Es ist nicht verwunderlich, dass irrationale Bewegungen in der Corona-Krise stark werden. Es sollte vielmehr gefragt werden, warum in der linken Bewegung so wenig zu hören ist?

Über die neue Normalität, die Linke und den Irrationalismus

Wichtig ist es, hier im Gegensatz zu Irra­tio­na­listen jeg­licher Couleur zu betonen, dass die Durch­setzung der »Neuen Nor­ma­lität« eben keine Akteure und Planer, sehr wohl aber Pro­fi­teure hat. Das ist übrigens bei der Gen­tri­fi­zierung und vielen anderen Erschei­nungen im realen Kapi­ta­lismus nicht anders. Eine ver­kürzte Kapi­ta­lis­mus­kritik macht dann bestimmte Banken, Inves­toren etc. dafür ver­ant­wortlich und jetzt sorgt sie dafür, dass eine irr­ra­tionale Bewegung sich auf Bill Gates und die WHO ein­schießt.

Tau­sende sind in den Tagen bun­desweit gegen die Corona-Ein­schrän­kungen in deut­schen Städten auf die Straße gegangen. Es waren längst nicht alles Rechte, aber es sind über­wiegend rechts­offene Veranstaltungen.Das bekam Hendrik Sodenkamp vom Demo­kra­ti­schen Wider­stand zu spüren, als er in Berlin .….

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Raus aus dem Hamsterrad!


Die Gruppe Haus Bartleby predigt den Abschied vom Arbeitswahn – doch auch Müßiggang macht Mühe

Mit der Absa­ge­agentur machte das Haus Bartleby Furore. Zwi­schen 2010 und 2012 eröffnete die Gruppe in ver­schie­denen Städten Büros, in denen Inter­es­sierte den Per­so­nal­büros nicht etwa ihre beson­deren Qua­li­fi­ka­tionen anpriesen. »Wir bieten Ihnen einen effi­zi­enten Service, wenn es darum geht, pro­ble­ma­tische Stel­len­an­gebote zu erkennen und dau­er­hafte Lösungen zu finden«, so bewarb die unge­wöhn­liche Ein­richtung ihre Dienste. Die Kunden der Absa­ge­agentur teilten ver­schie­denen Per­so­nal­büros mit, warum sie eine miese Stelle lieber nicht antreten wollten.

»Ich möchte lieber nicht« wurde zum Leit­motiv des Haus Bartleby, einer Asso­ziation junger Wis­sen­schaftler, Künstler und Autoren. Als Namens­geber hatten sie sich einen Roman­helden des US-Schrift­stellers Hermann Mel­ville aus­ge­sucht. Der Held seiner Erzählung »Bartleby, der Schreiber« hat jah­relang unauf­fällig als Rechts­an­walts­ge­hilfe gear­beitet, bis er alle Tätig­keiten mit einem schlichten Satz ablehnte: »I would prefer not«. Der Satz kann mit »ich möchte lieber nicht« oder schlicht und prä­gnant mit »nein danke« über­setzt werden.

Es ist ein gutes Motto für eine Generation hoch­qua­li­fi­zierter, pre­kärer Wis­sens­pro­du­zenten, die sich nicht mehr meist­bietend ver­kaufen wollten. »Viele von uns waren Kar­rie­ris­tInnen, oder zumindest Leute, die mit den viel­be­schwo­renen ›Chancen‹ aus­ge­rüstet sind, die bei Anpassung ans Kon­kur­renz­system ein Leben im Wohl­stand der 20-Prozent-Gesell­schaft ermög­lichen würden«, beschreibt Alix Faßmann vom Haus Bartleby ihre Kli­entel. Sie ist Mit­her­aus­ge­berin der Antho­logie »Sag alles ab – Plä­doyers für den lebens­langen Gene­ral­streik«. In dem Band fordern Küns­te­r­Innen und Publi­zis­tInnen die Absage an die »Ideo­logie des Arbeits­wahns« und die »Rück­eroberung der eigenen Besinnung« (Martin Nevoigt). Statt­dessen möge man den Müßiggang, die Eleganz und die Liebe pflegen. »Hamster, halte das Rad an«, fordert das Her­aus­ge­ber­kol­lektiv.

»Linkssein ist heute die totale Kar­rie­re­ver­wei­gerung«, dieses Motto fand Anklang bei vielen Pre­kären, die sich im Alltag ganz prag­ma­tisch ihren Weg durch den Pro­jekte- dschungel bahnen mussten.

Mit den Nie­de­rungen der Pro­jekt­fi­nan­zierung machten auch die Mit­streiter von Haus Bartleby Erfah­rungen. »Die Arbeit von Par­tei­stif­tungen, die so schil­lernde Namen wie Rosa Luxemburg und Heinrich Böll tragen, hat sich leider weit­gehend als dys­funk­tional erwiesen, was uns im grö­ßeren Maßstab nicht über­rascht, jedoch uns per­sönlich vor Pro­bleme in diesem Jahr stellt«, erklärt der Soziologe und Mit­be­gründer des Haus Bartleby Hendrik Sodenkamp gegenüber »nd«.

Das Kapi­ta­lis­mus­tri­bunal war das größte Projekt des Haus Bartleby. Die genannten Stif­tungen hatten, so Sodenkamp, den ersten Teil des Spek­takels finan­ziell unter­stützt. Zwi­schen 1. und 12. Mai 2016 wurden in Wien rund 400 Anklagen aus aller Welt gegen das der­zeitige öko­no­mische System und die Gesetze, die es tragen, ver­lesen und ver­handelt. Dut­zende bekannte Wis­sen­schaftler nahmen an der – nach Manier einer Gerichts­ver­handlung gestal­teten – Per­for­mance teil, die Welt­öf­fent­lichkeit konnte dem mit­unter etwas ermü­denden Ver­fahren zusehen.

Für die Fort­führung des Tri­bunals gab es aller­dings keine Anschluss­för­derung durch die Stif­tungen mehr. Die Pres­se­spre­cherin der Rosa-Luxemburg-Stiftung Jannine Hamilton wollte sich gegenüber »nd« im Detail nicht dazu äußern. »Die För­derung eines Pro­jektes in einem Jahr begründet keinen Auto­ma­tismus für die weitere För­derung im Fol­gejahr. Auch beim ›Kapi­ta­lis­mus­tri­bunal‹ gab es zu keiner Zeit eine Zusage zur Fort­führung an die Antrag­stel­le­rInnen«, betont Hamilton.

Nun wollen die Aktiven des Haus Bartleby neue Spon­soren für den zweiten Teil des Kapi­ta­lis­mus­tri­bunals finden. Zwi­schen Oktober 2017 und Juni 2018 sollen in sieben öffent­lichen Ver­hand­lungen im Ber­liner Haus der Demo­kratie exem­pla­risch 28 Anklagen prä­sen­tiert werden. Der Ablauf ist bereits minuziös vor­ge­plant: Zu jedem Gene­ralfall werden von einem Experten der Kapi­ta­lis­mus­an­klage Beweise in Form von Urkunden prä­sen­tiert. Im Anschluss hat die Ver­tei­digung zehn Minuten, um darauf zu reagieren. Später soll dann in einem Wiener Theater das Urteil über den Kapi­ta­lismus gesprochen werden.

Die fil­mische Doku­men­tation des Wiener Auf­takt­tri­bunals wurde in einer eben zu Ende gegangen Aus­stellung im Kul­tur­verein Neu­kölln gezeigt und kann beim Video­portal Youtube betrachtet werden. Ein Großteil der Anklagen blieb leider recht abs­trakt. So ver­klagte ein Antrags­steller den Kapi­ta­lismus, weil er ihm durch den Zwang, seine Arbeits­kraft zu ver­kaufen, die Lebenszeit stehle. Ein anderer Kläger beschul­digte die Banken und die Geld­wirt­schaft des Ver­bre­chens.

Das Haus Bartleby ist jetzt einmal wieder sehr prak­tisch mit den all­täg­lichen Sorgen im Kapi­ta­lismus kon­fron­tiert. Es musste seine Arbeits­räume in Berlin-Neu­kölln auf­geben, weil die Miete zu teuer geworden ist.

Haus Bartleby (Hg.), Sag alles ab! – Plä­doyers für den lebens­langen Gene­ral­streik, Nau­tilus, bro­schiert, illus­triert,

160 Seiten

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​4​7​1​0​7​.​r​a​u​s​-​a​u​s​-​d​e​m​-​h​a​m​s​t​e​r​r​a​d​.html

Peter Nowak