Die Entwicklung eines Künstlerprotests am Rosa-Luxemburg-Platz zeigt, dass verbale Abgrenzung nicht ausreicht, um Rechte von Protesten gegen den autoritären Staat fernzuhalten

Jenseits von Gesundheitsnotstand und Verschwörungswahnsinn

Ende März gab es kaum öffent­liche Pro­teste gegen die Not­maß­nahmen. Viele, auch aus der Linken, waren ver­un­si­chert, war­teten ab oder sahen zum Shutdown keine Alter­native ange­sichts der Gefahr, dass viele Men­schen an dem Virus sterben müssen. Das hat sich geändert. Mitt­ler­weile gibt es von unter­schied­lichen Seiten eine theo­re­tische und prak­tische Kritik an einer auto­ri­tären Staats­po­litik, die aber meist mit sozialen Pro­testen gekoppelt ist.

»Es herrscht Willkür in Schland. Die Polizei ver­sucht mit mas­siver Präsenz weniger das Kon­takt­verbot zu kon­trol­lieren, als den öffent­lichen Raum zu leeren«, so beschrieb Thomas Moser an dieser Stelle (Wenn Demons­tranten zu »Gefährdern« erklärt werden) die staat­liche Reaktion auf die erste »Hygie­ne­de­mons­tration« der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stelle Demo­kra­ti­scher Wider­stand am 28. März. Vier Wochen später heißt es in dem anti­fa­schis­ti­schen Online-Magazin.…

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Raus aus dem Hamsterrad!


Die Gruppe Haus Bartleby predigt den Abschied vom Arbeitswahn – doch auch Müßiggang macht Mühe

Mit der Absa­ge­agentur machte das Haus Bartleby Furore. Zwi­schen 2010 und 2012 eröffnete die Gruppe in ver­schie­denen Städten Büros, in denen Inter­es­sierte den Per­so­nal­büros nicht etwa ihre beson­deren Qua­li­fi­ka­tionen anpriesen. »Wir bieten Ihnen einen effi­zi­enten Service, wenn es darum geht, pro­ble­ma­tische Stel­len­an­gebote zu erkennen und dau­er­hafte Lösungen zu finden«, so bewarb die unge­wöhn­liche Ein­richtung ihre Dienste. Die Kunden der Absa­ge­agentur teilten ver­schie­denen Per­so­nal­büros mit, warum sie eine miese Stelle lieber nicht antreten wollten.

»Ich möchte lieber nicht« wurde zum Leit­motiv des Haus Bartleby, einer Asso­ziation junger Wis­sen­schaftler, Künstler und Autoren. Als Namens­geber hatten sie sich einen Roman­helden des US-Schrift­stellers Hermann Mel­ville aus­ge­sucht. Der Held seiner Erzählung »Bartleby, der Schreiber« hat jah­relang unauf­fällig als Rechts­an­walts­ge­hilfe gear­beitet, bis er alle Tätig­keiten mit einem schlichten Satz ablehnte: »I would prefer not«. Der Satz kann mit »ich möchte lieber nicht« oder schlicht und prä­gnant mit »nein danke« über­setzt werden.

Es ist ein gutes Motto für eine Generation hoch­qua­li­fi­zierter, pre­kärer Wis­sens­pro­du­zenten, die sich nicht mehr meist­bietend ver­kaufen wollten. »Viele von uns waren Kar­rie­ris­tInnen, oder zumindest Leute, die mit den viel­be­schwo­renen ›Chancen‹ aus­ge­rüstet sind, die bei Anpassung ans Kon­kur­renz­system ein Leben im Wohl­stand der 20-Prozent-Gesell­schaft ermög­lichen würden«, beschreibt Alix Faßmann vom Haus Bartleby ihre Kli­entel. Sie ist Mit­her­aus­ge­berin der Antho­logie »Sag alles ab – Plä­doyers für den lebens­langen Gene­ral­streik«. In dem Band fordern Küns­te­r­Innen und Publi­zis­tInnen die Absage an die »Ideo­logie des Arbeits­wahns« und die »Rück­eroberung der eigenen Besinnung« (Martin Nevoigt). Statt­dessen möge man den Müßiggang, die Eleganz und die Liebe pflegen. »Hamster, halte das Rad an«, fordert das Her­aus­ge­ber­kol­lektiv.

»Linkssein ist heute die totale Kar­rie­re­ver­wei­gerung«, dieses Motto fand Anklang bei vielen Pre­kären, die sich im Alltag ganz prag­ma­tisch ihren Weg durch den Pro­jekte- dschungel bahnen mussten.

Mit den Nie­de­rungen der Pro­jekt­fi­nan­zierung machten auch die Mit­streiter von Haus Bartleby Erfah­rungen. »Die Arbeit von Par­tei­stif­tungen, die so schil­lernde Namen wie Rosa Luxemburg und Heinrich Böll tragen, hat sich leider weit­gehend als dys­funk­tional erwiesen, was uns im grö­ßeren Maßstab nicht über­rascht, jedoch uns per­sönlich vor Pro­bleme in diesem Jahr stellt«, erklärt der Soziologe und Mit­be­gründer des Haus Bartleby Hendrik Sodenkamp gegenüber »nd«.

Das Kapi­ta­lis­mus­tri­bunal war das größte Projekt des Haus Bartleby. Die genannten Stif­tungen hatten, so Sodenkamp, den ersten Teil des Spek­takels finan­ziell unter­stützt. Zwi­schen 1. und 12. Mai 2016 wurden in Wien rund 400 Anklagen aus aller Welt gegen das der­zeitige öko­no­mische System und die Gesetze, die es tragen, ver­lesen und ver­handelt. Dut­zende bekannte Wis­sen­schaftler nahmen an der – nach Manier einer Gerichts­ver­handlung gestal­teten – Per­for­mance teil, die Welt­öf­fent­lichkeit konnte dem mit­unter etwas ermü­denden Ver­fahren zusehen.

Für die Fort­führung des Tri­bunals gab es aller­dings keine Anschluss­för­derung durch die Stif­tungen mehr. Die Pres­se­spre­cherin der Rosa-Luxemburg-Stiftung Jannine Hamilton wollte sich gegenüber »nd« im Detail nicht dazu äußern. »Die För­derung eines Pro­jektes in einem Jahr begründet keinen Auto­ma­tismus für die weitere För­derung im Fol­gejahr. Auch beim ›Kapi­ta­lis­mus­tri­bunal‹ gab es zu keiner Zeit eine Zusage zur Fort­führung an die Antrag­stel­le­rInnen«, betont Hamilton.

Nun wollen die Aktiven des Haus Bartleby neue Spon­soren für den zweiten Teil des Kapi­ta­lis­mus­tri­bunals finden. Zwi­schen Oktober 2017 und Juni 2018 sollen in sieben öffent­lichen Ver­hand­lungen im Ber­liner Haus der Demo­kratie exem­pla­risch 28 Anklagen prä­sen­tiert werden. Der Ablauf ist bereits minuziös vor­ge­plant: Zu jedem Gene­ralfall werden von einem Experten der Kapi­ta­lis­mus­an­klage Beweise in Form von Urkunden prä­sen­tiert. Im Anschluss hat die Ver­tei­digung zehn Minuten, um darauf zu reagieren. Später soll dann in einem Wiener Theater das Urteil über den Kapi­ta­lismus gesprochen werden.

Die fil­mische Doku­men­tation des Wiener Auf­takt­tri­bunals wurde in einer eben zu Ende gegangen Aus­stellung im Kul­tur­verein Neu­kölln gezeigt und kann beim Video­portal Youtube betrachtet werden. Ein Großteil der Anklagen blieb leider recht abs­trakt. So ver­klagte ein Antrags­steller den Kapi­ta­lismus, weil er ihm durch den Zwang, seine Arbeits­kraft zu ver­kaufen, die Lebenszeit stehle. Ein anderer Kläger beschul­digte die Banken und die Geld­wirt­schaft des Ver­bre­chens.

Das Haus Bartleby ist jetzt einmal wieder sehr prak­tisch mit den all­täg­lichen Sorgen im Kapi­ta­lismus kon­fron­tiert. Es musste seine Arbeits­räume in Berlin-Neu­kölln auf­geben, weil die Miete zu teuer geworden ist.

Haus Bartleby (Hg.), Sag alles ab! – Plä­doyers für den lebens­langen Gene­ral­streik, Nau­tilus, bro­schiert, illus­triert,

160 Seiten

https://​www​.neues​-deutschland​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​1​0​4​7​1​0​7​.​r​a​u​s​-​a​u​s​-​d​e​m​-​h​a​m​s​t​e​r​r​a​d​.html

Peter Nowak