Eine Geschichte der Berliner Mieter*innenbewegung

Mieterkämpfe – Bertz + Fischer

Berlin ist schon länger ein Ort für Mietre­bellen. Darüber infor­miert ein im Verlag Bertz + Fischer erschie­nenes Buch, das der Poli­tologe Philipp Mattern her­aus­gegeen hat.

Der Erfolg der Mie­ten­de­mons­tration am 6. April in Berlin zeigte, dass es der par­tei­un­ab­hän­gigen Bewegung von Mie­te­rinnen und Mietern gelungen ist, Druck auf­zu­bauen, auf den die poli­ti­schen Par­teien reagieren müssen. Doch Berlin ist schon länger ein Ort für Mietre­bellen. Darüber infor­miert ein im Verlag Bertz + Fischer erschie­nenes Buch, das der Poli­tologe Philipp Mattern her­aus­gegeen hat. Er ist Redakteur der Zeit­schrift Mie­te­recho. Dort ver­öf­fent­lichte er Bei­träge zur His­torie der Ber­liner Mie­ter­be­wegung und merkte, dass das Thema genügend Material für ein Buch hergibt. Tat­sächlich infor­mieren die elf Kapitel kennt­nis­reich über die wenig bekannte Geschichte der.…

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Vergessene Kämpfe

In den acht­ziger Jahren gab es in West­berlin eine migran­tische Haus­be­set­zer­be­wegung. Eine Aus­stellung erinnert daran.

Berlin-Kreuzberg, Kott­buser Straße 8. Hier wurde vor 31 Jahren eine Frau getötet und eine weitere schwer ver­letzt. Doch heute erinnert nichts mehr an die Opfer dieses Anschlags tür­ki­scher Natio­na­listen, der am 25. Sep­tember 1984 statt fand. Der rechte Angriff richtete sich gegen den »Treff- und Infor­ma­ti­onsort für Frauen aus der Türkei« (TIO), einer Selbst­or­ga­ni­sation tür­ki­scher und kur­di­scher Frauen.

Der TIO reprä­sen­tiert auch die lange Zeit ver­gessene Geschichte der migran­ti­schen Haus­be­set­zer­be­wegung im Berlin der acht­ziger Jahre. Die Räume des TIO waren im Februar 1980 von kur­di­schen und tür­ki­schen Frauen besetzt worden, die sich von ihren Männern getrennt hatten und dringend eine Wohnung suchten. »Als sie im Alpha­be­ti­sie­rungskurs im TIO darüber dis­ku­tierten, selber ein Haus zu besetzen, waren alle sofort dabei«, erinnert sich eine der damals Betei­ligten. In ihrem Bericht wurde auch deutlich, dass die migran­ti­schen Beset­ze­rinnen nicht nur mit der Repression durch Polizei und Justiz kon­fron­tiert waren. »Als die Frauen ins Haus kamen, wurden sie von Hand­werkern, die von der Gemein­nüt­zigen Sied­lungs- und Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft (GSW) mit der Sanierung beauf­tragt waren, ras­sis­tisch beleidigt.« Eine Frau sei sogar eine Treppe hin­un­ter­ge­stoßen worden. »Aber sie haben schnell eine leere Wohnung gefunden und sich dort ein­ge­schlossen«, so der Bericht weiter. »Die Unter­stützer ver­sam­melten sich vor dem Haus und warfen den Frauen ein lila Trans­parent mit der Auf­schrift ›Nur Mut!‹ hinauf. Nach drei Stunden kam ein Ver­treter der GSW und nach 20 Minuten Gespräch über ihre mise­rablen Wohn­ver­hält­nisse haben die Frauen die Schlüssel bekommen.«

Die Geschichte der TIO-Besetzung hatte eine Beset­zerin für eine Bro­schüre auf­ge­schrieben, die der migran­tische Ber­liner Verein »All­mende« ver­gan­genes Jahr unter dem Titel »Mehr als 50 Jahre Migration« her­ausgab. Dadurch erfuhr auch Marie Schubenz von der Geschichte der migran­ti­schen Haus­be­set­zungen in West­berlin. Sie gehörte zum Vor­be­rei­tungsteam der Aus­stellung »Kämp­fende Hütten«, die in der ersten Okto­ber­hälfte in Berlin zu sehen war. Kon­zi­piert wurde sie von ehe­ma­ligen Haus­be­setzern sowie Miet­rebellen, die sich in den ver­gan­genen Jahren gegen die Ver­drängung ein­kom­mens­schwacher Bewohner aus ihren Stadt­teilen wehrten und an der Ver­hin­derung von Zwangs­räu­mungen betei­ligten. Sie ver­suchen damit, an die Geschichte ihrer Kämpfe zu erinnern. Zudem sollen Schlag­lichter auf his­to­rische Mie­ter­kämpfe in Berlin geworfen werden. »Anhand von Miet­streiks, migran­ti­schen Beset­zungen und Ost­ber­liner Häu­ser­kämpfen wird die Vielzahl ver­gan­gener Aktionen deutlich«, sagte Simon Len­gemann der Jungle World. Der His­to­riker forscht zu Mie­ter­kämpfen und gehörte eben­falls zum Vor­be­rei­tungsteam der Aus­stellung »Kämp­fende Hütten«.

Die Sozio­login Ceren Türkmen, die seit Jahren über die Geschichte migran­ti­scher Kämpfe in Deutschland forscht, machte bereits im Februar 2013 in einem Interview mit der Jungle World deutlich, dass ein wich­tiger Aspekt der Kämpfe um Wohnraum auch in der linken Über­lie­ferung von der Haus­be­set­zer­be­wegung oft fehlt. »Die Mie­ter­be­wegung, die Miet­streiks und der Aufbau der Kieze wären ohne die Bewegung, das Wissen, die Kampf­be­reit­schaft, die Selbst­or­ga­ni­sation und die Kämpfe der Migran­tinnen und Migranten nicht möglich gewesen. An diese hete­rogene Geschichte knüpfen die der­zei­tigen Kämpfe doch an, indem sie auf die posi­tiven Erfah­rungen und Gefühle sowie auf das pro­du­zierte Wissen zurück­greifen«, betonte Türkmen. »Die Aus­stellung ›Kämp­fende Hütten‹ kann als Beginn einer solchen Aus­ein­an­der­setzung mit den ver­ges­senen Teilen der West­ber­liner Haus­be­set­zer­be­wegung ver­standen werden«, sagt Marie Schubenz. Dem­nächst erscheint eine auf der Aus­stellung basie­rende Bro­schüre. Zudem sucht das Kura­to­renteam weitere Ein­rich­tungen, die die Aus­stellung zeigen wollen. Positive Reak­tionen kamen bereits von der »Verdi-Medi­en­ga­lerie« und dem »Runden Tisch Moabit«.

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Peter Nowak