In Berlin finden die Auseinandersetzungen um hohe Mieten und Vertreibung nicht nur in der Straße, sondern zunehmend auch in Galerien und auf Theaterbühnen statt

Kunst und Mieterkampf

Man konnte bei den im Rahmen des Berlin-Bleibt-Fes­tivals orga­ni­sierten soge­nannten Lec­tures zum Thema Miet­sachen von Hans-Werner Krö­singer und Regine Dura lernen, dass es einen ganz kon­kreten Zusam­menhang zwi­schen dem Ein­heitstag und den hohen Mieten gibt. Die Politik hat die fik­tiven Schulden der Kom­mu­nalen Woh­nungs­bau­ge­sell­schaften in Ost­berlin in reale Schulden umge­wandelt und damit den Druck Richtung Pri­va­ti­sierung wesentlich beschleunigt.

Ist das Kunst oder Mie­ter­protest?, fragt man sich, wenn man den Pro­jektraum Urbaner Aktion betrifft. Er wird im Rahmen des Berlin-Bleibt-Fes­tivals des Ber­liner Theaters Hebbel am Ufer zwi­schen­ge­nutzt. Schon von außen sieht man die Plakate der Ber­liner Mie­ter­be­wegung, und auch im Raum finden sich Filme und Kunst­in­stal­la­tionen, die nicht nur die Ver­treibung von ein­kom­mens­schwachen Mietern the­ma­ti­sieren, sondern auch Partei ergreifen. Viele der Künst­le­rinnen und Künstler.…

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Globales Filmfestival aktivierte

Ort politischer Diskussion und Vernetzung wird gebraucht

Wider­stand gegen soziale und poli­tische Unter­drü­ckung, aber auch Hand­lungs­mo­delle für eine soli­da­rische Welt waren der rote Fadender 47 Filme aus 27 Ländern, die das­Globale Film­fes­tival vom 28. bis 31.Januar im Ber­liner Kino Movie­mento prä­sen­tierte. Das Fes­tival wurde 2004 von poli­tisch enga­gierten Cine­asten gegründet. Damals mobi­li­sierte dieglo­ba­li­sie­rungs­kri­tische Bewegung
viele Men­schen gegen die Aus­wir­kungen des Kapi­ta­lismus. Auch wennvon so spek­ta­ku­lären Widerstands­formen heute wenig zu hören ist,gibt es viel­fältige Pro­teste, die sichauf der »Globale« nicht nur in Filmen, sondern auch in Dis­kus­sionen und einem Workshop zeigten. So the­ma­ti­sierte der Film »Miete essen See­leauf« den Mie­ter­wi­der­stand rund umdas Kott­buser Tor in Berlin­Kreuzberg. Die auf­ge­baute Pro­test­hütte – nach­tür­ki­schem Vorbild Gece­condo ge­nannt – wurde zur Anlauf­stelle fü rMietre­bellen aus ganz Berlin. Den Film drehte Regis­seurin und Kotti­-Anwoh­nerin Angelika Levi. Nach der Vor­führung berichtete Hans Georg Lin­denau über die dro­hende Zwangs­räumung seines Kreuz­berger Ladens. Im Film »Rebel­li­sches Schlesien« wurde die bewegte Geschichte der sozialen Kämpfe in der pol­ni­schen­Provinz vor­ge­stellt. Er soll nach sei­ner Polen­Tournee am 12.4. um Ber­liner um 19 Uhr Kino Licht­blick anlaufen.Um einen aktu­ellen Arbeits­kampfging es im Workshop, den Bär­bel­Schöna­finger von der Onlineplatt­form Labournet​.TV (de​.labournet​.tv/​)​v​o​r​b​e​r​e​itete. Beschäf­tigte von pol­ni­schen und deut­schen Ama­zon­stand­orten sowie Streik­Aktivisten berich­teten über die Per­spek­tiven des lang­wie­rigen Arbeits­kampfes. Betriebs­ratsmitglied Carsten Elmer aus Brie­selang gab Aus­kunft zu schwie­ri­gen­Or­ga­ni­sa­ti­ons­ver­suchen in dem Werk.Erfolgreicher sind Kol­legen in Poznan.Schon kurz nach Werks­er­öff­nungwar dort eine Gruppe von Gewerk­schaftern ent­standen, die bereits zweimal Soli­da­ri­täts­ak­tionen orga­nisierten, als an Amazon­-Stand­orten in Deutschland gestreikt wurde.Gleich sieben Ver­treter waren aus­Polen gekommen, um mit den deut­schen Amazon­-Kol­legen über die bessere Koor­di­nation der Kämpfe zu berat­schlagen. So hat sich das dies­jährige Globale­Filmfestival einmal mehr als Ort poli­ti­scher Dis­kussion und Ver­netzung erwiesen, den wir weterhin brauchen.

aus Sprachrohr: 1/2016

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PETER NOWAK

Mieter und Künstler stellen die Wohnungsfrage

Mit der Aus­stellung im Haus der Kul­turen der Welt wird deutlich, dass der kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­zwang das größte Hin­dernis für alter­native Wohn­mo­delle dar­stellt

Der tür­kische Tee­kocher mit dem Auf­kleber der Kreuz­berger Stadt­teil­in­itiative Kotti & Co. gehört zum Inventar des Protest-Gece­condo[1], das die Mieter im Mai 2012 am Kott­buser Tor errichtet haben. Nun findet sich der Tee­kocher auch im Haus der Kul­turen der Welt[2]. Dort wurde im Rahmen der Aus­stellung »Woh­nungs­frage«[3], die am 22.Oktober eröffnet wurde, die Pro­test­hütte nach­gebaut.

»Das HKW hat uns die Mög­lichkeit gegeben, mit dem Archi­tekten Teddy Cruz und der Wis­sen­schaft­lerin Fonna Forman[4] aus San Diego eine Antwort auf die Frage des Wohnens zu suchen. Sehr schnell waren wir uns einig, dass die Frage des Wohnens niemals nur eine räum­liche /​architektonische ist, sondern immer auch eine poli­tische und eine öko­no­mische Frage«, erklärt Sandy Kal­tenborn von Kotti & Co gegenüber Tele­polis.

Im Rahmen der Aus­stellung wird die tem­poräre Hütte nicht nur im HKW zu sehen sein. Vom 6. bis 8. November wird sie neben der Pro­test­hütte am Kott­buser Tor auf­gebaut. Dort wird auch die 50minütige Film­in­stal­lation »Miete essen Seele auf«[5] von Angelika Levi[6] zu sehen sein, in der die Geschichte des sozialen Woh­nungsbaus in Kreuzberg ver­ar­beitet wird.

Auch die Senioren der Stillen Straße[7], die 2012 mit der Besetzung[8] ihres von Schließung bedrohten Treff­punkts in Pankow für Auf­merk­samkeit sorgten, sind Koope­ra­ti­ons­partner der Aus­stellung. Gemeinsam mit ihnen ent­wi­ckelte das Lon­doner Archi­tek­turbüro Assemble die Instal­lation Teil­wohnung[9]. So ist ein Wohn­komplex ent­standen, der im Erd­ge­schoss kol­lektiv genutzte Gemein­schafts­räume und Werk­stätten beher­bergt. Die anderen Etagen sind den pri­vaten Räumen der Bewohner vor­be­halten.

»Der Entwurf ermög­licht ein gemein­sames und zugleich selbst­be­stimmtes Wohnen von Men­schen jeden Alters und stellt damit einen Gegen­entwurf zu den iso­lierten Wohn­an­lagen dar », betont einer der Archi­tekten.

Mie­ten­kämpfe, wenn der kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­zwang weg­fällt

In der Eröff­nungs­an­sprache benannte der Intendant des HKW Bernd Scherer die Fak­toren, die die Ver­breitung solcher men­schen­freund­lichen Alter­na­tiven behindern. »Woh­nungen werden nicht nur gebaut, um darin zu wohnen, sondern um Geld anzu­legen und mit den wach­senden Preisen und Mieten zu spe­ku­lieren«, benannte er eine Situation, die heute Mieter mit geringen Ein­kommen leidvoll erfahren.

In der Aus­stellung wird an Bei­spielen aus ver­schie­denen Teilen der Welt gezeigt, wie Woh­nungen für die All­ge­meinheit errichtet werden können, wenn der kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­zwang zurück­ge­drängt ist. So zeigt der Doku­men­tarfilm »Häuser für die Massen« wie in Por­tugal nach der Nel­ken­re­vo­lution 1974 die Mieter- und Stadt­teil­be­wegung SAAL[10] Teil eines all­ge­meinen gesell­schaft­lichen Auf­bruchs wurde. Hier wird deutlich, mit welcher Begeis­terung, Men­schen, die jahr­zehn­telang mar­gi­na­li­siert worden waren, die indi­vi­duelle und gesell­schaft­liche Befreiung in die eigenen Hände nahmen.

Das Künst­lertrio Lisa Schmidt-Colinet, Florian Zeyfang und Alex­ander Schmoeger doku­men­tiert die Geschichte des Woh­nungsbaus in Kuba seit der Revo­lution. Im Zentrum stehen die aus Arbeitern bestehenden Micro­bri­gaden[11], die mit Material von der Regierung ihre eigenen Woh­nungen und daneben auch kom­munale Gebäude wie Schulen und Kran­ken­häuser errichten. In dem Film werden auch aber die Pro­bleme benannt, die durch den Mangel an Roh­stoffen nach dem Ende des nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Lagers, aber auch die diri­gis­tische Politik der kuba­ni­schen Regierung ent­standen sind.

Die Men­schen wollen an der Basis ent­scheiden und nicht bevor­mundet werden, sagt in dem Film ein kuba­ni­scher Architekt. Sie wollen sich auch nicht von scheinbar objek­tiven Markt­ge­setzen unter­werfen. Das ist eine Erkenntnis, die sich aus der hoch­in­ter­es­santen Aus­stellung gewinnen lässt. Es ist bemer­kenswert, dass schon im Aus­stel­lungs­titel, aber auch in den Texten der Zusam­menhang zwi­schen den Pro­blemen um die Mieten und dem Kapi­ta­lismus her­ge­stellt wird. Friedrich Engels Schrift »Zur Woh­nungs­frage«[12] klingt im Titel an.

Der Intendant des HKW spricht die Grenzen an, die eine Woh­nungs­po­litik für viele Men­schen im Kapi­ta­lismus hat. Dieser Aspekt ist deshalb besonders zu wür­digen, weil auch viele Men­schen, die sich positiv auf die aktuelle Mie­ter­be­wegung beziehen, den Zusam­menhang zum Kapi­ta­lismus nicht her­stellen.

Das wurde am Abend der Aus­stel­lungs­er­öffnung[13] bei der Vor­stellung des Buches »Der Kotti« von Jörg Albrecht[14] im »post­post­mo­dernen Büro für Kom­mu­ni­kation West­Germany«[15] deutlich. Bei dem Autor, der in der Ver­gan­genheit eben­falls mit der Mie­ter­initiative Kotti & Co koope­rierte, kam das Wort Kapi­ta­lismus nicht vor.

Mietre­bellen for­schen über ihre Geschichte

Kürzlich ist in Berlin die Aus­stellung »Kämp­fende Hütten«[16] zu Ende gegangen. Dort haben sich ehe­malige Haus­be­setzer, heutige Mietre­bellen und Wis­sen­schaftler mit der über 150jährigen Geschichte der Ber­liner Mie­ter­be­wegung befasst. An die Blu­men­stra­ßen­kra­walle[17] gegen eine Zwangs­räumung 1872 wurde ebenso erinnert, wie an die von dem His­to­riker Simon Len­gemann erforschten Mie­terräte[18] , die unter dem Motto »Erst das Essen, dann die Miete«[19] in der End­phase der Wei­marer Republik die Miet­zah­lungen kürzten, um über­haupt über­leben zu können.

Bei der Aus­stellung wurde aber auch deutlich, dass selbst über die jüngere Geschichte der Mie­ter­be­wegung heute wenig bekannt ist. So infor­mieren Doku­mente über die Ende der 60er bis Anfang der 70er Jahren aktive Mie­ter­be­wegung im West­ber­liner Mär­ki­schen Viertel[20] und über den ebenso ver­ges­senen Anteil, den Migran­tinnen und Migranten an der West­ber­liner Haus­be­set­zer­be­wegung der 80er Jahre hatten. Es ist auf jeden Fall ein Zeichen des Selbst­be­wusst­seins der aktu­ellen Mie­ter­be­wegung, wenn sie mit Künstlern koope­riert und sich ihrer Geschichte ver­ge­wissert.

Peter Nowak

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​a​r​t​i​k​e​l​/​4​6​/​4​6​3​6​0​/​1​.html

Anhang

Links

[1]

http://​kot​ti​undco​.net/​2​0​1​5​/​1​0​/​2​1​/​d​i​e​-​w​o​h​n​u​n​g​s​f​r​a​g​e​-​s​t​e​llen/

[2]

http://​www​.hkw​.de

[3]

http://​www​.hkw​.de/​d​e​/​p​r​o​g​r​a​m​m​/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​2​0​1​5​/​w​o​h​n​u​n​g​s​f​r​a​g​e​/​a​u​s​s​t​e​l​l​u​n​g​_​w​o​h​n​u​n​g​s​f​r​a​g​e​/​w​o​h​n​u​n​g​s​f​r​a​g​e​_​a​u​s​s​t​e​l​l​u​n​g.php

[4]

http://​www​.uctv​.tv/​s​h​o​w​s​/​T​h​e​-​U​r​b​a​n​i​z​a​t​i​o​n​-​o​f​-​H​a​p​p​i​n​e​s​s​-​a​n​d​-​t​h​e​-​D​e​c​l​i​n​e​-​o​f​-​C​i​v​i​c​-​I​m​a​g​i​n​a​t​i​o​n​-​w​i​t​h​-​F​o​n​n​a​-​F​o​r​m​a​n​-​a​n​d​-​T​e​d​d​y​-​C​r​u​z​-​T​h​e​-​G​o​o​d​-​L​i​f​e​-​25953

[5]

http://​www​.weltfilm​.com/​d​e​/​f​i​l​m​e​/​i​n​-​p​r​o​d​u​k​t​i​o​n​/​m​i​e​t​e​-​e​s​s​e​n​-​s​e​e​l​e-auf

[6]

http://​de​-de​.facebook​.com/​a​n​g​e​l​i​k​a​.levi

[7]

http://​stil​le​strasse​.de/

[8]

http://​stil​le​stras​se10bleibt​.blog​sport​.eu/

[9]

http://​assemble​.io/​d​o​c​s​/​I​n​s​t​a​l​l​a​t​i​o​n​.html

[10]

http://​www​.uncu​be​ma​gazine​.com/​s​i​x​c​m​s​/​d​e​t​a​i​l​.​p​h​p​?​i​d​=​1​4​8​1​9​8​0​3​&​a​r​t​i​c​l​e​i​d​=​a​r​t​-​1​4​1​5​7​0​5​4​2​9​6​2​2​-​e​8​1​2​1​1​7​7​-​d​0​d​5​-​4​a​9​7​-​8​3​1​e​-​4​1​0​9​1​b​1​4​8​0​9​3​#​!​/​p​age24

[11]

http://​www​.florian​-zeyfang​.de/​m​i​c​r​o​b​r​i​g​a​d​e​s​-​v​a​r​i​a​t​i​o​n​s​/​m​ovie/

[12]

http://​gutenberg​.spiegel​.de/​b​u​c​h​/​z​u​r​-​w​o​h​n​u​n​g​s​f​r​a​g​e​-​5​094/1

[13]

http://​www​.ber​li​nonline​.de/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​k​r​e​u​z​b​e​r​g​/​b​u​c​h​v​o​r​s​t​e​l​l​u​n​g​-​d​a​s​-​k​o​t​t​i​-​i​s​t​-​t​o​t​-​e​s​-​l​e​b​e​-​v​i​e​l​l​e​i​c​h​t​-​b​a​l​d​-​n​i​c​h​t​s​-​m​e​h​r​-​69994

[14]

http://​www​.foto​fix​au​tomat​.de/

[15]

http://​www​.west​germany​.eu/

[16]

http://​kaemp​fen​de​hu​etten​.blog​sport​.eu/

[17]

http://​www​.bmgev​.de/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​/​a​r​c​h​i​v​/​2​0​1​4​/​m​e​-​s​i​n​g​l​e​/​a​r​t​i​c​l​e​/​b​l​u​m​e​n​s​t​r​a​s​s​e​n​k​r​a​w​a​l​l​e​-​a​n​n​o​-​1​8​7​2​.html

[18]

http://​haen​de​weg​vom​wedding​.blog​sport​.eu/​?​p=828

[19]

http://​www​.ber​lin​street​.de/​a​c​k​e​r​s​t​r​a​s​s​e​/​a​c​ker33

[20]

http://​www​.trend​.info​par​tisan​.net/​t​r​d​0​4​1​3​/​t​0​2​0​4​1​3​.html

Friede den Protesthütten, Krieg der Immobilienwirtschaft

Haus der Kulturen der Welt widmet sich mit Ausstellung und Langzeitprojekt der Frage, wie Menschen in Großstädten künftig wohnen werden

Woh­nungen als Spe­ku­la­ti­ons­masse? Archi­tekten und Akti­visten wollen kri­tisch beleuchten, dass das Men­schen­recht auf Wohnen zunehmend der Immo­bi­li­en­wirt­schaft über­lassen wird.

Der Tee­kocher mit dem Auf­kleber der Kreuz­berger Stadt­teil­in­itiative Kotti & Co. gehört zum Inventar des Protest-Gece­kondu, das Mieter im Mai 2012 am Kott­buser Tor errichtet haben. Nun findet sich der Tee­kocher im Haus der Kul­turen der Welt (HKW).

Dort wurde im Rahmen der Aus­stellung »Woh­nungs­frage«, die am Don­nerstag eröffnet wurde, die Pro­test­hütte nach­gebaut. »Das HKW hat uns die Mög­lichkeit gegeben, mit dem Archi­tekten Teddy Cruz und der Wis­sen­schaft­lerin Fonna Forman aus San Diego eine Antwort auf die Frage des Wohnens zu suchen. Sehr schnell waren wir uns einig, dass die Frage des Wohnens niemals nur eine räum­liche oder archi­tek­to­nische ist, sondern immer auch eine poli­tische und eine öko­no­mische Frage«, sagt Sandy Kal­tenborn von Kotti & Co dem »nd«.

Im Rahmen der Aus­stellung wird die tem­porare Hütte nicht nur im HKW zu sehen sein. Vom 6. bis 8. November wird sie neben der Pro­test­hütte am Kott­buser Tor auf­gebaut. Dort wird auch die Film­in­stal­lation »Miete essen Seele auf« von Angelika Levi zu sehen, in der die Geschichte des sozialen Woh­nungsbaus in Kreuzberg ver­ar­beitet wird.

Mit der Aus­stellung expe­ri­men­teller Woh­nungs­formate und künst­le­ri­scher Arbeiten, einer Publi­ka­ti­ons­reihe und einer inter­na­tio­nalen Aka­demie will das HKW einen »Diskurs über sozialen, bezahl­baren und selbst­be­stimmten Woh­nungsbau anregen«. Den »Andrang der Bevöl­kerung nach den großen Städten«, die »kolossale Stei­gerung der Miets­preise«, die Ver­drängung der »Arbeiter vom Mit­tel­punkt der Städte an den Umkreis«: Die Aus­stellung will sich kri­tisch damit aus­ein­an­der­setzen, dass das Men­schen­recht auf Wohnen zunehmend der Immo­bi­li­en­wirt­schaft über­lassen wird. Das Gestalten von Woh­nungen, Nach­bar­schaften und Städten solle wieder als sozio­kul­tu­relle Praxis ver­standen werden.

Zu diesem Zweck werden (Film)Installationen, Bild­essays oder Archi­tek­tur­mo­delle gezeigt. Die ent­wi­ckelten Wohn­kon­zepte werden in der Aus­stellung 1:1 umge­setzt.

In der Aus­stellung wird außerdem an Bei­spielen aus ver­schie­denen Teilen der Welt gezeigt, wie Woh­nungen für die All­ge­meinheit errichtet werden können, wenn der kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­zwang zurück­ge­drängt ist. So zeigt der Doku­men­tarfilm »Häuser für die Massen«, wie in Por­tugal nach der Nel­ken­re­vo­lution 1974 die Mieter- und Stadt­teil­be­wegung Teil eines all­ge­meinen gesell­schaft­lichen Auf­bruchs wurde.

Auch die Senioren der Stillen Straße, die 2012 mit der Besetzung ihres von Schließung bedrohten Treff­punkts in Pankow für Auf­merk­samkeit sorgten, sind Koope­ra­ti­ons­partner der Aus­stellung. Gemeinsam mit ihnen ent­wi­ckelte das Lon­doner Archi­tek­turbüro »Assemble« die Instal­lation Teil­wohnung. So ist ein Wohn­komplex ent­standen, der im Erd­ge­schoss kol­lektiv genutzte Gemein­schafts­räume und Werk­stätten beher­bergt. Die anderen Etagen sind den pri­vaten Räumen der Bewohner vor­be­halten. »Der Entwurf ermög­licht ein gemein­sames und zugleich selbst­be­stimmtes Wohnen von Men­schen jeden Alters und stellt damit einen Gegen­entwurf zu iso­lierten Wohn­an­lagen dar«, betont einer der Archi­tekten.

In der ein­wö­chigen Aka­demie will das Haus außerdem Wis­sen­schaft­le­rInnen, Prak­ti­ke­rInnen, Künst­le­rInnen und andere Exper­tInnen aus unter­schied­lichen Bereichen und Dis­zi­plinen zusammen bringen. Das Künst­lertrio Lisa Schmidt-Colinet, Florian Zeyfang und Alex­ander Schmoeger bei­spiels­weise doku­men­tiert die Geschichte des Woh­nungsbaus in Kuba seit der Revo­lution. Im Zentrum stehen die aus Arbeitern bestehenden Micro­bri­gaden, die mit von der Regierung mit Material ihre eigenen Woh­nungen und daneben auch kom­munale Gebäude wie Schulen und Kran­ken­häuser errichten.

Ins­gesamt stehen 18 Vor­träge auf dem Pro­gramm. Andrej Holm spricht über »Staats­ver­sagen und Marktek­stase« auch das Auf und Ab der Ber­liner Miets­ka­sernen wird beleuchtet.

In der Eröff­nungs­an­sprache benannte der Intendant des HKW, Bernd Scherer, die Fak­toren, die die Ver­breitung solcher men­schen­freund­lichen Alter­na­tiven behindern. »Woh­nungen werden nicht nur gebaut, um darin zu wohnen, sondern um Geld anzu­legen und mit den wach­senden Preisen und Mieten zu spe­ku­lieren«, benannte er eine Situation, die nicht nur in Berlin Mieter mit geringen Ein­kommen leidvoll erfahren.

Bis 14. Dezember. Die Aka­demie findet bis zum 28. Oktober statt. Haus der Kul­turen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin. Pro­gramm und weitere Infos unter: www​.hkw​.de

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Peter Nowak