Mathias Bröckers: „Don’t kill the Messenger! Freiheit für Julian Assange“, 126 Seiten, Westend Verlag, 2.7.2019, 8,50 Euro, ISBN: 978364892769

Buchtipp: Don’t kill the Messenger!

Eine Ent­scheidung über den Antrag zur Aus­lie­ferung von Julian Assange, den die US-Jus­tiz­be­hörde im Juni an Groß­bri­tannien gestellt haben, wird vor­aus­sichtlich erst in einigen Monaten fallen. Assange drohen bei einer Ver­ur­teilung in allen Ankla­ge­punkten bis zu 175 Jahre Haft. Doch vor allem in Deutschland ist die Soli­da­rität mit dem Wiki­leaks-Gründer schwach. Jetzt hat der Jour­nalist Mathias Brö­ckers im Westend-Verlag eine kleine Streit­schrift unter dem Titel „Freiheit für Julian Assange“ her­aus­ge­geben.

„Assange wird nicht ver­folgt, weil er kri­mi­nelle Taten begangen hat, sondern weil er solche ent­hüllt hat – im Irak, in Afgha­nistan und anderswo“, schreibt Brö­ckers. Für ihn ist die Ver­tei­digung von Assange eine Frage von Presse- und Mei­nungs­freiheit. „Er hat mehr getan für die.…

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Kein Journalismusersatz

Als PR-Profi in eigener Sache ist Julian Assange fast unüber­troffen. Schließlich hat es der Gründer von Wiki­leaks geschafft, diese Ent­hül­lungs­plattform innerhalb von wenigen Monaten weltweit bekannt zu machen. Spä­testens nach der Ver­öf­fent­li­chung der Afgha­nistan-Doku­mente und der unver­hoh­lenen Repres­si­ons­dro­hungen von füh­renden US-Ver­ant­wort­lichen galt Wiki­leaks in kri­ti­schen Kreisen als ein­samer Streiter für die Infor­ma­ti­ons­freiheit. Schnell war davon die Rede, dass Wiki­leaks im Inter­net­zeit­alter die Rolle der kri­ti­schen Medien über­nommen hat. Doch wer sich genauer mit der kurzen Geschichte von Wiki­leaks aus­ein­an­der­setzt, wird zu dem Schluss kommen, dass damit Jour­na­lismus kei­neswegs ersetzt oder gar über­flüssig wird. Ganz im Gegenteil ist die feh­lende jour­na­lis­tische Arbeit das größte Manko der Plattform.
So wäre es für Wiki­leaks ohne die Zusam­men­arbeit mit Spiegel, New York Times und Guardian gar nicht möglich gewesen, die Afgha­nistan-Doku­mente zu ver­öf­fent­lichen. Aller­dings wurden die Zei­tungen als Zuar­beiter höchstens in einer Fußnote erwähnt, während die Inter­net­plattform den allei­nigen Ruhm ein­heimste. Doch mitt­ler­weile zieht Wiki­leaks auch die Kritik nicht nur von Kreisen auf sich, die die Ver­öf­fent­li­chung der Doku­mente über den Afgha­ni­stan­krieg ablehnen. So kri­ti­sierten Amnesty Inter­na­tional gemeinsam mit wei­teren Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen, dass in den bei Wiki­leaks ver­öf­fent­lichten Doku­menten Klar­namen von Afghanen stehen, die mit den US-Militärs zusam­men­ge­ar­beitet haben sollen. Die Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen befürchten wohl nicht zu Unrecht, dass die Geouteten dadurch ins Visier von Isla­misten geraten könnten.
Assange erklärte dar­aufhin, es würden 700.000 Dollar gebraucht, um die 15.000 Kriegs­do­ku­mente aus Afgha­nistan von Namen und Daten zu berei­nigen, die Men­schen in Gefahr bringen könnten. Auf Twitter suchten die Wiki­leaks-Gründer die Schuld woanders: „Die Medien über­nehmen keine Ver­ant­wortung“, hieß es dort.
Doch die Kritik an den Ver­öf­fent­li­chungen von nicht oder schlecht redi­gierten Doku­menten und die Reaktion darauf zeigt einmal mehr, dass Wiki­leaks kein Ersatz für Jour­na­lismus ist. Die Plattform ist zudem auch gar nicht in der Lage, diese Rolle zu über­nehmen. Die Leistung von Wiki­leaks erschöpft sich in der Bereit­stellung einer tech­ni­schen Infra­struktur und guter Medi­en­arbeit in eigener Sache. Enga­gierten Jour­na­lismus hin­gegen zeichnet aus, dass er Doku­mente aus­wertet und auf­ar­beitet. Deshalb haben die viel­ge­schol­tenen Medien keinen Grund sich zum Zuar­beiter und Buhmann von Wiki­leaks degra­dieren zu lassen.

aus M, Men­schen Machen Medien 8/9 ‑2010

http://mmm.verdi.de/archiv/2010/08–09/kommentiert-aufgespiest

Peter Nowak