Der US-Geheimdienst und die Kunst

»Para­po­litik«: Die CIA, kul­tu­relle Freiheit und der Kalte Krieg

Ver­schwö­rungs­theo­re­tiker sind ja schon lange der Meinung, dass Geheim­dienste aller Art die Welt in ihrem Innersten lenken. Sie sehen hinter allen poli­ti­schen und gesell­schaft­lichen Phä­nomen die Hand­schrift eines Geheim­dienstes. Anti­kom­mu­nisten nicht nur in den USA haben im Kalten Krieg die rote Gefahr so per­manent her­auf­be­schworen, dass sogar einige Minister in der Mc-Carthy-Ära daran glaubten.

Doch auch die auto­ri­tären Kom­mu­nisten, vor allem die Sta­li­nisten, sahen sich oft von Ver­schwö­rungen umgeben. Wenn der von oben ver­ordnete Plan nicht funk­tio­nierte, wenn es Miss­ernten gab, und die Bevöl­kerung unzu­frieden wurde, dann war meistens eine inter­na­tionale Ver­schwörung daran schuld. Die CIA stand da an erster Stelle.

Nun widmet sich die noch bis 8. Januar im Ber­liner Haus der Kul­turen der Welt gas­tie­rende Aus­stellung Para­po­litik: Kul­tu­relle Freiheit und Kalter Krieg der im Kalten Krieg von der CIA gespon­serten Kultur. Doch Ver­schwö­rungs­theo­re­tiker kommen nicht auf ihre Kosten. Denn es han­delte sich durchaus nicht um Auf­trags­kunst.

In der etwas ver­schro­benen Sprache der Aus­stel­lungs­ka­taloge heißt es:

Das Ver­hältnis von ideo­lo­gi­scher Inan­spruch­nahme und künst­le­ri­schem »Auto­no­mie­ver­halten« ist zen­trales Thema der Aus­stellung. Die gezeigten Arbeiten und Archiv­ma­te­rialien setzen sich mit den ideo­lo­gi­schen Wider­sprüchen und dem Widerhall der US-»Freiheitsoffensive« der Nach­kriegs­jahre aus­ein­ander. Zeit­ge­nös­sische Bei­träge the­ma­ti­sieren das Erbe des Kalten Krieges und erkunden die Beziehung zwi­schen poli­ti­schem Enga­gement und kri­ti­scher Distanz.

Para­po­litik: Kul­tu­relle Freiheit und Kalter Krieg

Wenn man diese Wort­klin­gelei weg­lässt, findet man eine Aus­stellung mit zahl­reichen künst­le­ri­schen Objekten in Ost und West, die sich längst nicht nur um die CIA-gespon­serte Kultur drehen. Natürlich wurde auch die Kunst­de­batte im nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Lager mit ein­be­zogen.

Streit um ein Stalin-Porträt von Picasso

So wird in einen Video von Lena Berg der Disput nach­ge­zeichnet, den Picasso mit seinem Stalin-Porträt in einer fran­zö­si­schen kom­mu­nis­ti­schen Kul­tur­zeitung aus­löste. Picasso, der damals schon lange Mit­glied der Kom­mu­nis­ti­schen Partei war, wollte damit eigentlich den sowje­ti­schen Regenten wür­digen.

Doch es empörten sich nicht nur Rechte, sondern auch par­tei­treue Kom­mu­nisten in Frank­reich und der Sowjet­union. Für sie hatte Picasso Stalin nicht heroisch genug gestaltet. Er war nicht hart genug, hatte sogar etwas Femi­nines, ein Sakrileg für auto­ritäre Sozia­listen. Immerhin scheint man auch dort lern­fähig.

Die Kleinst­partei MLPD, die sich zumindest in Teilen noch immer auf Stalin bezieht, hat Picassos Porträt aus­drücklich gegen die »Bie­der­männer« von rechts und links ver­teidigt. Nun würde eine Aus­stellung dann nicht besonders auf­fallen, wenn sie noch einmal die zwei­fellos vor­handene Feind­se­ligkeit gegen moderne Kunst im Sta­li­nismus die oft noch mit anti­jü­di­schen Res­sen­ti­ments ver­knüpft war, auf­spießt.

Der Fall Rosenberg: Poli­tische Ver­folgung im Westen

Doch Para­po­litik zeigt, dass es auch im soge­nannten Westen anti­se­mi­tisch grun­dierte Kam­pagnen gegen Linke gab. So sind in der Aus­stellung Arbeiten der US-Künst­lerin Martha Rössler zum Fall Rosenberg zu sehen. Das der Atom­spionage ver­däch­tigte Ehepaar wurde schließlich hin­ge­richtet.

Vorher gab es in den USA eine heftige Kam­pagne gegen die jüdi­schen Kom­mu­nisten. Der Fall Rosenberg geschah mitten im Kalten Krieg und wurde in der linken und libe­ralen Kunst­szene als abso­luter Tabu­bruch wahr­ge­nommen.

Es war ein Stück Faschismus in der bür­ger­lichen Demo­kratie und bis auf eine absolute Min­derheit gab es kaum jemand, der die Rosen­bergs ver­tei­digte. Leider gibt es in Deutschland im Jahr 2017 noch immer Kom­men­ta­toren, die im Geist des Kalten Kriegs eifern. Dazu gehört Marko Martin, der nichts auf seinen so idea­li­sierten »Freien Westen« kommen lassen.

In der Jüdi­schen All­ge­meinen Zeitung beschul­digte er die Aus­stellung, »anti­west­liche Mythen« zu ver­breiten. Dabei greift Martin selber in die Pro­pa­gan­da­kiste des Kalten Krieges:

Nichts erfährt man also von den jüdi­schen Bio­grafien der dama­ligen Intel­lek­tu­ellen, deren Anti­to­ta­li­ta­rismus im Aus­stel­lungstext lediglich in Anfüh­rungs­zeichen vor­kommt, während Laskys öffent­licher Protest gegen Schrift­stel­ler­ver­fol­gungen in der UdSSR als »infam« denun­ziert wird und die uralte sta­li­nis­tische Geschichtslüge wie­der­auflebt, nach der anti­to­ta­li­täres Denken auf einer »Gleich­setzung« von Nazismus und Kom­mu­nismus beruhe.

Marko Martin

Natürlich beruhte der Anti­to­ta­li­ta­rismus auf der Gleich­setzung von NS und Sta­li­nismus. Manche sahen aller­dings sogar die Sowjet­union als die größere Gefahr. Vor allem natürlich die vielen ehe­ma­ligen wil­ligen Voll­strecker der NS-Politik in Deutschland und Europa.

Martin hat Recht, wenn er fest­stellt, dass es unter­schied­liche Gründe gab, warum Men­schen anti­to­ta­litäre Ideo­logien ver­treten haben. Es gab nicht nur die NS-Mit­läufer, die nun hofften, unter dem Banner des freien Westens ihrem alten Ziel, der Zer­schlagung der Sowjet­union, näher­zu­kommen.

Es gab auch gewan­delte Ex-Sta­li­nisten, die nun als Rene­gaten den gleichen Eifer, mit der sie vorher alle linken Abwei­chungen bekämpft haben, gegen ihre ehe­ma­ligen Gesin­nungs­ge­nossen wandten. Linke Dis­si­denten, die schon immer in Wider­spruch zum auto­ri­tären Sozia­listen standen, waren wieder die Ver­folgten. Sie wurden von den nun rechten Anti­to­ta­li­tären erneut bekämpft, die ihnen bereits als Sta­li­nisten das Leben schwer gemacht hatten.

Es ist natürlich nicht ver­wun­derlich, dass Martin in seinem Artikel nicht die auf die Rosen­bergs eingeht. Jüdische Opfer des Kalten Krieges darf es nur im Ost­block, nicht aber im Westen gegeben haben

Kunst vor der Zer­störung der Ver­nunft

Die Aus­stellung kann ein wirk­sames Antidot gegen ein solches Schwarz-Weiß-Denken sein, wenn man sich wirklich auf sie ein­lässt und sich Zeit nimmt. Da ent­deckt man wahre künst­le­rische Rari­täten, so die Instal­lation Come out von Steve Reich, eine Homepage an die schwarze Bür­ger­rechts­be­wegung der 1960er.

Das waren noch Zeiten, als sich enga­gierte Künstler mit weißer Haut­farbe mit einer solchen Arbeit nicht den Vorwurf ein­fingen, sie würden über ein Thema arbeiten, dass sie nichts angeht. Solche Vor­würfe müssen sich heute enga­gierte Künst­le­rinnen und Künstler, seien es Film­re­gis­seure, Maler oder Foto­grafen anhören, wenn sie die falsche Haut­farbe haben. Das ist auch ein Aus­druck von Regression und Zer­störung der Ver­nunft.

So hält die Aus­stellung auch die Idee fest von einer Gesell­schaft, die als ganzes von Unge­rech­tigkeit, von Unter­drü­ckung und Aus­beutung betroffen ist. Heute hin­gegen leben wir in einer Welt, wo es nur noch Opfer, aber keine Gesell­schaft mehr zu geben hat. Wenn aber die Idee von einer Gesell­schaft, in der niemand mehr Opfer sein soll, nicht mehr denkbar ist, bleibt nur noch, den eigenen Opfer­status auch mit Zähnen und Klauen gegen Kon­tra­henten zu ver­tei­digen.

Das kann auch eine Künst­lerin oder ein Künstler sein, die das Unrecht zeigen, um die Gesell­schaft damit zu kon­fron­tieren. Noch in den oft künst­le­risch sehr anspruchs­losen Bildern, die im Ost­ber­liner Palast der Republik hingen, ist die Idee einer anderen Welt als uto­pi­scher Über­schuss zu erkennen.

Das macht die Bilder, die zurzeit in dem Pots­damer Pri­vat­museum Bar­barini wieder gezeigt werden, trotz allem sehenswert. Anders sieht es der Rezensent Claus Löser, der in einem Taz-Kom­men­tator die Bilder mit ihren durchaus kri­tik­wür­digen, aber auch anrüh­renden Utopien als Gut-Böse-Schau­tafeln abqua­li­fi­ziert. Das zeigt auch wieder, dass der Kalte Krieg bis heute nicht beendet ist.

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Peter Nowak

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[4] https://​www​.mlpd​.de/​2​0​1​2​/​k​w​2​1​/​p​a​r​t​e​i​l​i​c​h​e​r​-​k​u​e​n​s​t​l​e​r​-​e​r​z​u​e​r​n​t​-​b​i​e​d​e​r​m​a​e​n​n​e​r​-​a​l​l​e​r​-​c​o​u​l​e​u​r​-​p​i​c​a​s​s​o​s​-​s​t​a​l​i​n​p​o​r​traet
[5] http://​voice​m​a​le​ma​gazine​.org/​m​y​-​g​r​a​n​d​m​o​t​h​e​r​-​w​a​s​-​v​i​l​i​f​i​e​d​-​f​o​r​-​b​e​i​n​g​-​a​-​woman
[6] http://​www​.rfc​.org/​b​l​o​g​/​a​r​t​i​c​l​e​/1938
[7] https://prezi.com/xcfnr–whutk/sylvia-plath-the-rosenbergs-and-the-historical-context-of-the-bell-jar/
[8] http://​www​.lite​ra​turport​.de/​M​a​r​k​o​.​M​a​rtin/
[9] http://​www​.jue​dische​-all​ge​meine​.de/​a​r​t​i​c​l​e​/​v​i​e​w​/​i​d​/​30283
[10] https://​pitchfork​.com/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​a​r​t​i​c​l​e​/​9​8​8​6​-​b​l​o​o​d​-​a​n​d​-​e​c​h​o​e​s​-​t​h​e​-​s​t​o​r​y​-​o​f​-​c​o​m​e​-​o​u​t​-​s​t​e​v​e​-​r​e​i​c​h​s​-​c​i​v​i​l​-​r​i​g​h​t​s​-​e​r​a​-​m​a​s​t​e​r​p​iece/
[11] http://​www​.film​starts​.de/​k​r​i​t​i​k​e​n​/​2​4​4​7​7​4​.html
[12] https://​www​.museum​-bar​berini​.com/​h​i​n​t​e​r​-​d​e​r​-​m​aske/
[13] http://​ex​-oriente​-lux​.net/​c​l​a​u​s​_​l​o​e​s​e​r.htm

Mieter und Künstler stellen die Wohnungsfrage

Mit der Aus­stellung im Haus der Kul­turen der Welt wird deutlich, dass der kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­zwang das größte Hin­dernis für alter­native Wohn­mo­delle dar­stellt

Der tür­kische Tee­kocher mit dem Auf­kleber der Kreuz­berger Stadt­teil­in­itiative Kotti & Co. gehört zum Inventar des Protest-Gece­condo[1], das die Mieter im Mai 2012 am Kott­buser Tor errichtet haben. Nun findet sich der Tee­kocher auch im Haus der Kul­turen der Welt[2]. Dort wurde im Rahmen der Aus­stellung »Woh­nungs­frage«[3], die am 22.Oktober eröffnet wurde, die Pro­test­hütte nach­gebaut.

»Das HKW hat uns die Mög­lichkeit gegeben, mit dem Archi­tekten Teddy Cruz und der Wis­sen­schaft­lerin Fonna Forman[4] aus San Diego eine Antwort auf die Frage des Wohnens zu suchen. Sehr schnell waren wir uns einig, dass die Frage des Wohnens niemals nur eine räum­liche /​architektonische ist, sondern immer auch eine poli­tische und eine öko­no­mische Frage«, erklärt Sandy Kal­tenborn von Kotti & Co gegenüber Tele­polis.

Im Rahmen der Aus­stellung wird die tem­poräre Hütte nicht nur im HKW zu sehen sein. Vom 6. bis 8. November wird sie neben der Pro­test­hütte am Kott­buser Tor auf­gebaut. Dort wird auch die 50minütige Film­in­stal­lation »Miete essen Seele auf«[5] von Angelika Levi[6] zu sehen sein, in der die Geschichte des sozialen Woh­nungsbaus in Kreuzberg ver­ar­beitet wird.

Auch die Senioren der Stillen Straße[7], die 2012 mit der Besetzung[8] ihres von Schließung bedrohten Treff­punkts in Pankow für Auf­merk­samkeit sorgten, sind Koope­ra­ti­ons­partner der Aus­stellung. Gemeinsam mit ihnen ent­wi­ckelte das Lon­doner Archi­tek­turbüro Assemble die Instal­lation Teil­wohnung[9]. So ist ein Wohn­komplex ent­standen, der im Erd­ge­schoss kol­lektiv genutzte Gemein­schafts­räume und Werk­stätten beher­bergt. Die anderen Etagen sind den pri­vaten Räumen der Bewohner vor­be­halten.

»Der Entwurf ermög­licht ein gemein­sames und zugleich selbst­be­stimmtes Wohnen von Men­schen jeden Alters und stellt damit einen Gegen­entwurf zu den iso­lierten Wohn­an­lagen dar », betont einer der Archi­tekten.

Mie­ten­kämpfe, wenn der kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­zwang weg­fällt

In der Eröff­nungs­an­sprache benannte der Intendant des HKW Bernd Scherer die Fak­toren, die die Ver­breitung solcher men­schen­freund­lichen Alter­na­tiven behindern. »Woh­nungen werden nicht nur gebaut, um darin zu wohnen, sondern um Geld anzu­legen und mit den wach­senden Preisen und Mieten zu spe­ku­lieren«, benannte er eine Situation, die heute Mieter mit geringen Ein­kommen leidvoll erfahren.

In der Aus­stellung wird an Bei­spielen aus ver­schie­denen Teilen der Welt gezeigt, wie Woh­nungen für die All­ge­meinheit errichtet werden können, wenn der kapi­ta­lis­tische Ver­wer­tungs­zwang zurück­ge­drängt ist. So zeigt der Doku­men­tarfilm »Häuser für die Massen« wie in Por­tugal nach der Nel­ken­re­vo­lution 1974 die Mieter- und Stadt­teil­be­wegung SAAL[10] Teil eines all­ge­meinen gesell­schaft­lichen Auf­bruchs wurde. Hier wird deutlich, mit welcher Begeis­terung, Men­schen, die jahr­zehn­telang mar­gi­na­li­siert worden waren, die indi­vi­duelle und gesell­schaft­liche Befreiung in die eigenen Hände nahmen.

Das Künst­lertrio Lisa Schmidt-Colinet, Florian Zeyfang und Alex­ander Schmoeger doku­men­tiert die Geschichte des Woh­nungsbaus in Kuba seit der Revo­lution. Im Zentrum stehen die aus Arbeitern bestehenden Micro­bri­gaden[11], die mit Material von der Regierung ihre eigenen Woh­nungen und daneben auch kom­munale Gebäude wie Schulen und Kran­ken­häuser errichten. In dem Film werden auch aber die Pro­bleme benannt, die durch den Mangel an Roh­stoffen nach dem Ende des nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Lagers, aber auch die diri­gis­tische Politik der kuba­ni­schen Regierung ent­standen sind.

Die Men­schen wollen an der Basis ent­scheiden und nicht bevor­mundet werden, sagt in dem Film ein kuba­ni­scher Architekt. Sie wollen sich auch nicht von scheinbar objek­tiven Markt­ge­setzen unter­werfen. Das ist eine Erkenntnis, die sich aus der hoch­in­ter­es­santen Aus­stellung gewinnen lässt. Es ist bemer­kenswert, dass schon im Aus­stel­lungs­titel, aber auch in den Texten der Zusam­menhang zwi­schen den Pro­blemen um die Mieten und dem Kapi­ta­lismus her­ge­stellt wird. Friedrich Engels Schrift »Zur Woh­nungs­frage«[12] klingt im Titel an.

Der Intendant des HKW spricht die Grenzen an, die eine Woh­nungs­po­litik für viele Men­schen im Kapi­ta­lismus hat. Dieser Aspekt ist deshalb besonders zu wür­digen, weil auch viele Men­schen, die sich positiv auf die aktuelle Mie­ter­be­wegung beziehen, den Zusam­menhang zum Kapi­ta­lismus nicht her­stellen.

Das wurde am Abend der Aus­stel­lungs­er­öffnung[13] bei der Vor­stellung des Buches »Der Kotti« von Jörg Albrecht[14] im »post­post­mo­dernen Büro für Kom­mu­ni­kation West­Germany«[15] deutlich. Bei dem Autor, der in der Ver­gan­genheit eben­falls mit der Mie­ter­initiative Kotti & Co koope­rierte, kam das Wort Kapi­ta­lismus nicht vor.

Mietre­bellen for­schen über ihre Geschichte

Kürzlich ist in Berlin die Aus­stellung »Kämp­fende Hütten«[16] zu Ende gegangen. Dort haben sich ehe­malige Haus­be­setzer, heutige Mietre­bellen und Wis­sen­schaftler mit der über 150jährigen Geschichte der Ber­liner Mie­ter­be­wegung befasst. An die Blu­men­stra­ßen­kra­walle[17] gegen eine Zwangs­räumung 1872 wurde ebenso erinnert, wie an die von dem His­to­riker Simon Len­gemann erforschten Mie­terräte[18] , die unter dem Motto »Erst das Essen, dann die Miete«[19] in der End­phase der Wei­marer Republik die Miet­zah­lungen kürzten, um über­haupt über­leben zu können.

Bei der Aus­stellung wurde aber auch deutlich, dass selbst über die jüngere Geschichte der Mie­ter­be­wegung heute wenig bekannt ist. So infor­mieren Doku­mente über die Ende der 60er bis Anfang der 70er Jahren aktive Mie­ter­be­wegung im West­ber­liner Mär­ki­schen Viertel[20] und über den ebenso ver­ges­senen Anteil, den Migran­tinnen und Migranten an der West­ber­liner Haus­be­set­zer­be­wegung der 80er Jahre hatten. Es ist auf jeden Fall ein Zeichen des Selbst­be­wusst­seins der aktu­ellen Mie­ter­be­wegung, wenn sie mit Künstlern koope­riert und sich ihrer Geschichte ver­ge­wissert.

Peter Nowak

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Anhang

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[2]

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[3]

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[4]

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[5]

http://​www​.weltfilm​.com/​d​e​/​f​i​l​m​e​/​i​n​-​p​r​o​d​u​k​t​i​o​n​/​m​i​e​t​e​-​e​s​s​e​n​-​s​e​e​l​e-auf

[6]

http://​de​-de​.facebook​.com/​a​n​g​e​l​i​k​a​.levi

[7]

http://​stil​le​strasse​.de/

[8]

http://​stil​le​stras​se10bleibt​.blog​sport​.eu/

[9]

http://​assemble​.io/​d​o​c​s​/​I​n​s​t​a​l​l​a​t​i​o​n​.html

[10]

http://​www​.uncu​be​ma​gazine​.com/​s​i​x​c​m​s​/​d​e​t​a​i​l​.​p​h​p​?​i​d​=​1​4​8​1​9​8​0​3​&​a​r​t​i​c​l​e​i​d​=​a​r​t​-​1​4​1​5​7​0​5​4​2​9​6​2​2​-​e​8​1​2​1​1​7​7​-​d​0​d​5​-​4​a​9​7​-​8​3​1​e​-​4​1​0​9​1​b​1​4​8​0​9​3​#​!​/​p​age24

[11]

http://​www​.florian​-zeyfang​.de/​m​i​c​r​o​b​r​i​g​a​d​e​s​-​v​a​r​i​a​t​i​o​n​s​/​m​ovie/

[12]

http://​gutenberg​.spiegel​.de/​b​u​c​h​/​z​u​r​-​w​o​h​n​u​n​g​s​f​r​a​g​e​-​5​094/1

[13]

http://​www​.ber​li​nonline​.de/​n​a​c​h​r​i​c​h​t​e​n​/​k​r​e​u​z​b​e​r​g​/​b​u​c​h​v​o​r​s​t​e​l​l​u​n​g​-​d​a​s​-​k​o​t​t​i​-​i​s​t​-​t​o​t​-​e​s​-​l​e​b​e​-​v​i​e​l​l​e​i​c​h​t​-​b​a​l​d​-​n​i​c​h​t​s​-​m​e​h​r​-​69994

[14]

http://​www​.foto​fix​au​tomat​.de/

[15]

http://​www​.west​germany​.eu/

[16]

http://​kaemp​fen​de​hu​etten​.blog​sport​.eu/

[17]

http://​www​.bmgev​.de/​m​i​e​t​e​r​e​c​h​o​/​a​r​c​h​i​v​/​2​0​1​4​/​m​e​-​s​i​n​g​l​e​/​a​r​t​i​c​l​e​/​b​l​u​m​e​n​s​t​r​a​s​s​e​n​k​r​a​w​a​l​l​e​-​a​n​n​o​-​1​8​7​2​.html

[18]

http://​haen​de​weg​vom​wedding​.blog​sport​.eu/​?​p=828

[19]

http://​www​.ber​lin​street​.de/​a​c​k​e​r​s​t​r​a​s​s​e​/​a​c​ker33

[20]

http://​www​.trend​.info​par​tisan​.net/​t​r​d​0​4​1​3​/​t​0​2​0​4​1​3​.html

Eine bessere Welt durch Forensik?

Eine Ausstellung will dokumentieren, wie mit forensischen Metholden auf allen Gebieten Menschenrechtsverletzungen und Unrecht nachträglich bekannt werden. Die Forensik als Herrschaftstechnik hingegen wird vernachlässigt

Drei Minuten Zeit hatte die Familie, um ihr Haus im Gaza-Streifen am 9. Januar 2009 zu ver­lassen. Mit einer Warn­rakete der israe­li­schen Armee sollten die Bewohner zum sofor­tigen Ver­lassen des Hauses auf­ge­fordert werden. Mehrere Fami­li­en­mit­glieder waren noch im Haus, als die Rakete ein­schlug. Mehrere Kinder und eine Frau waren sofort tot.

Im Ber­liner Haus der Kul­turen der Welt [1] wird das Geschehen noch einmal akri­bisch nach­ge­zeichnet. Mehrere Videos und Gesprächs­auf­zeich­nungen unter anderem mit dem paläs­ti­nen­si­schen Anwalt Mohammed Jabareen [2] rekon­stru­ieren den Angriff minutiös.Diese Unter­su­chung steht in der Abteilung »Foren­sische Archi­tektur« [3] innerhalb der Aus­stellung, die mit einem Adjektiv benannt wird.

Forensis [4] lautet der Titel und auf einer Tafel am Eingang werden die Besucher darüber infor­miert, dass dieser Begriff im Römi­schen Reich bedeutete, dass man zum Forum, also zur dama­ligen Gesell­schaft, gehörte. Frauen, Ple­bejer, Sklaven gehörten schon mal nicht dazu. Aber der Titel könnte in die Irre führen. Denn was dem Besucher auf vielen Video­lein­wänden und Tafeln geboten wird, ist eine Geschichte der modernen Kri­mi­na­listik in all ihren Ver­äs­te­lungen.

Allein in der Abteilung foren­sische Archi­tektur kann man schon eine gute Stunde verweilen,wenn man die dort prä­sen­tierten Videos und Info­tafeln stu­dieren will. Da berichtet eine Deutsche, wie sie Augen­zeugin eines Droh­nen­an­griffs in Nord­pa­kistan geworden ist. Während sie sich mit einer wei­teren Frau und meh­reren Kindern in einem Neben­ge­bäude befand,explodierte im Haupt­ge­bäude die Drohne, gerade als sich die Männer zum Essen ver­sammelt haben sollen. Nur ein großer schwarzer Krater sei übrig geblieben, in dem noch Klei­dungs- und Kör­per­teile der Männer zu finden gewesen seien.Der Ablauf des Droh­nen­an­griffs wurde nach­ge­zeichnet.

Trotzdem bleiben am Ende sehr viele Fragen offen. Warum das Haus im Gaza zum Ziel einer Rakete wurde, bleibt ebenso unklar wie der Grund für den Droh­nen­an­griff in Pakistan. Natürlich ist es nach­voll­ziehbar, dass die Anony­mität der­Au­gen­zeugin, die wohl wieder in Deutschland lebt, gewahrt wird. Warum nicht zumindest einige Infor­ma­tionen zu den ein­zelnen Angriffen geliefert werden, bleibt offen. Sie hätten es den Besucher ermög­licht, neben einer reinen Betrof­fenheit hinaus das prä­sen­tierte Material ein­ordnen zu können.

Es werden viele Bei­spiele für eine sinnvoll ange­wendete Forensik gezeigt. So konnten Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen nach­weisen, dass im Sommer 2011 ein Flücht­lingsboot im Mit­telmeer versank und 64 Men­schen getötet wurden, während die Nato dem Drama zuschaute und Hilfe ver­wei­gerte. Ein­weit­ge­hendes unbe­kanntes Ver­brechen ist die gezielte Zer­störung von Dörfern im bra­si­lia­ni­schen Ama­zonas-Gebiet. Viele Ein­wohner wurden im Laufe von Jahr­zehnten ermordet undin Mas­sen­gräbern ver­scharrt. Mit Hilfe der Forensik kann man die Ver­brechen heute an den unre­gel­mä­ßigen Wald­be­stand erkennen.

Ozonloch – Meisterleistung forensischer Ästhetik

Auch im Öko­lo­gie­be­reich können mit den Mitteln der Forensik jah­re­lange Umwelt­ver­brechen nach­ge­wiesen werden. Als eine »Meis­ter­leistung foren­si­scher Ästhetik« wird der Begriff Ozonloch auf­ge­führt. Mit den kom­plexen che­mi­schen Pro­zessen in der Atmo­sphäre hat die Bezeichnung wenig zu tun. Sie wurde als für die Men­schen nach­voll­zieh­bares Modell kreiert, mit dem die Folgen der Kli­ma­ver­än­derung ver­mittelt werden sollen. Wenn in einem lebens­wich­tigen Bestandteil der Atmo­sphäre ein Loch ent­standen ist, könnten sich viele Men­schen betroffen fühlen. Dass aus Gründen der Nach­voll­zieh­barkeit in den Natur­wis­sen­schaften Modelle gewählt werden, die mit dem All­tags­ver­stand begreifbar sind, ist in den Natur­wis­sen­schaften nichts Neues. Man denke nur an die Kon­struktion der Atom­mo­delle.

Man braucht eine Menge Zeit, wenn man sich in die aus­ge­stellten Mate­rialien ver­tieft und erfährt viele Details. Doch das Fehlen von Hin­ter­grund­in­for­ma­tionen fällt immer wieder auf. Wohin das Igno­rieren des gesell­schaft­lichen Kon­texts führt, zeigt sich bei his­to­ri­schen Themen.Da wird ein NS-Kon­zen­tra­ti­ons­lager in Serbien neben ein Inter­nie­rungs­lager gestellt, in dem im jugo­sla­wi­schen Bür­ger­krieg die zu Feinden erklärten Men­schen anderer Nationen fest­ge­halten wurden. Ver­brechen gab es in beiden Lagern, doch die Spe­zifik des nazis­ti­schen Kriegs- und Ver­nich­tungs­po­litik droht bei einer solchen Dar­stellung ver­loren zu gehen.

Wenn auf einer Tafel ver­merkt ist, dass 50 Jahre nach dem Nürn­berger Tri­bunal der Inter­na­tionale Gerichtshof gegen NS-Deutschland wieder auf­lebte, als es um die Auf­ar­beitung der Ver­brechen
im jugo­sla­wi­schen Bür­ger­krieg ging, fehlt der Hinweis darauf, dass die Folgen und Kol­la­te­ral­schäden der Nato­an­griffe nie Gegen­stand von Ermitt­lungen waren.

Forensik als Herrschaftstechnik

Die Kura­toren Anselm Franke vom HKW und der Architekt und Pro­fessor an der Lon­doner Goldsmith Uni­versity, Eyal Weizman [5] können ihrer Fas­zi­nation für die gewach­senen Mög­lich­keiten der Forensik nicht ver­bergen. Dass die Forensik Teil der Herr­schafts­technik sein kann, wird in der Aus­stellung nur an wenigen
Bei­spielen deutlich.

Dass auch die inter­na­tionale Gerichts­barkeit Teil einer Macht­po­litik sein kann, wird nur am Rande deutlich. So erstattete ein süd­ame­ri­ka­ni­scher Diplomat Straf­ver­fahren gegen die Indus­trie­na­tionen wegen ihrer Ver­ant­wortung für den Kli­ma­wandel. Natürlich wurde nie Anklage erhoben und man erfährt wenig darüber. Immerhin eine Instal­lation widmet sich dem Einsatz von Lügen­de­tek­toren bei der Befragung von Geflüch­teten. Hier dient die Forensik als Mittel zur schnel­leren Abschiebung. In der Aus­stellung hätte man sich mehr solcher Bei­spiele gewünscht, die einen kri­ti­schen Blick auf die Forensik ebenso wie auf die Inter­na­tio­na­le­Ge­richts­barkeit geboten hätten.

http://​www​.heise​.de/​t​p​/​n​e​w​s​/​E​i​n​e​-​b​e​s​s​e​r​e​-​W​e​l​t​-​d​u​r​c​h​-​F​o​r​e​n​s​i​k​-​2​1​5​1​4​8​2​.html

Peter Nowak

Links:

[1]

http

[2]

http://www.mtit.pna.ps/ar/cp/plugins/spaw/uploads/files/CV/Mohammad%20Jabareen.pdf

[3]

http://www.hatjecantz.de/eyal-weizman-5275–0.html

[4]

http://​www​.hkw​.de/​d​e​/​p​r​o​g​r​a​m​m​/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​2​0​1​4​/fore

Wurde der Neoliberalismus in einer Hippiekommune geboren?

Die Aus­stellung »The Whole World« im Ber­liner Haus der Kul­turen der Welt hin­ter­lässt viele Fragen

Das zen­trale Objekt liegt ange­kettet auf einem kleinen Tischchen aus. Es handelt sich um einen eng­be­druckten, schlecht les­baren Katalog mit vielen kurzen Artikeln, Fotos und allerlei unde­fi­nier­baren Zeichen, die wohl zur bes­seren Les­barkeit ein­gebaut wurden. Dieser Katalog, der an ein frühes Punk­funzine erinnert, wurde zwi­schen 1968 und 1972 jährlich später unre­gel­mäßig von Stewart Brand unter dem Titel The whole World-Catalog.

Dieser Katalog sollte die sich Ende der 60er Jahren in den USA ent­wi­ckelten Land­kom­munen über Pro­dukte abseits des Main­streams der Kon­sum­ge­sell­schaft infor­mieren. Bald ent­wi­ckelte er sich zu einem Almanach der Gegen­kultur. In diesem Katalog gab es die ersten Hin­weise auf alter­native Ener­gie­er­zeugung ebenso wie auf Syn­the­sizer. Steve Jobs bezeichnete den »Catalog« später als die erste Such­ma­schine im Vor­in­ter­net­zeit­alter. Jetzt dient dieser Katalog als Namens- und Stich­wort­geber für eine von Diederich Diede­richsen und Anselm Franke kura­tierte Aus­stellung im Ber­liner Haus der Kul­turen der Welt.

Wer die Aus­stellung gründlich erkunden will, muss viel Zeit mit bringen. Denn die Kura­toren haben in der großen Aus­stel­lungs­halle eine Fülle von Doku­menten aus­ge­stellt, die die US-Gegen­kultur der 60er Jahre und der dort inte­grierten Kom­mu­n­e­be­wegung noch einmal lebendig machen. Kaum noch bekannte Bücher sind dort ebenso auf­ge­listet, wie Musik­stücke legen­därer Bands dieser Gegen­kultur, die auch heute noch den Spirit jener Jahre ver­mitteln. Hier sei nur exem­pla­risch an Crown of Creation von Jef­ferson Air­plane erinnert.

Wie in dieser Zeit kul­tu­relle gesell­schaft­liche und poli­tische Eman­zi­pation für einen kurzen geschicht­lichen Moment zusam­men­fielen, wird auch in vielen der aus­ge­stellten Exponate deutlich. So werden Aus­schnitte des Filmes »The whole World watching« von Raimund Pet­tybon gezeigt, der sich auf sati­rische Weise mit der linken Bewegung der Wea­thermen beschäf­tigte, die in den späten 60er Jahre den Krieg aus Vietnam in die USA zurück­bringen wollten und den Aufbau einer Stadt­gue­rilla pro­pa­gierten. Schon die kurzen Aus­schnitte machen deutlich, dass ein solcher Film Welten von den fil­mi­schen Erzeug­nissen ent­fernt ist, die in den letzten Jahr­zehnten zum RAF-Komplex in der BRD ent­standen sind. Als eine Fund­grube einer weithin ver­ges­senen Gegen­kultur mit dem »The World Catalog« als Guide wäre diese Aus­stellung schon ein­zig­artig und emp­feh­lenswert.

Große und kleine Erzäh­lungen?

Doch die Kura­toren lassen es damit nicht bewenden, sondern ver­breiten um die Expo­sition noch mehrere große und kleine Erzäh­lungen. Da steht an erster Linie die Erzählung vom blauen Pla­neten Erde. Aus dem Weltraum auf­ge­nommen bewirkte er angeblich einen Para­dig­men­wechsel in großen Teilen der Wis­sen­schaften und soll das Bild vom Atompilz der Bomben, die auf Hiro­shima und Nagasaki fielen, ver­drängt haben. So richtig es ist, an die heute weit­gehend ver­gessene Bedeutung der Welt­raum­pro­gramme der NASA zu erinnern, so fraglich ist die These vom grund­le­genden Para­dig­men­wechsel. Schließlich wurde das NASA-Welt­raum­pro­gramm schnell redu­ziert und die Mond­lan­dungen bald ein­ge­stellt.

Das Bild vom Atompilz aber war auch noch die gesamten 80er Jahre über eine zen­trale Sym­bolik der Gegen- und zunehmend auch der Main­stream­kultur. Zudem waren die Bilder von mit Napalm ver­brannten Kindern in Vietnam und erschos­senen Stu­denten an der Uni­ver­sität von Kent für große Teile der dama­ligen Gegen­kultur sicher prä­gender als das offi­zielle NASA-Pro­gramm. Aber die Kura­toren wollen mit ihrer These schließlich einen Link her­stellen zwi­schen diesen Inseln der US-Gegen­kultur in den späten 60er Jahren und den sich ent­wi­ckelnden Inter­net­ge­meinden bis zum Neo­li­be­ra­lismus unserer Tage.

In der Bio­graphie des The Whole World-Catalog-Erfinders Stewart Brand finden die Kuraten Anhalts­punkte für ihre These. Er arbeitete für die NASA ebenso wie später für Inter­net­kon­zerne. Nur war er eben nie Teil der Gegen­kultur und hat es auch nie behauptet. Er hat mit seinem Katalog diese Gegen­kultur aber pass­genau als Ziel­gruppe für Pro­dukte aus­ge­macht, die damals noch keine große Käu­fer­schicht in den USA hatten. Bio­gra­phien wie die von Stewart Brand waren nicht selten, wie sich in der Aus­stellung zeigte. Es gab auch Per­sonen, die Ende der 60er Jahre tat­sächlich Teil dieser Gegen­kultur waren und dann zu Pio­nieren der sich ent­wi­ckelten Inter­net­branche geworden sind.

Ver­schwö­rungs­theo­re­tische Anklänge

Im von Michael Roth­schild ver­fassten Buch »Bio­nomics: The Ine­vi­ta­bility of Capi­talism« werden Schlüs­sel­wörter gefunden, die für die Durch­setzung des wirt­schafts­li­be­ralen Denkens zentral waren. Nun ist die These von der Geburt des neo­li­be­ralen Denkens in den Zentren der Gegen­kultur nicht neu und weist auf wichtige Ver­bin­dungen hin.

Doch wie schnell solche Ver­bin­dungen in Ver­schwö­rungs­theorien münden können, wird an der Aus­stellung am Bei­spiel der Instal­lation Hexen 2.0 von Suzanne Treister gut deutlich. Auf eine ihrer Zeich­nungen wird eine gerade Linie von Kyber­ne­tikern orga­ni­sierten Macy-Kon­fe­renzen bis zum Neo­to­ta­li­ta­rismus gezogen. So bekommen diese Treffen, die zwi­schen 1946 und 1953 statt­fanden, eine Bedeutung, die heute manche den Bil­der­berg­kon­fe­renzen geben wollen. Die Aus­stellung »The whole World« macht noch einmal deutlich, wie nötig der Gebrauch des eigenen Ver­standes ist, um in der Fülle des aus­ge­stellten Mate­rials auch krude Ver­schwö­rungs­theorien und diverse eso­te­rische Ein­schläge erkennen zu können.

Die Aus­stellung »The Whole World« ist bis um 1. Juli im Haus der Kul­turen der Welt in Berlin zu sehen. Am 21. und 22. Juni findet ein Sym­posium zur Aus­stellung statt.
http://​www​.heise​.de/​t​p​/​b​l​o​g​s​/​6​/​1​54245
Peter Nowak

Kunst und Arbeitswelt

Das »Potosi-Prinzip« im Haus der Kul­turen

Von außen sieht es aus, als hätte sich in der kleinen Kammer jemand häuslich ein­ge­richtet. Über dem Bett hängen Fotos, in einer Ecke steht ein Fern­seh­gerät. Der Raum ist eine Unter­kunft chi­ne­si­scher Wan­der­ar­beiter. Die Instal­lation ist Teil des im Erd­ge­schoss der Ber­liner IG-Metall-Orts­ver­waltung nach­ge­bauten Pekinger Museums der Wan­der­ar­beiter. Dort wird die knapp 30jährige Geschichte der chi­ne­si­schen Wan­der­ar­beiter auf Bild­tafeln, aber auch mit vielen Fotos und Uten­silien, anschaulich dar­ge­stellt. Dazu gehören extra für die Wan­der­ar­beiter gedruckte Zei­tungen ebenso wie die ver­schie­den­far­bigen Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gungen. Einige Exponate widmen sich der Kultur der Wan­der­ar­beiter in meh­reren Genera­tionen. Die Jugend­lichen spielen in Bands, die in ihren Texten auf ihre spe­zi­ellen Pro­bleme ein­gehen. Auf zahl­reichen Fotos wird die Achtung vor der Arbeit beschworen. Die Aus­stellung macht deutlich, dass die Wan­der­ar­beiter in China keine ver­gessene Min­derheit mehr sind. Mitt­ler­weile hat die chi­ne­sische Politik erkannt, dass sie deren Pro­bleme nicht mehr igno­rieren kann. Das im Mai 2008 eröffnete Museum der Wan­der­ar­beiter wäre ohne die Unter­stützung durch die offi­zielle Politik nicht möglich gewesen.

Das war nicht immer so. Noch am 17. März 2003 ist ein stu­den­ti­scher Wan­der­ar­beiter von der chi­ne­si­schen Polizei tot­ge­prügelt worden, weil seine Papiere nicht in Ordnung waren. Die vom Arbeits­kreis Inter­na­tio­na­lismus der Ber­liner IG-Metall orga­ni­sierte Aus­stellung macht deutlich, dass das viel gerühmte chi­ne­sische Wirt­schafts­wunder auf der Arbeits­kraft der Wan­der­ar­beiter beruht. Auch viele der bei uns so beliebten Video­ka­meras und Com­puter wurden von ihnen her­ge­stellt. Auf diese Aspekte wird in meh­reren Begleit­ver­an­stal­tungen hin­ge­wiesen.

Die Kisten, mit denen die Uten­silien des chi­ne­si­schen Wan­der­ar­bei­ter­mu­seums nach Berlin trans­por­tiert wurden, befinden sich im Haus der Kul­turen der Welt (HdKdW). Sie sind Teil der von Alice Crei­scher, Max Jorge Hin­derer und Andreas Siekmann kura­tierten Aus­stellung »Das Potosi-Prinzip«. Benannt ist sie nach der boli­va­ri­schen Stadt Potosi, im 17. Jahr­hundert eine der größten Städte der Welt. Der massive Transport von Silber und Gold aus Latein­amerika nach Europa sorgte damals für einen Akku­mu­la­ti­ons­schub. Weniger bekannt ist, dass zu dieser Zeit auch Tau­sende von Bildern nach Europa expor­tiert wurden, mit denen die Ver­breitung der christ­lichen Religion in Latein­amerika gefeiert wurde.

Im HdKdW sind einige dieser Bilder zu sehen. 25 zeit­ge­nös­sische Künstler haben sich in ihren Arbeiten mit dem Ver­hältnis von Chris­tia­ni­sierung, Aus­beutung der Arbeits­kraft und ursprüng­licher Akku­mu­lation aus­ein­an­der­ge­setzt. Eine Bro­schüre dient den Besu­chern als Leit­faden für den Gang durch die kom­plexe Aus­stellung. Während im HdKdW die Geburt des euro­päi­schen Kapi­ta­lismus künst­le­risch bear­beitet wird, doku­men­tiert die Ber­liner IG-Metall­ver­wal­tungs­stelle die Geburt einer neuen Arbei­ter­klasse.

Haus der Kul­turen der Welt, John-Forster-Dulles-Allee 10, Mi.-Mo.: 11–19 Uhr, IG-Metall, Jakobstr. 149, Mo.-Do.: 9–18 Uhr, Fr.: 9–15 Uhr.

http://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​8​5​5​0​4​.​k​u​n​s​t​-​u​n​d​-​a​r​b​e​i​t​s​w​e​l​t​.html

Peter Nowak