Gesellschaft ohne Opposition?

Auch ein 68er Resultat – Kon­gress­be­richt von Peter Nowak

Die Neue Gesell­schaft für Psy­cho­logie (NGfP) sieht sich in der Tra­dition des Auf­bruchs von 1968er. Jährlich orga­ni­siert sie einen Kon­gress, der sich mit wich­tigen Stichwortgeber_​innen des glo­balen Auf­bruchs vor 50 Jahren befasst. Der dies­jährige Kon­gress fand am zweiten März­wo­chende unter dem Motto „Paralyse der Kritik – Gesell­schaft ohne Oppo­sition“ stand, da Herbert Marcuse, ent­liehen wurde. Wie ein schwarz-roter Faden zog sich die Frage durch die Panels und Arbeits­gruppen der drei Tage. Haben wir es aktuell wie 1968 erneut mit einer Gesell­schaft ohne Oppo­sition zu tun oder ver­bieten sich kurz­schlüssige Ana­logien? Der Vor­be­rei­tungs­kreis betonte in der Ein­ladung eher die Unter­schiede zwi­schen 1968 und heute:
„Gleich­zeitig müssen wir berück­sich­tigen, dass und wie sich die Welt (der Kapi­ta­lismus) seit der Ver­wei­ge­rungs­re­volte von ’68 ver­ändert hat – Stich­wörter: Ent­kol­lek­ti­vierung und Pre­ka­ri­sie­rungder Arbeits­ver­hält­nisse in ihrer gesamten sozialen Band­breite, Unter­werfung von Wis­sen­schaft, Bildung und Gesund­heits­wesen unter das direkte Diktat der Kapi­talak­ku­mu­lation, zer­stö­re­rische Aspekte der for­cierten inter­na­tio­nalen Arbeits­teilung und der glo­balen Zyklen seit 1971/73“.

Auch der His­to­riker Karl-Heinz Roth betonte in seinen viel­be­ach­teten Impuls­re­ferat am Sams­tag­morgen, dass die Revolte von 1968 ein glo­baler Auf­stand war, der in den nomi­nal­so­zia­lis­ti­schen Polen und Tsche­chien seine ersten Nie­der­lagen durch die auto­ritäre Staats­macht erleben musste. Roth zeichnete ein düs­teres Bild der aktu­ellen poli­ti­schen Situation. Heute habe man den Ein­druck, als habe der Auf­bruch von 1968 nie statt­ge­funden. Roth sprach ange­sichts der mas­sen­haften Ent­eignung von Bäue­rinnen und Bauern im glo­balen Süden und der Pre­ka­ri­sierung großer Teiler der Lohn­ab­hän­gigen von einer Restau­ration von Klas­sen­herr­schaft im Welt­maßstab. Ob ein neuer sozi­al­re­vo­lu­tio­närer Auf­bruch heute noch möglich ist, sei völlig offen. Es gehe zunächst darum, das Ausmaß der eigenen Nie­derlage rück­sichtslos zu ana­ly­sieren. Dazu gehöre auch der Fakt, dass ein Teil der Errun­gen­schaften von 1968 sich in Sta­bi­li­sa­toren des Kapi­ta­lismus ver­wandelt hätten.

Wie aus dem Indi­vi­dua­lismus der Egotrip wurde

So legtet Roth in seinen Vortrag da, wie die in der 1968er Bewegung starken Betonung des Indi­vi­duums zum Egotrip und zum „Sel­fismus“ wurde und auch die Funktion ver­än­derte. Anfangs habe die Betonung der Indi­vi­dua­lität den Wider­stand gegen die Ver­hält­nisse, die die Men­schen auch per­sönlich nicht mehr aus­halten wollten, befördert. Doch der heutige Sel­fismus ver­hindere Soli­da­rität. Roth wie die meisten anderen Referent_​innen ver­wiesen auf die massive Pre­ka­ri­sierung der Lebens- und Arbeits­be­din­gungen, mit der heute junge Leute kon­fron­tiert sind. Mit der Pre­ka­ri­sierung der Arbeits­ver­hält­nisse hin­gegen sei die Angst wider das beherr­schende Gefühl vieler Men­schen geworden, doch Angst mobi­li­siere in der Regel nicht sondern lähme. Das Unbe­hagen an den Ver­hält­nissen ist deshalb nicht ver­schwunden, aber nicht der Wider­stand dagegen kaum vor­handen. Statt­dessen wird das Sich Ein­richten in den Ver­hält­nissen zur Über­le­bens­maxime. Diesen Befund bestärkte die Erzie­hungs­wis­sen­schaft­lerin Andrea Kleeberg-Niepage exem­pla­risch an Texten von jungen Erwach­senen, einer Gym­na­si­astin und einer Haupt­schü­lerin. Sie sollten im Rahmen eines n For­schungs­projekt ihre Zukunfts­er­war­tungen for­mu­lieren. Die Schü­le­rinnen waren durchaus nicht zufrieden mit ihrer Lebens­si­tuation und ihren Zukunfts­er­war­tungen. Doch statt Gesell­schafts­kritik folgte eine Klage über undurch­schaubare Kräfte, die sie nicht kon­trol­lieren können. Anpassung statt Protest und Wider­stand wird dann zur ein­zigen Über­le­bens­stra­tegie

Kritik der repres­siven Toleranz

Die Sozialwissenschaftler_​innen Julia Plato und Falk Sickmann sind bei ihrer Aktua­li­sierung von Herbert Mar­cuses Kritik an der repres­siven Toleranz bei Slavoj Žižek fündig geworden. Der kri­ti­siert, dass sich große Teile der Linken zum Wurm­fortsatz des Libe­ra­lismus gemacht. hätten und damit unbe­ab­sichtigt den Rechts­po­pu­lismus stärkten. Deutlich sei das in den USA geworden, wo Trump die Liberale Hillary Clinton besiegte. Plato und Sickmann haben zur Illus­tration zur Kri­tikder repres­siven Toleranz ein Foto vom Eingang eines Cafés in einen Ber­liner Sze­ne­bezirk ein­ge­blendet, wo eine Tafel ver­kündete, dass Ras­sismus, Anti­se­mi­tismus und Homo­phobie nicht akzep­tiert werde. Eine Zeile darüber war die Zah­lungs­mittel und –arten, auf­ge­listet, die akzep­tiert sind. Eine wahr­scheinlich all­täg­liche Hin­weis­tafel. Dass die Basis der Akzeptanz der Besitz von Bargeld oder Kre­dit­karten ist, wird gar nicht besonders wahr­ge­nommen, weil es die Grundlage des Kapi­ta­lismus ist. Kongressteilnehmer_​innen beklagten, dass man der glo­balen Dimension der 68er-Bewegung nicht gerecht werde, wenn man nicht über den euro­päi­schen Tel­lerrand blickt. Zu den wenigen Aus­nahmen auf dem Kon­gress gehörte das Referat der Eth­no­login Raina Zim­mering über die Bedeutung und Aktua­lität des Zapa­tismus. Für fol­gende Kon­gresse wäre die Ein­be­ziehung wei­terer Bei­spiele der aktu­ellen Wider­stands­praxen global aber auch auf lokaler Ebene wün­schenswert. Dadurch würde viel­leicht auch die jüngere akti­vis­tische Linke ange­sprochen, die auf der Kon­ferenz kaum ver­treten war.

aus: express – Zeitung für sozia­lis­tische Betriebs- und Gewerk­schafts­arbeit, Ausgabe: Heft 3/2018

http://​www​.labournet​.de/​e​x​p​ress/,
Peter Nowak

Paralyse der Kritik: Gesellschaft ohne Opposition?

Ein Kon­gress in Berlin zeigt, wie ein Teil der ehe­ma­ligen 68er-Bewegung mit dazu bei­getragen hat, dass sich die Ver­hält­nisse, gegen die man einst kämpfte, noch mehr sta­bi­li­sierten

Stu­die­rende oppo­nieren gegen den in Berlin leh­renden His­to­riker Jörg Babe­rowski, dem nicht nur von ihnen, sondern auch in einem Gast­beitrag in der links­li­be­ralen Frank­furter Rund­schau rechts­las­tiges Gedan­kengut vor­ge­worfen wird.

Eigentlich ist es doch sehr erfreulich, dass 50 Jahre nach 1968, zumindest einige Stu­die­rende nicht nur über diese Ereig­nisse resü­mieren, sondern die damalige Parole »Unter den Talaren der Muff von Tausend Jahren« heute zu aktua­li­sieren ver­suchen. Dass die kri­ti­schen Stu­die­renden von den kon­ser­va­tiven Medien, FAZ und Welt ver­ur­teilt werden, ist nicht ver­wun­derlich.

Diese Zei­tungen haben auch vor 50 Jahren wütend auf die­je­nigen reagiert, die damals die Parole pro­pa­gierten. Ver­wun­der­licher ist dann schon, dass die grü­nen­nahen Taz, die ja immer ihre Nähe zur 1968er-Bewegung her­aus­stellt, ganz klar Front gegen die Kri­tiker Babe­rowski macht und ihn in einen langem Artikel als Opfer linker Ideo­logen hin­stellt. Das ist ein gutes Bei­spiel für die »Paralyse der Oppo­sition«.

So beschrieb Herbert Marcuse 1968 die Gesell­schaft in der BRD. Die Neue Gesell­schaft für Psy­cho­logie, ein Kreis von Sozi­al­wis­sen­schaftlern, die sich selbst in der Tra­dition von 1968 sehen, hat auf ihrem dies­jäh­rigen Kon­gress, der am ver­gan­genen Wochenende in Berlin zu Ende gegangen ist, Mar­cuses Verdikt auf die heutige Zeit über­tragen. Auch seine Auf­for­derung »Wei­ter­machen« wollen sie in die heutige Zeit über­nehmen.

Ent­kol­lek­ti­vierung und Pre­ka­ri­sierung und welchen Anteil die 68er daran hatten

Dabei über­sehen sie die Schwie­rig­keiten eines solchen Unter­fangens nicht, wie das Pro­gramm aus­weist:

Gleich­zeitig müssen wir berück­sich­tigen, dass und wie sich die Welt (der Kapi­ta­lismus) seit der Ver­wei­ge­rungs­re­volte von ’68 ver­ändert hat – Stich­wörter: Ent­kol­lek­ti­vierung und Pre­ka­ri­sierung der Arbeits­ver­hält­nisse in ihrer gesamten sozialen Band­breite, Unter­werfung von Wis­sen­schaft, Bildung und Gesund­heits­wesen unter das direkte Diktat der Kapi­talak­ku­mu­lation, zer­stö­re­rische Aspekte der for­cierten inter­na­tio­nalen Arbeits­teilung und der glo­balen Zyklen seit 1971/73.

Aus dem Vorwort zum Kon­fe­renz­pro­gramm

Die Aus­wir­kungen dieser Ver­än­de­rungen auf die Indi­viduen wurden in ver­schie­denen Arbeits­gruppen ver­an­schau­licht. So stellte die Erzie­hungs­wis­sen­schaft­lerin Andrea Kleeberg-Niepage Texte vor, in denen sich Jugend­liche, eine Gym­na­si­astin und eine Haupt­schü­lerin, der Frage widmen, was sie von der Zukunft erwarten.

Trotz vieler Unter­schiede machte Kleeberg-Niepage eine Gemein­samkeit fest: In beiden Texten fehlt jeder Hinweis auf eine Pro­test­haltung. Unzu­frie­denheit mit den Ver­hält­nissen war zwar durchaus vor­handen, aber es herrscht die Vor­stellung »wenn ich es nicht schaffe, ist es mein eigenes Ver­fehlen«. Gesell­schaft wurde in den Schreiben nicht adres­siert und so war es nur fol­ge­richtig, dass es auch keine gesell­schafts­kri­ti­schen Gedanken gab. Aber es gab in den Schreiben auch keinen Hinweis auf die Vor­stellung einer glück­lichen Zukunft im Kapi­ta­lismus.

Vielmehr sahen sich die Schrei­be­rinnen als Objekte blinder Mächte und die einzige Mög­lichkeit, die sie haben, ist, sich zu arran­gieren und das Beste daraus zu machen. Es wäre inter­essant gewesen, diese Ergeb­nisse mit Befra­gungen von Jugend­lichen in der DDR zu kon­tras­tieren.

Ein Bei­spiel ist das Lang­zeit­film­projekt »Die Kinder von Golzow«, in dem eine Land­schul­klasse ab 1961 fil­misch begleitet wurde. Die Hoff­nungen, Wünsche und Ängste der Men­schen kamen zu Sprache. Auch beim Bankett der 500 Träumer, einem Preis­aus­schreiben in der DDR im Jahr 1970 sollen sich Jugend­liche die Welt im Jahr 2000 vor­stellen. Man kann heute darüber spotten, aber man kann sich auch darüber Gedanken machen, warum die Jugend­lichen damals weniger Zukunfts­angst hatten, weniger das Gefühl, dass »blinde Mächte« über ihr Schicksal bestimmen, als heute.

Wie aus dem Indi­vi­dua­lismus der Egotrip wurde

Eine Stärke des Kon­gresses bestand dahin, dass immer wieder auch die Frage gestellt wurde, wie Akteure der 1968er ‑Bewegung, den Kapi­ta­lismus mit sta­bi­li­sieren halfen, anfangs oft gegen ihren Willen. So hat der His­to­riker Karl-Heinz Roth in seinem Vortrag dar­gelegt, wie die Betonung des Indi­vi­duums zum »Egotrip« und zum »Sel­fismus« geriet und auch die Funktion ver­än­derte.

Anfangs stärkte die Betonung der Indi­vi­dua­lität den Wider­stand gegen die Ver­hält­nisse, die die Men­schen auch per­sönlich nicht mehr aus­halten wollten. Doch der heutige Sel­fismus ver­hindert jede Soli­da­rität. Roth vermied wie die meisten anderen Refe­ren­tinnen und Refe­renten aller­dings mora­lische Kritik. Man verwies auf die massive Pre­ka­ri­sierung der Lebens- und Arbeits­be­din­gungen.

Karl-Heinz-Roth erklärte, dass er selber als »bekannte rote Socke« mit dicker Ver­fas­sungs­schutzakte immer sofort einen Job als Assis­tenzarzt bekommen hat. Mit der Pre­ka­ri­sierung der Arbeits­ver­hält­nisse hin­gegen sei die Angst wieder das beherr­schende Gefühl vieler Men­schen geworden; doch Angst mobi­li­siere in der Regel nicht, sondern lähme.

Kritik der repres­siven Toleranz

Einen wich­tigen Aspekt haben Julia Plato und Falk Sickmann in ihrer Beschäf­tigung mit Slavoj Žižeks Tole­ranz­be­griff ange­sprochen: Teile der Rest­linken haben sich zum Wurm­fortsatz des Libe­ra­lismus gemacht.

In den USA hat dies zum Auf­stieg und zur Wahl von Trump ent­scheidend bei­getragen – und nicht die angeb­lichen rus­si­schen Hacker, die gerade von den libe­ralen Kreisen ins Feld geführt werden. Sie wollen natürlich ver­meiden, dass ihre Rolle bei dem Wahl­er­gebnis dis­ku­tiert wird.

Plato und Sickmann haben dann noch zu Illus­tration ihrer »Kritik der repres­siven Toleranz« ein Foto vom Eingang eines ange­sagten Cafés in einem Ber­liner Sze­ne­bezirk ein­ge­blendet, wo eine Tafel ver­kündete, dass Ras­sismus, Anti­se­mi­tismus und Homo­phobie nicht akzep­tiert werden. Eine Zeile darüber wurden Zah­lungs­mittel und ‑arten auf­ge­listet, die akzep­tiert werden. Eine wahr­scheinlich all­täg­liche Hin­weis­tafel.

Die meisten Men­schen nehmen je nach Gesinnung mit Freude oder Wut zur Kenntnis, was in der Loka­lität nicht akzep­tiert wird. Dass die Grundlage erst einmal der Besitz von Bargeld oder Kre­dit­karten ist, wird gar nicht besonders wahr­ge­nommen, weil das eben zum Wesen des Kapi­ta­lismus gehört. Dass die Refe­renten genau dieses Schild als Exempel für eine repressive Toleranz nahmen, war gut gewählt.

So leistete der Kon­gress Auf­klärung über den Zustand unserer Gesell­schaft und der von vor 50 Jahren. Nur hätte man bei dem Titel »Deutschland ohne Oppo­sition« ein Fra­ge­zeichen setzen sollen. Denn es gibt im gegen­wärtig in Deutschland durchaus eine Oppo­sition – die aber steht rechts.

Die Vor­stellung, dass Oppo­sition immer staats- und kapi­ta­lis­mus­kri­tisch sein muss, stimmt schon längst nicht mehr Aber das wäre unter Umständen ein Thema für den nächsten Kon­gress der Neuen Gesell­schaft für Psy­cho­logie. Das in einem ideo­lo­gie­kri­ti­schen Brief befürchtete Abtriften des Kon­gresses in Anti­ame­ri­ka­nismus und Ver­schwö­rungs­theorien hat sich beim dies­jäh­rigen Pro­gramm zum Glück nicht fest­stellen lassen.

Die Unter­zeichner kri­ti­sieren einige Inter­view­äu­ße­rungen eines feder­führend für den Kon­gress ver­ant­wort­lichen Wis­sen­schaftlers. Es wäre wün­schenswert, wenn beim nächsten Kon­gress eine kri­tische Debatte über die Streit­punkte auf einer wis­sen­schaft­lichen Basis möglich wäre.

https://​www​.heise​.de/​t​p​/​f​e​a​t​u​r​e​s​/​P​a​r​a​l​y​s​e​-​d​e​r​-​K​r​i​t​i​k​-​G​e​s​e​l​l​s​c​h​a​f​t​-​o​h​n​e​-​O​p​p​o​s​i​t​i​o​n​-​3​9​9​0​6​4​2​.html

Peter Nowak
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http://​www​.heise​.de/​-​3​9​90642

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[1] https://​www​.geschichte​.hu​-berlin​.de/​d​e​/​b​e​r​e​i​c​h​e​-​u​n​d​-​l​e​h​r​s​t​u​e​h​l​e​/​g​e​o​s​t​e​u​r​o​p​a​s​/​p​e​r​s​o​n​e​n​/​1​6​83840
[2] http://​www​.fr​.de/​w​i​s​s​e​n​/​j​o​e​r​g​-​b​a​b​e​r​o​w​s​k​i​-​d​i​e​-​s​e​l​b​s​t​i​n​s​z​e​n​i​e​r​u​n​g​-​e​i​n​e​s​-​r​e​c​h​t​e​n​-​a​-​1​2​94450
[3] http://​www​.faz​.net/​a​k​t​u​e​l​l​/​f​e​u​i​l​l​e​t​o​n​/​f​o​r​s​c​h​u​n​g​-​u​n​d​-​l​e​h​r​e​/​d​e​r​-​d​i​f​f​a​m​i​e​r​t​e​-​j​o​e​r​g​-​b​a​b​e​r​o​w​s​k​i​-​e​r​h​a​e​l​t​-​b​e​i​s​t​a​n​d​-​1​4​9​6​0​7​9​8​.html
[4] https://​www​.welt​.de/​g​e​s​c​h​i​c​h​t​e​/​a​r​t​i​c​l​e​1​6​3​5​3​5​3​3​4​/​L​i​n​k​s​e​x​t​r​e​m​i​s​t​e​n​-​w​o​l​l​e​n​-​n​i​c​h​t​s​-​v​e​r​s​t​e​h​e​n​-​s​o​n​d​e​r​n​-​d​e​n​u​n​z​i​e​r​e​n​.html
[5] http://​www​.taz​.de/​!​5​4​8​5962/
[6] https://​www​.ngfp​.de/
[7] https://​www​.ngfp​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​u​p​l​o​a​d​s​/​2​0​1​7​/​1​2​/​G​o​O​_​P​r​o​g​r​a​m​m.pdf
[8] https://​www​.ngfp​.de/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​u​p​l​o​a​d​s​/​2​0​1​7​/​1​2​/​G​o​O​_​P​r​o​g​r​a​m​m.pdf
[9] https://​www​.uni​-flensburg​.de/​p​s​y​c​h​o​l​o​g​i​e​/​w​e​r​-​w​i​r​-​s​i​n​d​/​p​e​r​s​o​n​e​n​/​a​n​d​r​e​a​-​k​l​e​e​b​e​r​g​-​n​i​e​page/
[10] http://​www​.kinder​-von​-golzow​.de/
[11] https://​www​.hofe​rich​ter​jacobs​.de/​p​r​o​d​u​k​t​i​o​n​e​n​/​d​a​s​-​b​a​n​kett/
[12] https://​www​.tages​spiegel​.de/​p​o​l​i​t​i​k​/​v​o​r​-​3​0​-​j​a​h​r​e​n​-​e​r​t​r​a​e​u​m​t​e​n​-​s​i​c​h​-​e​i​n​i​g​e​-​d​d​r​-​j​u​g​e​n​d​l​i​c​h​e​-​d​a​s​-​j​a​h​r​-​2​0​0​0​/​1​1​6​0​4​6​.html
[13] http://www.stiftung-sozialgeschichte.de/joomla/index.php/de/publikationen/literaturlisten‑2/101-karl-heinz-roth
[14] http://​www​.falk​sickmann​.de/
[15] http://​www​.zeit​.de/​2​0​1​6​/​1​8​/​s​l​a​v​o​j​-​z​i​z​e​k​-​k​a​p​i​t​a​l​i​s​m​u​s​-​d​e​r​-​n​e​u​e​-​k​l​a​s​s​e​n​kampf
[16] http://​crit​psych​.blogspot​.de/​2​0​1​7​/​1​2​/​o​f​f​e​n​e​r​-​b​r​i​e​f​-​d​i​e​-​n​e​u​e​-​g​e​s​e​l​l​s​c​h​a​f​t​-​f​u​r​1​5​.html

Vom Elend der militanten Linken und ihrer Kritiker in Deutschland

Sabotage der Infra­struktur: Wenn die Militanz nicht mehr eine Frage von Stra­tegie und Taktik ist, sondern zum eigenen Inhalt wird

Am ver­gan­genen Montag mussten bun­desweit Tau­sende Pendler auf ihre Züge warten (vgl. Sabotage an Bahn­strecken: »Kurze Unter­bre­chung der Reibungslosigkeit«[1]). Dieses Mal war die Ursache poli­ti­scher Natur. Unbe­kannte Akti­visten haben auf Indy­media erklärt[2]:

Heute Morgen haben wir die Kabel­stränge entlang meh­rerer Haupt­strecken der Bahn in Brand gesetzt. Die Bahn nutzt die Kabel­kanäle neben den Gleisen nicht nur für die interne Signal­über­mittlung sondern ver­mietet die Schächte auch an andere Datennetz-Betreiber. Wir unter­brechen die alles umfas­sende wirt­schaft­liche Ver­wertung. Und damit die so stark ver­in­ner­lichte Ent­wertung von Leben. Wir greifen ein in eines der zen­tralen Ner­ven­systeme des Kapi­ta­lismus: mehrere Zehn­tausend Kilo­meter Bahn­strecke. Hier fließen Waren, Arbeits­kräfte, ins­be­sondere Daten.
Shutdown G20 – Hamburg vom Netz nehmen![3]

Wie immer, wenn in Deutschland poli­tische Aktionen über das von der Polizei erlaubte hin­aus­gehen, war der Chor der Distan­zierer groß. Besonders die vielen staats­tra­genden Nichtregierungsorganisationen[4], die vor dem G20-Gipfel schon mit Merkel koope­rieren, um die Welt zu retten, sind empört, dass jetzt einige Mili­tante ihnen die Show stehlen. Wenn man die devoten Formulierungen[5] dieser Zivilgesellschaft[6] liest, kann man sich nur freuen, dass es 2017 im Land noch Linke gibt, deren Ziel nicht darin besteht, »zu global rele­vanten Themen eine gemeinsame Stimme« zu finden und die inter­na­tionale Politik »reflek­tierend« zu begleiten.

Die Tendenz einer deut­schen Zivil­ge­sell­schaft, die sich an Trump, Putin und Erdogan abar­beitet und das Modell Merkel umso nach­drück­licher zur Rettung der Welt anpreist, wird durch eine mili­tante Praxis kon­ter­ka­riert, die alles andere als kon­struktiv sein will und das ist tat­sächlich das Beste, was man über die unbe­kannten Mili­tanten sagen kann.


Wenn Militanz zum Fetisch wird

Das kurze Schreiben endet mit dem Satz: »Das einzige Maß für die Krise des Kapi­ta­lismus ist der Grad der Orga­ni­sierung der Kräfte, die ihn zer­stören wollen.« Nun könnte man diesen Satz als Versuch werten, einer iso­lierten Aktion eine welt­po­li­tische Dimension zu ver­leihen. Doch das Problem liegt tiefer und ist durchaus nicht auf diese Aktion beschränkt.

Da wird so leichthin von der Orga­ni­sierung der Kräfte gesprochen, die den Kapi­ta­lismus zer­stören können und die vielen Men­schen ver­gessen, die sich in den unter­schied­lichen Lohn­ar­beits­ver­hält­nissen befinden. Lange Zeit war es in den unter­schied­lichen Spektren der Linken Konsens, dass sich genau diese Arbei­te­rinnen und Arbeiter, heute auch um jede Arbei­ter­tü­melei zu ver­meiden, auch Lohn­ab­hängige genannt, orga­ni­sieren müssen, wenn die Parole von der Über­windung der Kapi­ta­lismus mehr als eine Floskel sein soll.

Die Situationisten[7] haben gezeigt, dass auch Aktionen, die für die für Lohn­ab­hän­gigen zunächst eine Pro­vo­kation dar­stellen, eine auf­klä­re­rische Wirkung haben können. Doch in der Erklärung zur Bahn­un­ter­bre­chung wurde nicht einmal pro­ble­ma­ti­siert, wie eine Aktion, die dazu führt, dass Lohn­ab­hängige teil­weise über Stunden zu spät an ihren Arbeits­platz kommen, dazu bei­tragen soll, dass sich genau diese Men­schen orga­ni­sieren?

Ist es nicht eher so, dass mit solchen Aktionen die Arbeiter noch lauter nach dem starken Staat rufen? Dass solche Fragen nicht gestellt werden, dürfte kein Zufall sein. Die Frage, wie sich Lohn­ab­hängige selber orga­ni­sieren können und damit auch ein Bewusstsein für die Ver­hält­nisse bekommen, ist heute in der Regel kein Thema, dass die Freunde einer mili­tanten Theorie und Praxis inter­es­siert.

Dadurch haben ihre Aktionen aber auch etwas Vol­un­ta­ris­ti­sches. Die zeit­weilige Unter­bre­chung von Ver­kehrs­strömen oder die Ver­nichtung und Zer­störung von Gütern bekommen dann den Stempel des Revo­lu­tio­nären, obwohl im Kapi­ta­lismus beständig Waren in weit höheren Ausmaß ver­nichtet werden, als es sämt­liche mili­tanten Kol­lektive auf der Welt bewerk­stel­ligen können.

Das geschieht nicht nur ganz augen­fällig bei Kriegen. Auch die Zer­störung von Ernten, um die Preise hoch­zu­treiben, ist eine kapi­ta­lis­tische Praxis. Da im Kapi­ta­lismus Waren nicht der Bedürf­nis­be­frie­digung, sondern dem Profit dienen, ist es nicht schwer ver­ständlich, dass sie auch ver­nichtet werden, wenn sie diesen Zweck nicht erfüllen.


Die Negierung der Klasse führt zur Klein­grup­pen­ro­mantik

Daher die Zer­störung und Ver­nichtung von Waren eben auch nicht per se ein kapi­ta­lis­ti­scher Akt. Wenn aber die Lohn­ab­hän­gigen zur Durch­setzung bes­serer Arbeits­be­din­gungen in einen Streik treten und damit die Nor­ma­lität der Waren­pro­duktion unter­brechen, kommt eben der kol­lektive Akt hinzu, der Lern­pro­zesse aus­lösen und etwas vor­an­treiben werden kann, was einmal alt­mo­disch die Bildung der Klasse für sich genannt wurde.

Aktuell kann von einem solchen Prozess im oft migran­tisch geprägten Logis­tik­sektor in Nord­italien gesprochen werden. Seit meh­reren Jahren gibt es einen Zyklus von Arbeits­kämpfen. Es ist der Inter­net­plattform labournet.tv[8] zu ver­danken, dass mit Videos[9] ver­deut­licht wird, wie solche Lern- und Orga­ni­sie­rungs­pro­zesse ablaufen. Hier könnte dann von der »Orga­ni­sierung der Kräfte« gesprochen werden, welche die Mili­tanten in ihrer Erklärung erwähnen.

Die Lohn­ab­hän­gigen sind in den Kämpfen in Nord­italien Sub­jekte, die selber die Kampf­agenda bestimmen, während sie bei Aktionen wie am Mon­tag­morgen zu Objekten gemacht werden, die aller­höchstens die Mög­lichkeit haben, beim Warten auf den Zug über Sinn und Unsinn von kapi­ta­lis­ti­scher Lohn­arbeit nach­zu­denken, wie ihnen schon mal gön­nerhaft geraten wurde.

Es ist ein Unter­schied, ob sich eine Linke zum Ziel setzt, Lohn­ab­hängige bei ihren Kämpfen zu unter­stützen, die in eine Arbeits­nie­der­legung führen können oder ob man die Infra­struktur sabo­tiert, mit der sie zur Arbeit kommen. Die Ver­achtung der Klasse und ihrer Bewe­gungs­ge­setze führt dann in der mili­tanten Szene zu einer Klein­grup­pen­ro­mantik, die die Frage offen lässt, wie daraus die Orga­ni­sie­rungs­pro­zesse ent­stehen sollen, die in dem Schreiben erwähnt werden.
Aus­stand und Auf­stand: Die Rolle von Streiks

Dieses Problem stelle sich auch bei einer öffent­lichen Debatte in Berlin, zu welcher der Publizist Thomas Ebermann[10] Anfang Juni ein­ge­laden wurde[11]. Der hatte gekonnt treffend und poin­tiert die vielen Marotten der unter­schied­lichen Spektren der Bewe­gungs­linken auf­ge­spießt.

Die Empörten, die regel­mäßig die Bildung oder was auch immer zu Grabe tragen und deshalb auf ihren Demons­tra­tionen Särge her­um­schleppen, sind ebenso ver­dien­ter­maßen Objekt von Eber­manns Kritik wie junge Autonome, die sich mit Leucht­spur­ge­räten auf Häu­ser­dä­chern pos­tieren. Theo­re­tisch knüpfte Ebermann bei dem Phi­lo­sophen Herbert Marcuse[12] und seiner sehr dif­fe­ren­zierte Sicht auf eine mili­tante Praxis an.
Rand­gruppen

Aller­dings erklärte er nicht, dass Marcuse mit seiner Randgruppenstrategie[13] ein klares poli­ti­sches Projekt hatte und Militanz für ihn immer nur Mittel zum Zweck war. Für Marcuse war nicht mehr die Mehrheit der Lohn­ab­hän­gigen, sondern ein Patchwork von Min­der­heiten das revo­lu­tionäre Subjekt. Heim­kinder gehörten ebenso dazu wie unter­schied­liche sexuelle Ori­en­tie­rungen.

Im Jahr 2017 hätte man aber dis­ku­tieren müssen, dass diese ehe­ma­ligen Rand­gruppen unter dem Stichwort Diver­sität längst zum Schwungrad des modernen Kapi­ta­lismus geworden sind. Damit müsste auch das Konzept von Marcuse und anderen kri­tisch hin­ter­fragt werden. Doch das konnte nicht geschehen, weil ja das Konzept bei der Ver­an­staltung gar nicht benannt wurde. Man hat nur über die Mittel, also über die Militanz geredet.

Was auch aus­ge­blendet wurde, ist die Frage, warum sich in relativ kurzer Zeit viele junge Linke am Ende der 1960er Jahre von Marcuse, aber auch von den Theo­re­tikern der Frank­furter Schule abwandten. Da hätte das Stichwort Septemberstreiks[14] fallen müssen, eine große Streik­be­wegung in West­deutschland, die unab­hängig vom DGB von der Basis orga­ni­siert wurde.

»Arbeiter doch noch nicht so ange­passt«

Dieser Aus­stand hatte viele junge Linke von den Theo­re­tikern der Frank­furter Schule ent­fremdet, die ja erklärten, warum die Arbei­ter­klasse in den Staat inte­griert ist und daher als kämp­fe­ri­sches Subjekt aus­fällt. Diese These konnte in West­deutschland nur so lange mit einer gewissen Berech­tigung ver­treten werden, bis eine Streik­welle los­brach, die eben zeigte, dass die Arbeiter doch noch nicht so ange­passt waren.

Dass dann ein Großteil der neuen Linken völlig unrea­lis­tisch ein K‑Gruppen-Revival nach dem Vorbild der 1920er Jahre auf­führte, ist ein anderes Kapitel über linkes Scheitern. Doch dass 2017 nicht einmal diese Zusam­men­hänge mehr erwähnt werden, ist Symptom für das aktuelle Elend einer Linken, für die Militanz nicht mehr eine Frage von Stra­tegie und Taktik ist, sondern zum eigenen Inhalt wird.

Das kann dann aus bio­gra­phi­schen Gründen und wegen des Repres­si­ons­drucks nur für eine begrenzte Zeit auf­recht erhalten werden. Des­wegen ist die Fluk­tuation in der linken Szene Deutsch­lands besonders hoch. In Ländern wie Italien, wie Italien und Frank­reich, wo die Lohn­ab­hän­gigen in ihren Kämpfen Lern­pro­zesse machen, hin­gegen gibt es Mili­tante, die bis ins hohe Alter dabeibleiben[15].

Peter Nowak

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[11] https://​links​unten​.indy​media​.org/​i​t​/​n​o​d​e​/​2​10171
[12] http://​www​.marcuse​.org/​h​e​rbert
[13] https://​wolf​wetzel​.word​press​.com/​t​a​g​/​r​a​n​d​g​r​u​p​p​e​n​s​t​r​a​t​egie/
[14] http://​www​.gegenwind​.info/​2​6​8​/​s​e​p​t​e​m​b​e​r​s​t​r​e​i​k​s​1​9​6​9​.html
[15] https://​www​.unrast​-verlag​.de/​n​e​u​e​r​s​c​h​e​i​n​u​n​g​e​n​/​d​a​b​e​i​-​g​e​b​l​i​e​b​e​n​-​d​etail