungs­titel, aber auch in den Texten der Zusam­menhang zwi­schen den Pro­blemen um die Mieten und dem Kapi­ta­lismus her­ge­stellt wird. Friedrich Engels Schrift »Zur Woh­nungs­frage«[12] klingt im Titel an.

Der Intendant des HKW spricht die Grenzen an, die eine Woh­nungs­po­litik für viele Men­schen im Kapi­ta­lismus hat. Dieser Aspekt ist deshalb besonders zu wür­digen, weil auch viele Men­schen, die sich positiv auf die aktuelle Mie­ter­be­wegung beziehen, den Zusam­menhang zum Kapi­ta­lismus nicht her­stellen.

Das wurde am Abend der Aus­stel­lungs­er­öffnung[13] bei der Vor­stellung des Buches »Der Kotti« von Jörg Albrecht[14] im »post­post­mo­dernen Büro für Kom­mu­ni­kation West­Germany«[15] deutlich. Bei dem Autor, der in der Ver­gan­genheit eben­falls mit der Mie­ter­initiative Kotti & Co koope­rierte, kam das Wort Kapi­ta­lismus nicht vor.

Mietre­bellen for­schen über ihre Geschichte

Kürzlich ist in Berlin die Aus­stellung »Kämp­fende Hütten«[16] zu Ende gegangen. Dort haben sich ehe­malige Haus­be­setzer, heutige Mietre­bellen und Wis­sen­schaftler mit der über 150jährigen Geschichte der Ber­liner Mie­ter­be­wegung befasst. An die Blu­men­stra­ßen­kra­walle[17] gegen eine Zwangs­räumung 1872 wurde ebenso erinnert, wie an die von dem His­to­riker Simon Len­gemann erforschten Mie­terräte[18] , die unter dem Motto »Erst das Essen, dann die Miete«[19] in der End­phase der Wei­marer Republik die Miet­zah­lungen kürzten, um über­haupt über­leben zu können.

Bei der Aus­stellung wurde aber auch deutlich, dass selbst über die jüngere Geschichte der Mie­ter­be­wegung heute wenig bekannt ist. So infor­mieren Doku­mente über die Ende der 60er bis Anfang der 70er Jahren aktive Mie­ter­be­wegung im West­ber­liner Mär­ki­schen Viertel[20] und über den ebenso ver­ges­senen Anteil, den Migran­tinnen und Migranten an der West­ber­liner Haus­be­set­zer­be­wegung der 80er Jahre hatten. Es ist auf jeden Fall ein Zeichen des Selbst­be­wusst­seins der aktu­ellen Mie­ter­be­wegung, wenn sie mit Künstlern koope­riert und sich ihrer Geschichte ver­ge­wissert.

Peter Nowak

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​6​/​4​6​3​6​0​/​1​.html

Anhang

Links

[1]

http://​kot​ti​undco​.net/​2​0​1​5​/​1​0​/​2​1​/​d​i​e​-​w​o​h​n​u​n​g​s​f​r​a​g​e​-​s​t​e​llen/

[2]

http://​www​.hkw​.de

[3]

http://​www​.hkw​.de/​d​e​/​p​r​o​g​r​a​m​m​/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​2​0​1​5​/​w​o​h​n​u​n​g​s​f​r​a​g​e​/​a​u​s​s​t​e​l​l​u​n​g​_​w​o​h​n​u​n​g​s​f​r​a​g​e​/​w​o​h​n​u​n​g​s​f​r​a​g​e​_​a​u​s​s​t​e​l​l​u​n​g.php

[4]

http://​www​.uctv​.tv/​s​h​o​w​s​/​T​h​e​-​U​r​b​a​n​i​z​a​t​i​o​n​-​o​f​-​H​a​p​p​i​n​e​s​s​-​a​n​d​-​t​h​e​-​D​e​c​l​i​n​e​-​o​f​-​C​i​v​i​c​-​I​m​a​g​i​n​a​t​i​o​n​-​w​i​t​h​-​F​o​n​n​a​-​F​o​r​m​a​n​-​a​n​d​-​T​e​d​d​y​-​C​r​u​z​-​T​h​e​-​G​o​o​d​-​L​i​f​e​-​25953

[5]

http://​www​.weltfilm​.com/​d​e​/​f​i​l​m​e​/​i​n​-​p​r​o​d​u​k​t​i​o​n​/​m​i​e​t​e​-​e​s​s​e​n​-​s​e​e​l​e-auf

[6]

http://​de​-de​.facebook​.com/​a​n​g​e​l​i​k​a​.levi

[7]

http://​stil​le​strasse​.de/

[8]

http://​stil​le​stras​se10bleibt​.blog​sport​.eu/

[9]

http://​assemble​.io/​d​o​c​s​/​I​n​s​t​a​l​l​a​t​i​o​n​.html

[10]

http://​www​.uncu​be​ma​gazine​.com/​s​i​x​c​m​s​/​d​e​t​a​i​l​.​p​h​p​?​i​d​=​1​4​8​1​9​8​0​3​&​a​r​t​i​c​l​e​i​d​=​a​r​t​-​1​4​1​5​7​0​5​4​2​9​6​2​2​-​e​8​1​2​1​1​7​7​-​d​0​d​5​-​4​a​9​7​-​8​3​1​e​-​4​1​0​9​1​b​1​4​8​0​9​3​#​!​/​p​age24

[11]

http://​www​.florian​-zeyfang​.de/​m​i​c​r​o​b​r​i​g​a​d​e​s​-​v​a​r​i​a​t​i​o​n​s​/​m​ovie/

[12]

http://​gutenberg​.spiegel​.de/​b​u​c​h​/​z​u​r​-​w​o​h​n​u​n​g​s​f​r​a​g​e​-​5​094/1

[13]

http://​www​.ber​li​nonline​.de/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​k​r​e​u​z​b​e​r​g​/​b​u​c​h​v​o​r​s​t​e​l​l​u​n​g​-​d​a​s​-​k​o​t​t​i​-​i​s​t​-​t​o​t​-​e​s​-​l​e​b​e​-​v​i​e​l​l​e​i​c​h​t​-​b​a​l​d​-​n​i​c​h​t​s​-​m​e​h​r​-​69994

[14]

http://​www​.foto​fix​au​tomat​.de/

[15]

http://​www​.west​germany​.eu/

[16]

http://​kaemp​fen​de​hu​etten​.blog​sport​.eu/

[17]

http://​www​.bmgev​.de/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​/​a​r​c​h​i​v​/​2​0​1​4​/​m​e​-​s​i​n​g​l​e​/​a​r​t​i​c​l​e​/​b​l​u​m​e​n​s​t​r​a​s​s​e​n​k​r​a​w​a​l​l​e​-​a​n​n​o​-​1​8​7​2​.html

[18]

http://​haen​de​weg​vom​wedding​.blog​sport​.eu/​?​p=828

[19]

http://​www​.ber​lin​street​.de/​a​c​k​e​r​s​t​r​a​s​s​e​/​a​c​ker33

[20]

http://​www​.trend​.info​par​tisan​.net/​t​r​d​0​4​1​3​/​t​0​2​0​4​1​3​.html

Realismus in der Rigaer

In Berlin-Fried­richshain fei­erten ehe­malige Haus­be­setzer und Unter­stützer ein ein­wö­chiges Stra­ßenfest. Doch mit welchen Mitteln derzeit für bezahl­baren Wohnraum gekämpft werden kann, ist umstritten.

Am ver­gan­genen Sonn­tag­abend sorgten zwei Müll­eimer für große Auf­regung bei den Bewohnern der Rigaer Straße 94 in Berlin-Fried­richshain. Ein großes Poli­zei­auf­gebot war in den Hof des Hauses ein­ge­drungen, um die beiden Behälter abtrans­por­tieren zu lassen. Es handelt sich bei dem Gebäude nicht nur um das letzte noch besetzte in der Rigaer Straße. Die meisten dort woh­nenden Men­schen betonen auch ihre anar­chis­tische Gesinnung und sind auf die Polizei nicht besonders gut zu sprechen. Dass es am Sonn­tag­abend nicht zu Stra­ßen­schlachten kam und keine Autos brannten, lag an der auto­nomen Szene. Als die Situation zwi­schen der Polizei und den aus der Umgebung ein­ge­trof­fenen Unter­stützern des Hauses zu eska­lieren drohte, erklang plötzlich das schal­lende Gelächter einer jungen Frau. Bald stimmten auch viele Unter­stützer ein und selbst einige Poli­zisten konnten nur mühsam ein Lachen unter­drücken.

Schon in den vor­an­ge­gan­genen Tagen hatte man sich in der Rigaer Straße eher an einer Clownsarmee als am Schwarzen Block ori­en­tiert. Viele der ehemals besetzten Häuser und alter­na­tiven Pro­jekte in der Umgebung hatten unter dem etwas groß­spu­rigen Motto »Lange Woche der Rigaer Straße« zu einem Stra­ßenfest der Super­lative auf­ge­rufen. »Damit hat Fried­richshain Neu­kölln überholt«, meinte ein Spötter. Neu­kölln feiert einmal im Jahr das vom Bezirksamt groß­zügig gespon­serte Stadt­teilfest »48 Stunden Neu­kölln«. Die »Lange Woche« der Rigaer Straße war nicht nur länger, sondern kam auch ohne staat­liche Bezu­schussung aus. Do it yourself war die Devise bei den zahl­reichen Work­shops und Ver­an­stal­tungen, die ver­gangene Woche rund um die Rigaer Straße ange­boten wurden. Dazu gehörte auch ein Umsonst-Floh­markt, mit dem besonders die Nachbarn ange­sprochen werden sollten, die nicht in ehemals besetzten Häusern zur Miete wohnen. Mit Flug­blättern wurden die Anwohner infor­miert, dass man mit dieser Art des Floh­marktes auch den Ein­fluss des Geldes zurück­drängen wolle. Doch ob damit eine nicht­ka­pi­ta­lis­tische Gesell­schaft näher rückt, ist fraglich. Zumindest manche Hartz-IV-Emp­fänger werden sich bei dieser Ein­ladung eher daran erinnert gefühlt haben, dass sie von den Job­centern auf Floh­märkte und Lebens­mit­tel­tafeln ver­wiesen werden, wenn sie Anträge zum Kauf eines Haus­halts­geräts stellen.

Sym­pathie bei den Anwohnern erlangten die Orga­ni­sa­toren der »Langen Woche« eher wegen des Poli­zei­ein­satzes, mit dem gegen den Floh­markt vor­ge­gangen wurde – mit der Begründung, dass er nicht ange­meldet sei. »Mich hat der Lärm vom Gene­rator für den Lichtmast der Polizei gestört, der vor meinem Fenster auf­gebaut war, und nicht der Floh­markt«, monierte bei­spiels­weise ein Anwohner.

Über bloß diffuse Sym­pathie hinaus gingen einige Mieter der Rigaer Straße, die sich in einen Offenen Brief an die Orga­ni­sa­toren der Pro­test­woche wandten und zur Koope­ration gegen die Gen­tri­fi­zierung in Fried­richshain ein­luden. Das Schreiben begann aller­dings mit einer impli­ziten Kritik an der Pro­test­kultur der auto­nomen Szene: »Wir sind teil­weise nicht mehr in dem Alter und der Lage, uns an einer Demons­tration zu betei­ligen, auf der nur gerannt wird.« Dann rich­teten die Mieter den Fokus auf den Teil der Rigaer Straße, in dem es keine besetzten Häuser gibt und der bei den Orga­ni­sa­toren der »Langen Woche« eher aus­ge­blendet wird. So wird beschrieben, wie ein Besitzer eines T‑Shirt-Ladens sich das Leben nahm, nachdem ihm gekündigt worden war. Ange­kün­digte Dach­ge­schoss­aus­bauten und der Bau eines neuen Kul­tur­hofes auf dem Gelände einer ehe­ma­ligen Möbel­fabrik werden in dem Schreiben als Zeichen einer neuen Gen­tri­fi­zie­rungs­dy­namik gedeutet, gegen die sich alle Bewohner zusammen wehren sollten.

Die Kritik an einer Beset­zer­n­ost­algie wird auch von einigen Orga­ni­sa­toren der »Langen Woche« geteilt. Sie deckt sich nicht mit einer Rea­lität, in der bis auf eine Aus­nahme in allen Häusern reguläre Miet­ver­hält­nisse bestehen. Ob ein gemein­samer Wider­stand aller Mieter in der Rigaer Straße zustande kommen wird, ist trotzdem offen. Immerhin zeigte der Brief einen großen Schwach­punkt der »Langen Woche« der Rigaer Straße auf. Die Nachbarn wurden zwar ange­sprochen, aber sie bekamen nur die Mög­lichkeit, sich an den ohnehin ange­bo­tenen Ver­an­stal­tungen und Work­shops zu betei­ligen.

Der Film »Mietre­bellen« (Jungle World 47/2014) hin­gegen stellte eine alter­native Mie­ter­be­wegung vor, an der sich Klein­gar­ten­be­sitzer genauso betei­ligen wie Senioren. Dass diese sich dabei Akti­ons­formen der Beset­zer­be­wegung – ohne deren sub­kul­tu­relle Ele­mente – bedienen, demons­trierten die Senioren der Stillen Straße in Berlin-Pankow. Sie besetzten mehrere Wochen einen von der Schließung bedrohten Senio­ren­treff­punkt. Auch die »Pali­sa­den­panther« hatten keine Berüh­rungs­ängste mit der außer­par­la­men­ta­ri­schen Mie­ter­be­wegung, als sie erfolg­reich gegen ange­kün­digte Miet­erhö­hungen in ihrer Senio­ren­wohn­anlage pro­tes­tierten. Der Komplex befindet sich in der Nähe der ehe­ma­ligen besetzten Häuser der Rigaer Straße.

Noch näher an der Rigaer Straße sind Bewohner, die Mie­terräte gegründet haben, mit denen sie sich gegen ihre Ver­drängung aus den als »Sta­lin­bauten« bekannt gewor­denen DDR-Reprä­sen­ta­ti­ons­häusern in der Frank­furter Allee wehren wollen. Ein Aus­tausch über Räte damals und heute, über Ent­schei­dungs­pro­zesse und Akti­ons­formen wäre sicher inter­essant gewesen. Doch in dem umfang­reichen Pro­gramm der »Langen Woche« war dafür kein Platz vor­ge­sehen.

Auch Dis­kus­sionen mit der Trep­tower Stadt­teil­in­itiative »Karla Pappel« suchte man im Pro­gramm ver­geblich. Dabei hatte diese vor einigen Monaten unter dem Motto »Warum nicht wieder Häuser besetzen?« eine Debatte darüber ange­stoßen, welchen Stel­lenwert diese Akti­onsform heute für die Mie­ter­be­wegung hat. Aus­gangs­punkt war die Ver­treibung von Mietern in der Beer­mann­straße in Berlin-Treptow. Die Häuser sollen dem Ausbau der Stadt­au­tobahn weichen (Jungle World 45/2014 ). Die ver­blie­benen Mieter waren mit einer Neu­be­setzung ein­ver­standen. Doch mehrere Ver­suche, die autonome Szene dafür zu gewinnen, schei­terten. Am Ende mussten die Mieter die Häuser ver­lassen, bekamen aber groß­zügige Ent­schä­di­gungen.

Die Erfah­rungen von »Karla Pappel« wären auf der Fried­richs­hainer »Langen Woche« auch deshalb inter­essant gewesen, weil in beiden Gruppen Men­schen mit liber­tären Ansichten enga­giert sind. Für den Ber­liner SPD-Innen­po­li­tiker Tom Schreiber, der in Berlin mit seinem Law-and-Order-Kurs die CDU und ihren Innen­se­nator rechts über­holen will, sind sowohl die Pro­jekte der Rigaer Straße als auch »Karla Pappel« Fälle für Polizei und Justiz. »Wir werden alle rechts­staat­lichen Mittel nutzen, um extre­mis­tische Grup­pie­rungen zu zer­stören«, ver­kündete Schreiber bereits im Oktober 2011 im Anzei­gen­blatt Ber­liner Woche und rückte »Karla Pappel« in die Nähe des Links­ter­ro­rismus. Die Stadt­teil­in­itiative hatte auf die Rolle der zahl­reichen Bau­gruppen bei der ärmeren Bevöl­kerung in Treptow auf­merksam gemacht. Mitt­ler­weile gibt es auch rund um die Rigaer Straße erste Bau­gruppen und die will Schreiber künftig vor Umsonst-Floh­märkten schützen. Im Tages­spiegel for­derte er eine Son­der­er­mitt­lungs­gruppe Rigaer Straße und wies ihr gleich zwei Auf­gaben zu: Der »Repres­si­ons­druck muss erhöht werden«. Dabei müsse man sich besonders die »Sze­ne­lokale vor­nehmen«.

http://​jungle​-world​.com/​a​r​t​i​k​e​l​/​2​0​1​5​/​2​9​/​5​2​3​1​3​.html

Peter Nowak

Wohnen muss bezahlbar sein

aus Sprachrohr 4/2014

https://​dju​-ber​linbb​.verdi​.de/​a​k​t​u​e​l​l​/​p​u​b​l​i​k​a​t​i​o​n​e​n​/​+​+​c​o​+​+​b​e​4​0​d​7​3​a​-​1​7​f​2​-​1​1​e​3​-​a​0​e​b​-​5​2​5​4​0​0​4​38ccf

Von »Stalinbauten« bis »Stille Straße«

WOHNRAUM Mit einer Akti­ons­woche wollen ver­schiedene Mie­te­rIn­nen­in­itia­tiven ihre Akti­vi­täten bündeln

Wer sich über den Kampf gegen über­höhte Mieten und Ver­drängung infor­mieren will, muss sich heute ent­scheiden: Im Büro der Mie­te­rIn­nen­ge­mein­schaft in der Son­nen­allee 101 infor­mieren ab 19 Uhr rus­sische Akti­vis­tInnen über ihren Kampf um bezahl­baren Wohnraum. Zeit­gleich dis­ku­tieren im K‑Fetisch in der Wil­den­bruch­straße 86 Mit­glieder des Ber­liner Bünd­nisses gegen Zwangs­umzüge mit Flücht­lingen und Mag Wompel von der Inter­net­plattform Labournet über Wider­stand in Kri­sen­zeiten.

Die beiden Termine sind der Ber­liner Auftakt der bun­des­weiten Akti­ons­woche »Keine Rendite mit der Miete«, zu der sich Initia­tiven in 11 Städten ver­ab­redet haben. »Auf den Akti­ons­tagen soll deutlich werden, dass sich an den Mie­te­rIn­nen­pro­testen längst Men­schen in vielen Stadt­teilen und Alters­gruppen betei­ligen«, erklärte Akti­vistin Hanna Moser gegenüber der taz. Deshalb sei es wichtig, dass die Akti­vi­täten in den Orten statt­finden, aus denen Men­schen ver­trieben werden sollen.

So laden Mie­te­rInnen der »Sta­lin­bauten« in der Frank­furter Allee 15–27 am 27. Juni ab 17 Uhr zum Alleefest. Dort wird neben Lesungen, Filmen und Infor­ma­tionen über die Geschichte der Häuser auch über den aktu­ellen Wider­stand gegen Ver­drängung berichtet. Der Senio­ren­treff Stille Straße in Pankow feiert am 29. Juni den Jah­restag der mona­te­langen Besetzung mit einer Aus­stel­lungs­er­öffnung.

Dagegen kämpfen die Nutzer des Jugend­treff­punkts »Kirche von Unten« (KvU) immer noch gegen ihre Räumung. Der schon in der DDR-Oppo­sition aktive Treff lädt am 22. Juni ab 20 Uhr in die Krem­mener Straße 9–11 unter dem Motto »Keiner macht uns den Hof« zu einem Soli­konzert mit Über­ra­schungs­gästen. Bei der Abschlussdemo, die am 29. Juni um 16 Uhr an der Mie­te­rIn­nen­hütte am Kott­busser Tor beginnt, sollen sich die unter­schied­lichen Szenen dann treffen. Sie ist ein Warm-up für eine bun­des­weite Mie­tendemo, die am 28. Sep­tember in Berlin statt­finden wird.

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ba&dig=2013%2F06%2F20%2Fa0129&cHash=b62aa3dd70171d72e52872bcfd30bdff
Peter Nowak